Trondheim, 17. Oktober, ZAHL
Warum sollte man nicht unbedingt mit Italienern zu Veranstaltungen gehen, die einen festen Startzeitpunkt haben? Damit man nicht den Anfang verpasst! Aber Francesco ist nun mal beste Gesellschaft für Konzerte und macht sogar vorher noch seine unangefochtene Pasta.
Beim Essen lerne ich Anja und Karolina aus Polen kennen, die beim Pub Crawl vor einigen Wochen den zweiten Platz gemacht haben. Anja berichtet ganz stolz, dass sie besonders beim Shots-trinken ganz viele Pluspunkte bekommen hat!
„Ja, sure, you are Polish, so it’s no wonder!”
“What do you mean? Do you think I STOLE MY POINTS???”
“No, no! Because of your good polish Vodka!”
Parka an, Schal um, Haare richten, los geht’s! Nein, Francesco hat noch was vergessen: seine pinke Haarspange?
„It’s my anti-stress! I know, it’s very feminine...”
Die Haarspange auf- und zuklickend läuft er voran und wir nehmen den Bus in die Stadt, andernfalls bräuchten wir gar nicht mehr losgehen.
Als wir ankommen winkt uns der Türsteher rein und rät uns zur Hast, denn es hat tatsächlich schon angefangen. Aha! Einfach zu spät kommen, dann fragt keiner mehr nach „Legitimasjon?“
Das Blæst ist ein uriger Rockclub mit 70er-jahretapeten, roten Tweetsesseln UND: den einzigen vernünftigen Kickertisch, den ich bisher in Norwegen getroffen haben!
Im Konzertraum empfängt uns Anna, ganz aufgeregt, aber wir haben nur zwei Lieder verpasst. Wir haben eine hervorragende Sicht, denn die Bühne ist an der Seite auf und wir können perfekt quer sehen.

Der Moneybrother und seine Jungs haben unglaublich gute Laune. Sie wirbeln alle zusammen über die Bühne, selbst der Schlagzeuger, der Pianist und der Organist, hinter ihren Instrumenten gefesselt, sehen so aus, als würden sie gleich abheben. Ein Skeptiker würde behaupten, es handle sich hier um eine ordentliche Dosis Gute-Laune-Drogen, doch diese wurde den Herren wohl nicht in Tabletten oder Pulverform verabreicht, sondern tatsächlich ist es die Droge Musik, die hier im Blæst für Adrenalin- und Glücksschube sorgt.
Einziger Nachteil für uns: der Schwede benutzt aufgrund der Sprachverwandtschaft zum Norwegischen seine Muttersprache, die wir zuweilen gar nicht, in einigen Momenten bruchstückenweise verstehen. So ist auch sein Programm gemixt, zwischen all den englischen Klassikern tauchen auch einige Schwedische Stücke auf, die unglaublichen Spaß machen.





Das Publikum ist von der guten Laune herrlich angesteckt. Sie tanzen, reißen die Arme in die Luft und lachen unentwegt.
Moneybrother bleibt fast das ganze Konzert über seiner akustische Ibanez treu, wechselt nur in einem Lied zu einer E-Gitarre, auf der er ein wenig hilflos daher schrammelt, er ist nun mal der Akustiker. Für den elektrischen Sound sind sein sich epileptisch bewegender Bassist und ein kauziger Gitarrist zuständig. Der Schlagzeuger ist zum Ausgleich für den Rest der Band in eine blaue Melancholie getaucht, die ihn trotzdem schweben lässt.
Ein Lied übertrifft das andere, von „6am“ über „Blow him Back“, „Pressure“, „We Die only Once“ bis zu „Showdown“ und anderen Raketen schließt der in Deutschland liebevoll zu „Moneybernd“ umgetaufte Schwede mit einer Granate ab. „Guess Who’s gonna get“ geht nahtlos über in „They’re building walls around us“ und bringt sowohl Musiker als auch Publikum in eine undenkbare Extase.
Verschwitzt und überglücklich kommt er zu zwei Zugaben wieder, die nicht weniger energiegeladen sind.
Nachdem die Lichter und die Dudelmusik wieder angehen fühlen wir uns wie nach einem Feuerwerk oder einer bunten Schlacht, irgendetwas ritterlich-heroisches jedenfalls.





Francesco und ich erobern den Kickertisch.
Die italienischen Regeln weichen sehr von den deutschen ab, die wiederum von den norwegischen abweichen. Wir versuchen einen Mittelweg zu finden, doch die Verwirrung ist zunächst groß. Trotzdem bleiben wir für einige Zeit Platzhirsche.
Anders als in Deutschland wird man hier für seine Taten während des Spiels und hinterher sehr beglückwünscht, auch von den Gegnern. Das spornt nur noch mehr an und wir fegen die Jungs vom Platz.
Das tut so gut.
Wie ich das vermisst habe – Kickern.

Es kommen immer mehr Leute vorbei und fordern uns heraus. Einige Gesichter vom letzten Mal tauchen auch wieder auf, wie zum Beispiel der Maulwurf, ein kleiner, dicker pelziger Mann mit Brille; einer der Barkeeper der hier im Blæst sowas wie der Klassenschwarm ist und einige Herausforderer der letzten Woche.
Zu wissen, wer die nächsten Gegner sein könnten, stachelt uns noch mehr an und erst der jähzornige Südafrikaner kann uns vom Tisch kicken.
Schulterklopfen, Handgeschüttel und eine Umarmung vom bärtigen Seemann.
Wir tanzen.
Das Blæst! Ja! Wunderbare Musik – alles mögliche von Vaters Magnettonbändern über Grunge bis zu den neusten Indies hat dieser Haus-DJ einfach alles dabei und wir freuen uns, während wir mit den Moneybrother-Bandmitgliedern ein bisschen twisten. Die tummeln sich nämlich zwischen all den bunten Menschen auf der Tanzfläche und lachen immer noch aus vollem Halse.
Der Moneybernd selbst sitzt seelenruhig und mit zufriedenem Lächeln beim Merchandise-Stand und beobachtet die twistende Menge. Er hat den Anzug abgelegt und trägt nun ein weißes Baumwollunterhemd, vermutlich von seinem Großvater.
Nach einer finalen Kickerpartie machen wir uns auf den Weg nach Hause durch das Hafengelände, an den alten Fabrikhallen vorbei, ins Bakklandet mit den bunten Holzhäusern, den Berg hinauf in unsere Betten, die uns schon Meilen vorher rufen.
Unterwegs betreiben wir ein bisschen interkulturelle Kommunikation, ich singe mein liebstes italienisches Lied, Francesco versucht mich zu verstehen und mir zu übersetzen, was ich da überhaupt singe.
Doch der Ohrwurm des Tages bleibt und begleitet mich bis in mein Bett.
Sorry baby, sadly, I gave up, I know
I was out of options with nowhere left to go
I was much to young back then baby, just a kid
And it just seemed I stayed that way no matter what I did
So, let's say it
They're building walls around us now
Oh, say it
They're building walls around us now