Samstag, 31. Oktober 2009

God Jul!

Ja, vielleicht ist es dafür noch etwas zu früh... Aber langsam kriechen die weihnachtlichen Gegenstände zurück in die Schaufenster und ich bin schon sehr gespannt, wie sich ein adventliches Oslo wohl kleiden wird...
In jedem Fall bin ich für die Einführung der Regel, dass man alles haben darf, wo sein Name drauf steht! Ich habe nämlich beim Schlendern durch den Supermarkt festgestellt, dass ich dann nie wieder etwas bezahlen muss!
Es gibt ALLES mit meinem Namen drauf... Jedenfalls wenn es um Süßigkeiten gibt!




Eigentlich ist es doch ganz gut, wenn man Weihnachten heisst!
Und ich werde selbstverständlich Bescheid geben, sowie ich die Online-Petition zur Einführung dieses Gesetzes verfasst habe, damit ich tatkräftige Unterstützung erhalten kann!
Sogar ein ganzes Haus haette ich dann!


Vintersju.

Sitter her på sengekanten. Eg har såte ei stond...

Wann habe ich das letzte Mal gebloggt?
Aiaiai... das ist schon lange her... Nach The Burning Hell faktisk. So geht das nicht weiter, da muss mal wieder was geschehen, schriftlich gesehen. Allerdings halten sich die Ereignisse in relativen Grenzen. Ich konzentriere mich nämlich zur Abwechslung mal ein bißchen auf die Uni. So nebenbei quasi.
Aber es bleibt auch immer noch Zeit für die ein oder andere Zerstreuung...
So gab es beispielsweise zwei muntere, wenn auch sehr verschiedene Samstagskonzerte im Mono.
Bei der ersten Band handelt es sich um "Aurora Plastic Monster". Es ist der zehnte Oktober und ich befinde mich mit Esther und Daniel in den Lokalitäten meines musikalischen Vertrauens. Die Bühne wird erklommen von drei munteren Gestalten, überraschenderweise von zwei weiblichen und einem jungen Mann. Das ist so ein Phänomen, dass ich an mir öfter mal beobachte: Frauen in Bands. Damit tue ich mich schwer. Ich weiß nicht warum, aber am schlimmsten finde ich es, wenn sie singen... Irgendwie sind mir Frauen immer zu "möchtegern" um in mein Bild von vernünftigem Rock´n´Roll zu passen, aber Ausnahmen bestätigen ja die Regeln... und ab und an bin ich durchaus gewillt, mein stures Köpfchen auch mal was einsehen zu lassen. So auch an diesem Abend. Die Band hat drei Instrumente: ein auf Orgel gestimmtes Keyboard, einen dröhnenden E-Bass und das wuchtige Schlagzeug. Eigentlich sind es sogar vier Instrumente, wenn man die Mundharmonika mitzählt, die sich der Schlagzeuger ab und an vor sein Mündchen klemmt. Eine Frau am Bass also und eine am Keyboard... und dann ist es noch nicht mal ein Kontrabass... Und überhaupt sehen die total verrucht aus... Aber dann beginnen sie zu spielen! Mit Schmackes.
Die Frau und ihr Bass sind unglaublich, sie haut in die Saiten als gäbe es kein morgen mehr und auch die anderen beiden legen sich ordentlich ins Zeug, der Gesang wechselt zwischen Bassistin und Schlagzeuger hin und her und das Mono ist so voll, wie ich es noch nie gesehen habe und das samstags gegen sechs. Esther ist das Ganze etwas zu laut und sie stopft sich ein bißchen Papier in die Ohren um das röhrende Monster von Bass wenigstens ein bißchen auf Abstand zu halten, aber eigentlich ist das ein unmögliches Unterfangen.
Auch Daniel ist nicht ganz so begeistert, weil es sich nicht ganz um seine Art von Musik handelt, aber da ich ja nichts gegen bodenständigen, ehrlichen Rock habe, lasse ich mich durchaus von dieser Band begeistern, die die einzige ist, die hier bisher eine Zugabe spielen musste... Leider lohnt es sich nicht einen Link von denen anzugeben, da sie zu den Bands zählen, die leider nur live und nicht auf Platte funktionieren. Aber immerhin besser als gar nichts!
Wir lassen den Abend vorne im Q ausklingen, bevor sich jeder von uns langsam auf den Heimweg macht.
Selbstverständlich kehre ich mit ganz anderer Gesellschaft eine Woche später zu den YumYums zurück. Hierbei handelt es sich um Annas Lieblingsband, deswegen habe ich die vor ihr nicht schlecht gemacht und sie hat sich auch mit denen unterhalten und weil sie alle Platten von denen hat sogar eine CD geschenkt bekommen, aber die Musik von denen ist einfach nicht sehr gut. Das soll auch nicht heißen, dass sie schlecht sind, aber die YumYums haben den Sound einer amerikanischen Highschoolband und zwar durchgängig. Vielleicht kann man sie ganz gut mit sowas wie Blink 182 vergleichen, auf jeden Fall möchten sie bestimmt gerne wie die jungen Green Day klingen. Da aber alle ihre zwanzig Stücke identisch klingen, bleibt das wohl bei diesem Wunsch. Die Texte sind nicht besonders tiefgründig, was zugegebenermaßen auch schwer ist, wenn man alles auf "Baby" reimen muss, aber die Band strahlt trotzdem Sympathie aus. Sie spielen so lange wie noch keine andere Band im Mono davor... Über 1 1/2 Stunden. Und es kommt mir noch ein bißchen länger vor. Aber wer amerikanische Gutelaune-Musik mag und keine zu hohen Ansprüche an Gesang, Texte und Instrumentierung hat, kann bei denen durchaus auch so einige freudige Minuten verleben...
Ich verziehe mich nach dem Konzert jedenfalls schnell mit Andi, dem noch merklich der gestrige Abend in den Knochen steckt. Gott sei Dank weiß er nichts mehr.
Am Abend zuvor feierte Ann-Kristin nämlich ihren Geburtstag mit dem Thema: Bad Taste. Da ich ja insgesamt nicht so viel von schlechtem Geschmack halte, war es schwierig da mitzuhalten, weil sich Ann-Kristin und Gerda echt ins Zeug geworfen haben. Und es sind sogar drei Freunde von ihr als Überraschungsgäste aus Deutschland eingeflogen...
Aber irgendwie war die Party merkwürdig. Ich bin kein Partymensch. Das wird mir mit jeder dieser teilweise recht gezwungenen Veranstaltungen deutlich. Aber was soll ich sagen... es war ja darauf ausgelegt, dass Musik und Kleidung schlecht sein sollen, also darf ich mich wohl nicht beschweren, denn immerhin hab ich was zu essen gekriegt und den anderen beim heillosen Betrinken zugeguckt. Das ist ein Unterhaltungsfaktor, den man auf keinen Fall unterschätzen darf!

Vintersju.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

There's always an imbalance, I mean, ideologically

Trondheim, 17. Oktober, ZAHL

Warum sollte man nicht unbedingt mit Italienern zu Veranstaltungen gehen, die einen festen Startzeitpunkt haben? Damit man nicht den Anfang verpasst! Aber Francesco ist nun mal beste Gesellschaft für Konzerte und macht sogar vorher noch seine unangefochtene Pasta.
Beim Essen lerne ich Anja und Karolina aus Polen kennen, die beim Pub Crawl vor einigen Wochen den zweiten Platz gemacht haben. Anja berichtet ganz stolz, dass sie besonders beim Shots-trinken ganz viele Pluspunkte bekommen hat!
„Ja, sure, you are Polish, so it’s no wonder!”
“What do you mean? Do you think I STOLE MY POINTS???”
“No, no! Because of your good polish Vodka!”
Parka an, Schal um, Haare richten, los geht’s! Nein, Francesco hat noch was vergessen: seine pinke Haarspange?
„It’s my anti-stress! I know, it’s very feminine...”
Die Haarspange auf- und zuklickend läuft er voran und wir nehmen den Bus in die Stadt, andernfalls bräuchten wir gar nicht mehr losgehen.
Als wir ankommen winkt uns der Türsteher rein und rät uns zur Hast, denn es hat tatsächlich schon angefangen. Aha! Einfach zu spät kommen, dann fragt keiner mehr nach „Legitimasjon?“
Das Blæst ist ein uriger Rockclub mit 70er-jahretapeten, roten Tweetsesseln UND: den einzigen vernünftigen Kickertisch, den ich bisher in Norwegen getroffen haben!
Im Konzertraum empfängt uns Anna, ganz aufgeregt, aber wir haben nur zwei Lieder verpasst. Wir haben eine hervorragende Sicht, denn die Bühne ist an der Seite auf und wir können perfekt quer sehen.

Der Moneybrother und seine Jungs haben unglaublich gute Laune. Sie wirbeln alle zusammen über die Bühne, selbst der Schlagzeuger, der Pianist und der Organist, hinter ihren Instrumenten gefesselt, sehen so aus, als würden sie gleich abheben. Ein Skeptiker würde behaupten, es handle sich hier um eine ordentliche Dosis Gute-Laune-Drogen, doch diese wurde den Herren wohl nicht in Tabletten oder Pulverform verabreicht, sondern tatsächlich ist es die Droge Musik, die hier im Blæst für Adrenalin- und Glücksschube sorgt.
Einziger Nachteil für uns: der Schwede benutzt aufgrund der Sprachverwandtschaft zum Norwegischen seine Muttersprache, die wir zuweilen gar nicht, in einigen Momenten bruchstückenweise verstehen. So ist auch sein Programm gemixt, zwischen all den englischen Klassikern tauchen auch einige Schwedische Stücke auf, die unglaublichen Spaß machen.





Das Publikum ist von der guten Laune herrlich angesteckt. Sie tanzen, reißen die Arme in die Luft und lachen unentwegt.
Moneybrother bleibt fast das ganze Konzert über seiner akustische Ibanez treu, wechselt nur in einem Lied zu einer E-Gitarre, auf der er ein wenig hilflos daher schrammelt, er ist nun mal der Akustiker. Für den elektrischen Sound sind sein sich epileptisch bewegender Bassist und ein kauziger Gitarrist zuständig. Der Schlagzeuger ist zum Ausgleich für den Rest der Band in eine blaue Melancholie getaucht, die ihn trotzdem schweben lässt.
Ein Lied übertrifft das andere, von „6am“ über „Blow him Back“, „Pressure“, „We Die only Once“ bis zu „Showdown“ und anderen Raketen schließt der in Deutschland liebevoll zu „Moneybernd“ umgetaufte Schwede mit einer Granate ab. „Guess Who’s gonna get“ geht nahtlos über in „They’re building walls around us“ und bringt sowohl Musiker als auch Publikum in eine undenkbare Extase.
Verschwitzt und überglücklich kommt er zu zwei Zugaben wieder, die nicht weniger energiegeladen sind.
Nachdem die Lichter und die Dudelmusik wieder angehen fühlen wir uns wie nach einem Feuerwerk oder einer bunten Schlacht, irgendetwas ritterlich-heroisches jedenfalls.





Francesco und ich erobern den Kickertisch.
Die italienischen Regeln weichen sehr von den deutschen ab, die wiederum von den norwegischen abweichen. Wir versuchen einen Mittelweg zu finden, doch die Verwirrung ist zunächst groß. Trotzdem bleiben wir für einige Zeit Platzhirsche.
Anders als in Deutschland wird man hier für seine Taten während des Spiels und hinterher sehr beglückwünscht, auch von den Gegnern. Das spornt nur noch mehr an und wir fegen die Jungs vom Platz.
Das tut so gut.
Wie ich das vermisst habe – Kickern.

Es kommen immer mehr Leute vorbei und fordern uns heraus. Einige Gesichter vom letzten Mal tauchen auch wieder auf, wie zum Beispiel der Maulwurf, ein kleiner, dicker pelziger Mann mit Brille; einer der Barkeeper der hier im Blæst sowas wie der Klassenschwarm ist und einige Herausforderer der letzten Woche.
Zu wissen, wer die nächsten Gegner sein könnten, stachelt uns noch mehr an und erst der jähzornige Südafrikaner kann uns vom Tisch kicken.
Schulterklopfen, Handgeschüttel und eine Umarmung vom bärtigen Seemann.
Wir tanzen.
Das Blæst! Ja! Wunderbare Musik – alles mögliche von Vaters Magnettonbändern über Grunge bis zu den neusten Indies hat dieser Haus-DJ einfach alles dabei und wir freuen uns, während wir mit den Moneybrother-Bandmitgliedern ein bisschen twisten. Die tummeln sich nämlich zwischen all den bunten Menschen auf der Tanzfläche und lachen immer noch aus vollem Halse.
Der Moneybernd selbst sitzt seelenruhig und mit zufriedenem Lächeln beim Merchandise-Stand und beobachtet die twistende Menge. Er hat den Anzug abgelegt und trägt nun ein weißes Baumwollunterhemd, vermutlich von seinem Großvater.
Nach einer finalen Kickerpartie machen wir uns auf den Weg nach Hause durch das Hafengelände, an den alten Fabrikhallen vorbei, ins Bakklandet mit den bunten Holzhäusern, den Berg hinauf in unsere Betten, die uns schon Meilen vorher rufen.
Unterwegs betreiben wir ein bisschen interkulturelle Kommunikation, ich singe mein liebstes italienisches Lied, Francesco versucht mich zu verstehen und mir zu übersetzen, was ich da überhaupt singe.
Doch der Ohrwurm des Tages bleibt und begleitet mich bis in mein Bett.

Sorry baby, sadly, I gave up, I know
I was out of options with nowhere left to go
I was much to young back then baby, just a kid
And it just seemed I stayed that way no matter what I did

So, let's say it
They're building walls around us now
Oh, say it
They're building walls around us now

And every forest sings a song // The wind's been humming on it all day

Trondheim, 15. Oktober, ZAHL


First Aid Kit, zwei Mädchen aus Schweden mit verträumtem Blick, hübschen Kindsgesichtern und umrahmenden Frisuren. Sie stehen in einem Nebeldunst auf der kleinen Bühne im Klubben des Samfundet zusammen mit einem Keybord-Xylophon-Etwas und einer Gitarre, die sich ab und zu, wie auf magische Art und Weise, in eine Mandoline verwandelt.
Zu hören bekommen wir seichte Vorabendmusik, die weibliche Form von Simon & Garfunkel nur noch jünger, unschuldiger, unberührter.




Der Klubben ist so voll, dass wir hinter dem Tresen stehen müssen, weil man sonst nicht mehr treten kann. Alles ist ganz schön mit warmem Licht, Seifenblasen und dem zweistimmigen Engelsgesang der beiden Mädchen. Sie wirken eher wie mitten in der Menge, als erhaben auf der Bühne, denn wenn sie sich versingen oder verspielen, besonders häufig bei ihrem Versuch, die Fleet Foxes zu covern, lachen sie ein glockenhelles verhaltenes Mädchenlachen und machen unbeirrt weiter. Zur Zugabe folgen sie dann ihrem Instinkt, lösen ihre Kabel und steigen in die Menge. Wir bilden einen Kreis um sie herum und sie stehen zwischen uns allen ihr letztes Lied.
Es ist noch früh am Abend, Zeit ins Bett zu gehen für junge Mädchen, doch wir wollen nochmal sehen, was es mit der 50er Jahre Party auf sich hat. Es ist keine Party, sondern ein Casinoabend. Zwei, drei Paare tanzen tatsächlich einen Twist zu der dudeligen Radiomusik, aber generell steht man hier stocksteif im Anzug hinter den Tischen und verzockt das Wocheneinkommen.





Francesco lässt es sich nicht nehmen und steigt bei Black Jack ein.
Wäre noch Platz am Tisch gewesen, hätte ich mich glatt dazugesellt, denn der Dealer ist so schlecht, dass man ihn immer wieder übertrumpft. Bzw er sich selbst immer weit übers Ziel hinaus jagt. Hier ist es also einfach, Gewinn zu machen.
Kartenzählen ist hier jedoch nicht möglich (nicht, dass ich dazu in der Lage wäre), da der Dealer mit 6 Decks spielt und sie alle immer wieder neu vermischt.
Irgendwann hab ich genug gesehen und nehme den letzten Bus nach Hause. Ja, tatsächlich, ich gönne mir einen Bus, denn draußen ist es plötzlich unvorstellbar kalt geworden und der Regen lässt einen keine 50 Meter weit gucken.

Det står en hanhund på kjøkken, han står på tå hev

Trondheim, Oktober, ZAHL


Mitten auf der Straße steht der schwarze Hund. Er sieht in die Ferne, als wittere er irgendetwas Verheißungsvolles.
Er ist glänzend schwarz und groß.
Und steht mitten auf der Straße.
An einem kalten Tag, Ende Oktober. Niemand ist unterwegs, nur ein paar Kinder spielen im Garten, ansonsten ist es still, windstill.
Das trockene verblichene Laub liegt reglos am Wegrand.
Der schwarze Hund blickt mich an, als wäre es ganz normal, dass ich jetzt gerade hier in diesem Moment seinen Weg kreuze. Er steht still und bedächtig. Keine Spannung in seinen starken langen Beinen, keine gespitzten Ohren.
Als hätte er auf mich gewartet.
Als ich mit der Zunge schnalze, um ihn zu mir zu rufen, trottet er langsam los, mit gesenktem Kopf.
Die Kinder krakeelen im Garten, er wendet noch einmal kurz den Kopf, um nach ihnen zu sehen.
Dann setzt er sich vor meinen Füßen auf den kalten Asphalt.
Der Himmel ist blau über Trondheim. Eisblau. Die Flächen der kleinen Pfützen in den Schlaglöchern sind mit einer seichten Eisschicht überzogen. Wenn man sie nur ganz leicht berührt, knacken sie und bilden kleine, herumtollende Kristalle auf dem schmutzigen Wasser.
Der Hund sieht mich an, als wisse er alles, was sich in meinem Kopf stapelt.
Sein wissender Blick ruht in meinem Gesicht und ihn umgibt ein Seufzen, dass er aber nicht ausstößt, denn Hunde seufzen nicht. Ich berühre seine kalte Nase und lasse ihn erstmal Vertrauen zu meinem Geruch annehmen, bevor ich meine Finger in seinen schwarzen Locken festkralle. Er stupst seine Nase an mein Knie und nun höre ich doch ein Seufzen, ein Seufzen des Wohlwollens, denn er mag es, dass jemand so in sein Fell greift.
Er blickt kurz an mir vorbei die Straße hinab, dann heftet sich sein Blick wieder an meinen.
Die Kinder in dem Garten juchzen auf und er erinnert sich seines Auftrags, über sie zu wachen und erhebt sich bedächtig, trottet auf die Einfahrt zu. Ich blicke mich nochmal zu ihm um, er blickt sich nochmal zu mir um und beide verschwinden wir auf unseren eigentlichen Wegen, als wären wir uns nie begegnet.

Another day in the park - A man playing his guitar - And singing for us all

Trondheim, 10.-12. Oktober, ZAHL

Ein weiterer Besucher wohnt in meiner Kammer dieser Tage: Sien aus Molde ist zu Besuch, um der Dunkelheit ihrer Stadt zu entfliehen.
Wir beginnen den Tag nach dem fulminanten Musikspektakel mit Bratäpfeln zum Frühstück, nachdem wir das Herbstpaket meiner Eltern von der Post geholt haben.
Ach Frederik hat Lust auf Frühstück und so schmieden wir Pläne für diesen unglaublich gold-blauen Herbsttag.









Ich will irgendwohin, wo ich noch nie war, aber Lade, der Strand Trondheims, ist zu weit weg, um dort hin zu laufen und unser Frühstück hat sich schon bis in den Nachmittag gezogen. Also will Frederik uns den alternativen Teil der Stadt zeigen – hinter dem Blaest warten Second Hand Shops, Flohmärkte, besetzte Häuser, wilde Gärten und orientalische Läden auf uns. Hier stehen alte verrottete VW-Busse in den Hinterhöfen, die Wäsche hängt zwischen den Häusern und es riecht nach Gewürzen, Motoröl und feuchtem Stoff.
In der Ferne ragt die Brauerei in den strahlenden Herbsthimmel und auf der anderen Straßenseite stecken Fabrikschornsteine ihre Nase in die Luft.

Es wird schon dunkel, deswegen wagen wir uns nicht zu weit vor, sondern schlendern noch ein bisschen über das Hafengelände, bis Frederik sich verabschiedet und die fußlahme Sien mit dem Bus nach Hause fahren will.
Wir lassen dieses Wochenende einfach so an uns vorbeiziehen und schweben eher schlafend nebenher. Der sonntäglichste Sonntag aller Zeiten wird erst nachmittags begonnen mit einem Akustikkonzert in dem alten Antiquariat unten im Hinterland der Altstadt. Der Musiker ist ein alter heruntergekommener Halunke, der vor einiger Zeit hier schon mal aufgetreten ist. Alle haben uns empfohlen, ihn anzusehen, weil er wohl der bisher beste Nachmittagskünstler im Bybroen Antikvariat war. Sien und ich machen uns dicke leckere Waffeln und lassen uns zwischen all den alten Schinken in bequemen Sesseln nieder. Die Federn knarzen unter unseren Hintern und der Herr stimmt nochmal seine Gitarre, bevor er anfängt zu spielen.



Mir ist er ein bisschen zu traurig. An sich wäre es perfekt, aber draußen ist so ein sonderbarer Tag und Sien ist ohnehin zu traurig dieser Tage, da hätten wir ein bisschen Aufmunterung gebraucht. Die machen wir uns selber, in dem wir uns heiße Schokolade aus dem Café Dromedar holen und entlang des Flusses über die Marinen bis hin zur Øya laufen. Es ist still in der Stadt. Nur um das Samfundet herum herrscht reges Treiben, denn die UKA ist in vollem Gang, der Rest der Stadt ist wie ausgestorben an diesem Sonntagabend.







Ich muss früh los zur Uni, während Sien sich auf dem Weg macht zum Vorspiel. Morgens um 10. Dank der UKA haben wir hier nämlich auch ein Oktoberfest, was jedoch nur einen Tag andauert und intelligenterweise auf einen Montag gelegt wurde. Gut, dass ich zur Uni muss und dass es auch schon ausverkauft war, als ich davon erfuhr. So muss ich mich nicht rechtfertigen, nicht hinzugehen. Ich lerne derweil lieber ganz viel neuen Kram, und werde mir am Abend den Spaß mal genauer ansehen. Nach 10 Stunden unentwegtem Trinken treffen sich nämlich alle zum Nachspiel in dem norwegischen Haus unterm Dachboden.

Erschreckenderweise haben sich alle sehr deutsch angezogen, mit Hosenträgern und Hut. Auf einem Foto entdecke ich Eva im Dirndl und bin um ein weiteres Mal froh, nicht dabeigewesen zu sein. Andererseits macht es Spaß, den Leuten, die nicht mehr ganz bei sich sind, zuzusehen.
Ich laufe mit Björn, Francesco und Jean-Bap nach Hause. Francesco freut sich über die Sachen, die er immer so finden, ob nun die 600 Kronen auf dem Fußboden des Samfundet oder allerlei Spielzeug am Straßenrand.

Sorge bereitet mir nur Sien, die spurlos verschwunden ist und meinen Schlüssel dabei hat. Irgendwie bekomm ich sie aber doch noch nach Hause, sehr aufgelöst von Alkohol und Männergeschichten. Wir philosophieren noch über das ein oder andere, bis mir wieder einfällt, dass ich in nur 5 Stunden die norwegische Geschichte studieren soll und bekomme Sien mit Mühe dazu, endlich zu schlafen und mal alles zu vergessen.