Freitag, 7. August 2009

Vent darling, vent meg i enden av November...

Heute morgen bin ich zur Polizei gefahren. Schon wieder. Diesmal früh und mit eisernem Willen. Allerdings steht schon eine riesige Schlange von Menschen vor der Behörde, als ich gegen 8.30 Uhr eintreffe. Ich schaue auf die Anzeige: Nummer 16. Ich drücke auf den Knopf und bete... Lass es was unter 50 sein, lass es was unter 50 sein... Pling. Nummer 93.
Na toll...
Da suche ich mir lieber mal was zum Sitzen. Ich sehe ein lesendes Mädchen mit pinken Haaren. Zu dem setz ich mich mal. Die sieht interessanter aus, als all die muslimischen Mütter oder Asiaten. Ich schiele verstohlen in ihr Buch. Es ist deutsch. Sie ist deutsch. Hmm... Ob ich sie anspreche? Nein, zu progressiv. Ich vermittele ihr einfach mich anzusprechen. Ich hole also meinen Hausarbeitskram heraus, den Teil mit den deutschen Texten. Ich merke, dass sie es sieht, aber sie sagt nichts. Hmpf. Frustriert stecke ich den Kram in meine Tasche und meinen iPod in meine Ohren. Wenige Minuten später legt sie ihr Buch weg. Okay. Ich versuch´s nochmal. Ich tausche iPod gegen Hausarbeitskram. Warte kurz ab. Und ZACK! Kommunikasjon!
Die Gute heisst Esther, hat aus Überzeugung pinke Haare und studiert Theologie. Sie hat die Nummer 53. Wir warten zusammen und erzählen so über dies und das. Alles wirkt recht ungezwungen. Sie bleibt ein Jahr hier und ist nicht an der UiO, aber das ist ja kein Grund, nicht weiter mit ihr zu sprechen. Ich bin ja auch nie darum verlegen, mich in einem peinlichen Licht darzustellen und erzähle ihr deswegen meine Herdgeschichte. Sie guckt mich verständnisvoll an und erklärt dann ganz gelassen, dass das in moderneren Wohnheimen schon so ist, dass man bei dem Herd eine Zeitschaltuhr anmachen muss, damit er überhaupt angeht. Die Uhr ist dafür da, dass der Herd sich von selbst wieder ausschaltet, falls doofe Studenten das vergessen und das ganze Wohnheim niederbrennen könnte... HAHA! Ich triumphiere!
Die Zeit verstreicht und ich muss Andreas kontaktieren. Der hat mir nämlich gestern eine Nachricht bei studiVZ geschrieben, dass er jetzt auch in Oslo ist und sich gerne die Stadt ein bißchen angucken würde, aber das ungern allein macht und weil ich ja auch hier bin, hat er sich gefragt, ob ich ihn nicht begleiten mag.
Ich mag. Der Authismusgrind muss ab. In diesem leeren Flur hab ich zu wenig menschliche Kontakte und ich muss mich ja für die Einführungswoche aufwärmen.
Allerdings kann ich nicht pünktlich zur verabredeten Zeit da sein. Ich verschiebe es auf 12.30 Uhr. Kein Problem für ihn.
Dann ist Esther dran. Bei ihr klappt alles reibungslos, sie braucht nur noch ein paar Kopien, die man auf der anderen Seite der Straße kostenlos machen kann. Kostenlos? Ich mache meine Kopien auch da... Tatsächlich sagt niemand etwas. Na gut.
Esther weiß nicht, was sie heute noch machen soll. Sie taut zwar gerade den Kühlschrank in ihrem Wohnheim ab, aber das ist ja nicht wirklich ausfüllend. Also erzähle ich ihr, dass ich mich nachher mit Andi treffe um mit ihm zur Museumsinsel zu fahren und frage sie, ob sie nicht Lust hat auch mitzukommen. (I´m so fucking social.) Sie hat. Sie will nur erst nach Hause etwas essen und dann kommt sie zurück und wartet den Rest der Zeit mit mir ab. Außerdem meint sie, muss sie eine Sonnenbrille holen. Das Wetter ist zu gut um ohne eine durch die Stadt zu laufen...
Ich warte also alleine weiter... Die Zeit vergeht und vergeht, aber die Nummern kommen nur schleppend voran. Nach einer Weile dann kommt Esther tatsächlich zurück. Daran hatte ich noch nicht so richtig geglaubt, freue mich aber um so mehr. Wir warten zusammen auf meine Nummer. Endlich bin auch ich dran. Der Mann am Schalter ist sehr freundlich. Bewundernswert, wenn man bedenkt, was der hier den ganzen Tag machen muss. Meine Anmeldung ist erledigt. In ein paar Tagen bekomme ich einen Zettel zugestellt (den bekommt Zahl dann garantiert auch noch!) und dann kann ich mir eine norwegische Nummer holen!
Pünktlich 12.30 Uhr verlasse ich das Amt. Ganze vier Stunden haben wir hier mit Warten verschwendet. Jetzt will ich was sehen.
Wir fahren zum Hafen, dem Treffpunkt mit Andi. Noch ist niemand da, aber auf einmal kommt ein brillentragender Mensch auf uns zu. Er hat auch einen Hut auf. Er trägt eine schwarze Jeans und ein dunkles Get Well Soon T-Shirt. Sehr gut. Da sind ganz schnell alle Vorurteile verworfen, die sich aufgebaut haben, nachdem ich las, dass er Jura studiert. Eigentlich wollte er auch Kunst machen. Was er denn so für Musik hört, will ich wissen. Die Probe auf´s Exempel. Er sagt: Am liebsten Radiohead. Get Well Soon, Sigur Rós, Jens Lekman, Raconteurs, White Stripes und deutsche Sachen. Na gut, nichts ist perfekt. Norwegische Bands kennt er nicht wirklich, aber ich soll ihm doch einfach mal eine Liste mit hörenswerten Sachen schicken. Wird gemacht. Ich freue mich trotzdem sehr über so eine musikalische Mitte, zu der sich im Laufe des Tages auch noch eine cineastische dazugesellen soll.
Wir stellen uns alle vor, tauschen die üblichen Informationen aus – Herkunft, Studienort, Studienfach, warum Norwegen, wie lange Norwegen. Ich habe kurz die Befürchtung, dass das Gespräch nun absterben wird, aber irgendwie bleibt es doch am Laufen.
Wir entscheiden uns für das Freilichtmuseum. Das verlangt zwar einen stolzen Eintritt, aber dafür gibt es auch jede Menge zu sehen.
Zunächst geraten wir in eine Ausstellug über Kirchen. Und jede Kirche hat selbstverständlich ihren eigenen Prekestolen.
Doch die Kirchenabteilung führt in eine Sackgasse, wir müssen zurück und finden eine zweite Ausstellung: Back to the 80s. Jaja, die 80er Jahre. Als wir den Raum betreten sehen wir uns einer riesigen Leinwand gegenüber, auf der den ganzen Tag Take On Me von A-Ha gedudelt wird. Ihr gegenüber sitzt eine Schaufensterpuppe ohne Gesicht lässig in 80er Klamotten auf einem Sitzsack. Die Ausstellung zeigt Mode, Musik und Spielzeug der 80er. Sie will nicht vollständig sein, sondern nur den persönlichen Rückblick von 46 Menschen darstellen und ist dadurch äußerst charmant. Und lehrreich.
Einen Walkmen gab es also auch schon in den 80ern beispielsweise.


Die dritte Ausstellung über die Bunad – die norwegische Tracht, oder besser Trachten, denn jedes Gebiet hat seine eigene, ist da schon wieder etwas trockener. Allerdings sehe ich zum ersten Mal etwas von diesem merkwürdigen Tanz, bei dem sich der Norweger shaolinartig durch die Luft wirbelt. Sowas würde ich mir gerne auch mal live begucken.
Das reicht aber an Ausstellung drinnen. Wir wollen bei dem Wetter ja an die frische Luft, deswegen sind wir doch im Freiluftmuseum. Also beginnen wir den Rundgang. Nach wenigen Metern begegnen uns Menschen, die Kubb spielen. Das scheint hier wirklich populär zu sein und wird wohl nicht nur mit Erasmusstudenten praktiziert. In diesem Museum, das richtig Folketmuseum heisst, sind die verschiedenen Arten zu leben in den verschiedenen Regionen Norwegens dargestellt. Man kann gucken, wie die Häuser früher aussahen, wie sie zusammengesetzt waren und manchmal kann man auch hineingehen und sich Einrichtungstipps mitnehmen.
So erzählt ein weißbärtiger Mann auf die Frage von ein paar Amerikanern wofür denn der Schrank gut sei, dass da die Kinder reingesteckt wurden. „Kids?“ „Yes, a couple of kids even.“, sagt er, zieht an seiner Pfeife und grinst verschmitzt über die Fassungslosigkeit seiner Opfer.
Wir ziehen weiter und kommen nach Jæren. Dort sahen die Häuser im 19. Jahrhundert so aus.
(Das vor der Tür ist übrigens der Andi von hinten.)


Irgendwann finden wir auch die Stabskirche. Zahl, es ist gut, dass wir damals das Boot genommen haben und nicht nochmal da hin gewandert sind, denn man kann die wirklich nur sehen, wenn man auf dem Gelände drauf ist. Da war weit und breit kein Zaun in der Nähe und reingelassen hätten sie uns um die Zeit bestimmt auch nicht mehr.
Die Stabskirche aus dem 13. Jahrhundert ist ziemlich beeindruckend. Alles ist aus Holz – bis auf ein paar merkwürdige Rohre, die wir verfolgen und als Sprenkleranlage bei einem etwaigen Brand identifizieren. Da sind sie vorsichtig, die Norweger...

Im Übrigen haben auch norwegische Kinder, denen hier nochmal eine extra Ausstellung zum Spielzeug gewidmet ist, Blechtrommel potential. An einer Wand mit Bildern haben sich viele verewigt. Ich frage Andi, ob er nicht auch ein Kunstwerk da lassen will. Er will lieber nicht.
Ein böser Wegstein gaukelt mir vor, dass ich ganz nahe an Zahl bin. Ich wünschte, diese Meilenangabe würde stimmen. Dann könnte ich sogar rüber joggen!
Wir setzen zu den anderen Museen über. Nachdem ich kurz referiere, worum es sich bei der Fram handelt, denken die andern kurz darüber nach, hineinzugehen. Ich will da aber mit Marlene rein. Deswegen bringe ich das gute Wetter-Argument. Das zieht. Wir bleiben draußen und stecken unsere Füße ins Wasser. Auch die Ölfässer sind noch da. Ich MUSS mit Marlene herkommen.

Nachdem wir eine Weile auf der Wiese erzählt haben, wollen wir ans Festland zurück. Andi erzählt, dass das Rathaus unglaublich hässlich ist, aber das man da unbedingt mal reingehen muss, weil der Saal so beeindruckend ist. Gesagt, getan. Und er hat recht.
Auf dem Weg zur Karl Johans Gate treffen wir dann auf eine Demonstration. Es geht um den Iran. Kluge Menschen erkennen das schon an den Flaggen, ich erkenne es, weil ich die Rednerin verstehe und mich das stolz macht. Sie duldet keine Übergriffe auf die iranische Minderheit hier, weder auf Studenten, noch auf Schwule. Sie fordert mehr Respekt. Das war es dann aber auch schon mit dem Verstehen und wir gehen weiter zum Schloss und legen uns in den Schlosspark, wo sich eine Möwe unter all die Enten gemischt hat.
Links von uns grillen die Leute, auf dem Weg bringt jemand seinem Sohn das Fahrradfahren bei. All das direkt zu Füßen des Königlichen Schlosses, dessen Flagge gehisst ist. Das heißt, dass die Königlichen auch zu Hause sind. Wir reden eine Weile. Über Jura-Studenten, über NLP, über Theologie, über Filme und über Norwegen. Dann gehen wir zurück. Andi möchte nochmal ins Hard Rock Cafe reingucken – nichts bestellen oder so, nur mal gucken. Da hängen zwar einige von coolen Leuten signierte Gitarren herum, aber irgendwie hätte ich mir das anders vorgestellt. Letztlich ist das eben auch nur eine Kette.
Wieder auf der Straße kommt uns ein Pärchen entgegen. Der Typ trägt ein altes, ausgewaschenes Kaizers Orchestra T-Shirt und sieht so aus, wie man sich Kaizershörer wünscht. Ich lächle ihn wissend an, hoffe das er es versteht und wir eine kleine musikalische Ein-Sekunden-Allianz bilden können. Doch er sieht mich nicht an. Seine Freundin hingegen schon und die guckt gar nicht nett... Schnell weiter also. Während wir gemütlich zum Bahnhof hintergehen, beschließen wir, dass wir morgen Abend an dem See bei Kringsjå zusammen grillen sollten.
Wenn das so entspannt wird wie dieser Tag, wird das bestimmt schön.
Aber die neuen Begegnungen waren auch irgendwie anstrengend. Deswegen muss ich früh schlafen. Mich erholen. Kraft sammeln. Morgen weiter sozialisieren.

Vintersju.

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