Die Stadt zeigt sich ganz hinterhältig einfach von ihrer aller besten Seite um mich von der Arbeit abzulenken.
Ich habe mir zwar einiges für den Samstag vorgenommen, doch so richtig komme ich zu nichts. Irgendwann beschließe ich dann einfach einen Flohmarkt in Grönland (nur zur Erinnerung: den Stadtteil, nicht die Insel) zu besuchen. Und weil ich ja jetzt stolzer Besitzer eines Studententickets bin, muss das auch ordentlich genutzt und abgefahren werden.
Also entscheide ich mich nach kurzer Busfahrt mit verheißungsvollen Ansagen des Busfahrers, die ich leider nicht verstehe, dazu, heute mal mit der T-Bane zu fahren.
Welche Richtung war das nochmal? Ähm... Naja, sie fährt ja im Kreis, zur Not fahr ich einfach ein ganzes Stückchen... Doch meine Orientierung enttäuscht mich Gott sei Dank nicht und ich sitze auf Anhieb in der richtigen Bahn. Es ist schon bewundernswert, dass die hiesige Kirche sich den neuen Medien anpasst. Denn ein religiöses Werbeplakat in der Bahn fordert mich dazu auf, an eine bestimmte Nummer eine SMS zu senden und dafür Freiheit zu bekommen. Zu blöd, dass ich mein Handy nicht dabei habe und mir ja generell keine Zahlen merken kann...
In Grönland steige ich aus. Hier war ich nicht mehr, seit Zahl und ich uns Arnes Superdöner gekauft haben. Doch so wie man durch die Treppen zurück ans Tageslicht geführt wird, findet man sich wieder in dem bunten Treiben des Multikulti-Viertels.
Aber wo war jetzt der Flohmarkt?
Ich bereue kurz meine blöde Angewohnheit den Stadtplan jetzt schon zu Hause zu lassen. Auch wenn ein grober Überblick über die Stadt selbstverständlich da ist und ich bestimmte Punkte ohne Probleme finde, wäre eine Karte für solche Feinorientierung vielleicht nicht schlecht. Nächstes Mal vielleicht.
Da ich also meine Hoffnung fahren lasse, den Flohmarkt zu finden, gehe ich einfach in die Straßen, in denen am meisten Leben tobt. Hier sind Zahl und ich auch noch nicht gewesen. Neu und bunt, also. Das gucke ich mir an. Unglaublich viele Menschen drängen sich in und um den Laden eines Mannes, der Obst verkauft. Sie reißen ihm seine Waren förmlich aus der Hand. Da hab ich mir direkt ein Vermerk auf meiner mentalen Checkliste gemacht. Wenn sich Leute hier so um etwas reißen, muss es billig sein. Meine Vitaminzufuhr sollte ich vielleicht bei ihm regeln.
Ich schlendere ein bißchen weiter und auf einmal wird es unglaublich laut. Ich habe durch Zufall doch den Flohmarkt gefunden, auf dem die Leute hitzig miteinander verhandeln. Er versteckt sich unter einer großen Autobrücke.
Aber irgendwie entspricht das nicht so ganz dem Bild von einem Flohmarkt, das ich in meinem Kopf habe, denn hier kann man Handys, Laptops und allerlei anderen technischen Schnickschnack kaufen. Es gibt allerdings ein paar Sachen, die man auch auf deutschen Märkten finden würde, beispielsweise ein wunderschönes, kleines Sofa, das noch perfekt in die Leere Ecke meines Zimmers hier passen würde. Darauf könnte man dann bequem sitzen und müsste seine Zeit nicht auf dem einsturzgefährdeten Stuhl verbringen... Aber schnell kommt der Realismus zurück, denn ich habe weder das Geld, noch die Lust (geschweige denn die Kraft) ein Sofa allein nach Bjerke hinauf zu bekommen.
Schnell bin ich beim Bahnhof, an dem immer dubiose Gestalten rumlungern und gehe von da aus ans Wasser, weil das eigentliche Ziel meines Spaziergangs ja Aker Brygge ist.
Doch ich bin viel zu früh den Weg zum Wasser heruntergegangen und komme jetzt nach und nach an allen Fähranlegern vorbei. Dort warten die Autos darauf verschifft zu werden, nach Stavanger, nach Bergen, nach Dänemark... und während sie warten, können ihre Kinder auf einer Hüpfburg springen, die wie eine Fähre geformt ist. Kinder- und Behindertenfreundlichkeit begegnet einem in Norwegen wirklich auf Schritt und Tritt.
Ich gehe um die Kurve und bin endlich dort angelangt, wo man direkt am Wasser entlang spazieren kann.
Ich folge dem Weg und französischen Touristen. Ständig kommen einem ausgelassene, manchmal sogar singende Menschen entgegen. Die Stadt hat gute Laune und ich kann mir nicht helfen und muss ein bißchen dümmlich vor mich hin grinsen...
Die Restaurants in Aker Brygge sind noch ziemlich leer, die Shops hingegen voll. Es wimmelt nur so von Touristen. Kein Wunder – immerhin ist es früher Samstagabend und das Wetter lockt.
Wer hier wohnen kann, der muss echt reich sein... Ich schleiche durch die verwinkelten Gassen der hochmodernen Bauten und über die freien Plätze mit ihren Wasserspielen. Auf einem von diesen steht ein großer Behälter voll mit Pfandflaschen. Zwei Frauen sitzen in ihm drin und graben sich verzweifelt durch die leeren Flaschen. Ich setze mich auf eine Bank und beobachte sie ein wenig. Es handelt sich um ein Gewinnspiel. Zwischen diesen tausenden von leeren Flaschen befindet sich eine, in der ein Zettel ist, der seinen Finder dazu qualifiziert, bei einer Ziehung dabei zu sein, in der es um 10.000 Kronen geht.
Nicht heute.
Morgen kann ich mir ein solches Bad in den Flaschen ja immernoch gönnen... oder ich geh einfach duschen. Bevor ich nach Hause fahre, schaue ich noch beim Mono vorbei, denn auch heute soll es da mal wieder umsonst Livemusik geben. Schon von Weitem kann ich sehen, dass nur die am sympathischsten aussehenden Leute dort hineingehen. Vor den abgedunkelten Fenstern steht eine Gruppe neugieriger junger Leute, die sich bestimmt fragen, ob sie hineingehen sollten. Die Musik schallt bis draußen und ich merke, dass das heute nichts für mich ist. Aber die anderen schleichen sich hinein, ganz vorsichtig, so wie wir beim ersten Mal...
Jetzt aber erstmal nach Hause.
Vintersju.
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