Montag, 14. Dezember 2009

Oh, how we danced and we swallowed the night, for it was all ripe for dreaming...

Gratulerer med dagen, Mr. Waits.
Am 7. Dezember ist der gute Tom Waits 60 Jahre alt geworden. Und weil Norwegen tatsächlich das einzige Land ist, in dem er mit seiner Musik mal auf einem ersten Platz der Charts gelandet ist, muss es hier auch eine anständige Feier geben. Die Norweger mögen Tom Waits.
Das Rockefeller hat eine großartige Gratulantenliste zusammengestellt, die vor ausverkauftem Publikum ihre Lieblingslieder des musikalischen Vorbilds darbringen sollen. 33,3 Lieder aufgeteilt auf 76 Künstler machen ein circa dreistündiges Konzerterlebnis der Extraklasse aus.

Am Abend zuvor fand ich mich noch zusammen mit Zahl und Anna in der Wohnung von Solveig wieder. Ich hatte mir eine Pause vom Lernfluß genommen und mich mit den Dreien in der Stadt getroffen. Eigentlich war geplant einen Weihnachtsmarkt anzusteuern, aber gefunden haben wir nur den üblichen sonntäglichen Flohmarkt in Birkelunden. Der einzige Weihnachtsmarkt in Grünerlökka bleibt wohl wirklich der im Blaa. Danach kauften wir noch herrlich tierische Mützen im Markveien, die Zahl nun in einen flinken Waschbären verwandeln und in Form einer Eule ein kleines Geschenk für Sveen darstellen. Dunkel und kalt war es und deswegen zogen wir uns ins Cafe Sör zurück. Dort konnten wir eine heiße Schokolade genießen und ich konnte mal wieder unter Beweis stellen, dass Mensch-Ärger-Dich-Nicht nicht mein Spiel ist. Während die anderen drei sich Gedanken über die weitere Abendplanung machen, kribbelt es mir wegen der bevorstehenden Prüfungen im Bauch. Ich nehme sowas immer zu Ernst, aber was soll´s. An mir ist eben ein kleiner Streber verloren gegangen. Oder wie mein Bruder in seiner innovativen Jugendsprache sagen würde: Ich bin ein Strammlord. Er ist zwar nur 7 Jahre jünger, aber wenn das so weitergeht, verstehe ich in einem halben Jahr kein Wort mehr von dem, was er erzählt...
Aber zurück zum eigentlichen Thema! Ich wurde auf jeden Fall auch noch dazu eingeladen zum Abendessen mit zu Solveig zu kommen. Und so wurde der Abend immer länger und besser. Nicht nur durch das Essen! Nein, Solveigs Mitbewohner, seines Zeichens großer Akte X Fan erzählte uns von einer Folge aus der zweiten Staffel, die in Norwegen spielt!
Da konnte ich mich selbstverständlich nicht zurück halten... Die musste angeguckt werden! Und während wir wohl eher weniger erfolgreich versuchten Zahl eine kurze Einführung in die Figuren- und Handlungskonstellation der X-Akten zu geben, entwickelte sich der eher lahme Handlungsstrang. Aber auch wenn die Folge eher öde war, die Schauspieler sprachen Norwegisch! Oder zumindest etwas, dass sie dafür hielten... Denn sowohl Solveig als auch Peter, die beide Muttersprachler sind, konnten nur schwer verstehen, was die Leute da von sich gaben. Letztendlich halfen nur die Untertitel! Allerdings muss man zugeben, dass das Prinzip die Charaktere einfach nach Städten zu benennen schon ziemlich kreativ war. "Trondheim. Henry Trondheim is the name." Wenn das keine Vorstellung ist?! James Bond kann einpacken.
Während Anna und Zahl sich noch dafür entschieden dem Blaa und somit dem Frank Znort Quartett einen Besuch abzustatten, verabschiedete ich mich bis zum morgigen Abend und dem damit verbundenen Tom Waits Tribut Konzert.
Also mache ich mich am nächsten Abend auf nach Sogn um Martin abzuholen. Ich sehe ihn durch die Scheibe des Remas und bin mir sicher, dass er sich noch schnell ein Bierchen oder zwei für den Abend holt und staune deswegen nicht schlecht, als er mir mit zwei Bananen und einem Päckchen Saft entgegen kommt. Irgendwie sind wir mit allem viel schneller, als wir uns das vorher überlegt hatten und deswegen schon zwanzig Minuten vor Einlass am Rockefeller.
Selbstverständlich kommt es in der Wartezeit auch noch zu einer kurzen Diskussion über die Qualität des zweiten Akte-X Spielfilms... Aber darauf gehe ich an dieser Stelle lieber nicht ein, denn ich habe meine Standpunkt höchstwahrscheinlich schon viel zu oft deutlich gemacht...
Die Warteschlange wird immer und immer länger und wir sind auf einmal gar nicht mehr verärgert darüber, dass wir eine Weile im Regen stehen müssen, denn offensichtlich ist das eine ganz gute Idee gewesen hier schon so früh zu sein.
Und Gott sei Dank finden uns auch Anna und Zahl recht schnell. So können wir gemeinsam hineingehen und schon beim Jacken Abgeben darüber freuen, dass der gute Christer Knutsen (auch bekannt als der Knutsen Christer oder aber neuerdings Chnister Krutsen) an uns vorbeihuscht. Wird auch höchste Zeit, immerhin soll das Konzert ja pünktlich anfangen! Eine Weile beobachten wir von der Galerie aus wie sich das Rockefeller langsam füllt. Doch dann entschließen wir uns im Erdgeschoss gute Plätze einzunehmen...
Und um Punkt 9 betritt ein älterer Herr die Bühne, der in einer kleinen Rede kurz das Konzept des Abends erklärt. Und dann geht es auch schon los...!
Es ist ziemlich schwierig genauer zu beschreiben, was da so vor sich ging, da es ein wilder Wechsel aus Liedern und Künstlern war, ich kann nur sagen, dass es unglaublichen Spaß gemacht hat!
Und es hat so einige gute Überraschungen geborgen! Letztendlich war die Tatsache, dass Kaizers Orchestra auch ein Lied beigetragen haben, nur ein Bonus. Mit oder ohne sie wäre es ein fantastischer Abend gewesen.
Besonders hervorzuheben sind meiner Meinung nach Blow.

Die durften im Gegensatz zu den meisten anderen, die sich mit einem oder zwei Titeln begnügen mussten, auch fünf, sechs Lieder spielen! Teilweise mit Gästen, aber Meinung nach immer am Besten, wenn sie alleine waren... Auffällig ist (verständlicherweise) die große Liebe der Norweger zum Album "Rain Dogs".
Der oben bereits erwähnte Knutsen Christer sha-la-lat eine ganz wunderbare Version vom Jersey Girl ins Mikrofon und mein ganz persönliches Highlight des Abends ist Micke from Sweden. Auf ein Lied kann ich mich dabei gar nicht festlegen, egal ob er begleitet oder selber singt, er macht mir wiederholt Gänsehaut... Mit Stimme und Piano - das ist aber auch eine unschlagbare Kombination.

Und zu den Herren Kaizer möchte ich selbstverständlich auch noch ein paar Worte verlieren... Die spielten passenderweise zum Fässergebrauch "Goin´ Out West". Während Helge also mit einem circa zwei Meter langem Stock kontinuierlich auf ein Fass eindrosch und das ein wenig so aussah, als müsste man sich um Terjes Beine Sorgen machen, beeindruckten mich besonders die Gitarren! Das war mal ein sehr frischer Soundwind und eine nette Abwechslung. Auch der Gesang war besser, als ich erwartet hätte, aber irgendwie ist das schon komisch, wenn der Janove auf Englisch und nicht auf Norwegisch singt...


Leider konnten Martin, Saskia, die auch noch zu uns stieß und ich nicht ganz bis zum Schluss des Abends bleiben, da die letzten Möglichkeiten für uns nach Hause zu kommen schon um 00.25 Uhr fuhren... aber selbst wenn mir die letzten 3 1/3 Songs fehlen, muss ich sagen, dass ich für mein Eintrittsgeld so viele tolle Sachen gesehen habe und direkt auch noch mein Interesse für weitere norwegische Bands geweckt wurde. Eine davon ist Lady Moscow, von der hier auch noch zu lesen sein wird. Eine andere ist Ping, die an einem Tom Waits Abend "Like A Virgin" von Madonna coverten - Tom Waits Style versteht sich und das war so gut, dass sich ein Link zu dem Spaß hinter der Überschrift verbirgt.
Und nicht mal meine Prüfung am folgenden Tag litt unter den Ausschweifungen. Sie wurde dadurch höchstens angespornt.
(Die Bilder sind übrigens alle von Anna.)

Vintersju.

Samstag, 12. Dezember 2009

Død Snø!

Jaja... es ist also Mitte Dezember und ich warte immer noch auf den Schnee in Oslo, der mal ein bißchen länger liegen bleibt, als nur eine Nacht und sich dann am nächsten Tag in Matsch auflöst...
Um mein Schneebedürfnis zu stillen, habe ich mir gestern den norwegischen Horrorfilm Død Snø angesehen, der wie ich finde, äußerst erwähnenswert ist.
Hier eine kurze Handlungszusammenfassung: 7 Medizinstudenten, drei Damen und vier Herren, fahren in ihren Osterferien in die Berge. Ihre Autos müssen sie parken und die letzte Strecke bis zur Hütte etwa eine Stunde lang wandern. Alle haben Spaß im Schnee und sind ausgelassen und fröhlich. Doch dann klopft ein merkwürdiger alter Einheimischer an ihre Tür und erklärt ihnen, dass sie hier verschwinden sollten, denn im 2. Weltkrieg hat sich die 3000 Einwohner starke Stadt unten am Fjord gegen die deutschen Besetzer, die sie Jahre lang gequält haben, gewehrt und die Männer in die Berge vertrieben. Deswegen lauere hier jetzt das Böse und sie sollten es lieber nicht wecken. Zynisch wie Studenten meist sind, ist den fröhlichen Norwegern das egal. Nur einer von ihnen macht sich mit dem einzigen Schneemobil, das sie haben auf um die vierte Dame zu suchen, die eigentlich schon zu ihnen hätte stoßen sollen, aber noch nicht aufgetaucht ist. Selbstverständlich ist er der einzige, der den Weg zu den Autos zurück kennt... Und so begibt es sich, dass Zombiesoldaten aus dem Zweiten Weltkrieg den jungen Menschen nach dem Leben trachten.
An dieser Stelle eines der zwei herrlichen Filmplakate:

Zugegebenermaßen hielt ich die Handlung für echt bescheuert. Aber andererseits ist die Handlung bei den meisten Horrorfilmen nicht gerade oscarverdächtig und manchmal sind die wirklich schlechten Horrorfilme dann auch wiederum die besten!
Doch Død Snø ist abgesehen von der merkwürdigen Erklärung, warum es Nazi-Zombies in den norwegischen Bergen gibt, wirklich gut! Nicht, dass er einem tatsächlich Angst einjagen würde, aber der Film hat für so ein eher abgedroschenes und klischeebeladenes Genre wirklich enorm gute und erfrischende Ideen... Und er ist richtig schön eklig. Da wird aber auch alles gezeigt. Menschen mit empfindlichem Magen (hehehe) zu Liebe, werde ich nur ein Beispiel anfügen: Auf der Suche nach der verschwundenen Sara, findet Vegard (der Herr mit dem Schneemobil) die Nazihöhle und wird direkt von zwei Zombie attakiert. Den einen macht er ganz gut fertig und spießt schließlich auch den zweiten erfolgreich an einem Bäumchen auf. Allerdings rappelt sich der andere wieder auf und reißt Vegard mit sich in den Abgrund. Dieser kann sich nur dadurch retten, dass er sich an einem Stück Darm festhält, das dem aufgespießten anderen Zombie aus dem Bauch quoll.

Und in all dem Blut, das auf dem weißen Schnee auch einfach mal richtig gut aussieht, kommt auch der Humor nicht zu kurz. Dieser ist nur durch das Wort staubtrocken zu beschreiben. Für alle Leute, die Spaß am Gruseln haben und keine Angst vor Menschen, die auseinandergerissen werden (Ups... noch ein Beispiel!), ist dieser Film wirklich empfehlenswert!
Ich persönlich werde ihn selbstfölgelich nicht als Spaß, sondern als Übung zum Hör-Verstehen verbuchen! Das ist ja klar...

Vintersju.

Und im Übrigen stehe ich jetzt regelmäßig im Wald. Denn dort, wo man sonst aus dem Bjerke-Turm den Hintereingang nehmen konnte, steht jetzt ein riesiger Wald aus Weihnachtsbäumen. Es ist Juletresalg. Worauf wartet der Schnee also eigentlich noch?

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Sometimes I remember, sometimes I forget just where I am going and where I´ve been at...

Es ist Samstagmorgen, der 12. Dezember und die Wolkendecke über Oslo hat sich verzogen. Ganz ähnlich geht es der konstanten Angespanntheit, die mich die letzten Tage über befallen hatte. Ich war immer unruhig. Auch wenn ich mich eigentlich hätte ein bißchen entspannen sollen... Aber seit gestern ist der schlimme Teil des Semesters, will sagen die Prüfungen (so gut wie) vorbei. Ich habe zwar am Montag nochmal meine abschließende vier Stunden lange Norwegisch-Prüfung, aber in die gehe ich ganz entspannt, nachdem ich die mündliche nun hinter mir habe.
Die letzten Tage und auch Wochen habe ich damit zugebracht, kluge Sachen für meine Hausarbeiten in den Laptop zu tippen und meinen Kopf zum Ausgleich mit anderen klugen Sachen zu befüllen... Am Sonntag- und auch Montagabend gab es dann eine kurze, sehr willkommene Abwechslung, aber die soll später ihren ganz eigenen Eintrag erhalten...
Auf jeden Fall musste ich am Dienstag zu meiner ersten mündlichen Prüfung antreten. Norwegische Weltliteratur. Ich hatte alle Bücher gelesen und auch alle Sekundärliteratur und bin meine Notizen unzählige Male durchgegangen, nur um mir ein bißchen Sicherheit zu verschaffen, aber so lange eine Prüfung mündlich ist, krieg ich diese Sicherheit vorher nie... Während ich also wie ein aufgescheuchtes Huhn im Gang vor der Tür warte und mir einen Aushang für ein vermisstes, altes, pinkes und selbst mit Strass-Steinen beklebtes Handy durchlese und hoffe, dass der Dieb oder Finder das Ding längst zerstört hat, steht auf einmal Oyvind neben mir. Wir unterhalten uns kurz und er verlässt mich mit den Worten, dass ich bestimmt kein Glück brauche, weil er der Meinung ist, ich schaffe das auch so.
Hm... Diese Worte aus seinem Munde wirken tatsächlich motivierend und letztendlich sind die beiden prüfenden Damen auch wirklich sehr nett und die Zeit vergeht schnell, obwohl ich so ziemlich die beschissensten Texte kriege, die ich hätte bekommen können. Aber was soll´s. Solange ich antworten kann, ist alles gut.
Am Mittwoch versuche ich dann wie eine verrückte mich auf die mündliche Norwegisch-Prüfung bei Oyvind vorzubereiten. Hier kann mich nichts und niemand beruhigen und ich merke, dass ich anstrengend bin, das aber nicht abstellen kann.
Nach einer Nacht schlechten Schlafes geht es auf zur Prüfung, wo ich Kaja treffe, die vor mir dran war und bei der alles super gelaufen ist. Na großartig. Ich freue mich für sie, ungemein sogar! Aber vielleicht hätte sie Oyvind und den Zensor auch einfach ein bißchen weniger beeindrucken können!? Zu spät. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Die Tür öffnet sich, Oyvind streckt seinen Kopf heraus und meint mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht "JUL!" Ja... ich bin ja schon da. Aus den geplanten 20 Minuten werden 30 Minuten in denen sowohl über den europäischen Sprachbund wie auch die Sami diskutiert wird.
Als ich den Raum verlasse, habe ich ein denkbar beschissenes Gefühl, denn während des Gespräches dachte ich mir die ganze Zeit, dass ich einfach viel zu viele Fehler mache... So goes it not! Und vor dem Raum sitzen Maryna, Iryna, Michael und Hamdi und gucken mich mit erwartungsvollen Augen an! Auch Ira kommt und alle wollen wissen wie es war. Wie auch immer es war, offensichtlich kann ich mich einfach selbst nicht einschätzen, ich bin unzufrieden mit meiner Leistung und mache mich auf um zu Hause das Bad zu putzen. Das beruhigt. Und so sauber wie jetzt war es höchstwahrscheinlich noch nie!
Nach einer Nacht noch beschisseneren Schlafes bin ich dann gestern zur Uni gefahren um die Ergebnisse abzuholen. Alle Listen hingen auch schon aus. Nur die von unserem Kurs nicht... Also bin ich erstmal in die Bibliothek gegangen und habe "Doppler" von Erlend Loe weitergelesen, die wunderbare Geschichte von einem Mann, der die Menschen einfach nicht mag, Milch aber schon, und deswegen in den Wald vor Oslo hinauszieht. Nach einer halben Stunde musste ich dann aber einfach erneut nachschauen gehen und traf auf Oksana und Saskia, die auch beide sehr ungeduldig warteten... Irgendwann kam dann Kate, bei der wir neulich mal Vertretung hatten mit einer Liste und verriet uns unsere Ergebnisse. Nun erleichtert und mehr als zufrieden, ging ich zurück in die Bibliothek um in Ruhe "Doppler" zu Ende zu lesen und endlich mein Gefühl der inneren Ruhe zurückzubekommen!
Ich habe an diesem Tag auch nichts weiter gemacht, als mir eine Liste anzulegen. Aber diesmal ist es keine Liste, die mich an böse Behördengänge erinnert, denn ich habe mir alle Unterschriften besorgt und auch eine Bachelorarbeit erfolgreich beantragt. Diesmal ist eine Liste, auf der all die Dinge stehen, die ich in meinen letzten Tagen hier noch machen und sehen möchte! Das halbe Jahr neigt sich dem Ende...

Vintersju.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Kom ut av skyggen min venn og la meg sjå deg i dagslys, eg vett ikkje kva du bærer på, men mørket er ikkje bra for deg...

Die Auflösung des Cliffhangers!
Jaja… wie ja bereits im letzten Eintrag angedeutet, begab es sich, dass ich auch am Wochenende darauf Besuch erhalten sollte. Sehr spontanen, zugegebenermaßen, aber deswegen nicht minder erfreuenswert! Es zog nämlich Marlene zurück in den Norden. Am Samstag in aller Herrgottsfrühe, gegen 7 Uhr, flog ihr Flieger gen Oslo. Und ich, die ich mich noch ein bisschen unausgeschlafen fühlte, kam gerade aus der Dusche, als mir eine SMS mitteilte, dass der Flybuss in ungefähr 20 Minuten am Busterminal wäre… Also hab ich mich so schnell wie möglich angezogen und bin ohne Frühstück Richtung Bushaltestelle gestürmt. Dort erhielt ich eine weitere SMS, dass es da wohl doch noch ein bisschen länger dauern werde. Also schlich ich noch mal flugs zurück um mir meine Musik zu holen und dann erneut und immer noch ohne Frühstück (mein letztes Brot hatte leider etwas Schimmel angesetzt…) aufzubrechen. Ein Blaubeer-Muffin und ein Blaubeer-Rislunsj haben dann dem Hunger erstmal Abhilfe geleistet und kaum hatte ich mein Themen-Frühstück runtergeschluckt, kam auch schon der Bus, aus dem Marlenen purzelte!
Es folgen: Rumgehüpfe, Umarmungen und ein Grinsen, das breiter war, als unsere Gesichter (inzwischen auch bekannt als das Calle-Phänomen, ich sollte mal einen Wikipedia-Eintrag erarbeiten…)! Da es noch unglaublich früh am Morgen war, also vor 11 Uhr und Oslo erst nach dieser Uhrzeit erwacht, fahren wir nach einem kleinen Spaziergang am geschlossenen Mono vorbei noch mal nach Bjerke hoch. Immerhin muss Marlenen ja auch erstmal ihr Gepäck loswerden. An Ort und Stelle wird umgepackt. Ich kann jetzt nämlich meine neue Tasche in die Stadt ausführen, die die Marlene aus der im Sommer in Grünerlökka gefundenen Wolle gefertigt hat! Und dann geht es in die Stadt. So wie immer. Ich kann auch eigentlich überhaupt nicht fassen, dass sich die seit zwei Wochen unwegdenkbare Wolkendecke mit Marlenes Ankunft vollkommen verzogen hat und uns die Sonne entgegen scheint! Das ist im wahrsten Sinne des Wortes utrolig.
An der Haltestelle Sofienberg verlassen wir das öffentlich Verkehrsmittel und machen uns zu Fuß auf unseren Lieblingsweg: Durch den Sofienbergparken (in dem wir das süßeste Kleinkind der Welt entdecken) zum Olav Ryes Plass und dann den Markveien hinunter. Selbstverständlich müssen wir auch direkt das ein oder andere Geschäft begehen und entdecken im Fretex eine wunderschöne blonde Langhaarperücke, die Palme zu Silvester als Alice im Wunderland bestimmt unglaublich gut stehen würde! Aber ohne schon Geld auszugeben, schlendern wir weiter. Durch Straßen und Gassen, in diverse Buchläden, bis nach Aker Brygge. Dort macht Marlene wunderbar kitschige Fotos. Was soll man auch machen, wenn das Licht so gut ist?!

Nachdem wir auch unseren aufkommenden Hunger gestillt haben, geht es noch mal in die Schatzkammer eines Plattenladens: Råck & Råll´s, der von uns nur grob begutachtet wird. Ein ausführlicher Streifzug wird vertagt! Jetzt haben wir das Ganze aber auch lang genug hinausgezögert: Ab ins MONO. Leider ist Tore nicht da, aber wir suchen uns trotzdem ein hinteres Plätzchen in der Kneipenecke und lauschen der Musik und den Norwegern. Irgendwann ist es 18 Uhr und Andi trifft ein. Nach kurzer allgemeiner Wiedersehensfreude beginnt die samstägliche Band zu spielen. Der Name: Chitty Chitty Bang Bang. Und das meinen sie auch so. Behaupten sie zumindest. Die Band besteht aus einem Leadsänger & Gitarristen mit merkwürdigem Schnurrbart, der vielleicht die Tatsache verschleiern soll, dass das eigentliche Alter des Frontmannes noch unter 20 liegt, einem Mädchen, das singt, leider, denn das kann sie nicht besonders gut, einem weiteren Mädchen, das hilflos mit einem Tambourin in der Ecke steht und ab und an auf die Knöpfe ihres Macbooks drückt, aus dem dann Beats kommen, einem sympathisch gelockenkopften Bassisten und einem Schlagzeuger, der sich so ins Zeug legt, als gäbe es kein Morgen. Allerdings ist die Musik nicht überzeugend. In keinster Weise. Also stehen wir demonstrativ während des fünften Songs auf und setzen uns vorne im Q an die Theke.
Hier kann man sich wenigstens vernünftig unterhalten. Auf dem weiteren Abendprogramm steht Bowling. Ann-Kristin hat eine Bowlingbahn aufgetan und will dort mit uns Spaß haben. Da wir vor ihr da sind, nehmen wir das Ganze mal in Augenschein und beschließen: Nein. Nicht mit uns. HipHop, Schwarzlicht und merkwürdige Gestalten machen den Platz nicht gerade einladend. Deswegen wird der Abend nach kurzer Ratlosigkeit ins Cafe Mir verlegt. Da kann man wenigstens umsonst kickern ohne von irgendwelchen Atzen gestört zu werden. Einer der zwei Kickertische ist frei und wir toben uns überraschend gut aus. Am anderen Tisch spielen zwei hitzige Norweger jedoch noch um einiges besser. Auch Jonas aus meinem Literaturkurs kommt noch zufällig vorbei und hilft aus, wenn norwegische Worte fehlen.

Doch irgendwann machen wir uns dann auf. Immerhin ist Marlenen noch in Bremen gegen 4 Uhr aufgestanden.
Da muss einiges an Schlaf aufgeholt werden und das wird dann auch direkt umgesetzt. Den Sonntag begehen wir so gemütlich wie möglich. Wir schlafen seeeehr lange. Wir frühstücken zu den neu entdeckten Raske Menn in aaaaaller Ruhe. Wir gehen ein bisschen in Grünerlökka spazieren um dann zum Kaffee im Food Story einzukehren und auf Stufen im Markveien Eis zu essen. Hier und dort werden ein paar Ideen hin und her geworfen (an dieser Stelle bitte keine Sorgen machen, Mutter!) und nach einem kleinen Einkauf, ziehen wir uns zu einem Abend mit den guten alten Münster Tatorten zurück.

So schnell ist auch schon wieder Montag. Ich habe keine Uni mehr am Montag, deswegen steht uns der Tag frei zur Verfügung. Diverse Stunden verbringen wir im zuvor erwähnten Plattenladen und auch die Buchläden sind vor unserer Anwesenheit nicht sicher.

Das triste, nasse Wetter ist zwar zurückgekehrt, aber das hält uns nicht ab. Erneut schauen wir im Mono vorbei, aber von Tore ist auch heute nichts zu sehen. Allerdings entwickeln wir in unserer Kreativität diverse Ideen, warum das so sein könnte. Da man diese als etwas verrückt einstufen könnte, möchte ich sie allerdings nicht näher erläutern. In der Hoffnung eine frisch erstandene DVD zum Laufen zu bringen, fahren wir nach Bjerke. Doch die DVD läuft nicht, dafür lassen wir es uns allerdings mit kleinen Meerestieren, Pytt-i-Panna und Schokoladenkuchen kulinarisch gut gehen. Wir dürfen nicht zu spät ins Bett, immerhin ist morgen noch mal um 9 Uhr früh Uni. Norwegisch für mich. Und Norwegisch für Marlene. Ich im Kurs. Sie in Fernarbeit. Aber wir arbeiten beide artig…
Nach den vier Stunden haben wir vor allem eins – Hunger. Und obwohl wir uns einen anderen Masterplan erdacht hatten, fahren wir lieber in die Stadt um im Mono Mittag zu essen. Es ist die letzte Chance für Tore uns mit seiner Anwesenheit zu beglücken, aber er ist wieder nicht da. Die Theorien weiten sich aus. Immerhin ist der Chef höchstpersönlich da und wir lassen uns von ihm bedienen. Die Wahl fällt auf Pytt-i-Panna und obwohl das von gestern echt nicht schlecht war, mit der Mono-Version kann es sich bei Weitem nicht vergleichen. Und während wir so langsam aufgemümmelt haben, fällt plötzlich der Strom aus. Da wuseln alle Mono-Bediensteten und Stammgäste auf einmal wild durcheinander. Die Musik ist aus. Das Licht ist aus. Nichts geht mehr. Die Leute kaufen noch schnell Bier, solange es noch halbwegs kalt aus dem Kühlschrank kommt. Aufgeregt schnappt sich einer nach dem anderen die Taschenlampe und rennt zum Sicherungskasten. Zurück kommen sie alle ohne Erfolg. Das Ganze ist zwar sehr belustigend, aber da heute unser letzter Tag ist, wollen wir diesen lieber mit einem Knall beenden, als damit aufgebrachten Mono-Mitarbeitern bei Reparaturarbeiten zuzusehen.
Also bringen wir unsere Sachen weg und machen uns ohne schwere Gewichte auf den Weg nach Bygdoy. Denn eigentlich kann Marlene nicht einfach so wieder nach Deutschland fahren, ohne wenigstens einmal ordentlich auf irgendein Fass gehauen zu haben.
Doch der Bus fährt nicht ganz so, wie wir uns das vorstellen. Er fährt nämlich nicht wie geplant zu den Museen hinter, sondern an das andere Ende der Halbinsel. Dort stehen leider keine Fässer, was uns ein bisschen enttäuscht, als wir uns plötzlich vom Busfahrer rausgeschmissen an der letzten Haltestelle wieder finden. Aber einfach so zurückfahren, wäre ja auch doof. Deswegen beschließen wir ein Stückchen spazieren zu gehen – eine unserer Hauptbeschäftigungen, wie es dem aufmerksamen Leser vielleicht schon aufgegangen ist. Da wir uns wirklich am Ende der Halbinsel befinden und soweit in den Fjord reinreichen, wie es möglich ist ohne Oslo an sich zu verlassen, gibt es hier kein Licht mehr. Nur noch uns, den Fjord und die Felsen. Licht gibt es erst wieder an den anderen Ufern des Fjords und die leuchten aus der Ferne umso schöner. Hier hinten sind keine Leute mehr, nachdem sich ein plauschendes Pärchen entfernt hat. Wir stehen alleine am verlassenen Oslo-Anleger und beobachten den Mond, die Stadt und das Wasser.


Wir nutzen die Abgeschiedenheit kurz um einfach mal zu schreien und mit spürbar zunehmender Kälte ziehen wir uns langsam wieder Richtung Bus zurück.
Nach einiger Aufwärmzeit machen wir uns dann auf den Heimweg… Oder… wollen wir lieber noch einmal das gleiche Stück wie immer gehen? Und im Dunkeln in die Fenster zu all den Wohnungen gucken und uns vorstellen wie es einmal werden sollte? Wir wollen.
Und so gehen vier heimelige und gemütliche Tage zu Ende.
Vom Abschied soll hier nichts weiter stehen. Man kann sich ja denken, wie so was läuft. Immerhin war es der letzte Abschied bis Silvester.

Vintersju.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Eg vett en plass du kan få alt du ber om...

"Was hast du am Wochenende so vor?", fragt mich Zahls Stimme am Donnerstagabend aus meinem Handy heraus. "Öh. Nix. Uni und so.", lautet meine ungemein geistreiche Antwort. "Sehr gut. Dann komm ich mal vorbei. Mit Marco!" -"Äh... wie jetzt?". Aber nix na wie jetzt, denn Zahl kommt vorbei und sie bringt Marco mit.
Ja genau, Marco, der Italiener mit Rockstarambitionen. Zusammen wollen die beiden hier auf das Clutch Konzert gehen, ein gemütliches Wochenende verbringen und nebenbei auch gleich mal ein paar Demos von Marcos Band Sneekattack oder Sneecattac oder Sneekattak oder Sneekattac unter das Volk bringen (über die genaue Schreibung ist man sich noch nicht so einig...). Da ja aber noch Uni ist und man deswegen Verpflichtungen nachgehen muss, machen die beiden sich erst am Samstag auf die lange Reise nach Oslo, die sie mit einem Flug so stark wie nur irgendwie möglich abkürzen.
Also fahre ich zum angegebenen Eintreffszeitpunkt hinunter in die Stadt um am großen Tiger auf die Trondheimer Gästefraktion zu warten. Ich bin eher spät dran und fürchte deswegen schon, dass sie in der Kälte auf mich warten, aber als ich am Tiger eintreffe ist noch niemand zu sehen. Und zum draußen warten ist es dieser Tage viel zu kalt und auch naß.
Also nichts wie rein in den großen, trockenen Bahnhof. Leicht gehetzt renne ich von einem Gleis zum anderen. Das ist hier aber auch denkbar ungünstig gemacht, dass man entweder auf der einen Seite des Bahnhofs ankommt, genau in der Mitte oder auf der ganz anderen Seite… Und das nur um artige, kleine Abholer in den Wahnsinn zu treiben! Irgendwann wird mir das Gelaufe zu bunt und ich zücke mein Handy. Die hungrigen Reisenden hat es in den McDonalds mit Blick auf den Tiger verschlagen.
Also nix wie hin da. Und ich habe mich noch gar nicht ganz durch all die Menschen durchgeguckt, da kommt mir auch schon eine kleine, aufgeregte Zahl im wahrsten Sinne des Wortes entgegengehüpft! Da hat aber jemand gute Laune… Marco, als älterer Herr, zieht es vor gesittet auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben und weiterzumampfen. Immerhin wohnt er bei Studenten, da weiß man nie, wann man als nächstes was zu essen kriegt.
Nachdem alle satt sind und die beiden Weltenbummler ihre Kräfte für das abendliche Konzert aufsparen wollen, wird ein Abstecher ins Mono vertagt und wir machen uns auf den Weg nach Hause. Zahl und ich müssen natürlich erstmal unsere neu erstandenen Kopfhörer vergleichen. Und zugegebenermaßen ist das merkwürdige Retrodesign meiner Erwerbung nicht so cool wie die High-Tech-Geräte von Zahl, aber ich sehe sie nach wie vor als Kulturgut an!
Dann gibt es eine kurze Shoppingphase. Marco hat versprochen für mich zu kochen, weil ich mich zugegebenermaßen erst ziemlich dazu weich klopfen lassen musste, auch ihm Zugang zu meinem Zimmerchen im Bjerke-Turm zu gewähren. Aber er will morgen ein großes Dinner kredenzen. Ich bin gespannt. Und Zahl packt den sagenumwobenen besten Schokoladenkuchen der Welt aus dem norwegischen Kühlregal in unseren Einkaufskorb. Den gibt es als Dessert nach dem Konzert. Das zumindest haben wir uns vorgenommen. Aber wie sich das mit Mädchen und Schokolade so verhält, können wir nach kurzer Zeit der musikalischen Vorbereitung auf Clutch nicht mehr an uns halten und machen den guten Kuchen auf. Vorfreude ist schon okay als Freude, aber ich will den jetzt probieren!
Und ich kann diesen Traum von einem Kuchen nur allen empfehlen, die irgendwann mal nach Norwegen fahren! Vielleicht sollte ich einen Brief an Jens Stoltenberg schicken und ihm sagen, dass sich Norwegen nicht länger Sorgen um das Ende der Öl- und Gasvorkommen machen muss, wenn es anfängt diesen Kuchen in alle Welt zu transportieren. Der Absatz wird reißend sein!
Aber dann müssen Zahl und Marco auch schon los, denn sie wollen nicht zu spät zum Konzert kommen. Ich fahre mit runter in die Stadt und zeige ihnen das inzwischen wohlbekannte Scentrum Scene. Beruhigend finde ich auch, dass ganz so wie bei The Dead Weather niemand davor steht. Also kein großer Andrangsunterschied. Und das kleine fiese Ich in mir drin bleibt noch solange da, um zu sehen, ob Zahl mal wieder nach ihrer Legitimasjon gefragt wird. Doch diesmal passiert sie die Securitys erhobenen Hauptes.
Während Zahl und Marco ihren Abend also mit hartem Rock verbringen, wollte ich eigentlich ein Stück spazieren gehen. Doch der starke Regen versaut mir meine Ambitionen und ich fahre gleich nach Hause um mich an meine Hausarbeit zu setzen und so gut es geht zu verdrängen, dass wenige Meter hinter meinem Rücken immer noch über die Hälfte des großartigen Kuchens lauert.
Ein den Berichten zu Folge (und von Zahl dann sicherlich noch ausführlicher zu lesen) großartiges Konzert und vier Seiten über die transgenerationelle Übertragung später, erlebt jedoch auch die einsame zweite Hälfte des Kuchens ihren jähen Untergang. Zu unserem Glück steht Marco nicht so auf Süßes. Nach einer kurzen Diskussion darüber, ob es in Italien Expressionismus gab oder ob man dort alles als Impressionismus bezeichnet (nein Marco, das tut man nicht) und einer flammenden Empörung darüber, dass nicht alle Italiener bis zum Erbrechen gestikulieren, gehen wir alle schlafen.


Wir schlafen den Schlaf der Gerechten. In der Mitte eines verregneten Sonntages wachen wir auf und beschließen auf Grund der Uhrzeit direkt mit dem Mittag anzufangen. Marco erklärt sich dazu bereit seine Nase aus seinem Buch über Vlad, the Impaler zu nehmen und sie lieber in die Kochtöpfe zu stecken, während Zahl an einem Obstsalat schnippelt.

So lässt sich´s Leben. Nach ausgiebigem Schlemmen und kurzer Planung, machen wir uns auf Marcos Demos zu verteilen. Hübsch zusammengebastelt sind sie, wobei Marco wehrt darauf legt, dass er ordentlicher geschnitten hat, als Zahl. Aber immerhin lösen sich ihre Hüllen nicht schon wieder auf Grund von Klebermangel auf.
Wir beginnen unsere Clubtour in Grünerlökka. Marco muss sich auf meine Kenntnisse der hiesigen Clubs verlassen und ich führe die zwei artig von einem Ort der Coolness zum nächsten. Vom Café Mir, über das Parkteatret, zum Blaa, vergeblich ans geschlossene John Dee, nach einer kurzen Pause mit einem halben Liter Ben & Jerry´s auf dem Youngstorget dann zum Mono, der Garage, dem ebenfalls geschlossenen Funhouse und unserem Studentersamfunnet, das offensichtlich auch nichts davon hält, an einem Sonntag seine Tore zu öffnen. Aber wenn wir schon mal so weit im Westen sind und Zahl des nachts friert, können wir auch noch schnell einen Abstecher nach Sogn machen, um von Ann-Kristin ein paar warme Decken auszuleihen.



Ann-Kristin ist mit Lernen beschäftigt, aber in ihrem Keller befindet sich eine Tischtennisplatte und bevor wir uns auf den Weg zurück machen, entbrennt in den Tiefen von Sogn noch ein erhitzter Wettkampf. An diesem habe ich in keinerlei Weise Teil, dafür stelle ich mich beim Tischtennis zu blöd an, aber Zahl und Marco liefern sich ein Duell der Extraklasse. Zahl geht als strahlende Siegerin hervor. Zwei Mal. Und Marco ist ganz offensichtlich in seinem Mannesstolz gekränkt. Vielleicht trägt auch der aufkeimende Hunger zum Zorn bei. Also bedanken wir uns noch mal fix für die Decken und fahren in die Stadt um uns etwas zu essen zu besorgen. Seit einem Spaziergang mit Marlenen im Sommer war ich nicht mehr in Grönland, aber Zahl erinnert sich an den hervorragenden und günstigen Döner, den wir ganz am Anfang dort mal verputzt haben. Und mit Döner können alle leben. Deswegen spazieren wir wohlbehütet an der Seite des kleinen Italieners mit dem Schnurrbart ins nächtlich bedrohliche Grönland, das trotz all der Warnungen auf mich nie wirklich bedrohlich wirkt.
Während des erneut ziemlich köstlichen Mahls, erfahre ich ein bisschen mehr über Marcos Filmgeschmack und es stellt sich heraus, dass wir da einige Parallelen haben, besonders, was die Verehrung von Bruce Campbell angeht. Obwohl wir frisch gestärkt sind, hat das vorherige stundenlange Rumgerenne seine Spuren hinterlassen und wir ziehen uns nach Hause zurück. Wir können uns zwar auf einen Film einigen, den wir sehen wollen, aber der Film einigt sich nicht auf uns. Der Ton ist leider nur in Ultraschall Lautstärke zu bekommen. Da es ja auch nicht mehr ganz früh ist, beschließen wir dann doch lieber zu schlafen. Denn der morgige Tag ist mit einer Mission verbunden: Zahl braucht einen Norweger-Pulli.
Es ist Montag und weil ich am Montag ja Uni habe, machen wir uns relativ früh auf den Weg in die Stadt und steuern den Laden an, in dem Zahl sich per Internet ihren Traumnorwegerpulli rausgesucht hat. Leider entspricht das tatsächlich vorhandene Angebot nicht der Internetpräsentation. Ich glaube, dass das inzwischen anders ist, denn als ich das letzte Mal da war, hingen da tausende Pullover, während beim vorletzten Besuch mit Zahl eher wetterfeste Jacken zum Verkauf standen. Meter um Meter legen wir zurück und passieren Laden um Laden ohne das zu finden, was Zahl sich vorstellt. Und wenn man sich erstmal entschlossen hat, soviel Geld auszugeben, dann sollte man lieber solange Suchen, bis man es gefunden hat!
Allerdings ruft die Uni nach mir und ich muss Zahl und Marco an dieser Stelle alleine weitersuchen lassen. Ob die Mission ein Happy End hat, verrate ich als Freund eines gepflegten Cliffhangers nicht und überlasse somit Zahl die Auflösung.
Ich habe an diesem Montag das letzte Mal Litteratur og Erindring und Anna hat extra einen Kuchen gebacken. Da fällt einem der Abschied vom Kurs schon schwer.
Gott sei Dank haben Zahl und Marco den Weg zur Uni gut gefunden und bringen mich schnell auf andere Gedanken. Nach einem guten Essen in der Kantine fahren wir noch ein bisschen nach Aker Brygge um dort spazieren zu gehen und Marco einen Espresso zu besorgen.
Der Gute hat das Geld ja eher locker sitzen und sucht sich dafür eine der teuersten Bars aus. Hier erzählt er uns dann auch erstmal von seiner Theorie, dass Menschen ihre volle Schönheit im Alter zwischen 25 und 35 entwickeln und auf meinen eigenen Erfahrungen basierend, glaube ich ihm das glatt!
Irgendwann kommt die Zeit heran und zumindest Zahl macht sich eher schweren Herzens wieder auf den Heimweg. Ich bringe die beiden noch zum Flytog(busstogflyet) und bekomme von Marco eine original italienische Zwei-Wangen-Küsschen-Verabschiedung. Sowas gefällt mir nicht.
Der Zug rollt langsam davon und ich winke Zahl zum Abschied. Solch melodramatische Szenen nehmen mich immer sehr mit. Aber bald ist ja auch schon das Semester vorbei und wir haben hier noch einmal eine abschließende Woche. So verbleibe ich zunächst allein in Oslo, wenn auch nicht für lang… (der Bericht vom folgenden Wochenende wird bald erscheinen!), aber mit der Möglichkeit zu 50% als Merchandise-Beauftragte für Sneekckattakck einzusteigen. Wenn´s also nichts wird mit der Sprachwissenschaft… Das zweite Standbein ist geschaffen!

Vintersju.

Donnerstag, 26. November 2009

Husk å pusse!!!

Ja, schon Karius und Baktus verbreiteten bereits für die Jüngsten diese Botschaft: Zähne puzten nicht vergessen!
Nicht, dass ich das vergessen hätte, ich denke nur äußerst ungern an die Konsequenzen... und den fiesen Zahnarzt, der meist an diesen dranhängt.
Das ist so eine böse, grundlegende Angst, die mir der eher unsanfte Dr. Porthun über die Jahre (im allerwahrsten Sinne des Wortes) schmerzhaft eingebläut hat...
Vielleicht tue ich damit einem Großteil der Zahnärzte Unrecht, weil das eigentlich furchtbar nette und besorgte Menschen sind, aber das ist mir egal. Wer sich einen Beruf aussucht, bei dem anderen Menschen konstant Schmerzen zufügt, mit dem stimmt was nicht! Davon bin ich überzeugt. Und auch das "Aber danach geht es einem doch viel besser"-Argument lasse ich nicht gelten. Im Mittelalter sind die ja auch irgendwie ohne sterile Räume und Bohrmaschinen in Mundnähe klargekommen...

Aber vom kleinen Pamphlet zurück zur Gegenwart. Neulich hatte ich Zahnschmerzen. Am Anfang hab ich es so gehandhabt wie alles Unangenehme: Versuchen zu vergessen. Ich habe also den Schmerz zwei Tage lang stillschweigend ertragen und weitestgehend versucht, ihn zu verdrängen... Doch er nahm überhand. Also erzählte ich Marlenen davon, die mir den weisen Rat gab, gefälligst zum Zahnarzt zu gehen... Das hatte ich auch tatsächlich vor, aber dann wurde es wieder besser.
Nur um einen Tag später wieder schlimmer zu werden. Diesmal musste ich auch Zahl davon berichten. Und meiner Mutti. Die gab mir einen gepflegten virtuellen Tritt in den Hintern und ich versprach ihr ganz artig am nächsten Tag zum Zahnarzt zu gehen.
Und Versprechen muss man halten. Also nahm ich am vorletzten Freitag all meinen Mut zusammen und marschierte zum Zahnarzt auf der anderen Straßenseite.
Mit der Frau dort sprach ich Englisch und sie erklärte mir, dass sie keine Zeit für mich haben, sie aber mal schnell in der Klinik ein paar Meter weiter anrufen könnte. So nett war die Gute, dass ich dieses Angebot natürlich dankend annahm. Und schwupps: Ich hatte meinen Termin.
Pünktlich um 14.00 Uhr stand ich also auf der Matte der Zahnärzte des Aarvoll Sentrum. All meinen Mut zusammenraffend ging ich auf die Sprechstundenhilfe zu: Eine indische Einwanderin, die kein Englisch sprach. Die Zukunft meines Gebisses lag von nun an in den Händen meiner norwegischen Sprachkenntnisse. Aber so ein Formular ist ja schnell ausgefüllt und während ich mit immer feuchter werdenden Händen im Wartezimmer schmore, gehen viele zufrieden aussehende Menschen aus der Praxis heraus... Hm... So schlimm kann das ja wohl nicht werden...
Dann kommt mein Arzt. Auch er ist indischer Einwanderer. Also weiterhin Konversation paa norsk. Na, dafür bin ich ja hier.
Fix verschafft er sich einen Überblick und macht sich ans Werk meine Gusche zu röntgen. Danach werd ich auf dem Terrorstuhl hochgefahren und bekomme ein Gerät in den Mund gehängt, das konstant Luft in den selbigen pustet. Helferinnen gibt es hier nicht. Dafür merkwürdige Technik. Vielleicht ist das ja auch in Deutschland inzwischen Standard, ich weiß es nicht. Zu lange habe ich mich vor einem solchen Besuch gedrückt...
Auf jeden Fall rennt der Mann aus dem Raum. Ich warte zehn Minuten mit offenem, gut ventilierten Mund und dann geht die Arbeit los. Gott sei Dank unter Betäubung, immerhin bin ich ein ausgeprägter Feigling und wenn man den Schmerz betäuben kann, sehr gern! Ich bin dabei!
Nach einer ganzen Weile Werkelei, bei der ich auf "Eheh" und "Eha" als Antworten beschränkt bin, starrt er mir auf einmal ganz entsetzt in den Mund, springt auf und verlässt den Raum! Was ist passiert? Hat er irgendwas wichtiges kaputtgemacht?! Verblute ich gerade in meinem Mund? Werde ich bald merken wie sich meine Mundhöhle mit warmen Blut anfüllt? Wenn der wiederkommt, spuck ich dem ins Gesicht!
Ja, Stress und Einsamkeit haben schon immer meine besten Gedanken hervorgebracht. Irgendwann kommt er jedenfalls wieder, grinst und sagt, dass ich fertig bin. Woraufhin er den Bohrer nimmt, noch ein bißchen nachjustiert und mir dann aber versichert, dass ich jetzt wirklich fertig bin!
Na danke auch.
Er würde mich gerne wiedersehen. Ich ihn nicht. Nachdem ich ihm erkläre, dass ich ein Student bin und kein Geld verdiene, schränkt sich auch sein Wunsch merklich ein. Dann soll ich mich lieber in Deutschland weiterbehandeln lassen, da ist das billiger. Und das ist es tatsächlich, denn als die Zahnarzthelferin mir die stolze Summe von 1377 Kronen entgegennuschelt, kippe ich fast aus den Latschen.
Aber der Schmerz ist weg und als ich die Praxis verlasse, hat sich eine seichte Schneedecke ausgebreitet, die in den weiteren Stunden dicker und dicker wird. Morgen sollen mich Zahl und Marco besuchen kommen und ich hoffe, dass der Schnee bis dahin liegen bleibt (dramaturgischer Spoiler: Er tut es nicht.).
Naja, immerhin habe ich jetzt das Gesundheitswesen hier auch mal kennen gelernt und als ich in meinen Kursen davon erzählte, erntete ich entgeisterte Blicke, denn selbst die deutschen Studenten, die komplett hierher ausgewandert sind und schon seit 3 bis 5 Jahren hier leben, gehen immernoch in Deutschland zum Zahnarzt...
Allerdings bin ich auch ganz froh, dass ich wenigstens im Land bleiben konnte, denn Andi musste zur Behandlung seines Tinitus nach Deutschland fliegen.
Offensichtlich gibt es hier nicht sowas wie eine Notaufnahme in jedem Krankenhaus, nein, man muss in die Innenstadt zur "Legevakten" (siehe Bild) und dort sein Leid klagen. Die Leute dort sagen einem dann, wo man hin muss. Und der Ohrenarzt, bei dem Andi war, der hätte sich frühestens in ein paar Wochen (oder waren es gar Monate?) um ihn kümmern können... Da war es dann doch sicherer mal fix in die Heimat zu huschen...
Es ist eben nicht alles perfekt.
Obwohl die hier ganz dicht dran sind.

Vintersju.

Mittwoch, 25. November 2009

Jeg kan spise meg selv kanskje!?

(Kostprobe bei Klick auf Überschrift!)

Die Prüfungen rücken näher und näher und ich lege natürlich ganz besonders viel Wert auf meine praktischen Norwegisch-Kenntnisse. Wenn ich auch sonst nichts kriege, Hauptsache das ist gut. Um die Sprache zu verbessern, ist es enorm hilfreich viel von der Sprache zu hören...
Vor einigen Wochen war ich mal mit Andi in unserem Studentersamfunnet und dort konnte man seine Lieblingsyoutubevideos in eine Liste eintragen und sie wurden dann auf großer Leinwand allen vorgeführt. Dabei lief ein Video von den "Raske Menn", den schnellen Männern, die die Geschichte der Welt (aus leicht eingenorwegischter Perspektive) innerhalb von 5 Minuten erzählten...
Das ging mir damals einen Zacken zu schnell, ich habe zwar Bruchteile verstanden und konnte auch lachen, aber insgesamt war ich mit meiner Hör-Verstehns-Leistung unzufrieden. Um mal zu überprüfen, ob ich Fortschritte gemacht habe, sah ich mir neulich das Video nochmal an: Und siehe da! Tatsächlich verstand ich schon eine ganze Menge mehr. Und dieses Trio war mir auch sehr sympathisch...
Normalerweise finde ich ja Sketche und Stand-Up Comedy eher nicht so ansprechend. All die Mario Barths und Michael Mittermeyers dieser Welt können mir herzlich gern gestohlen bleiben... und auch die Bullyparade habe ich früher zwar gerne geguckt, aber so richtig zum Lachen gebracht hat die mich auch nur in Ausnahmesituationen...
Aber ich habe mich durch diverse Videos der Raske Menn geklickt und bin hellauf begeistert...!

Mit kurzen Hosen und Kniestrümpfen bewaffnet machen sich Anders Hoff, Oyvind Rafto und Calle Hellevang-Larsen in ihrer Sendung "Snabb Grabbar" über alles, was nicht niet- und nagelfest ist lustig! Dazu gehören Blinde, Nachrichtensprecher, Märchen, Fliegen, Dänen, Schweden, sämtliche andere Norweger, gerne auch mal Bären und vor allem Hitler.
In unglaublichem Halbdeutsch/Halbnorwegisch (z.B. "Können wir nicht den Kindern aus dem Vindu gekastet?" = Können wir nicht die Kinder aus dem Fenster werfen?)erfährt man wieso Hitler seinen Schnurrbart so trug, wie er sich morgens aus den Federn schälte, was er von dem norwegischen Nazi-Parteiführer Quisling hielt und was der eigentliche Grund für den Zweiten Weltkrieg war...
Der Humor dieser drei Herren spricht mich enorm an und bis auf die mit Wortspielen gespickten Nachrichten, kommt auch das Verständnis nicht allzu kurz!

Und wie das so ist, wenn man in der norwegischen Hauptstadt wohnt, ist man ständig mit Versuchungen konfrontiert. Denn die guten Herren spielen hier des öfteren ihre neue Live-Show im Christiania Theater. Ich bin versucht hinzugehen. Ich bin enorm versucht hinzugehen. Einziges Problem: Hält sich das Preis-Verständnis-Verhältnis die Balance? Denn was gut ist, ist leider nicht billig...
Bei der Überlegung hilft Gott sei Dank das gute Youtube.

Vintersju.

"You look like Magnum P.I.!" -"This is going nowhere... I´m bringing back the moustache!"

Das, was vor wenigen Monaten noch die Hornbrille war, ist dieser Tage auf Oslos Straßen der Schnurrbart.
Nicht, dass die Hornbrille ihre Macht als Statussymbol verloren hätte, nein, viel häufiger trifft man eine Kombination aus beidem an. Männliche Hornbrillenträger lassen sich also vermehrt einen Schnurrbart stehen. Sie kommen in allen Farben und Formen und vor allem auch an den jüngsten Mitbürgern dieser Stadt, die Gesichtsbehaarung aufweisen. Es ist höchst merkwürdig...
Worin liegt die Erklärung für dieses Phänomen?
Ich persönlich habe mir zwei Theorien erdacht.
Nummer 1: Popkultur. Mit der Veröffentlichung von Quentin Tarantinos Inglourious Basterds haben viele junge, beeinflussbare Menschen Brad Pitt einen Schnurrbart durch das Frankreich des Zweiten Weltkrieges tragen sehen und sich vielleicht gedacht, dass sie auch gerne so aussehen würden wie frisch aus den 40ern gefallen.

Nummer 2: Retro. Es ist ja so, dass mehr und mehr Vertreter der Weiblichkeit sich letzthin klamottentechnisch stark an den 80ern orientieren. Alles ist grell oder glitzert. Schon oft erfüllte es mich mit Schrecken, wenn mir eine lebende Diskokugel auf dünnen Beinchen entgegengestelzt kam... Vielleicht ist es also den Männern ein Bedürfnis angemessen beschissen auszusehen und sie lassen sich aus diesem Grund einen Oberlippenbart stehen...
Mir missfällt dieser Trend in den meisten Fällen. Eigentlich darf nur Howard Moon einen Schnurrbart tragen und selbst der versprüht eine leicht pädophile Aura.

Andererseits befinden wir uns ja auch in der Dunkelzeit und es wird kalt. Vielleicht friert der Norweger, der trotz Minusgraden gerne noch zum Kaffee oder Weinchentrinken draußen sitzt, ja nur an der Oberlippe und muss diese deswegen schützen.
So oder so ist der Schnurrbartspuck hoffentlich im Frühjahr vorbei...

Vintersju.

Mittwoch, 18. November 2009

Gåsehud betyr at det er ting på ferde

Trondheim, ZAHL

Es ist eine Weile her, dass ich mit den Franzosen und den beiden italienischen Mädchen unterwegs war.
Wir treffen uns alle an der Bushaltestelle in Moholt und wollen zu Max fahren, der mit anderen Medizinern am anderen Ende der Stadt in einem Holzhaus wohnt.
Die Mädchen sind unglaublich hübschgemacht, die Jungs tragen Plastiktüten mit Bier und Schnaps und ich bekomme während der Busfahrt enormes Nasenbluten, was ich später, beim Entdecken des Nordlichtes am selben Abend, mit den starken Auswirkungen des Erdmagnetfelds auf meinen Kopf in Verbindung setze...
Der Bus hält unweit des Weststrandes der Stadt. Wir gehen durch ein idyllisch, nächtlich erleuchtetes Gründerzeitviertel, was dem Herbst alle Ehre macht.
Hereingelassen werden wir von Romain, Max' französischem Mitbewohner, der von Hans aufgrund dessen magerer Französischkenntnisse nur Romeng genannt wird.


Wir wundern uns alle, warum Romain diese Aussprache so leicht hinnimmt und sich nicht wie wir alle lustig macht über Hans, bis wir erfahren, dass er aus einer Gegend in Frankreich stammt, wo der Name tatsächlich als Romeng ausgesprochen wird.
Auf wessen Seite sind jetzt die Lacher? hmmm...
Ich bin immer noch erkältet und brauche deshalb den ganzen Teevorrat der Wohngemeinschaft auf, während Fanny mal wieder ihren neuen Liebling, Vodka Kalinka, kreisen lässt.
Jean Bap macht Pasta mit norwegischer Pölse und Ketchup und wir hören merkwürdige neopsychedelische Musik.


Wir sind irgendwie gerade wieder alle beieinander und das alte Sommerkursgefühl kommt auf. Wir spinnen alle ein bisschen rum und fühlen uns mal wieder gut, so wie wir sind. Ein erleichternder Abend zwischen all den trüben Tagen...


Die hübschgemachten Mädels nehmen irgendwann den letzten Bus zurück in die Innenstadt, durstig und bereit zum Tanzen.
Ich laufe mit den Jungs zurück auf den Markt, beziehungsweise kommen Max und mir unterwegs all die anderen Jungs abhanden. Max kann nicht mehr so klar denken und erzählt die ein oder anderen interessanten Sachen, die ich wohlverschlossen in meinem Köpfchen behalte.

Dienstag, 17. November 2009

Her er det russisk rullett kvar fredag

Trondheim, ZAHL

Freitag Abend zu Hause bei Norwegern.
Wir haben es uns zum Ritual gemacht, einmal die Woche einen Disneyfilm zu sehen. Bevor der Film eingeschoben wird, zappen wir ein bisschen im Programm. Mir wurde gesagt, dass man nur freitags fernsehen sollte, denn das norwegische Fernsehen sei sehr schlecht, bis auf freitags, da gibt es gute Comedy und Gameshows.
Die WG von Frederik, Stian und Stine versammelt sich also zu Lasagne und buntem Salat um den Fernseher. Wir sehen den Ersten Norwegischen Sender - NRK1.
Die erste Show heißt "Beat for Beat" in der jeweils zwei Gruppen á drei Kandidaten gegeneinander antreten. Es ist eine Art Songraten, man gewinnt, wenn man aus den Zitatbruchstücken einen ganzen Song singen kann. Die Leute, die da mitspielen sind norwegische C- und D-Prominente und versuchen möglichst witzig zu sein.
So richtig angetan bin ich nicht.
Danach kommt Nytt på Nytt, auch ein Quiz, welches sich auf das Newsgeschehen der vergangenen Woche bezieht und von Moderatoren und Team durch den Kakao gezogen wird.
Zum Einen wäre da die Veröffentlichung der Skatteliste.
Die Skatteliste ist ein weiterer Aspekt, weswegen ich Norwegen für einen sehr sozialistischen Staat halte. Übersetzt heißt das Steuerliste und man kann auf dieser Steuerliste erkennen, wo eine Person wohnt, wieviel sie verdient hat und wieviel sie davon an Steuern bezahlt hat. Diese Liste wird einmal im Jahr veröffentlicht und wenn man einen Norweger googelt, stöst man als erstes mit großer Wahrscheinlichkeit auf seine Skatteliste. Da hat also jeder einen Überblick über das Einkommen des Anderen und wenn man in der Skatteliste sieht, dass der Herr Nachbar gar nicht soviel Geld verdient hat und deswegen nicht soviel Steuern bezahlen konnte, sich letzte Woche aber trotzdem ein neues Auto gekauft hat, weiß man also gleich Bescheid. Stine findet den Wirbel um die Skatteliste lustig, die Promis in der Quizshow auch, Frederik schimpft über diese Liste, wie soviele andere Norweger auch.
"So ist das in Norwegen. Die gehen nicht auf die Straße und beschweren sich. Keine Demos, kein Protest, die beschweren sich einfach nicht. Wenn denen was nicht gefällt, gründen sie eine Facebookgruppe. In Frankreich hätten schon längst die Autos der Vorstädte gebrannt!"
Stian und Asbjørn sehen das nicht so eng und mixen nochmal für alle einen White Russian.
Resultat der Skatteliste: ein Achtel der Norweger sind Millionäre.

Nächstes Thema ist die Frau des Bruders des Kronprinzen Håkon, über die sich im Fernsehen herrlich bespaßt wird. Bevor ich richtig mitkriege, dass das Quiz schon längst angefangen hat, ist die Show auch schon wieder vorbei und es gibt ein bisschen Reality - ein paar Prinzen aus dem Orient, die in England Frauen finden wollen. Bauer sucht Frau auf Britisch.
Als dann endlich der Disneyfilm anfängt ("Arabiske Naaaaaaaaaaaaaaatt!" Aladdin, juhu!) bin ich ganz froh, denn das norwegische Fernsehen steht in Schlechtigkeit dem Deutschen in nichts nach.

Hurra til deg

Trondheim, ZAHL



Ich hab ganz vergessen, von Pierricks Geburtstag zu berichten. Der war schon im September. Es ist mir nur wieder eingefallen, weil ich diverse Fotos durchstöbert hab und dann diesen doch sehr denkwürdigen Abend gerne schriftliche festhalten und ihn der Nachwelt präsentieren möchte.
Es ist also ein ganz gewöhnlicher Mittwochnachmittag, verregnet, grau, hektisch.
Fanny hat am Wochenende allen wichtigen Menschen Emails geschrieben – sie möchte eine Überraschungsparty für Pierrick machen und braucht gute Ideen und viele Gäste.
Nachdem sich der dumme Kanadier ein paar Mal verplaudert hat, zunächst niemand eine Idee hatte, wie Pierrick von seinem Zimmer ferngehalten werden könnte und in aller hast eine Mannschaft zum Geschenkebasteln beordert wurde, schwand die Hektik zu später Stunde und es versprach, ein guter Abend zu werden. Aurelia lud Pierrick unter verheißungsvollen Vorwänden zu sich ein, ich ging mit Schere und Kleber und alten Zeitungen in die Wohnung nebenan, wo eine gestresste Fanny zwischen einem Haufen von Fotos sitzt und fleißig schnippelt. Sie hat ein bisschen schlechte Laune, weil niemand so richtig ihren Plan mitverfolgen will – bis auf den Kanadier haben es zwar alle geschafft, den Plan geheimzuhalten, aber es geht nicht so richtig voran mit der Vorbereitung und vor allem mit dem Geschenk – einer riesigen Fotowand von diesem Sommer.
Da sitzen wir nun auf dem Küchenfußboden und kleben mit natürlich künstlerischen Ansprüchen diese riesige Fotowand zusammen, während Fannys Mitbewohner über uns rüber steigen und ihr Essen kochen und aus Fannys Zimmer immer wieder das Telefon klingelt.
Irgendwann kommen Giada und Alessandra, als schon fast alles zu spät ist und mit 8 Händen ist die Fotowand plötzlich fertig. In 5 Minuten soll Pierrick in seine Wohnung kommen.
Giada und Elmar haben ein herrliches Tiramisu gemacht und in Pierricks Wohnung wurden zu unser aller Überraschung ganz schön viel Essen und tausende von Luftballons aufgetafelt. Wie beim Kindergeburtstag versorgen wir uns mit Luftschlangen, Konfetti und Partyhütchen und scharen uns in der Küche zusammen, das Licht wird ausgemacht, die Wunderkerzen und Streichhölzer bereitgehalten und ein Späher am Fenster verkündet Pierricks Kommen.


Als der die Tür öffnet schallen 30 Tröten aus der Küche durch den gesamten Hausflur und er muss nochmal kurz die Tür schließen, bevor wir ihn hineinziehen und ihm alle nacheinander um den Hals fallen.

Der Kanadier ist natürlich nicht da, weil er ja jetzt bessere Freunde hat, als die aus dem Sprachkurs und es deswegen nicht für nötig hält, dem guten Pierrick zu gratulieren.
Pierrick hat ein französisches Paket von seinen Eltern bekommen, mit Schinken, Käse und Wein. Dass er das heute Abend noch leert, hat ja keiner ahnen können.
Es gibt gute Musik, gutes Essen und unglaublich gute Laune. Pierrick wird mit lauter witzigen Sachen beschenkt und als wir die Fotowand rausrücken ist er unglaublich ruhig und starrt nur diese Wand an. Als jeder mal raufgeschaut hat, sich über die Fotos amüsiert hat und gesagt hat, wie gut das ist, verschwindet Pierrick für einige Minuten mit der Fotowand in seinem Zimmer. Wir wundern uns und hoffen auf seine Wiederkehr, denn der Kuchen soll angeschnitten werden.


Dann kommt er auch schon wieder, bindet sich seine neue Geburtstagskochschürze um und verteilt ein Vodka Kalinka für jeden und selbstgebackenes Brot mit Brie und Schinken.

Plötzlich erheben sich alle Franzosen und fangen an, das Lied mitzusingen, was aus dem Radio dröhnt. Sie singen voller Innbrunst und mit so einer Freude im Gesicht, die rechte hand aufs Herz gelegt, die Linke zur Faust geballt in die Luft gestreckt. Es ist die französische Nationalhymne. Ich habe noch nie jemanden so beigeistert seine Hymne singen sehen und vor allem nicht gemeinschaftlich mit allen Anwesenden derselben Nationalität. Da stehen sie, die Franzosen und versprühen eine Liebe im Raum, dass mir ganz mulmig wird im Bauch.

Als später von meinem Geburtstagsmixtape auch noch ein Lied von den Franzosen Babylon Circus den Raum beschallt, werden Tische und Stühle beiseite geschoben und der französische Abend kommt zum Höhepunkt.

Irgendwann kommt Helge durch die Tür. Er wohnt drei Stockwerke über Pierrick und ging dem Lärm nach, um mal zu sehen, was hier so passiert. Weitere neue und gute Bekanntschaften an diesem Abend: Florians Kamera, natürlich mit seinem Besitzer dran und Linda, eine Französin, die erst seit Kurzem hier in Trondheim ist.