Die Organisatoren haben auch am Wochenende kein Mitleid mit uns und scheuchten und aus den Betten, damit wir rechtzeitig den Bus nach Kystens Arv bekommen sollten.
Kystens Arv ist ein Freilichtmuseum nördlich von Trondheim. Die Leute von Kystens Arv sind bekannt für ihre originalgetreuen Nachbauten und Neuentwürfen von Fischerbooten aus der Wikingerzeit. Das Museum ist ein Dorf, das im Urzustand seiner Zeit belassen wurden. Begrüßt wurden wir von Olav und seinen älteren Geschwistern.
Die drei sind zwischen 16 und 25 jahre alt und leben bei ihren Eltern, Onkeln und Tanten auf dem Hof, ein richtiger Familienbetrieb also. Olavs Schwester will eigentlich nach Amerika, darf aber nicht, denn die Familie braucht ihre Hilfe und hat ohnehin nicht genug Geld. Außerdem ist sie in den Sohn des Nachbarhofes verliebt und würde ihn schon vermissen, sagt sie.
Olav kümmert sich um die Schafe und baut ein neues Gatter oder eine Halterung für die Rheusen, man kann es nicht erkennen. Dabei erzählt er von den Männern des Hofes, seinem vater und dessen Brüdern, die auf die Lofoten rausfahren für drei Monate und mit Fisch zurückkommen, der für ein Jahr reicht. Die beiden führen uns durch ihre Häuser und zeigen, wie man Norwegerpullis strickt, Teppiche webt und Stockfisch herstellt.
Die Mutter der beiden ist im Laden im Nachbardorf, um ihre Keramik zu verkaufen. Meine Mutter würde umfallen, wenn sie die Schüsseln und Töpfe sähe.
Olav bringt uns zu seinem großen Bruder, der in der "Werft" auf uns wartet.
Er präsentiert stolz die Schiffe und Gerüste, die gerade gebaut werden. Das größte Schiff, das ihre "Firma" je gebaut hat, war 13 Meter lang, weswegen sie die Türen der "Werft" ausbauen mussten. Er zeigt uns allerhand Tricks und Kniffe des Bootsbaus und flucht verlegen, wenn einige nicht klappen.
Olav sagt, wir sollen unbedingt seinen Vater besuchen, der unten an der Küste [Kyste] sitzt und wohl gerade Fische ausnimmt. Er kann uns Geschichten von der wilden See erzählen. Wir entdecken aber niemanden und versuchen selbst, das offene Meer zu erklimmen, was nicht so ganz klappt.
Also legen wir uns lieber in die Sonne und sehen in die Ferne. Die Welt sieht groß aus von hier. Das Wasser glitzert silbern und die Berge rechts und links machen gar keinen Eindruck mehr, wenn sich direkt zwischen ihnen das Tor zur Welt öffnet.
Es ist schön sich durch Nichtstun die Zeit zu vertreiben.
Wir spielen Wikingerschach "Kubb" und Fußball zwischen den Holzhäusern der Fischbauern.
Ich schlafe in der Sonne.
Ein Segler entführt uns auf den Fjord. Hier draußen ist es kalt, die Sonne ist hinter dem Segel verschwunden. Der Kaptain erzählt die Geschichten, die wir uns von Olavs Vater anhören sollten. Haben wir Olavs Vater gefunden? Er streichelt sein Schiff und lenkt es sanft über den Fjord. Wir dürfen helfen beim Segel hissen und wenden. Und dann. Liegen wir einfach nur noch an Deck. Und genießen die Stille. Und den leichten Wind um die Nase.
Es ist still auf dem Steg. Die Welt ist hell und kristallklar. LYS sagt der Norweger dazu. Es gibt keine Wolken am Himmel. Die Abendsonne brennt auf der Haut. Und das Wasser riecht nicht mal fischig oder muschelig, wie ich es gewöhnt bin vom haff oder der Schlei. Es ist dunkelblau, man kann die weißen Steine auf dem Grund sehen.
Die Holzboote schaukeln auf den leichten Wellen, kein Lüftchen regt sich.
Es riecht nach Grill und Tabak.
Max legt sich neben mir auf den Steg. Er ist dunkelrot im Gesicht. Ob ich auch so aussehe? Ich dreh mich auf den Bauch und sehe zwischen dem hellen Holz in das klare Wasser.
Warum ist die Welt hier so unberührt? Hier ist eigentlich alles besser als anderswo. Sauber, still, neu. Es überwältigt mich mit jedem Tag neu. In diesem land gibt es mehr Wald als Menschen. Kann das irgendein Land nachmachen?
Selbst wenn man den Meeresgrund aufwühlt wird das Wasser nach wenigen Sekunden wieder lupenrein.
Emily und Marianne rufen zum Essen. Die beiden haben die Fahrt zusammen mit dem Busfahrer Per organisiert, der einen bayrischen Schnauzbart trägt und sich versonnen darüber streicht, als er auf dem Baumstumpf sitzt und Pfeife raucht. Die Abendsonne ist erbarmungslos. Silvian versucht mit sienem riesigen Objektiv die Wespen auf Bildern festzuhalten.
Alle lassen sich dahintreiben vom süßen Nichtstun, der Hitze und der Meeresluft. In Kystens Arv befinden sich zu diesem Zeitpunkt 70 neugierige Studenten. Und doch ist es still, jeder hängt seinen Gedanken und seiner Melancholie nach in diesem Niemandsland.
Wir treffen uns mit den Zuhausegebliebenen auf dem großen Parkplatz von Moholt. Wir wollen in die Stadt gehen. Gerade sind Olavsfestdagene, das heißt: viele Konzerte, hoffentlich auch umsonst. Ich überlege, nach den Konzerten auf die Festung zu steigen. Ich wollte eigentlich mit Jule hin, aber die ist nun wieder in Oslo auf ihrer eigenen Aussichtsplattform. Von der Festung aus soll man die ganze Stadt und den Fjord sehen. Ich lege diese Wanderung fürs Morgengrauen an. Ist es nicht am besten, eine Stadt von oben zu besehen, wenn die Sonne aufgeht? Andere haben die gleiche Idee. Sie wollen vor den Konzerten den Sonnenuntergang von der Festung aus sehen. Wir packen Cidre und Kameras ein und erklimmen den Berg.
Die Stadt ist in orangerotes Licht getaucht, die Sonne ist schon längst verschwunden. Die gesatltung auf der Burgmauer werfen schwarze Schatten in den Hof. Aus der Innenstadt klingt Musik von den Open Air Konzerten den Berg hinauf.
Ich frage mich, warum die Kanonen auf die Innenstadt gerichtet sind. Haben die Trondheimer ihre eigene Stadt bombardiert? Ich sollte wirklich mehr über die Geschichte herausfinden. Wie der Afrikaner damals im Botanischen Garten gesagt hat.
Ist hinter den Bergen die Welt zuende? Geht sie dort von vorne los? Ich bin es nicht gewohnt, nur einige Kilometer weit gucken zu können. Doch es ist wundervoll. Wie gemalt erstreckt sich unter uns der Fjord. Wir sehen die alte Museumsinsel, die man nur mit alten Fischkuttern erreicht. Hinter uns knipst die Stadt ihre Lichter an. Die Musik zieht uns den Berg hinunter.
Fanny, Silvian und Gerrit haben irgendwo Fahrräder gefunden.
Ich merke immer mehr, wie sehr ich den Holländer brauche, der gerade in diesem Moment sicher verschlossen im Keller steht und sich die nächsten 5 Monate zu Tode langweilen wird.
Die Wege runter zur Stadt sind steil. Wir gehen in die Kneipe, die eine schwimmende Terrasse hat. Alles ist aus Holz und dunkel und urig. Die dicken Männer hinterm resen sind echte Seebären mit Holzbein und wettergegerbten Gesichtern. Die Terrasse schwimmt auf dem Kanal, der ebenfalls rot leuchtet.
Die Konzerte kosten alle über 300 Kronen Eintritt. Wir gehen also in das große runde Studentenbegegnungszentrum. Selbst hier kostet ein Bier umgerechnete 5.50€.
Ich bestelle einen Tee, der hier nur einen Euro kostet und werde für diese furchtbar gute Idee beglückwünscht.
Vor dem "Studentsamfundet" treffen wir einige Norweger. Sie sind betrunken und haben billiges Bier dabei. Einer, der aussieht, wie 16 und ein Muscleshirt trägt, verrät uns, dass es in Trondheim keine Rockszene gibt, auch wenn alle so aussehen. Trondheim ist die Jazz-Stadt Norwegens. Das Pstereo ist ein absolutes Highlight. Er sagt wir sollen nach Stavanger gehen.
Als ich in der Kaizers-Sprache versuche, etwas zu sagen, guckt er mich mit großen Augen an und sagt:" Bist du aus Stavanger? Nein, stimmt, Deutschland, aber du klingst, als wärst du aus Stavanger!" Dieses Kompliment zaubert mir ein seeliges Lächeln ins Gesicht.
Wir laufen durch die Stadt. Trondheim ist voll. Alle haben sich herausgeputzt für diese Sommernacht. Sie laufen wild gestikulierend und tanzend durch die Stadt. Es ist beinahe zwei und noch immer nicht richtig dunkel. Das alles hat ein bisschen was spanisches oder französisches an sich. Ausgelassenheit. Munterkeit. Weltoffenheit. Ich laufe still hinter einer betrunkenen Gruppe her. Ich höre die verschiedensten Sprachen miteinander verschmelzen zu einem großen bunten internationalen Eintopf. Am Ende verstehen sich doch alle nur durch ihr Lachen und durch das Strahlen in ihren Augen.
Auf dem Weg zurück wird der Himmel im Nordosten, nur wenige Grad östlich des Sonnenuntergangs wieder hell. Es ist Zeit, erneut auf die Festung zu steigen und den neuen Tag zu begrüßen.
Zahl
ich muss weinen, so schön ist das!
AntwortenLöschenMarlenen, du hast so recht...
AntwortenLöschenIrgendwie hast du so Menschenbilder, Zahl! Fanny ist immer und Max sieht immer wie ein Eroberer oder Held aus!
Also "isst" meinte ich eigentlich...
AntwortenLöschen