Nicht, dass ich das vergessen hätte, ich denke nur äußerst ungern an die Konsequenzen... und den fiesen Zahnarzt, der meist an diesen dranhängt.
Das ist so eine böse, grundlegende Angst, die mir der eher unsanfte Dr. Porthun über die Jahre (im allerwahrsten Sinne des Wortes) schmerzhaft eingebläut hat...
Vielleicht tue ich damit einem Großteil der Zahnärzte Unrecht, weil das eigentlich furchtbar nette und besorgte Menschen sind, aber das ist mir egal. Wer sich einen Beruf aussucht, bei dem anderen Menschen konstant Schmerzen zufügt, mit dem stimmt was nicht! Davon bin ich überzeugt. Und auch das "Aber danach geht es einem doch viel besser"-Argument lasse ich nicht gelten. Im Mittelalter sind die ja auch irgendwie ohne sterile Räume und Bohrmaschinen in Mundnähe klargekommen...

Aber vom kleinen Pamphlet zurück zur Gegenwart. Neulich hatte ich Zahnschmerzen. Am Anfang hab ich es so gehandhabt wie alles Unangenehme: Versuchen zu vergessen. Ich habe also den Schmerz zwei Tage lang stillschweigend ertragen und weitestgehend versucht, ihn zu verdrängen... Doch er nahm überhand. Also erzählte ich Marlenen davon, die mir den weisen Rat gab, gefälligst zum Zahnarzt zu gehen... Das hatte ich auch tatsächlich vor, aber dann wurde es wieder besser.
Nur um einen Tag später wieder schlimmer zu werden. Diesmal musste ich auch Zahl davon berichten. Und meiner Mutti. Die gab mir einen gepflegten virtuellen Tritt in den Hintern und ich versprach ihr ganz artig am nächsten Tag zum Zahnarzt zu gehen.
Und Versprechen muss man halten. Also nahm ich am vorletzten Freitag all meinen Mut zusammen und marschierte zum Zahnarzt auf der anderen Straßenseite.
Mit der Frau dort sprach ich Englisch und sie erklärte mir, dass sie keine Zeit für mich haben, sie aber mal schnell in der Klinik ein paar Meter weiter anrufen könnte. So nett war die Gute, dass ich dieses Angebot natürlich dankend annahm. Und schwupps: Ich hatte meinen Termin.
Pünktlich um 14.00 Uhr stand ich also auf der Matte der Zahnärzte des Aarvoll Sentrum. All meinen Mut zusammenraffend ging ich auf die Sprechstundenhilfe zu: Eine indische Einwanderin, die kein Englisch sprach. Die Zukunft meines Gebisses lag von nun an in den Händen meiner norwegischen Sprachkenntnisse. Aber so ein Formular ist ja schnell ausgefüllt und während ich mit immer feuchter werdenden Händen im Wartezimmer schmore, gehen viele zufrieden aussehende Menschen aus der Praxis heraus... Hm... So schlimm kann das ja wohl nicht werden...
Dann kommt mein Arzt. Auch er ist indischer Einwanderer. Also weiterhin Konversation paa norsk. Na, dafür bin ich ja hier.
Fix verschafft er sich einen Überblick und macht sich ans Werk meine Gusche zu röntgen. Danach werd ich auf dem Terrorstuhl hochgefahren und bekomme ein Gerät in den Mund gehängt, das konstant Luft in den selbigen pustet. Helferinnen gibt es hier nicht. Dafür merkwürdige Technik. Vielleicht ist das ja auch in Deutschland inzwischen Standard, ich weiß es nicht. Zu lange habe ich mich vor einem solchen Besuch gedrückt...
Auf jeden Fall rennt der Mann aus dem Raum. Ich warte zehn Minuten mit offenem, gut ventilierten Mund und dann geht die Arbeit los. Gott sei Dank unter Betäubung, immerhin bin ich ein ausgeprägter Feigling und wenn man den Schmerz betäuben kann, sehr gern! Ich bin dabei!
Nach einer ganzen Weile Werkelei, bei der ich auf "Eheh" und "Eha" als Antworten beschränkt bin, starrt er mir auf einmal ganz entsetzt in den Mund, springt auf und verlässt den Raum! Was ist passiert? Hat er irgendwas wichtiges kaputtgemacht?! Verblute ich gerade in meinem Mund? Werde ich bald merken wie sich meine Mundhöhle mit warmen Blut anfüllt? Wenn der wiederkommt, spuck ich dem ins Gesicht!
Ja, Stress und Einsamkeit haben schon immer meine besten Gedanken hervorgebracht. Irgendwann kommt er jedenfalls wieder, grinst und sagt, dass ich fertig bin. Woraufhin er den Bohrer nimmt, noch ein bißchen nachjustiert und mir dann aber versichert, dass ich jetzt wirklich fertig bin!
Na danke auch.

Er würde mich gerne wiedersehen. Ich ihn nicht. Nachdem ich ihm erkläre, dass ich ein Student bin und kein Geld verdiene, schränkt sich auch sein Wunsch merklich ein. Dann soll ich mich lieber in Deutschland weiterbehandeln lassen, da ist das billiger. Und das ist es tatsächlich, denn als die Zahnarzthelferin mir die stolze Summe von 1377 Kronen entgegennuschelt, kippe ich fast aus den Latschen.
Aber der Schmerz ist weg und als ich die Praxis verlasse, hat sich eine seichte Schneedecke ausgebreitet, die in den weiteren Stunden dicker und dicker wird. Morgen sollen mich Zahl und Marco besuchen kommen und ich hoffe, dass der Schnee bis dahin liegen bleibt (dramaturgischer Spoiler: Er tut es nicht.).
Naja, immerhin habe ich jetzt das Gesundheitswesen hier auch mal kennen gelernt und als ich in meinen Kursen davon erzählte, erntete ich entgeisterte Blicke, denn selbst die deutschen Studenten, die komplett hierher ausgewandert sind und schon seit 3 bis 5 Jahren hier leben, gehen immernoch in Deutschland zum Zahnarzt...
Allerdings bin ich auch ganz froh, dass ich wenigstens im Land bleiben konnte, denn Andi musste zur Behandlung seines Tinitus nach Deutschland fliegen.

Offensichtlich gibt es hier nicht sowas wie eine Notaufnahme in jedem Krankenhaus, nein, man muss in die Innenstadt zur "Legevakten" (siehe Bild) und dort sein Leid klagen. Die Leute dort sagen einem dann, wo man hin muss. Und der Ohrenarzt, bei dem Andi war, der hätte sich frühestens in ein paar Wochen (oder waren es gar Monate?) um ihn kümmern können... Da war es dann doch sicherer mal fix in die Heimat zu huschen...
Es ist eben nicht alles perfekt.
Obwohl die hier ganz dicht dran sind.
Vintersju.






