Mittwoch, 24. März 2010

Du må stå inne for det du får ut av livet. For det er ingen som går ut av livet i live.

Mein Wecker vibriert viel zu früh, aber ich muss mich beeilen und zur Bibliothek fahren. Andi wartet dort auf mich und ich bringe ihm meine Bettdecke, mein Kopfkissen, meinen Wasserkocher und meine Schreibtischlampe. Er soll dafür sorgen, dass Sonni oder José das bekommen und ich es nicht wegschmeißen muss. Das wäre zu schade. Außerdem habe ich ein kleines alkoholhaltiges Weihnachtsgeschenk für ihn eingepackt. Ansonsten wäre Palmes Rum auch nur verkommen...
Es ist noch so früh, dass ich mich in der Lichtsituation zwischen dunkel und hell befinde, in der irgendwie alles blau wirkt. Die Bahn ist ziemlich leer und das Unigelände so gut wie verlassen. Ich bin noch ziemlich müde, aber die Kälte weckt die Lebensgeister nach und nach. Vor der Bibliothek lasse ich mich auf eine der schwarzen Ledercouchen fallen und warte. Nach ein paar Minuten kommt Andi, schmeisst sich in den Sessel neben mich und wir erzählen ein bißchen. Allerdings hat er noch genug Bürokratie am Hut und ich muss nach Hause um zu putzen, denn immerhin will ich meine Kaution wiederhaben.
Somit ist Andi der letzte, von dem ich mich verabschieden muss. Aber ich muss ihm versprechen, dass ich ihn besuchen komme. Auch öfter als nur im Februar. Und so ein Versprechen gibt man natürlich sehr gerne.
Ich gehe nicht gleich zur T-Ban Station zurück, sondern nehme den langen Weg über den stillen und leeren Campus zur nächsten Station. So schneebedeckt, wie alles gerade ist, ist es ein schönes Bild um es in Erinnerung zu behalten. Mit einem Kloß im Hals fahre ich nach Bjerke zurück. Jetzt heisst es ran an den Speck und alles ordentlich geschrubbt. Wenn ich mit dem Zimmer und dem Bad fertig bin, will ich, dass es so gut aussieht, wie höchstwahrscheinlich seit fünf Jahren schon nicht mehr. Als ich ankomme, schläft Zahl noch. Aber sie zieht sich schnell an und macht sich auf den Weg letzte Weihnachtsbesorgungen zu erledigen.
Es gibt keine Fotos von dem Tag, denn wer will schon putzen und umräumen sehen? Aber als ich gegen 17.00 Uhr mit allem fertig bin, erfüllt mich was die Arbeit angeht Zufriedenheit. Ich habe die Möbel wieder so hingestellt wie ich sie beim ersten betreten des Zimmers vorgefunden habe und sogar den heimtückischen Todesstuhl wieder so zusammengeflickt, dass er auch den Bewohnern nach mir noch Spaß bereiten wird. Alle Schränke, Regale und Schubfächer sind leer. Und während das Wischwasser auf dem Boden noch trocknet, fahren Zahl und ich in die Stadt um uns dort mit Conni und Simon zu treffen, die noch einen Freund von sich im Schlepptau haben. Da das Mono und das Sör überfüllt sind, lassen wir uns im Kaffeglasset in der Torggata nieder. Ein sehr gemütliches Café, das zum Ort des Doppelkopfspiels auserkoren wurde.
Glücklicherweise hat jene fünfte Person auch keine Ahnung von dem Spiel, so dass ich mir die Regeln auch nochmal erklären lassen kann. Während Fünfte Person jedoch mit Simon zusammen spielen darf, muss ich es gleich allein versuchen. Doppelkopf ist nicht gerade mein Spiel. Man muss viel zu viel rechnen, aufpassen und taktische Überlegungen anstellen, als dass ich hinterherkommen könnte. Geschweige denn von der Müdigkeit durch zu wenig Schlaf und einen ganzen Tag putzen. Außerdem will der Gedanke nicht aus meinem Kopf, dass das mein letzter Tag hier in Oslo ist. Einfach so. Wo ist das letzte halbe Jahr geblieben? Waren das wirklich all die Monate, die behaupten vergangen zu sein? Es ist so viel passiert und gleichzeitig kommt es mir vor, als wäre ich nur ein paar Wochen hier gewesen. Letztendlich war es gar nicht schwer die richtigen Menschen kennenzulernen, in den richtigen Kursen zu sein und all das zu genießen, was diese Stadt einem bietet... Es gab viel weniger Gründe Angst zu haben, als ich gedacht habe. Man muss sich nur trauen.
Und so sehr ich mich auch darauf freue nach Hause zu fahren und meine Familie zu sehen und mit meinen Freunden Silvester zu feiern, ich will morgen nicht in dieses Flugzeug steigen. Ich möchte auch gerade nicht in diesem Café sitzen und Karten spielen. Die Situation ist nicht unangenehm, auch wenn ich mich nicht unbedingt mit diesen drei neuen Menschen anfreunden werde und an jedem anderen Tag wäre mir das alles höchstwahrscheinlich relativ egal... Aber heute habe ich das Gefühl, als müsste ich durch die Straßen laufen und so viel wie möglich aufsaugen solange es noch geht. Allerdings bin ich generell eher ein Feind von solchen Torschlusspanik- und Angst-etwas-zu-verpassen-Gefühlen. Deswegen gebe ich keinen irrationalen Regungen nach, sondern versuche mich so gut es eben geht auf das Spiel zu konzentrieren.
Da wir früh raus müssen und auch die anderen müde sind, geht das Ganze nicht allzu lange und nachdem wir den dreien Tschüss gesagt haben, machen wir uns ein letztes Mal auf den Weg durch den Markveien, am Parkteatret vorbei und durch den Sofienbergpark dann zur Bushaltestelle. Im Sofienbergpark vergieße ich ein heimliches Tränchen. Ich mag es hier viel zu sehr.
Wir sehen zu, dass wir schnell nach Hause kommen und ein bißchen Schlaf bekommen. Morgen wird ein langer Tag. Die letzte Nacht in meinem Bett verbringe ich in meinem dünnen Filzschlafsack und mit meinem selbstgestrickten Schal als Kopfkissen. Als der Wecker klingelt, eile ich ins Bad um zu duschen und lasse Zahl noch ein bißchen weiterschlafen. Nach einem kurzen Frühstück, spüle ich letzte dreckige Töpfe ab und setze all das, was von meinen Sachen übrig ist in das Gemeinschaftsfach. Auf den Tisch stelle ich die Sektflasche von Joe und das Bier von Marco. Auf einer kleinen Botschaft wünsche ich meinen Mitbewohnern ein frohes Weihnachtsfest, ein gutes neues Jahr und viel Spaß mit dem, was ich hier lasse.
Nach dem Zähneputzen wird die Waschtasche in den Rucksack gestopft. Das Bad ist leer und sauber. Ich stelle Olivia in eine kleine Plastiktüte und während Zahl ihren Monsterrucksack schultert, schaue ich ein letztes Mal aus dem Fenster. Langsam bricht der 22. Dezember herein. Eine letzte Kontrolle von allen Fächern und Schubladen bestätigt nur das Gewicht meiner Tasche. Noch einmal gucke ich aus dem Fenster. Dann schließe ich die Tür und drehe den Schlüssel herum. Das war´s.
Wir verlassen das dreieckige Gebäude auf dem Berg und bei den momentanen -17 Grad merke ich schnell, dass Olivias Blätter in ihrem Beutelchen bereits steif gefroren sind. Ich war schon vorher nicht sicher, ob ich sie überhaupt mitnehmen soll, denn garantiert wird sie einen solchen Frost nicht überleben. Am Bahnhof angekommen will ich sie dann am liebsten wegschmeißen, aber Zahl sagt, dass ich sie unbedingt mitnehmen soll. Also stelle ich sie ab, schnappe mir den Umschlag mit den Papieren und fahre während Zahl auf das Gepäck aufpasst mit Skambankt auf den Ohren nach Blindern um meinen Schlüssel abzugeben. Gegen 9 Uhr bin ich da und die Übergabe klappt reibungslos. Eine Weile stehe ich auf der falschen Seite der Haltestelle. Ich fahre nicht zurück nach Bjerke. Ich muss zum Bahnhof. Als die Bahn hält, steigt ein Mann aus, der mich freundlich anlächelt. Ich muss trotzdem zum Bahnhof.
Bisher ging alles reibungsloser als erwartet und wir sitzen vor der geplanten Zeit im Zug, in dem Olivia dann gänzlich wieder auftaut und ihre Blätter hängen lässt. Ein erster Ast ist durch den Transport abgebrochen. Ich habe kein gutes Gefühl und kann nicht einschätzen, wie es Zahl geht. Sie wirkt so als wolle sie nach Hause. Am Flughafen beginnen dann die Probleme. Unser Übergepäck wird uns nicht anerkannt, entgegen der getroffenen Vereinbarung. Deswegen muss ich für die 20 Kilo 1300 Kronen bezahlen. Inzwischen sind fast alle von Olivias Ästen abgebrochen und ich will sie wieder wegschmeißen. Doch Zahl überzeugt mich erneut sie mitzunehmen. Durch das ewige hin und her zwischen den Schaltern wegen unseres Gepäcks müssen wir nun fast zum Gate laufen nur um dort festzustellen, dass unser Flug etwa 2 Stunden Verspätung hat. Glatteis in Tegel.

Die Wartezeit kommt mir nicht lang vor. Draußen schneit es und als das Flugzeug dann endlich da ist und wir Platz nehmen, wird mir ein bißchen übel. Aber jetzt ist es zu spät. Das Flugzeug rollt stundenlang wie mir scheint über die Rollbahn. Es fährt und ständig hält es wieder. Es fährt ein Stück, nur um dann erneut anzuhalten. Die Tragflächen werden enteist. Ich bin schrecklich unruhig. Als ich zur anderen Seite des Ganges gucke, schläft Zahl. Als das Flugzeug dann tatsächlich endlich abhebt, kann ich ein paar Tränen nicht zurückhalten und fühle mich deswegen sofort dumm.
Erneut bin ich erleichtert, dass der Flug nur so kurz ist. Und in Berlin überschlagen sich dann die Ereignisse. Unser Gepäck kommt. Zahls Jacke und ihr Handy sind weg. Gläser zerschlagen, Fischsoße überall in ihrem Rucksack. Ihr Zug ist weg. Auch für mich ist es zu spät um noch nach Leipzig zu fahren. Wir nehmen den nächsten Bus zum Hauptbahnhof, wo ich feststelle, dass meine letzte Möglichkeit nach Hause zu kommen in fünf Minuten losfährt. Überstürzt verabschiede ich mich von Zahl und renne zum Gleis. Dort kriege ich gerade noch die überfüllte letzte Regionalbahn. Zwei Stunden lang stehe ich neben meinem Gepäck bis endlich ein Platz frei wird. In Stralsund sagt mir der Schaffner, dass ich auf den nächsten Zug ungefähr 1 1/2 Stunden warten muss. Da sitzen meine Eltern Gott sei Dank schon im Auto um mich abzuholen. Ich habe keine Lust mit den anderen Wartenden in der Halle zu stehen. Deswegen nehme ich mir mein Gepäck und gehe nach draußen. Hier ist es angenehm dunkel, es liegt überall Schnee. Und es ist auffallend warm.
Ich denke darüber nach, wo ich heute morgen aufgewacht bin und wie sehr es mir fehlen wird, dort jeden Morgen aufzuwachen. Wie schnell ich mich daran gewöhnt habe und wie enttäuscht ich am Anfang war, dass ich nur nach Oslo gehen konnte und nicht in irgendeine andere Stadt, was für ein unglaubliches Glück ich hatte. Mit allem. Mit den Menschen dort, mit meinen Kursen und mit dieser wunderbaren Stadt. Ich denke daran, dass ich dorthin zurück muss, einfach weil ich mich dort so wohl fühle. Ich denke an all die Erlebnisse, an all die Musik und an all die guten Stunden, ob allein oder mit jemandem geteilt... und ich weiß, dass ich jetzt darauf hin arbeiten muss wieder zurückzukommen, ohne Beklagen am besten. Ich nehme mir vor, mein bestes zu versuchen.
Und während ich all diese Gedanken im Kopf habe, rollt das Auto meiner Eltern auf den Parkplatz.

Vintersju.

Dagen er din, og dagen er bra...

Sonntag, der 20. Dezember.
Morgens um 9.00 Uhr schnurrt Zahls Handy los. Wer ruft an? Tja, es ist Joe. Denn sein Begleiter hat sich gegen das Schlafen bei dem Bekannten entschieden und ist morgens mit dem ersten Zug nach Gardermoen gefahren. Joe hat also von irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr morgens alleine auf dem Bahnhof gewartet, dass es eine halbwegs vernünftige Zeit wird und er bei uns anrufen kann. Er hätte gerne noch ein paar Stunden Unterschlupf und vielleicht auch Schlaf bevor er wieder nach Hause fliegt.
Da wir schon wach sind und ganz in Ruhe frühstücken wollen, verfrachten wir Joe mit meiner Gastmatratze auf den von Palme erprobten Flur. Dort ist es wenigstens auch wirklich dunkel. Selbst in den paar Stunden des Tages, in denen hier noch die Sonne aufgeht.
Während wir langsamst in die Gänge kommen, eine Runde Wizard spielen und nochmal ein paar Sachen bei Rema besorgen müssen (was gut und gerne ein paar Stunden in Anspruch nimmt), erwartet uns bei unserer Rückkehr ein ziemlich hibbeliger Joe. Er muss dann doch langsam los und kann leider nicht mehr an der glorreichen Kartoffelbrei und Fischstäbchen Mahlzeit teilnehmen. Dafür geht aber das Erwärmen des letzten Chillirestes schnell genug, um ihm wenigstens etwas Nahrhaftes zukommen zu lassen. Nachdem er mir dafür, dass er bei mir unterkommen durfte schon eine Tafel Schokolade und seine Flasche Sekt geschenkt hat, überlässt er uns nun auch noch seine letzten Mandarinen und macht sich auf den Heimweg nach Berlin.
Zahl und ich, nun wieder zu zweit, genießen das einfache, aber leckere Mittag und füttern Peter, die Balkontaube. Gegen Abend dann fahren wir in die Stadt. Es ist nämlich so, dass heute um 18.00 Uhr William Fitzsimmons ein Konzert für nur 50 Kronen spielt. Und dazu wollen wir sehr gerne in die Osloer Garage gehen. Saskia kommt auch mit einer Freundin und hat passenderweise die Lady Moscow CD dabei. Schließlich treffen auch Andi und Ann-Kristin ein. Andi hat mir eine CD von jungen aufstrebenden Osloer Bands besorgt, die allerdings zunächst einmal im Schatten des Platekompanietumschlages steht, in den sie eingepackt ist. Wenn man den nämlich aufmacht, leuchtet das Klebematerial im Dunkeln blau. Andi ist so fasziniert, das er den Umschlag am liebsten wiederhaben würde, aber sowas gibt´s nicht. Ann-Kristin hat einen Kuchen mitgebracht und Kerzen. Jede Menge Kerzen, weil sie sich gar nicht sicher war, wie alt ich denn überhaupt werde. Neulich im Cafe Mir habe ich ihr und Andi meine zwei Kartentricks gezeigt, die ich damals in Amsterdam von Kowa gelernt habe und Andi war tatsächlich so davon begeistert, dass er sich ein Kartendeck gekauft hat und einen neuen Kartentrick gelernt hat, um mich nun seinerseits zu beeindrucken. Und das gelingt ihm auch ziemlich gut, muss ich sagen. Ich versuche heute noch seinen vernünftig hinzubekommen und scheitere jedes Mal.




Zahl hat in der Zwischenzeit vom Barpersonal ein Messer aufgetrieben, so dass wir den Kuchen, den wir selbstverständlich vorher mit 22 Kerzen bestückt zu einem gruseligen Leuchten gebracht haben, auch tatsächlich anschneiden und aufessen können. Mit Feuer spielen macht eben auch noch im fortgeschrittenen Alter Spaß.
Es kommen auch Conni und Simon vorbei. Wiederum zwei Freunde von Zahl aus Trondheim, die sich morgen mit uns auf eine Partie Doppelkopf treffen wollen, weswegen mir Zahl heute morgen noch versucht hat ein bißchen die Regeln beizubringen. Aber sie verspricht, dass ich morgen meinen Notizzettel dabeihaben darf.
Aber zurück zum Tagesgeschehen. Der Kuchen ist verputzt, die Kartentricks ausgespielt und die Bühne wird von einem Mann in beigem Pulli betreten. Er ist Norweger und besitzt eine Gitarre und sieht aus wie Vince aus The Mighty Boosh, wenn er mit Leeroy die Glam-Folk Band gründet. Die Musik ist mir ein klein wenig zu weinerlich, aber der Mensch soll uns ja auch nur für traurige Musik aufwärmen. Deswegen kann man ihm wohl eigentlich nichts vorwerfen.

Kurz nach ihm kommt dann auch William Fitzsimmons. Er ist ebenfalls ganz allein mit seiner Gitarre, wenn man seinen beeindruckenden Schutzwall von einem Bart nicht mitzählt. Halb erzählt er mit uns, halb spielt er seine Lieder. Er ist hergekommen um uns mit seinen Liedern depressiv zu machen. Seine Band sei gestern schon nach Amerika zurückgeflogen, heute spielt er also allein für uns in Oslo. Er erzählt wie es war, von blinden Eltern aufgezogen worden zu sein und davon, dass er auf der Straße gelebt hat. Er erzählt trauriges und spielt Lieder, die viele Menschen in den ersten Reihen zum Weinen bringen, aber er hat gleichzeitig etwas wahrhaftig hoffnungsvolles an sich. Und die Art und Weise wie er von sich und seinem Leben erzählt, sind so charmant und witzig, dass sie über den Trübsinn hinwegtrösten. Gleich zu Anfang bemerkt er die Barriere, die da zwischen der Bühne und dem Publikum steht und fragt uns, ob sie dazu da sei, uns von ihm oder ihn von uns fernzuhalten. Tatsächlich wirkt das massive Ding in anbetracht der Situation eher lächerlich und für sein letztes Lied kommt er einfach von der Bühne herunter, stellt sich mitten in das Publikum und singt dort noch einmal für uns. William Fitzsimmons schafft Intimität.



Nachdem das Konzert zu Ende ist, beschließen wir, dass wir uns CDs von ihm kaufen wollen. Der gute hat drei Alben, so dass es perfekt aufgeht, wenn jeweils Zahl, Andi und ich eines kaufen. Schnell wird man sich einig, wer welches nimmt, auch wenn Zahl vielleicht nicht ganz so überzeugt ist, aber ich habe heute Geburtstagsvorrecht. Und da Herr Fitzsimmons da noch so steht, lassen wir uns unsere frisch erworbenen CDs auch gleich mal signieren. Er ist einigermaßen überrascht, dass wir aus Deutschland sind, findet es dort aber sehr schön, was wir aber bloß niemandem verraten sollen! In Leipzig habe er sogar mal in der Moritzbastei gespielt... Er wünscht uns einen schönen Abend, nachdem wir uns bei ihm bedankt haben, schüttelt uns zum Abschied die Hand und ich gehe mit dem zufriedenen Gefühl genug Selbstbeherrschung gehabt zu haben, um ihm nicht an seinem Bart zu ziehen aus der Garage.
Hier verabschieden wir uns von Ann-Kristin. Sie muss noch packen, weil sie morgen schon fährt. Saskia und ihre Freundin sind auch schon weg und während ich lieber einfach irgendwo was trinken gehen würde, wollen die anderen noch ins Blaa. Ich denke nicht, dass das nach so einem Konzert ein guter Ort ist, aber mit vier zu eins bin ich überstimmt und wir marschieren ins Blaa.
Wir müssen anstehen und Zahl erzählt mit Conni und Simon, während Andi und ich ein wenig rumblödeln. So wie wir drinnen sind, geht auch den anderen auf, dass das wirklich keine gute Entscheidung war. Zu sämtlichen Osloer Erasmusstudenten, die sich hier jeden Sonntag rumtummeln, gesellen sich nun offensichtlich auch alle Trondheimer auf Zwischenstation zu ihrem Heimweg. Aber so sehe ich immerhin nochmal Herrn Marosi und Thomas und kann auch ihnen auf Wiedersehen sagen.
Wir verziehen uns schnell wieder und machen uns auf den Heimweg. Es kommt glücklicherweise noch zu keiner Verabschiedung von Andi, denn wir machen aus, dass wir uns morgen früh um 9 Uhr in der Bibliothek treffen.
Also fahren wir gegen halb eins nach Bjerke und zumindest ich falle ziemlich erledigt und zunehmend nervös in mein Bett. Es war ein schöner Geburtstag.

Vintersju.

Eg var ei flua på veggen her om dagen. Eg kunne fly, og ingen visste kor eg var hen...

Meine logischen Überlegungen haben mich zu dem Schluß gebracht, dass heute ein guter Tag zum Packen wäre. Denn ich habe morgen an meinem Geburtstag sicherlich keine Lust großartig meine Tasche zu packen und am 21. muss ich ja putzen. Und das wird eine ganze Weile dauern. Deswegen schmeiße ich also schon mal so viel wie möglich Zeug in meine Tasche oder aber in den Müll. Das Zimmer sieht schon wieder ähnlich leer und deswegen nur begrenzt gastfreundlich aus. Es erinnert mich an die ersten Tage hier. Die Poster sind alle abgenommen und zusammengerollt, die Bilder und Postkarten alle bereits sicher verstaut. Auch die Essensvorräte in meinem Regal neigen sich dem Ende, allerdings werde ich die wohl nicht mehr ganz aufgebraucht kriegen. Wir ernähren uns immernoch von Zahls Chilli.
Allerdings darf man nicht vergessen, dass heute Samstag ist und Samstag ist bekannter Weise Mono Tag. Heute ist also zunächst einmal die letzte Möglichkeit zu den von mir so wertgeschätzten umsonstigen Lördagsgodt-Konzerten zu gehen. Doch vorher ereignet sich noch anderes! Denn Zahls Freund Joe aus Trondheim kommt heute nach Oslo, weil er morgen früh wieder nach Berlin zurückfährt und er hat uns gebeten, ihm doch mal ein bißchen die Stadt zu zeigen.
Also holen wir Joe, den Zweimetermann am Bahnhof ab und führen ihn ein wenig durch die Straßen. Zunächst einmal direkt zum Youngstorget. Auch dort ist gerade so etwas wie ein Weihnachtsmarkt. Man kann den nicht wirklich von dem Markt unterscheiden, der sonst auch immer auf dem Youngstorget ist, aber was soll´s. Immerhin gibt es auch hier einen deutschen Stand und auch Joe scheint Bratwurst vermisst zu haben, denn auch er will unbedingt eine haben und wir haben nun den direkten Vergleich zu der auf dem Rathausplatz und ich muss sagen, die Wurst mit Wassernähe gewinnt eindeutig. Auch wenn diese hier ziemlich körnig ist, was ich eigentlich gar nicht so schlecht finde. Die andere war einfach besser.
Wir haben nicht wirklich Lust enorm viel rumzurennen und Joe verlangt Gott sei Dank auch nicht wirkliches Sightseeing. Deswegen können wir uns einfach ganz entspannt ins Mono setzen. Tatsächlich sind wir so früh da, dass wir auf der Couch sitzen können, die heute extrem bühnennah aufgebaut ist. Plätze in der ersten Reihe ohne stehen zu müssen, sozusagen! Das ist ganz nach meinem Geschmack!
Und ebenso ist die Band. Zunächst bin ich enorm skeptisch, da die Band 4 Mitglieder hat und allein 3 davon Frauen sind. Aber sie rocken ziemlich gut. Zahl ist von Phone Joan sogar so begeistert, dass sie danach noch versucht von Sängerin und Gitarrist ein Album zu erstehen, doch leider gibt es noch keins. Da muss sie sich wohl noch bis Februar gedulden. Allerdings hat sie dadurch etwas worauf sie sich freuen kann und sowas ist auch nie zu verachten!


Nach dem Konzert verabschiede ich mich mental vom Mono. Alle haben Hunger und wir beschließen mal wieder zum Döner nach Grönland zu gehen. Das hat sich schon als Tradition bewährt, dass wann immer Zahl Menschen aus Trondheim hier hat, die erstmal zum Döner nach Grönland entführt werden. Das sagt jede Menge über die Kebap-Situation in Trondheim aus, finde ich...



Eine neue Ausgabe der Fan wird hierbei von uns nach Veranstaltungshinweisen durchstöbert, aber so richtig bietet dieser präweihnachtliche Samstagabend nichts, worauf wir uns alle einigen könnten. Außerdem hat Joe noch keinen Schlafplatz und um sich um den zu kümmern, bräuchte er Internet.
Satt und leicht müde verlassen wir das nächtliche Grönland um uns im Cafe Sör wiederzufinden. Hier gibt es Internet für die Gäste und auch wenn Joe das meiste seines Gepäcks sicher im Bahnhof eingeschlossen hat, seinen Laptop hat er dabei!
Ein anderer Freund der beiden aus Trondheim, der heute so gegen Mitternacht eintreffen soll, kann bei einem Freund übernachten, bei dem wohl auch noch Platz für Joe wäre. Also gehen wir den dann wohl nachher auch noch abholen. Bis es allerdings soweit ist, spielen Zahl und ich Zwei-Farben-Mensch-Ärger-Dich-Nicht und lauschen dem herrlich angenehmen DJ, der heute im Sör auflegt.


Kurz vor Mitternacht gehen wir zum Bahnhof. Dort kommt dann auch die Person an, auf die wir gewartet haben. Leider habe ich auch seinen Namen vergessen. Das tut mir Leid, dass das so oft vorkommt..., aber das sind auch einfach zu viele Menschen!
Der Übernachtungsmensch ist noch auf einem Konzert in der Sentrum Scene und deswegen wollen die beiden gerne wissen, wo sie denn bis der nach Hause geht anständig die Nacht verbringen könnten. Zahl schlägt das Revolver vor und aus purer Nächstenliebe eskortieren wir die beiden Ortsunkundigen noch zu besagtem Ort, auf dass sie dort ihren Spaß haben mögen. Wir müssen sehen, dass wir den letzten Bus nach Hause kriegen. Denn es ist schon nach 0 Uhr. Das wird mir schlagartig bewusst, als ich dort stehe, in einer Seitengasse, die zum Hintereingang des Revolvers führt und mir Joe und ein Mensch, dessen Namen ich nicht mehr weiß Happy Birthday vorsingen. Das ist eine enorm surreale Situation. Und auf einmal bin ich 22. Und es sind nur noch 2 Tage bis zur Abreise. Höchste Zeit schlafen zu gehen und den Kopf auszuschalten...

Vintersju.

Dagane kommer og går, ingenting består, la tidå gå...

Nach so einer langen Nacht muss ein relativ entspannter Tag folgen, da sind Zahl und ich uns einig.
Und auf meiner Liste der Sachen, die man noch machen sollte, solange man in Oslo ist, steht auch ein Spaziergang um Sognsvann. In der ganzen Zeit, in der ich hier bin, hab ich es nämlich nie wirklich ganz rum geschafft. Oftmals schon fast bis zur Hälfte, aber noch nie ganz rum. Das macht sich an einem schönen Tag mit frostigen -20 Grad und all dem Schnee bestimmt gut! Immerhin scheint die Sonne und solange sie noch zu sehen ist, sollten wir uns schnell auf den Weg machen!
Inzwischen sind wir ja ausgesprochene Experten auf dem Gebiet des Zwiebelprinzips. Schicht über Schicht wird angezogen und endlich finde ich auch mal eine vernünftige Gelegenheit meinen übergroßen selbstgestrickten Schal zu tragen. Auch Verächter von langen Unterhosen werden gestraft. Die sind dieser Tage absolut notwendig.
Also machen wir uns auf. Es ist wirklich schweinekalt. Aber das ist egal. Wir haben überraschend präzises Timing was die Bahnverbindungen angeht und sind mir nichts, dir nichts am See. Die Studentenmeuten, die sich hier an warmen Sommertagen tummeln bleiben bei diesen Temperaturen offensichtlich aus. Das gefällt mir ganz gut, denn so ist es angenehm ruhig und friedlich.
Ich will es mir auch auf keinen Fall nehmen lassen, auf den See zu gehen. Zahl ist noch etwas zögerlich. Gefrorenes Wasser oder aber nur scheinbar gefrorenes Wasser flößen ihr offensichtlich jede Menge Respekt ein. Aber es ist schon so lange so kalt und es sind bereits diverse Fußspuren ohne dazugehörige Einbruchsstellen zu erkennen. Deswegen fühle ich mich sicher. Und nach einem kurzen Bekräftigungstanz, traut auch Zahl sich weiter hinaus. Wenn das Eis mich hält, muss sie sich ja aber auch wirklich keine Sorgen machen!

Wir gehen zu einer kleinen Insel im See und begucken uns alles näher. Aber Zahl ist das ganze immer noch mulmig und quer über den See zu laufen, würde ich auch nicht riskieren. Deswegen wandern wir zurück ans Ufer und folgen dem ganz normalen Weg. Ich finde es großartig, auch wenn ich friere.

Es ist ein gutes Frieren und die Luft ist unglaublich klar. Ein komisches Gefühl macht sich breit, als ich über den Steg, von dem die anderen im September zum Baden in den See gehüpft sind, jetzt auf´s Eis marschiere... Wir versuchen so viele schöne Fotos zu machen wie möglich sind solange die Sonne noch da ist und wir nicht komplett zu Eiszapfen erstarren, denn an Haaren und Wimpern geht das schon langsam los.


Zahl ist das alles aber dann auch zu kalt und wir bevorzugen den Tag wirklich entspannt zu halten, schnell wieder nach Hause zu fahren, etwas Warmes zu kochen und uns dann einen gemütlichen Abend mit den Raske Menn zu machen.
In der Küche sitzt mal wieder jemand anderes. Jemand, der in Albrechts Zimmer wohnt. Denn Albrecht ist so gut wie nie da, hat aber dafür immer Menschen, die sein Zimmer bewohnen. Mal eine Deutsche, mal eine Asiatin und heute eben jemanden aus dem Iran. Der sitzt da und guckt Zahl beim Kochen zu, während ich damit beschäftigt bin, die fertige letzte Ladung Wäsche gleichmäßig zum Trocknen im Zimmer zu verteilen.
Schließlich kann ich ihr noch ein bißchen mentale Unterstützung leisten. Irgendwann kommt Tom in die Küche geschlendert und will wissen, was wir denn da gut riechendes zaubern. Das ist Chilli. Wow. Eigentlich riecht es gar nicht nach Chilli. Ja, das mag daran liegen, dass wir kein Chilli ranmachen, weil wir keins haben und ich nichts mag, was scharf ist. Also ist es eigentlich gar kein Chilli? Irgendwie nicht. Aber eigentlich schon. Wir ziehen uns also mit dem unchilligen Chilli in mein Zimmerchen zurück und genießen das überraschend gute Abendbrot und alle Folgen von Snabb Grabbar...

Der darauffolgende Freitag ist für Weihnachtseinkäufe verplant und Julegrött. Auch hier traut uns der gute Mann und zählt unsere tausenden (eher fünfundvierzig) Einzelmünzen nicht nach. Und weil es so kalt ist, kriegen wir auch noch einen Extralöffel drauf gebatscht.
Ich kaufe die Axt aus dem Zelt als besonderes Geschenk für mein Väterchen, weil er meine Note für die Norwegischprüfung so gut vorausgesagt hat und wir genießen unsere Grütze am Feuer, denn jede Wärmequelle ist willkommen.

Nach einer langen Suche durch alle möglichen Buchläden, entscheidet sich Zahl erstmal im Oslo City ein bißchen was für die Sprache zu tun und kauft sich Her Paa Berget zum Arbeiten. Und wenn wir schon mal in dem riesigen Oslo-City Ding sind, können wir auch noch mal schnell in den H&M, denn ich brauche ein paar pinke Strumpfhosen für mein Silvesterkostüm. Als ich an der Kasse stehe, sehe ich hinter mir Calle von den Raske Menn durchgehen. Flux wird bezahlt und ihm nochmal fix hinterhergelaufen. Der Gute scheint mit seiner Frau gerade ein bißchen einkaufen zu sein und erschrocken stellen wir fest, dass der Beinchen von der Dicke meiner Unterarme hat.
Aber was anderes soll das denn sein, als ein Zeichen dafür, dass wir uns dringend Karten für die Show 2 & 3 im Februar kaufen sollten. Die Frau im Christiania Theater ist auch sehr nett und erklärt uns eingewickelt in eine Decke wie das Theater aufgebaut ist, welche Plätze noch frei sind und welche wir nehmen sollten. Wenige Minuten später stehen wir überglücklich mit 2 Tickets auf der Straße! Wie anders könnte man einen so erfolgreichen Tag zu Ende bringen, als noch schnell einmal zum Campus zu fahren und dort Bilder von der weihnachtlichen Beleuchtung zu machen? Immerhin ist das auch noch ein Punkt auf meiner Liste!




Und nach so viel Geld ausgeben, kann man auch ruhig noch ein bißchen an den Erinnerungen feilen... Immerhin ist morgen schon der 19. Dezember.
Aber soweit muss man ja gar nicht denken. Da können wir lieber noch ein bißchen Schokokuchen essen und uns über unsere Geschenkerwerbungen freuen!

Vintersju.

Og for at stemningå skal bli endå meir russisk der nere...

Es ist Mittwoch. Der letzte Mittwoch in Oslo. Und es ist ein kalter, kalter Tag. Nach all den Anstrengungen des vorhergegangenen Tages versteht es sich fast von selbst, dass es höchste Zeit ist auch mal ordentlich auszuschlafen. Und weil wir diesen Plan auch wirklich bis ins letzte ausschöpfen, beschließt Zahl, dass ein Frühstück überflüssig ist und dass wir den Tag mit einem Mittag anfangen. Das glorreiche Chili verschiebt sie aber für´s erste. Mit Zutaten, die für mich letztendlich die gleichen darstellen, die dann nachher auch im Chili enden, zaubert Zahl also eine warme Mahlzeit auf den Tisch. Ein bißchen merkwürdig ist es schon seinen Tag mit etwas Warmen zu beginnen, aber immerhin hält diese Mahlzeit dann auch eine ganze Weile vor.
Wir kommen nicht aus dem Haus bevor es wieder dunkel wird. Das ist so in etwa kurz nach drei. Im Moment finde ich es allerdings sowieso viel schöner im Dunkeln draußen zu sein. Das hat so etwas romantisches. Und ich befinde mich in einer Phase der Verabschiedung. Das beinhaltet, dass ich hoffnungslos romantisch bin und mich vollstopfen will mit den schönsten Bildern, die sich finden lassen. Und eine Stadt unter einem Teppich aus Schnee bei Nacht... das macht schon so einiges her! Heute steht auf unserer Liste der Weihnachtsmarkt. Andi berichtete von einem deutschen Stand mit echter deutscher Bratwurst. Da es so etwas wie Bratwurst in Norwegen nicht gibt, sind wir von der Idee durchaus angetan und machen uns auf den Weg zum Fjord. Denn selbstverständlich ist der Weihnachtsmarkt auf dem Rathausplatz. Auf dem Weg dorthin stoßen wir mal wieder auf Kunst. Die Ausstellungen wechseln hier ja öfter mal und gerade jetzt gibt es dort ein riesiges kastenähnliches Ding. Man weiß nicht genau, was es denn jetzt darstellen soll, fest steht aber, es ist Kunst! Und deswegen ist es meiner Meinung nach ganz und gar inakzeptabel da einfach drauf rumzulaufen! Aber Zahl erklimmt die Kunst ganz einfach. Es geht allerdings kein Alarm oder so was los. Offensichtlich hält die Kunst auch mehrere Begeher ganz gut aus, denn kaum hat Zahl sich fotoschön platziert, kommt auch schon eine Gruppe kunsterkletterungswilliger Russen und tut es ihr gleich. Es könnte sich bei dem Ding selbstverständlich auch um ein UFO handeln, das nur darauf wartet, dass entführungswürdige Menschen sich auf ihm niederlassen, um dann effektvoll abzuheben. Doch es rührt sich nichts. Also lieber zurück zur Bratwurst. Auch wenn sich das jetzt anders liest, ist der zeitliche Abstand zwischen dem warmen Frühstück und der Einnahme der Bratwurst wirklich lang genug gewesen um eine solche Anzahl an warmen Speisen an einem Tag zu rechtfertigen.
Über die vergangenen Monate habe ich 1 Kronen Stücke gesammelt. Es sind wirklich viele und ich habe mir überlegt, dass ich mir von diesem, in ein Säckchen abgefülltem, Goldschatz nur noch gute Sachen kaufen will. Zahl hat spontan all ihre übrigen Stücke dazu geworfen und so machen wir uns auf unsere Bratwurst (das Ding soll 30 Kronen kosten und sooo lang ist die letzte Mahlzeit dann doch noch nicht her) mit 30 einzelnen Kronenstücken zu bezahlen. Die deutsche Verkäuferin vertraut hierbei ihren Landsmänninen und zählt nicht mal nach. Wir genießen.
Beim Weiteren Schlendern fällt uns auf, dass man hier auch ziemlich gut mal Weihnachtsgeschenke kaufen kann. Ich entdecke beispielsweise eine Axt, die ich schon ziemlich gerne meinem Vater zukommen lassen würde. Aber ganz billig ist sie nicht... Naja, das Samizelt, in dem sie sich versteckt, wird so schnell nicht weglaufen und deswegen werde ich wohl mal noch eine Nacht darüber schlafen.
An der entlegensten Stelle des Marktes entdecken wir dann sogar noch einen Stand mit Julegrött. Leider sind wir momentan zu gesättigt. Aber die Julegrött wird es dem Samizelt wohl gleichtun und auch morgen noch da sein. Und eigentlich bin ich auch bedeutend mehr an den Elchburgern interessiert... Allerdings kann man nicht alles haben und deswegen wird der Ort des Essens lieber mal vor totaler Verarmung verlassen.

Plötzlich klingelt mein Handy und Andi, der gestern noch versucht hat uns nach dem Besuch bei Esther für eine Party mit seinem eingeflogenen Mitbewohner zu begeistern, will uns heute zum Essen einladen. Da wir das schon getan haben, biete ich zum Tausch ein Konzert im Café Mir an. Wir kommen ins Geschäft.
Auf das heutige Konzert von Lady Moscow hat Saskia mich hingewiesen, da ihre Mitstudentin, die schon beim Tom Waits-Geburtstag fidelte, auch in dieser Band die Violinistin ist und die angeblich ziemlich gut sein sollen. Das wollen wir schon gerne mal überprüfen. Nach einer gemächlichen Fahrt nach Grünerlökka kommen wir also im schon reichlich gefüllten Mir an. Blöderweise bezahlen wir Eintritt. Im Laufe des Abends stellt sich das als eher unnötiges Unterfangen dar. Aber diese Erkenntnis haben wir leider erst viel zu spät.
Das Mir ist so voll wie ich es noch nie gesehen habe und durch die Menge können wir schon Saskia ausmachen, die es sich auf dem Boden bequem gemacht hat. Offensichtlich des dortigen Rumsitzens überdrüssig, schleicht sie sich erleichtert zu uns herüber. Wir haben relativ gute Plätze, wenn man bedenkt, dass es im Mir ja eigentlich keine Bühne gibt. Also schon. Aber die ist so etwa 10 Zentimeter höher, als der Boden, auf dem das Publikum steht. Und nach nur kurzer Zeit beginnen die moscowschen Damen und Herren mit einer kurzen Ansprache. Leider funktioniert das heute mit dem Strom und dem Mir nicht so gut, deswegen müssten sie ihr Konzert a capella spielen und das Publikum sollte, wenn es denn was hören will, schön dicht zum Kuscheln an die Bühne kommen. Gott sei Dank haben wir uns bereits in einer gemütlichen dritten Reihe platziert und hören sehr gut. Wie immer im Mir befinden sich viel zu viele Musiker auf einer viel zu kleinen Bühnen. Es gibt einen Drummer, einen Kontrabassisten, einen Akkordeonisten, einen Gitarristen, einen Sänger, der auch gerne seine Gitarre malträtiert und die ja bereits bekannte Violinistin als einzige Frau im Feld.
Tatsächlich handelt es sich bei Lady Moscow nur um die Vorband. Deswegen steht da auch noch Zeug vom eigentlichen Hauptact auf der Bühne, die somit wirklich einfach zu klein ist. Deswegen werden manche der Bandmitglieder einfach zeitweise und nach Rotationsprinzip ins Publikum ausgelagert.



Die Show ist trotz Mangel an Strom enorm energiegeladen und macht unglaublich viel Spaß. Irgendwann kommen dann auch Andi, Flo, Ann-Kristin, Gerda und ihr Mitbewohner an. Ich vergesse leider immer den Namen von Gerdas Mitbewohner. Der ist schon Norweger, ist allerdings schwarz und hat auch einen eher afrikanischen Namen. Irgendwas, das ein bißchen nach Nadine klingt...
Und auch zur Musik von Lady Moscow sollte ich vielleicht ein paar Worte verlieren. Die hat mir nämlich echt gut gefallen. So gut, dass ich sehr erleichtert bin, als Saskia mir eröffnet, dass sie mir gerne das Album von denen brennen kann! Das nehme ich doch sehr gerne mit!
Der Auftritt ist leider viel zu schnell zu Ende und die nachfolgende Band sieht nicht nur übel aus, sie klingt auch so. Saskia verabschiedet sich, bevor ihr Gehör Schaden nehmen kann und wir stehen ein bißchen verloren da. Doch schnell entscheiden wir uns einfach dafür in den Keller zum Kickern zu gehen. Da ist die Musik nicht so laut und Gerda, Nadine und Ann-Kristin sind schon längst unten und haben an einem der Tische schon Bekanntschaft mit haarigen Hutträgern gemacht...


Wie sich herausstellt ist Flo ein erschreckend guter Meister des Kickerns und alle haben irgendwie soviel Spaß daran, dass nur Gerda und Nadine sich dazu entschließen, die letzte Fahrtmöglichkeit nach Hause zu ergreifen. Flo fliegt morgen nachmittag wieder nach Hause und will deswegen am liebsten durchmachen. Was er nicht weiß, ist, dass die Möglichkeiten für ein solches Unternehmen in Oslo an einem Mittwoch eher begrenzt ausfallen. Und als gegen 1.30 Uhr das Mir zu macht, stehen wir plötzlich auf der Straße und wissen nicht so recht wo wir hin sollen. Da zu Fuß nach Hausegehen für die Fraktion Sogn unmöglich ist, wird nach kurzer Beratungsphase beschlossen, einfach direkt zu mir zu gehen. Selbstverständlich habe ich heute morgen all meine Dekorationen abgebaut und deswegen ist das Zimmer nicht gerade einladend, als wir nach einem elendig langen Fußmarsch endlich dort ankommen, aber es ist ja noch Essen da. Also geht es ab in die Küche und der Weg war lang genug um mit Andi dem Axtexperten die Vor- und Nachteile des Weihnachtsgeschenkes für meinen Vater zu erörtern. Wir vertreiben uns die Zeit, bis die drei gegen 6 Uhr morgens ihre erste Verbindung in die eigenen Betten nehmen können. Und nach all dem Kartenspielen und Rätselgrübeln und Geschichten Erzählen wird es auch für uns höchste Zeit ins Bett zu krabbeln und auch eine Weile dort zu bleiben!

Vintersju.