Dienstag, 1. Dezember 2009

Eg vett en plass du kan få alt du ber om...

"Was hast du am Wochenende so vor?", fragt mich Zahls Stimme am Donnerstagabend aus meinem Handy heraus. "Öh. Nix. Uni und so.", lautet meine ungemein geistreiche Antwort. "Sehr gut. Dann komm ich mal vorbei. Mit Marco!" -"Äh... wie jetzt?". Aber nix na wie jetzt, denn Zahl kommt vorbei und sie bringt Marco mit.
Ja genau, Marco, der Italiener mit Rockstarambitionen. Zusammen wollen die beiden hier auf das Clutch Konzert gehen, ein gemütliches Wochenende verbringen und nebenbei auch gleich mal ein paar Demos von Marcos Band Sneekattack oder Sneecattac oder Sneekattak oder Sneekattac unter das Volk bringen (über die genaue Schreibung ist man sich noch nicht so einig...). Da ja aber noch Uni ist und man deswegen Verpflichtungen nachgehen muss, machen die beiden sich erst am Samstag auf die lange Reise nach Oslo, die sie mit einem Flug so stark wie nur irgendwie möglich abkürzen.
Also fahre ich zum angegebenen Eintreffszeitpunkt hinunter in die Stadt um am großen Tiger auf die Trondheimer Gästefraktion zu warten. Ich bin eher spät dran und fürchte deswegen schon, dass sie in der Kälte auf mich warten, aber als ich am Tiger eintreffe ist noch niemand zu sehen. Und zum draußen warten ist es dieser Tage viel zu kalt und auch naß.
Also nichts wie rein in den großen, trockenen Bahnhof. Leicht gehetzt renne ich von einem Gleis zum anderen. Das ist hier aber auch denkbar ungünstig gemacht, dass man entweder auf der einen Seite des Bahnhofs ankommt, genau in der Mitte oder auf der ganz anderen Seite… Und das nur um artige, kleine Abholer in den Wahnsinn zu treiben! Irgendwann wird mir das Gelaufe zu bunt und ich zücke mein Handy. Die hungrigen Reisenden hat es in den McDonalds mit Blick auf den Tiger verschlagen.
Also nix wie hin da. Und ich habe mich noch gar nicht ganz durch all die Menschen durchgeguckt, da kommt mir auch schon eine kleine, aufgeregte Zahl im wahrsten Sinne des Wortes entgegengehüpft! Da hat aber jemand gute Laune… Marco, als älterer Herr, zieht es vor gesittet auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben und weiterzumampfen. Immerhin wohnt er bei Studenten, da weiß man nie, wann man als nächstes was zu essen kriegt.
Nachdem alle satt sind und die beiden Weltenbummler ihre Kräfte für das abendliche Konzert aufsparen wollen, wird ein Abstecher ins Mono vertagt und wir machen uns auf den Weg nach Hause. Zahl und ich müssen natürlich erstmal unsere neu erstandenen Kopfhörer vergleichen. Und zugegebenermaßen ist das merkwürdige Retrodesign meiner Erwerbung nicht so cool wie die High-Tech-Geräte von Zahl, aber ich sehe sie nach wie vor als Kulturgut an!
Dann gibt es eine kurze Shoppingphase. Marco hat versprochen für mich zu kochen, weil ich mich zugegebenermaßen erst ziemlich dazu weich klopfen lassen musste, auch ihm Zugang zu meinem Zimmerchen im Bjerke-Turm zu gewähren. Aber er will morgen ein großes Dinner kredenzen. Ich bin gespannt. Und Zahl packt den sagenumwobenen besten Schokoladenkuchen der Welt aus dem norwegischen Kühlregal in unseren Einkaufskorb. Den gibt es als Dessert nach dem Konzert. Das zumindest haben wir uns vorgenommen. Aber wie sich das mit Mädchen und Schokolade so verhält, können wir nach kurzer Zeit der musikalischen Vorbereitung auf Clutch nicht mehr an uns halten und machen den guten Kuchen auf. Vorfreude ist schon okay als Freude, aber ich will den jetzt probieren!
Und ich kann diesen Traum von einem Kuchen nur allen empfehlen, die irgendwann mal nach Norwegen fahren! Vielleicht sollte ich einen Brief an Jens Stoltenberg schicken und ihm sagen, dass sich Norwegen nicht länger Sorgen um das Ende der Öl- und Gasvorkommen machen muss, wenn es anfängt diesen Kuchen in alle Welt zu transportieren. Der Absatz wird reißend sein!
Aber dann müssen Zahl und Marco auch schon los, denn sie wollen nicht zu spät zum Konzert kommen. Ich fahre mit runter in die Stadt und zeige ihnen das inzwischen wohlbekannte Scentrum Scene. Beruhigend finde ich auch, dass ganz so wie bei The Dead Weather niemand davor steht. Also kein großer Andrangsunterschied. Und das kleine fiese Ich in mir drin bleibt noch solange da, um zu sehen, ob Zahl mal wieder nach ihrer Legitimasjon gefragt wird. Doch diesmal passiert sie die Securitys erhobenen Hauptes.
Während Zahl und Marco ihren Abend also mit hartem Rock verbringen, wollte ich eigentlich ein Stück spazieren gehen. Doch der starke Regen versaut mir meine Ambitionen und ich fahre gleich nach Hause um mich an meine Hausarbeit zu setzen und so gut es geht zu verdrängen, dass wenige Meter hinter meinem Rücken immer noch über die Hälfte des großartigen Kuchens lauert.
Ein den Berichten zu Folge (und von Zahl dann sicherlich noch ausführlicher zu lesen) großartiges Konzert und vier Seiten über die transgenerationelle Übertragung später, erlebt jedoch auch die einsame zweite Hälfte des Kuchens ihren jähen Untergang. Zu unserem Glück steht Marco nicht so auf Süßes. Nach einer kurzen Diskussion darüber, ob es in Italien Expressionismus gab oder ob man dort alles als Impressionismus bezeichnet (nein Marco, das tut man nicht) und einer flammenden Empörung darüber, dass nicht alle Italiener bis zum Erbrechen gestikulieren, gehen wir alle schlafen.


Wir schlafen den Schlaf der Gerechten. In der Mitte eines verregneten Sonntages wachen wir auf und beschließen auf Grund der Uhrzeit direkt mit dem Mittag anzufangen. Marco erklärt sich dazu bereit seine Nase aus seinem Buch über Vlad, the Impaler zu nehmen und sie lieber in die Kochtöpfe zu stecken, während Zahl an einem Obstsalat schnippelt.

So lässt sich´s Leben. Nach ausgiebigem Schlemmen und kurzer Planung, machen wir uns auf Marcos Demos zu verteilen. Hübsch zusammengebastelt sind sie, wobei Marco wehrt darauf legt, dass er ordentlicher geschnitten hat, als Zahl. Aber immerhin lösen sich ihre Hüllen nicht schon wieder auf Grund von Klebermangel auf.
Wir beginnen unsere Clubtour in Grünerlökka. Marco muss sich auf meine Kenntnisse der hiesigen Clubs verlassen und ich führe die zwei artig von einem Ort der Coolness zum nächsten. Vom Café Mir, über das Parkteatret, zum Blaa, vergeblich ans geschlossene John Dee, nach einer kurzen Pause mit einem halben Liter Ben & Jerry´s auf dem Youngstorget dann zum Mono, der Garage, dem ebenfalls geschlossenen Funhouse und unserem Studentersamfunnet, das offensichtlich auch nichts davon hält, an einem Sonntag seine Tore zu öffnen. Aber wenn wir schon mal so weit im Westen sind und Zahl des nachts friert, können wir auch noch schnell einen Abstecher nach Sogn machen, um von Ann-Kristin ein paar warme Decken auszuleihen.



Ann-Kristin ist mit Lernen beschäftigt, aber in ihrem Keller befindet sich eine Tischtennisplatte und bevor wir uns auf den Weg zurück machen, entbrennt in den Tiefen von Sogn noch ein erhitzter Wettkampf. An diesem habe ich in keinerlei Weise Teil, dafür stelle ich mich beim Tischtennis zu blöd an, aber Zahl und Marco liefern sich ein Duell der Extraklasse. Zahl geht als strahlende Siegerin hervor. Zwei Mal. Und Marco ist ganz offensichtlich in seinem Mannesstolz gekränkt. Vielleicht trägt auch der aufkeimende Hunger zum Zorn bei. Also bedanken wir uns noch mal fix für die Decken und fahren in die Stadt um uns etwas zu essen zu besorgen. Seit einem Spaziergang mit Marlenen im Sommer war ich nicht mehr in Grönland, aber Zahl erinnert sich an den hervorragenden und günstigen Döner, den wir ganz am Anfang dort mal verputzt haben. Und mit Döner können alle leben. Deswegen spazieren wir wohlbehütet an der Seite des kleinen Italieners mit dem Schnurrbart ins nächtlich bedrohliche Grönland, das trotz all der Warnungen auf mich nie wirklich bedrohlich wirkt.
Während des erneut ziemlich köstlichen Mahls, erfahre ich ein bisschen mehr über Marcos Filmgeschmack und es stellt sich heraus, dass wir da einige Parallelen haben, besonders, was die Verehrung von Bruce Campbell angeht. Obwohl wir frisch gestärkt sind, hat das vorherige stundenlange Rumgerenne seine Spuren hinterlassen und wir ziehen uns nach Hause zurück. Wir können uns zwar auf einen Film einigen, den wir sehen wollen, aber der Film einigt sich nicht auf uns. Der Ton ist leider nur in Ultraschall Lautstärke zu bekommen. Da es ja auch nicht mehr ganz früh ist, beschließen wir dann doch lieber zu schlafen. Denn der morgige Tag ist mit einer Mission verbunden: Zahl braucht einen Norweger-Pulli.
Es ist Montag und weil ich am Montag ja Uni habe, machen wir uns relativ früh auf den Weg in die Stadt und steuern den Laden an, in dem Zahl sich per Internet ihren Traumnorwegerpulli rausgesucht hat. Leider entspricht das tatsächlich vorhandene Angebot nicht der Internetpräsentation. Ich glaube, dass das inzwischen anders ist, denn als ich das letzte Mal da war, hingen da tausende Pullover, während beim vorletzten Besuch mit Zahl eher wetterfeste Jacken zum Verkauf standen. Meter um Meter legen wir zurück und passieren Laden um Laden ohne das zu finden, was Zahl sich vorstellt. Und wenn man sich erstmal entschlossen hat, soviel Geld auszugeben, dann sollte man lieber solange Suchen, bis man es gefunden hat!
Allerdings ruft die Uni nach mir und ich muss Zahl und Marco an dieser Stelle alleine weitersuchen lassen. Ob die Mission ein Happy End hat, verrate ich als Freund eines gepflegten Cliffhangers nicht und überlasse somit Zahl die Auflösung.
Ich habe an diesem Montag das letzte Mal Litteratur og Erindring und Anna hat extra einen Kuchen gebacken. Da fällt einem der Abschied vom Kurs schon schwer.
Gott sei Dank haben Zahl und Marco den Weg zur Uni gut gefunden und bringen mich schnell auf andere Gedanken. Nach einem guten Essen in der Kantine fahren wir noch ein bisschen nach Aker Brygge um dort spazieren zu gehen und Marco einen Espresso zu besorgen.
Der Gute hat das Geld ja eher locker sitzen und sucht sich dafür eine der teuersten Bars aus. Hier erzählt er uns dann auch erstmal von seiner Theorie, dass Menschen ihre volle Schönheit im Alter zwischen 25 und 35 entwickeln und auf meinen eigenen Erfahrungen basierend, glaube ich ihm das glatt!
Irgendwann kommt die Zeit heran und zumindest Zahl macht sich eher schweren Herzens wieder auf den Heimweg. Ich bringe die beiden noch zum Flytog(busstogflyet) und bekomme von Marco eine original italienische Zwei-Wangen-Küsschen-Verabschiedung. Sowas gefällt mir nicht.
Der Zug rollt langsam davon und ich winke Zahl zum Abschied. Solch melodramatische Szenen nehmen mich immer sehr mit. Aber bald ist ja auch schon das Semester vorbei und wir haben hier noch einmal eine abschließende Woche. So verbleibe ich zunächst allein in Oslo, wenn auch nicht für lang… (der Bericht vom folgenden Wochenende wird bald erscheinen!), aber mit der Möglichkeit zu 50% als Merchandise-Beauftragte für Sneekckattakck einzusteigen. Wenn´s also nichts wird mit der Sprachwissenschaft… Das zweite Standbein ist geschaffen!

Vintersju.

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