Mittwoch, 28. Oktober 2009

Sweep slides on my stereo - Short wave 'round my rodeo

Trondheim, 09. Oktober, ZAHL



In dem Tal zwischen dem monströsen Hauptgebäude der technischen Universität und den schicken alten Holzhäusern wurde ein riesiges Konzertzelt aufgebaut mit der geschätzten Größe der Leipziger Arena. Dieser Platz trägt während der UKA den Titel „Dødens Dal“ – das Todestal oder für die Horrorfilmliebhaber unter euch: „The Dead Valley“.



An diesem Abend, der schon nachtschwarz ist, liegt ein Glimmern in der Luft, wie es wohl jeden Abend der UKA ist, nur bin ich jetzt das erste Mal dabei.
Wir laufen nur im Pullover die Straße hinunter, denn Stine und Frederik, bei denen wir unser Aufwärm-Cider getrunken haben, wohnen nur einen Katzensprung vom Dødens Dal entfernt.
In den Schlangen vor den Einlasser treffen wir viele aufgeregte Menschen; der Platz vor dem riesigsten Zelt, das ich je gesehen habe, ist von all den Füßen matschig getrampelt und rutschig. Der Platz ist mit grellen Scheinwerfen erhellt und lässt die Nacht lebendig werden und voller Erwartungen füllen.
An die Bands heute Abend habe ich so gut wie keine dieser Erwartungen.
Franz Ferdinand haben ein großartiges erstes Album gemacht, dem ich als junge Musikexpresserin total erlegen bin. Das zweite habe ich nur bruchstückchenhaft mitbekommen und auch nur teilweise für gut gefunden. Anfang dieses Jahres schenkte mir dann der Musikexpress ein weiteres Mal neue Musik von den Briten und ich war geschockt und leckte die 7 inch Platte schnell zu Seite. Ich wollte also erst gar nicht zu diesem Konzert gehen, in der Annahme, dass ja alle generell nur ihre neuesten Produkte zum Besten geben und altes eher außen vor lassen.
Dann sagten die norwegischen Elektrorocker Datarock als Vorband zu. Jetzt würde ich also zwei Bands für einen Preis sehen. Da sieht das Ganze ja schon mal anders aus.
Datarock würde ich jetzt auch nicht unbedingt zu meinen Favoriten zählen, die man live gesehen haben muss. Sie haben nicht so richtig Schmackes in ihren Gitarren und sind mehr elektrisch als rockig. Sie haben einige Lieder, die mir ganz gut gefallen, witzig, mit Beat und eingängiger Melodie. Nagut. Zwei für eins ist völlig in Ordnung.
Meine Erwartungen, die ich ja nur hinsichtlich einer guten Stimmung im Publikum hatte, sollte maßlos übertroffen werden.
Dødens Dal war zum Erbrechen voll. Datarock betraten in roten Trainingsanzügen die Bühne und legten eine unglaubliche Show hin, die nur so strotzte von dicken Bässen, verzerrten Gitarren und Riffs. Natürlich kamen auch ihre Beats und ihre Synthies nicht zu kurz und alles in allem wurde es ein herausragendes Spektakel. Die Menschen um mich herum lachten alle aus vollem hals und sangen mit und sprangen auf und ab. Die Jungs von Datarock haben alle angezündet mit einer wirklich gewaltigen Mischung aus lustigem Rock und hochwertigem Elektro. Ich wundere mich, dass dieses Konzert nur so kurz war. Es ist wirklich erschreckend schnell vorbei und ich sehe mich irritiert um. Einige rufen nach Zugaben, aber niemand kommt zurück. Achja! Das war ja nur die Vorband! Stimmt!
Es kommen immer mehr Leute vor den ersten Wellenbrecher und wir fragen uns, während wir nach Atem ringen und uns zwischen dicken, schwitzenden und kantigen, parfümierten Menschen zerquetschen lassen, ob die Security da so schlau gehandelt hat.

Die Enge erinnert mich an mein Musekonzert in Hamburg.
Dämonisch betreten die vier hageren Briten die Bühne und das Gedränge geht los. Man wird hin- und hergeschoben und kann sich gar nicht recht auf das Konzert konzentrieren, weil man zu sehr damit beschäftigt ist, nicht von der Menge zermalmt zu werden. Jedenfalls entdecke ich so, dass ungefähr das halbe Moholt und zwei Drittel des Sprachkurses hier sind. Trotzdem: ich will was hören! Und was sehen! Also steht jetzt endlich still!
Wir bahnen uns einen Weg an den Rand, genau wie damals bei Muse habe ich es anderthalb Lieder vorne ausgehalten und suche nun den Platz mit der besten Sicht in den ruhigeren Gefilden des Zeltes. Auch mit genug Platz zum Tanzen, ohne andere Menschen zu verletzen.
Sie überraschen mich unglaublich. Die Lieder vom neuen Album in ihrem technoiden gewand wirken live wie Symphonien und tragen einen ein paar Zentimeter über dem Boden. Die Lichtshow trägt zu einem überirdischen Effekt bei und die Jungs sind mit einer Innbrunst bei der Sache, dass sie wie in eine riesige Seifenblase gehüllt wirken.
Vom zweiten Album kommen tatsächlich nur die Lieder, die ich auch wirklich gern mochte.
Und um das ganze auf die Spitze zu treiben: außer „Jaqueline“, „Auf Achse“ und „Come on home“ spielen sie wirklich alles von ihrem ersten Album.
Nur ein Lied fehlt mir noch…“Darts of Pleasure“. Sie verziehen sich nach einem fulminanten Schlagzeugsolo, bei dem sie zu viert auf allerlei Percussion herumgeklopft haben in die hintersten Winkel des Zeltes und die Menge kocht nicht mehr, ist nicht mehr explodierend laut und in halsbrecherischer Extase – nein, sie sind alle ganz selig und wie mit Glitzer überzogen und klatschen die Jungs zu einer Zugabe herbei.
Jetzt will ich aber „Darts of Pleasure“ hören. Kaum ausgesprochen erklingen die ersten Töne des Liedes und mit einem breiten Grinsen ergebe ich mich dem Beat.
„Lucid Dreams“, der wirklich allerletzte Song nach einer unglaublichen Zugabe wird zu einem Happening, was sich über mehrere Minuten hinzieht. Alex singt schon längst nicht mehr sondern fabriziert sphärische Klänge auf einem unidentifizierten Instrument. Nicholas bringt seine Syntheziser zum Äußersten und Paul und Robert halten den Beat am Leben. Irgendwann verschwinden Alex und Nicholas und hinterlassen ein Meer aus Melodien und Tönen, dann legt Robert den Bass zur Seite, winkt uns zu und folgt den beiden. Das Schlagzeug begleitet die kleine Symphonie noch ein Weilchen, dann wabert sie einige Sekunden alleine über die Köpfe der Menschen, Paul legt die Sticks beiseite, bedankt sich und verschwindet im Nebel.
Ein unglaublicher Jubel bricht los, alle scheinen aus der Trance erwacht und stürmen nun wieder los. Sie wollen die Energie zurückgeben, die sie soeben im Überschuss erhalten haben, aber es ist niemand mehr da, der sie erdet. Also stürmen sie nach draußen, um die Kraft in den Nachtwind zu schießen.
Zur Erholung treffen wir uns alle auf ein weiteres Bier im Dachgeschoss der Norweger wieder. Die beiden verdächtig ähnlich aussehenden Jungs an Stines Seite sind auch wieder da, die sich dann als ihre beiden jüngeren Zwillingsbrüder entpuppen.
Alle sind müde und wollen trotzdem noch irgendwo hingehen; der Abend kann hier noch nicht vorbei sein.








Frederik erzählt und von dem besten Döner dieser Stadt, den wir uns holen könnten und dann weitersehen, was wo passiert.
Wir sind dafür und laufen runter in das Tal, in der die Stadt in ihrem Abendgewand liegt, bereit zum Ausgehen. Anastasia, übrigens Schülerin in einem meiner Deutschkurse, läuft die Straße hinab, getrieben von Hunger und Tatendrang.
Wir stehen mit den Resten unserer Riesendöner vor dem Blæst.
Drinnen spielt eine Cover Band Britpop und ist sogar erstaunlich gut. Wir kommen rein, ohne zu bezahlen, ohne Legitimasjon. Und erobern den Kickertisch!


Ich habe gefühlte Jahre nicht gekickert. Die Spiele werden untermalt von großartiger Musik, um uns herum wuseln Menschen, wie sie ins Mono gehören, aber nun hier sind.
Das Blæst entpuppt sich als großartig und ich will gar nicht so richtig gehen, bis das Licht angeht und die Musik leiser wird, alle ihre Sachen zusammen sammeln und wir uns auf den Heimweg begeben – zu Fuß versteht sich, den langen Weg nach Moholt, voll gepumpt mit Adrenalin, Endorphin und guter Musik.

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