Die Tage fliegen.
Ich hab noch im Gefühl, wie ich am Montag zur Uni fuhr und auf einmal ist Donnerstag!
Ich fühle mich ganz matschig, denn ich habe zu wenig geschlafen und Angst, dass meine Vorbereitungen für den Norwegisch-Kurs nicht ausreichen. Zu allem Übel kommt auch noch eine lauernde Erkältung dazu... Sie schleicht sich langsam an, scheint aber leider unaufhaltsam! Hoffentlich ist es nicht die Schweinegrippe.

Irgendwie komme ich ganz gut durch den Norwegischkurs, auch wenn alle anderen hier schon seit mindestens zwei Jahren mit mindestens 6 Stunden pro Woche die Sprache lernen. Und Øyvind ist einfach ein zu großartiger Lehrer, als das man sich vor ihm fürchten müsste. "Ich hab da mal beim NRK angerufen und gefragt, ob wir den Sender besuchen können. Die führen uns da rum und wir sind Publikum bei einer Kultursendung. Aber... nur wenn ihr wollt! Es kostet natürlich nichts!" oder meine Highlight des Tages... "Ich dachte mir, wir könnten ja mal ein bißchen singen. Also... nicht, dass ich der beste Sänger wäre, aber... naja, ich versuch das jetzt mal..." und dann steht er da vorne und singt einfach so ein Liedchen vor sich hin, bis alle im Kurs mitmachen...
Doch die Erkältung kommt langsam durch... und ich habe nicht mal mehr viel Motivation für den von Martin und Johannes geplanten Raubzug auf die Frau, die den Fhaerlandtrip organisiert und da rumsitzt und von 4 mal 16 Studenten jeweils 2600 Kronen kassiert... Ich muss nach Hause.
Da erwartet mich Marlene. Sie war in der Stadt und ist fast mit Terje Bus gefahren - schon wieder... So geht das doch nicht weiter! Viel besser ist aber, dass sie sich super um mich kümmert! Ich kriege eine großartige Nudelsuppe verabreicht und unter Aufbringung all ihrer physischen Kräfte, drückt sie Zitronen und Orangen aus, damit ich die puren Vitamine trinken kann! Eine wahrlich wunderbare Pflege...
Der regnerische Tag bleibt eher ruhig, wir machen nicht viel. Gegen Abend sind wir dann aber noch bei Esther zum Essen eingeladen. In Bjölsen. Ein weiteres Wohnheim in dem ich noch nicht war. Dort ist es fast so schön wie in Grünerlökka, allerdings ist die Höhe der Miete entsprechend, wie man sich vorstellen kann... Da Esther ja aber Theologie studiert, zeichnet sich ihre Fakultät durch enorme Nächstenliebe aus!
Sie kocht scharf (sehr scharf), aber gut und wir erzählen fröhlich einige Stunden, aber irgendwann muss ich einfach ins Bett... die Erkältung wegschlafen am besten...
Freitag wache ich ähnlich matschig wie am Tag zuvor auf. Marlene begleitet mich heute wieder zur Uni. Ich habe keine große Lust auf Syntaks II und Semantikk, aber was kann man da schon machen. Zehn Minuten vor Seminarbeginn betrete ich den Raum und es ist niemand da. Ich bin kurz versucht schnell wieder rauszuschleichen, Marlene zu suchen und mir mit ihr einfach einen schönen Tag zu machen... Aber nein. Das wäre ja feige. Das ist immerhin der letzte Kurs, den ich mit Norwegern zusammen haben könnte. Und tatsächlich: Von den acht Menschen, die an diesem Kurs teilnehmen, sind sieben Norweger. Ich bin die einzige Deutsche hier! Ha! Sofort werde ich zur Referenzperson. "Juliane, kann man das im Deutschen so sagen? Geht das? Was meinst du?" Durch diese Position muss ich leider mehr mitarbeiten, als es mir angenehm ist, aber irgendwie ist das in so einem kleinen Kurs auch gar nicht so schlimm. Und das Hauptthema ist der deutsche Konjunktiv, der mir ja sowieso sehr am Herzen liegt. Also wird alles besser, als ich vor ein paar Stunden noch gedacht hätte.
Allerdings muss ich auch Norwegisch können in diesem Kurs! Denn viele der Diskussionen finden dann doch nicht auf Deutsch statt. Aber es läuft trotzdem ganz gut. In der Gruppenarbeit mit Tore, der Deutsch nicht ganz so gut kann, spricht einfach jeder von uns seine Muttersprache, verstehen tun wir uns trotzdem irgendwie.
Und als ich irgendwann aus dem Fenster blicke, sehe ich, dass Marlene direkt unter dem Fenster sitzt und mir zuwinkt! Sie hat auch (verschwommene...) Stalkerfotos gemacht!

Okay... jetzt will ich doch, dass das schnell zu Ende ist und wir in die Stadt fahren können!
Gesagt, getan! In der Stadt finden wir endlich Schuhe für mich! Billige, grüne, bequeme Schuh. Und ein Cape, das ich unbedingt haben muss. Morgen kaufe ich es. Oder Marlene für mich!

Dann kann ich immer dubios aussehend durch die Straßen huschen! Wie ich mich freue! So. Diese Mission ist nach unendlich vielen Kapiteln endlich abgeschlossen! Die schönen neuen Schuhe kann ich auch direkt zu dem Konzert am Abend einweihen, zu dem wir zusammen mit Daniela und Esther gehen. Wir bezahlen für drei Bands, aber alles verschiebt sich so sehr, dass wir eine ganze Weile warten müssen, bis überhaupt jemand anfängt! Bei dem Herrn Svarte Greiner sitzen wir auf dem Boden in der totalen Dunkelheit und lauschen seiner Lärmproduktion. Seine Musik ist experimentell, so experimentell, dass ich eigentlich nicht von Musik sprechen würde, sondern eher von melodiösem Lärm. Trotzdem ist das alles so entspannend und irgendwie doch schön, dass ich fast einschlafe.
Die zweite Band ist dann leider viel zu elektronisch für unseren Geschmack, weswegen Marlene Daniela nach draußen zum Rauchen begleitet. Nach ein paar Minuten kommt sie wieder rein, guckt mich an und erzählt mir, dass draußen gerade der Geir an ihr vorbeigegangen ist. Er ist im Parktheatret, dem gleichen Laden wie wir, nur das er vorne im Barteil sitzt und wir hinten im Konzertraum. Um den letzten Bus nach Hause zu kriegen, müssen wir sofort los und können die dritte Band leider nicht mehr sehen... Als wir am Fenster vorbeigehen, sehe auch ich ihn dort sitzen. Somit wäre die Hälfte des kaizerlichen Orchesters voll. Mal sehen, wann ich die anderen drei erspähe oder wen wohl sonst noch...

Am Samstagmorgen können wir endlich mal wieder ganz ohne Druck ausschlafen.
Erst zu um 2 treffen wir uns mit Andi, der hat nämlich ein kostenloses Festival bei mir in der Nähe aufgetan, zu dem wir gerne möchten. Wenn irgendwas umsonst ist, nehmen wir das nämlich immer mit!
Dort angekommen, sieht es mehr nach einer Feier für Kinder aus, als nach einer für Erwachsene... Doch es scheint in Norwegen ganz einfach so zu sein, dass man viel mit der ganzen Familie macht.
So auch Christer Knutsen, ein weiterer Herr der norwegischen Musikszene, der dort mit Frau und Kind durch die Gegend spaziert...


Wir sitzen dort in der Sonne, hören der Musik zu, um uns herum wuseln zig coole, kleine norwegische Kinder... und schnell merken wir, dass dieser Ort uns gerade genauso glücklich macht, wie das Sitzen im Mono. Ich will in dieser Stadt wohnen. Ich muss zurückkommen.





Den Preis für das coolste Outfit gewinnt übrigens der Festivalfotograf, den ich wiederum fotografierte!

Marlene freundet sich sogar mit einem kleinen blonden Mädchen an, dass auf einmal in Chucks und Lederjacke vor uns steht. "Er du fint?" -"Ja...", "Kan du danse?" -"Nei..." Irgendwann kommt ihre Mutter und redet auch noch kurz mit uns. Die kleine winkt und verabschiedet sich mit einem "Ha det!" um ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem im Kreis laufen, nachzugehen.
Die Leute dabei zu beobachten, wie sie mit ihren Kindern umgehen, lässt einem das Herz aufgehen. Zudem noch kostenlose gute Musik...? Das ist doch unglaublich!
Doch auch im Mono ist heute noch ein kostenloses Konzert, weswegen wir uns im Regen langsam dorthin auf den Weg machen...
Unterwegs treffen wir auf ein paar merkwürdige Süddeutsche, die die gleichen Klamotten tragen wie Andi und deswegen ein Foto mit ihm wollen... Wie bitte? Ist das deren Ernst? Ein bißchen zu aufdringlich sind die leider... Aber wir machen uns schnell aus dem Staub. Glücklich, da mit einem Hot Dog im Magen, setzen wir uns ins Mono und hören den sehr interessanten Marybell Katastrophy aus Dänemark zu. Die sind auch ziemlich experimerntierfreudig, so benutzt die Sängerin beispielsweise einen Spielzeugkrankenwagen und singt die ganze Zeit mit verzerrter Stimme. Wenn der Skelettmann im Hintergrund nicht so fette Beats rausgehauen hätte, wären sie sogar noch besser gewesen. Aber auch so waren sie ziemlich gut. Sie legen dem Publikum nahe unbedingt eine der 500 verschiedenen handgefertigten Plattenexemplare zu kaufen, weil das bestimmt mal ganz viel Wert ist, wenn sie berühmt sind. So lange will aber von uns niemand warten. Und selbst wenn sie doch berühmt werden, können wir immerhin von uns behaupten, dass wir das erste Norwegenkonzert von ihnen gesehen haben. Andi erklärt uns übrigens, was unsere Kameras alles können und ich werde jetzt voll die künstlerischen Fotos abliefern! Wem die nicht gefallen... der hat Pech, denn das liegt dann nur an nicht vorhandenem Sinn für Kunst!





Soweit ist das schon wieder ein Musikwochenende, nach dem letzten in Trondheim. So kann das ruhig weitergehen!
Das Mono ist aber so kuschelig, dass wir alle schnell irgendwie müde werden. Vor allem aber ist es auch sehr schnell wieder leer, weswegen auch wir nach Hause fahren, um ein Filmchen zu sehen und dann mal halbwegs früh ins Bett zu kommen...
Wir brauchen jetzt viel Ruhe und Schlaf. Denn irgendwie muss meine Erkältung verschwinden, bevor wir am nächsten Wochenende endlich zu dritt den Prekestolen erklimmen werden!
Vintersju.