Mittwoch, 30. September 2009

Velkommen til Fjærland!

Schlaf ist total überbewertet!
Findet jedenfalls mein Wecker... Ich denke, das sollte ich mit ihm noch mal in Ruhe ausdiskutieren. Aber was soll´s. Heute muss ich wirklich aufstehen. Es ist der Freitag des letzten Septemberwochenendes und ich muss zum Campus, weil dort der Treffpunkt für die Abfahrt zum Fjaerland-Trip ist. Ein Wochenende voller Anstrengungen.
Während ich meine letzten Sachen zusammenkrame und dabei bin mich auf den Weg zu machen, weiß ich Gott sei Dank noch nicht, dass das das schmerzhafteste und anstrengendste Wochenende meines Lebens wird. Sonst wäre ich vielleicht doch wieder ins Bett gekrabbelt... Aber dazu später.
Erstmal überprüfe ich, dass ich auch wirklich alles habe. Regenjacke. Wasserfeste Hose. Mütze. Handschuhe. Jede Menge Klamotten. Verpflegung. Musik. Fotografiergerät, alles da. Gutes Schuhwerk gibt´s zum Ausleihen und deswegen packe ich lieber auch Pflaster ein.
Am Campus angekommen, treffe ich auf die anderen meiner Gruppe. Insgesamt können 16 Studenten mit. Auf dem Hof ausgebreitet liegen Ikea-Taschen voll mit Schuhen, Regenjacken und Hosen. Jeder soll sich bei dem bedienen, das er nicht besitzt. Also auf zu den Schuhen. Schnell ist ein Paar gefunden und während Ann-Kristin sämtliche Klamotten mit ihrem reichlich beschmierten Marmeladenbrötchen vollkleckert, kralle ich mir auch gleich noch eine bessere Regenjacke. Wie wär´s mal mit was farbenfrohem? Das muss sein, denn es gibt keine andere Auswahl... Also nehme ich beißendes Orange bis Rot. Das passt ja immer ganz gut zu meiner Gesichtsfarbe.
Und dann geht´s auch schon los. Ich kralle mir den besten Platz, hinter dem Fahrer am Fenster. Neben mir sitzen Andi und Sonni, hinter mir Johannes, Thomas und Ann-Kristin. Vorne sitzen Martin und Lewis. Lewis ist der einzige, der nicht zu unserem eingeschworenen Kreis gehört und der einzige, neben Ida, unserer Fahrerin, der nicht deutsch spricht. Lewis schnoddert in breitestem Schottisch.
Das gefällt mir sehr.
Die Fahrt beginnt. 8 Stunden lang gondeln wir Richtung Norden, an den Sognefjord, den größten Fjord Norwegens. So wie das Auto sich in Bewegung setzt, werden alle von der Wolke des Wahnsinns ergriffen und es wird Rumgealbert, Gesungen und Verarscht wie auf einem munteren Klassenausflug. Später, in einer ruhigen Minute, fragt Ida mich, ob wir uns wirklich alle erst seit August kennen, denn wir wirken nicht so...
Aber das ist nun mal die Wahrheit. Manchmal hat man eben Glück mit den Leuten, die man trifft.

Die Fahrt ist spaßig und abwechslungsreich. Unsere beiden Führerinnen, Ida und Ingrid, halten ziemlich oft an, weil sie uns das ein oder andere zeigen wollen. Zum Beispiel ein Stabskirche.

Allerdings ist es verboten zu nah an die heran zu gehen ohne ein Ticket gelöst zu haben. Aber das interessiert die beiden nicht. Wir sollen einfach einmal dran vorbeilaufen, aber nicht reingehen und schnell machen! Sie holen in der Zwischenzeit die Autos und sammeln uns am anderen Ende des Weges wieder ein. Noch gar nicht richtig da und schon die ersten illegalen Aktionen von den Veranstaltern angestiftet? Das kann ja ein heiteres Wochenende werden...
Wir halten bei einer winzigen Siedlung an einem Hang, bei einem (ehemals) vergifteten Fluss, auf einer Hochebene, an einer Fähre, an einem Spielplatz für eine Essenspause, in Sogndal, einem idyllischen kleinen Städtchen, wir halten tatsächlich so oft, dass wir uns fragen, ob die Fahrt effektiv nicht drei Stunden kürzer wäre... Aber niemand will sich damit beschweren. Die Laune ist gut, dem kindlichen Wahnsinn nahe. Es werden Turnübungen absolviert und Zöpfchen geflochten.
Das hat fast schon Hippie-Kommunen-Flair.







Irgendwann gegen 18.00 Uhr sind wir dann in Fjaerland. Direkt am Sognefjord. Jedenfalls erzählen uns die Mädels das. Denn tatsächlich regnet es. Und es ist so viel Nebel, das man den Fjord, der nur 100 Meter von unseren Hütten entfernt sein soll, nicht mal erahnen kann.
Aber uns bleibt gar keine Zeit uns darüber zu ärgern. Denn wir werden sofort weitergefahren zu einem Gletscherarm, an dem uns Ingrid einiges darüber erzählt, wie, wann und wo der so entstanden ist und warum er so aussieht, wie er das eben tut.
Nach der kleinen Lektion dürfen wir dann auch Fotos machen. Ingrid hat sich da ein bißchen streng. Wenn sie redet, müssen ihr alle zuhören. Fotos dürfen immer erst gemacht werden, wenn sie fertig ist. Naja, sie ist recht klein. Vielleicht braucht sie das als Ausgleich...

Danach teilen wir uns auf die Hütten auf. Es dürfen immer fünf Leute in eine. Das ist für unsere Gruppe natürlich doof, weil wir zu viele sind. Also beschließe ich mit Ann-Kristin einfach in eine andere zu gehen. In dieser Hütte sind Lewis, jemand, dessen Namen ich nicht weiß und Patrick. Andi hat mich schon eindringlich vor dem anhaftenden Patrick gewarnt und tatsächlich geht mir der Typ nach fünf Minuten so auf den Keks, dass ich rübergehe um den anderen einen Besuch abzustatten.
Die widerum wollen mich nicht mehr gehen lassen und sagen, dass ich auch Ann-Kristin rüberholen soll. Während sie das verweigert und sich in ihr Schicksal ergibt, bin ich so fix umgezogen, wie das noch keiner geschafft hat.
Ha. Es findet sich doch immer irgendwie ein Platz in der guten Hütte.



Nachdem wir uns den Freuden des norwegischen Kinderfernsehens hingegeben haben und auch noch etwas warmes zu essen bekommen, ziehen wir uns schnell wieder in unsere Hütten zurück und wollen eigentlich den Abend ruhig und friedlich verbrigen... bis auf einmal Patrick in der Tür steht. Und rein kommt. Und sich setzt und die ganze Zeit über nicht merkt, dass er nicht erwünscht ist.
Bah.
Aber irgendwann verzieht er sich und wir feiern auf dem "Dachboden" eine kleine Privatparty, bevor jeder in sein Bettchen krabbelt. Morgen stehen uns sieben Stunden wandern bevor. Da muss man schon mal ausgeschlafen sein.

Ich bin es aber leider nicht. Ich kann die Nacht über nicht schlafen. Und dann klingelt auch noch mein Wecker zu früh, weil ich vergessen habe, ihn auszumachen und weckt auch noch Johannes und Thomas. Das tut mir sehr Leid. Also bin ich, wie so oft, als erste wach und wusele durch die Hütte.
Ich habe Angst vor der Wanderung. Ich habe Angst, weil ich weiß, wie das um meine körperlich Fitness bestellt ist und weil ich glaube, an dem Berg zu scheitern.
Aber zuerst gehen wir in das futuristische Gletschermuseum im Nirgendwo, das nach wie vor, angeblich der Sognefjord sein soll.
Die Ausstellung ist sehr anschaulich und aufwendig, aber ich hab nur das im Kopf, was da kommt.
Die Wanderung wird 4 km lang sein und wir müssen einen Höhenunterschied von einem Kilometer hinter uns bringen. Das heisst, es wird steil. Sehr steil.
Zu steil für mich. Nach einem Drittel des Weges kann ich nicht mehr. Es regnet unaufhörlich und ich bin erkältet, kriege also schlecht Luft. Allerdings ist es nicht nötig lange in der Ausredenkiste zu graben. Meine körperliche Verfassung ist einfach zu schlecht. Ich kann meine Beine nicht richtig anheben, weil meine Jeans unter der wasserfesten Hose, die ich von Martin ausgeliehen habe, durchgeschwitzt ist, da die glorreiche Hose nicht im geringsten atmet. Ich kann sie aber auch nicht ausziehen, weil es dann zu kalt wäre und sie sich zusätzlich noch mit dem Regen vollsaugen würde.
Das ist übrigens der Blick auf den Sognefjord.


Doch die anderen sind hilfsbereit, feuern mich an, motivieren mich. Ich darf meinen Rucksack nicht weiter tragen. Ida nimmt ihn für mich. Sie ist in den Bergen aufgewachsen und legt eine Energie an den Tag, die absolut unerklärlich ist. Außerdem darf ich nicht hinten gehen... Ich muss vorne bei Ingrid sein, damit ich kein schlechtes Gefühl bekomme.
Ich entschuldige mich dafür, dass ich die Gruppe so zurückhalte, aber Ingrid sagt, dass das hier jeder in seinem eigenen Tempo schaffen muss und da gibt es halt in jeder Gruppe fitte und nicht so fitte Leute. Deswegen soll ich mir keine Gedanken machen. Es reicht schon, wenn ich nach oben will. Und ich will.
Bisher haben sie noch jeden nach oben gekriegt. Sogar eine Gruppe Japaner, die in ihrem Leben noch nie auf etwas anderem als Asphalt gelaufen sind und fast von ihnen nach oben getragen werden mussten. Angekommen ist jeder.





Das ist nett, die Worte sind motivierend, aber doof kommt man sich natürlich trotzdem immer ein bißchen vor. Obwohl ich mich inzwischen dran gewöhnt haben sollte. Im Sportunterricht war ich ja auch immer die letzte. Und auf dem Stolen auch.
Ich habe aber meinen eigenen kleinen Motivationsklub, bekomme sogar kurz vor dem Gipfel noch eine kurze Massage und ständig Hände gereicht. Und irgendwann bekommt Julietta, das Mädchen aus Argentinien auch Probleme mit ihrem Knöcheln, was mich schlagartig an den vorletzten Platz schleudert. Ha.
Wir wandern durch wabernde Nebelschwaden und Regen, pflücken Blaubeeren und blicken uns um, so gut wir können. Wenn das Wetter einen flüchtigen Blick auf die Landschaft gestattet, ist das, was man sieht, umwerfend schön.
Hier oben ist schon Herbst. Während in Oslo noch alles grün ist und man nur hier und da gelbe Sprenkel auf den Bäumen entdecken kann, erstrahlt hier alles in den schönsten Herbsttönen... Überall drängt sich das Wasser einen Weg durch den schroffen Fels. Ich glaube, ich könnte hier drei Milliarden Wasserfälle sehen und trotzdem jedem einzelnen etwas abgewinnen.
Nach drei Stunden Schweiß, Schmerz und purer Verausgabung erreichen wir die Spitze des Berges, auf der im Nebel die einsame Flatbreshytta steht. Die Hütte wird von Farmern im Tal betrieben, die ständig Essen und andere Dinge hier hoch schleppen, so dass Wanderer immer etwas zum Verweilen vorfinden. Jede Konservendose hat einen Preis und die Besitzer verlassen sich auf die Ehrlichkeit der Besucher.
Es gibt zwar weder Strom noch fließendes Wasser und das Klohäuschen ist etwa 100 Meter entfernt und durch den Nebel nur schwer auszumachen, aber es gibt jede Menge Betten und für den Zustand unserer Beine die gerade nicht zu verachtenden Sitzbänke.
Wir erholen uns ein wenig, tragen uns in das Gästebuch ein, essen, legen trockene Sachen an, was schwieriger ist, als man denkt, da bei all dem Regen auch die meisten Rucksäcke samt Inhalt durchgeweicht sind.
Ida will die Hütte durchwischen bevor wir gehen, da man auch für das Sauberhalten verantwortlich ist und wir jede Menge Matsch mithineingeschleppt haben. Da sie ja aber bereits meinen Rucksack hier hoch getragen hat, ist das mindeste, das ich tun kann, die Hütte zu wischen. Also putze ich schnell durch, bekomme ein Lob für meine Sauberkeit und nachdem wir uns noch eine Weile an der Spitze umgeschaut haben, beginnen wir den Abstieg.
Körperlich ist das insgesamt leichter, aber ich merke wie langsam jeder Schritt auf die Gelenke geht und auch die Schuhe an der ein oder anderen Stelle drücken.
Nach insgesamt 7 Stunden sind wir zurück an den Autos.
Ich habe es geschafft. Die anderen beteuern, dass es für sie auch nicht leicht war und dass ich unbedingt stolz auf mich sein muss. Ein bißchen bin ich das auch. Aber ich hätte wenigstens meinen Rucksack nach da oben kriegen sollen...
Im Nachhinein war die Wanderung toll. Wir haben vielleicht nicht die Weite des Ausblicks gesehen, aber wir haben kleine Momentaufnahmen durch den Nebel blitzen sehen, die in sich atemberaubend waren. Und vor allem haben wir es zusammen gemacht. Diese Menschen, die ich erst seit einem Monat kenne, sind schon echt nicht verkehrt. Wer hätte gedacht, dass das mit dem Anschluss doch gar nicht so schwer ist?
Wieder bei den Hütten erwartet uns eine typisch norwegische Suppe, die unsere Lebensgeister in unsere Körper zurücktreiben soll, zusammen mit Flatbröd. Auch wenn ich jetzt eine halbe Kuh verschlingen könnte, ist die Suppe super.
Schnell verkrümeln sich alle in ihre Hütten. Morgen müssen wir um 7 Uhr aufstehen. Bis dahin müssen alle Sachen trocken sein und wir wieder fit für weitere Bewegung.
In unserer Hütte funktioniert leider nur ein kleiner Heizkörper. Und weil uns geraten wurde Socken zum Auswechseln mit auf den Berg zu nehmen und ich sicherheitshalber natürlich alle mitnahm, stehe ich nun vor einem Haufen durchweichter Socken, die sich mit anderen den winzigen Heizkörper teilen. Alle verteilen ihre tropfenden Klamotten auf sämtlich Gardinenstangen und Türen. Irgendwie findet alles Platz.
Ich untersuche mit den schlimmsten Befürchtungen meinen geschundenen Füße, finde aber nur eine Blase an meinem großen, rechten Zeh. Die hat dafür allerdings eine beachtliche Größe.
Sonni und Andi verschwinden früh oben in ihrem Schlafdachboden. Ich beschließe mich gegen 22 Uhr hinzulegen. Martin, Johannes und Thomas schauen noch die norwegische Variante von einer Gesangscastingsshow. Irgendwann reiße ich die Augen auf und blicke direkt in die Gesichter von Martin und Johannes. "Wir haben dir einen Schnurrbart ins Gesicht gemalt! Mit Edding." Ähm. Klar. Natürlich haben sie das nicht. Ich schlafe weiter, werde aber noch zwei mal von Johannes geweckt. Er erinnert mich daran, dass ich doch heute bitte meinen Wecker ausstellen soll. Das hab ich natürlich schon längst gemacht...!

Am nächsten Morgen bin ich wieder mal als erste wach. Ich schmeiße meine Sachen zusammen und begucke mir die Trockenzustände unserer Klamotten. Kurz vor dem Schlafengehen bemerkte ich nämlich gestern noch die großartige Fußbodenheizung im Bad, die ich direkt mal ordentlich aufdrehte und der ich nun verdanke, dass sowohl meine Socken, als auch Schuhe wieder trocken sind.
Nach einem ausgelassenen Frühstück bricht die große Hektik über uns herein. Denn wir müssen packen, aufräumen und putzen. Das geht in unserer Hütte ganz gut von statten, allerdings tun die anderen sich damit schwer, weswegen wir erst mit einer halben Stunde Verspätung aufbrechen können. Ingrid ist sichtlich angepisst und macht auch direkt klar, dass das unsere Schuld ist und weniger Zeit auf dem Gletscher bedeutet.
Na toll...
Auf der Fahrt zum Gletscher fällt dann den anderen ein, dass sich ja sämtliche Coldplay Alben in Idas CD-Packen befinden und dass wir die doch alle mal durchhören könnten. Um also nicht komplett wahnsinnig zu werden und aus dem Auto zu springen, bevor wir überhaupt beim Gletscher waren, muss ich mit der Hilfe meines iPods und von Skambankt gegen den musikalischen Todfeind ankämpfen. Was schwierig ist, wenn alle mitsingen...
Nach einer etwa einstündigen Fahrt haben wir den Gletscher erreicht, müssen aber im Auto warten. Ida und Ingrid reden miteinander, telefonieren, diskutieren weiter...
Dann dürfen wir aussteigen und uns wird verkündet, dass wir wohl nicht auf den Gletscher können, weil das Wetter zu schlecht war und sie nicht wissen, wo wir rauf sollen, weil ein großer Fluss den Gletscher umgibt und die Gefahr, dass Steine auf uns herabstürzen zu groß ist...
Wie bitte? Aber für den Gletscher sind wir doch da! Meine Beine rufen von unten zwar: Hallelujah, wir können sowieso nicht mehr! Aber auf die will ich ja nun wirklich nicht hören. Wann haben wir denn das nächste Mal die Chance auf einem Gletscher rumzukrapseln? Da hilft nur eins: Unterlippen nach vorne schieben und BITTE sagen!
Ida und Ingrid lassen sich weichklopfen. Sie händigen uns das Equipment aus und sagen, dass wir zumindest einmal näher herangehen und dann weitersehen. Okidoki. Das ist doch schon mal ein Anfang, der besser klingt, als ihre andere vorgeschlagene Alternative: Indoorclimbing.




Also wandern wir ein Stündchen zum Gletscher. Auch hier geht es über Stock und Stein, Berg und Tal und durch viel Wasser, das Ganze ist aber im Vergleich zu gestern ein wahrer Spaziergang. Nur eben mit schmerzenden Beinen.
Wir kommen an eine schaurige Brücke, die schaukelnd über einen reißenden Strom führt. Hinter dieser Brücke beginnt das gefährliche Steinschlaggebiet. Wir dürfen da nur einzeln und im Abstand von zehn Metern durch. Schnellstens.
Also zieht sich eine ziemlich lange Schlange Menschlein durch die Felsen hin zum großen Gletscher. Und tatsächlich finden Ida und Ingrid eine ungefährliche und begehbare Stelle. Wir dürfen unsere Ausrüstung anlegen. Dazu zählen ein formschönes Geschirr und Zackengestelle für die Schuhe, denen wir Vertrauen sollen.
Ingrid gibt uns eine genaue Einweisung, die im Großen und Ganzen darin besteht, dass wir uns mit kleinen Schritten vorbewegen sollen. Dies aber ganz normal. Unser Gewicht sticht die Zacken allein ins Eis. Wir müssen den Dingern einfach Vertrauen. Das Eis zum Abstützen anzufassen ist verboten. Wir halten uns auf den Beinen.
Okay. Meine Angst steigt. Aber ich will das machen.
Ob wir das auch wirklich machen wollen? JA, sagen alle, bis auf Julietta. Sie wartet lieber unten auf uns. Schade.





Aber da werden wir auch schon durch ein Seil alle aneinandergekettet und watscheln los. Meine Bedenken lösen sich schnell in Luft auf, denn ich merke, dass man diesen Dingern unter den Schuhen wirklich Vertrauen kann. Sie halten mich sicher auf dem Eis. Tatsächlich fühle ich mich auf diesem recht steilen Gletscher sicherer, als auf einem zugefrorenen See. Und wir marschieren los.
Heute regnet es zwar auch, aber der Nebel ist nicht so dicht und wir haben vom Gletscher aus eine wunderbare Sicht ins Tal und auf den See mit Schmelzwasser. Ingrid erklärt uns, wie ein Gletscher entsteht und wir gucken uns diverse tiefe Löcher an und fragen, wie der Dreck da eigentlich raufkommt. Für alle, die sich das noch fragen: Das ist Vogelmist.
Dann müssen wir mit gespreizten Beinen eine Gletscherspalte überklettern. Alle schaffen das. Bis auf mich natürlich. Ich falle hin. Rein in die Spalte. Bam. Gott sei Dank ist sie nicht so tief und mir passiert auch nichts. Ich mache nur die geliehene Jacke ziemlich dreckig. Aber das kann mir ja egal sein. Und mein Herz ist auch groß genug um den anderen mal ein bißchen zusätzliche Unterhaltung zu verschaffen... Das Gefühl auf dieser riesigen Eismasse zu stehen ist eigentlich unbeschreiblich. Es war einfach unglaublich cool. (Ha. Ein Wortspiel.) Irgendwie komme ich mir mit jedem Ausflug in die Natur dieses Landes kleiner und kleiner vor. Alles ist so mächtig und unberührt hier. Und dieser Gletscher, der die letzten zwanzig Jahre über kleiner geworden ist, wächst seit dem letzten Winter wieder! Wie das geht, konnte uns niemand erklären...




Die Wanderung zurück geht dann relativ still von statten. Jeder soll einfach losgehen, wenn er seine Ausrüstung wieder im Rucksack verstaut hat. Deswegen ist jeder ein bißchen für sich unterwegs. Natürlich rutsche ich nochmal auf einem Felsen auf und suche Bodenkontakt. Dementsprechend sehe ich jetzt auch aus: Blaue Flecken überall.
Aber das zeigt mir immerhin, dass ich was geleistet habe. Und Ida verspricht uns, dass der Muskelkater, der sich beim sitzen im Auto bereits einstellt, die nächsten Tage über nur noch schlimmer wird... Na großartig. Tatsächlich bewege ich mich in den nächsten Tagen wie eine 80 jährige Frau mit mindestens drei Hüftoperationen. Jeder Schritt tut weh.
Erschöpft, aber gut gelaunt und zufrieden sitzen wir in den Autos zurück nach Oslo. Nochmal acht Stunden. Musikalisches Auf und Ab. Coldplay wird durch Jamiroquai, Kings Of Leon und ein bißchen Pink Floyd abgelöst. Unser Auto ist der Partybus. Jedenfalls singen alle mit und klatschen. Keine Ahnung, wo die ihre Energie hernehmen. Ich jedenfalls bin erledigt.
Das Wochenende war großartig und gegen 22 Uhr begrüßt uns das Ortseingangsschild von Oslo. Und spontan fühle ich mich noch besser.
Der Abschied fällt herzlicher aus, als die Begrüßung. Vielleicht, weil wir wissen, dass wir uns ja schon in den nächsten Tagen wiedersehen und dieses kleine Ferienlager uns einander noch besser hat kennenlernen lassen. Ich mag, was ich kennengelernt habe.
Und nur für´s Protokoll: Den Punkt "Wandern in der norwegischen Natur" hab ich ein für alle Mal abgehakt. Ich muss an meine Beine denken. Die machen sowas nicht nochmal mit.
Oder sie kommen gerade auf den Geschmack... Und das möchte ich nicht herausfordern!

Vintersju.

Anbefaling!

Am Dienstag feiere ich meine wiedergewonnene Einsamkeit.
Zeit für mich, das bin ich schon gar nicht mehr gewöhnt. Was macht man da denn überhaupt?
Ich beschließe mich nach einem Spaziergang durch die Stadt in meinem Zimmerchen einzuschließen und Horrorfilme aus den 80ern zu gucken. Tanz der Teufel I und II. Das rückt die Dinge wieder ins rechte Licht.

Und am Mittwoch fallen mir dann auch die guten Menschen hier ein, die ich zugegebenermaßen in den letzten Wochen ein wenig vernachlässigt habe. Deswegen schreibe ich dem Andi mal eine Mail und erhalte unmittelbar eine Antwort, dass ich doch heute Abend mal mit ins Chateau Neuff kommen soll, weil da heute eine dänische Band spielt. Efterklang, heißen sie und machen gute Musik.
Warum also nicht...? Ich hab ja Donnerstag frei, weil Oyvind leider immer noch krank ist und Lust hab ich auch. Gott sei Dank, denn Efterklang sind eine hervorragende Überraschung. Nachdem mich schon die Vorband relativ begeistert hat, hauen mich Efterklang quasi um. Und nicht mit Wucht, denn sie sind eher ruhig und athmosphärisch.
Das schönste von allem ist, dass das Konzert im Theaterraum stattfindet, der aufgebaut ist, wie ein Amphitheater mit bequemen Sesseln. Die norwegischen Studenten lassen sich also sitzend von schüchternen Dänen beschallen und loben die Musik mit enthusiastischem, tosenden Applaus. Wir sollen nett zu dem Mädchen am Keyboard sein, denn sie ist das erste Mal in Norwegen und kennt es bisher nur aus Twin Peaks, was nicht der beste Eindruck ist. Aha. Humor besitzen sie also auch.
Efterklang haben Beats, aber die stören nicht, weil sie sich im Hintergrund halten und immerhin gibt es ja auch eine Geige, Klavier, Schlagzeug, Bass, Trompete, Gitarre und immer wieder eine Extraportion Percussion... Nicht mal zum Mitklatschen müssen die als ach so kühl verschrienen Norweger animiert werden. Alles funktioniert von selbst.




Nach einem Abschied mit Standing Ovations kommen die ganz verblüfften und sichtbar glücklichen Musiker noch zu einer Zugabe auf die Bühne zurück, für die der Geiger im Einkaufswagen hereingefahren wird. Und plötzlich, ich kann mir immernoch nicht erklären wie, springen alle Menschen von ihren Sesseln hoch und rennen vor zur Bühne. Es gab keinen Aufruf von der Band. Die Norweger sind einfach aufgetaut. Und das richtig. Alle stürmen nach vorne. Wir blicken uns kurz verwirrt um und stürmen mit!
An der Bühne wird uns ein Chor beigebracht, der ziemlich kompliziert ist, aber von dem Publikum fehlerlos umgesetzt wird. Die Stimmung ist unglaublich, obwohl die Musik nicht tanzbar oder sonderlich fröhlich ist. Irgendwie macht sie aber alle Leute in diesem Theater glücklich. Und das reicht. Absolut.
Und am Ende kann man sich umsonst ein Poster mitnehmen. Wer also bisher nicht überzeugt war, den kriegt das kostenlos Angebot hier in Oslo auf jeden Fall rum! Und wer Gratisposter anbietet, der stellt auch Gratis-Downloads zur Verfügung.

Deswegen also:
http://www.efterklang.net/
http://www.myspace.com/efterklang

Vintersju.

Alt hun ville ha var applaus, applaus...

(Aufgepasst! Hinter der Überschrift versteckt sich ein Link, der den geneigten Leser zu der Show bringt, die ich als Publikum beklatschte!)
Am Montag ist eigentlich mein längster Unitag. Heute ist aber alles anders. Denn zum einen ist heute Palmes letzter Tag in Oslo und zum anderen gehe ich heute mit meinem Norwegischkurs zum NRK. Aiaiai...
Zunächst einmal gehe ich dann aber selbstverständlich so lange wie ich kann zur Uni. Hier wird nichts schleifen gelassen.
Bevor der Literaturkurs beginnt, erzähle ich ein bißchen mit Björn, der eigentlich aus Deutschland ist, aber vor ein paar Jahren nach Norwegen auswanderte und hier auf Norwegisch studiert. Er hat dafür den Bergentest machen müssen. Aber man darf das auch, wenn man den Sprachkurs im Level 3, den ich ja zufällig besuche, mit einem C besteht. Das ist gut zu wissen für meine Pläne bezüglich des Masterstudiengangs...
Der Lernenthusiasmus (der ja vorher schon nicht klein war), ist geschürt!
Nach der Hälfte von Literattur og Erindring muss ich mich dann aber davonstehlen, immerhin warten Oyvind und die anderen am vereinbarten Treffpunkt. Wir wollen ja zusammen zum NRK gehen.
Doch sitzen tut da nur Ann-Mari aus England. Sie hat sich ihre Knöchel beim Pizza machen verbrannt und ärgert sich darüber, dass sie zwar lustige Pflaster mit bunten Figuren drauf hat, aber keine Schere, um sie klein zu schneiden. Überhaupt zeigt sie mir, dass sie sich jedes Mal, wenn sie Pizza macht, verbrennt und sich langsam nach oben arbeitet... Dann stehen auch schon Oyvind und Kaja vor uns. Mehr Leute sind nicht gekommen. Oyvind guckt schon ein bißchen enttäuscht und erkältet ist der Gute auch noch, hat sich aber trotzdem hergeschleppt. Vielleicht warten die anderen vor Ort auf uns...
Eigentlich haben wir uns dort mit Oyvind getroffen, weil wir es uns selbst nicht zugetraut haben, den NRK zu finden und er uns führen wollte. Wie sich aber schnell herausstellt, hat er charmanterweise selbst nicht so viel Ahnung von dem Weg.
Somit schlagen wir uns mit vereinten Kräften zum Erlebniscenter des NRK durch.
Für diejenigen, die sich schon die ganze Zeit fragen, wer oder was denn ein NRK jetzt eigentlich ist: Es handelt sich um den staatlichen norwegischen Fernsehsender.
Und wir werden eine Führung durch die Räumlichkeiten bekommen und am Abend bei einer Show im Studiopublikum sein.
Wir werden von Ruben herumgeführt, auch wenn wir jetzt insgesamt nur sechs Leute sind. Er zeigt uns diverse Studios, Kulissen, Hallen, die mit Kostümen vollgestopft sind und stellt uns den Produzenten vor, der besonders für die Osteuropäerinnen viel übrig zu haben scheint... Die Führung ist echt spannend, aber leider kenne ich keines der norwegischen Programme, die der Ruben uns präsentiert oder an die er uns erinnern möchte... Nur Oyvind sieht man bei den Erinnerungen an das Kinderfernsehen seiner Jugend ab und an selig grinsen.
Rubens Norwegisch ist zwar ziemlich schnell, aber eigentlich ganz gut zu verstehen.
Und dann sitzen wir auch irgendwann auf den Publikumsplätzen im Studio von der Sendung "Store Studio", einer Kulturtalkshow. Es sind leider nicht mehr Leute aus dem Kurs gekommen, aber wir finden uns damit ab. Wir sind immer hin da!
Zu Gast sind heute Ingvar Ambjörnssen, ein Schriftsteller, eine japanische Ballerina, eine Regisseurin und die Kings of Convenience für den musikalischen Teil. Da ich die sehr gerne mag, freue ich mich natürlich sehr.
Die japanische Ballerina beginnt und ist sehr nervös. Das Interview wird auf Englisch geführt und sie erklärt wie schwer es ist mit asiatischer Physiognomie eine Chance in der Welt des Balletts zu bekommen.
Dann kommt Ingvar Ambjörnssen. Er hat die Elling-Romane geschrieben, die ja auch bekanntermaßen verfilmt wurden. Ich kenne die Bücher zwar nicht, aber alle drei Filme und mag sie sehr. Herr Ambjörnssen lebt in Hamburg und bezeichnet Deutschland auch als sein Heimatland, aber ab und an kommt er nochmal nach Norwegen zurück. Er ist unglaublich schwer zu verstehen, weil er ziemlich nuschelt und nach der Sendung erklärt uns Oyvind, dass auch er selbst ihm nur schwer folgen konnte, weil er seine Sätze nie zu Ende gesprochen hat, nie auf den Punkt kam und einen Gedankensprung nach dem anderen machte... Wir sollen uns nicht ärgern.
Der dritte Gast, die Regisseurin Margreth Olin, macht eigentlich Dokumentarfilme, hat aber nun einen Spielfilm gedreht. Ein Drama über Drogen, das auf dem Leben einer Freundin von ihr basiert. Kaja guckt mich verwirrt an. Kajas Norwegisch ist eines der besten bei uns im Kurs, aber sie versteht die Regisseurin nicht. Das Problem lässt sich leicht klären. Sie kommt von der Westküste, ein mir vertrauter Dialekt, doch Kaja versteht die Welt nicht mehr... "What is she saying for 'ikke'?" -"Ikkje!" "What? And why does she pronounce 'også' so strange...?"
Als letzte kommen dann Kings of Convenience, die es nach fünf Jahren geschafft haben, ein neues Album aufzunehmen. Während einer von ihnen mit The Whitest Boy Alive Musik gemacht hat, war der andere damit beschäftigt, zu heiraten, Vater zu werden und einen Doktor in Architekturpsychologie zu machen. Ja, sowas gibt es. Das beschäftigt sich offensichtlich mit den Auswirkungen von Häusern auf unsere Psyche.
Was nicht so alles auf die menschliche Psyche einwirkt.
Zum Abschluss spielen sie auch ein Lied. Ein sehr schönes, das sie gleich nochmal spielen müssen, weil irgendwas mit der Aufnahme nicht geklappt hat.
Kaja kannte Kings of Convenience vorher nicht, ist aber sofort zu einem Fan geworden.
Als alles im Kasten ist, bedanken wir uns bei Oyvind für den schönen Tag und wünschen ihm noch gute Besserung, was nicht viel helfen wird, da er sich noch am gleichen Abend krank meldet. Er erinnert uns daran, dass wir uns die Sendung nochmal im Fernsehen angucken sollen, auch, wenn das Publikum nicht gefilmt wurde. Sie brauchten nur unseren Applaus.
Nach diesem eher aufregenden Erlebnis bin ich im Mono mit Palme verabredet, der tatsächlich den ganzen Tag in der Bibliothek saß und arbeitete... Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, Palme nahm nur Fetzen von Lefse zu sich...
An seinem Abschlussabend essen wir also den berühmten Mono-Hamburger, der sogar schon Preise gewonnen hat! Zu recht, wie ich sagen muss. Das Ding ist riesig, auf einem dunklen Brötchen, das Fleisch ist Medium, es gibt Tonnen von Salat, eine großartige Soße und dazu Kartoffeln. Das ist kein Fast Food. Das ist eine vollwertige, großartige Mahlzeit - jede Krone wert.
Am nächsten Morgen verabschiede ich dann Palme zurück nach Deutschland. Dieser Abschied gestaltet sich nicht so tragisch, wie die anderen, da Palme voller Freude ist, nach Berlin zurückzukommen und ich sehnlichst die Einsamkeit herbeiwünsche. Nach 5 Wochen mit Besuch brauche ich auch mal ein bißchen Ruhe.
Immerhin muss ich Kraft tanken, weil am Wochenende die Gletscherwanderung ansteht.
(Und ja, es waren Kameras erlaubt im NRK, aber damit hätte ich nicht gerechnet und war deswegen nicht gut ausgerüstet...)

Vintersju.

Mittwoch, 23. September 2009

HENG DEG PÅ, HENG DEG PÅ, FOR MÅLET SKA ME NÅ!

SKAMBANKT!

Alternativet er anarki


TRONDHEIM, 10:00, Zahl

Welcher Tag ist heute? Dumme Frage, denn seit Montag zähle ich rückwärts.
Der langersehnte Freitag. Ich bin viel zu früh wach und ziehe mein hübschestes Kleidchen an. In neuneinhalb Stunden werde ich in der Stadt sein, die ich so sehr vermisse, bei der Jule sein, die ich so sehr vermisse und die Musik hören, die ich live so sehr vermisse.
Trondheim ist ein Ort, an dem einen auffällt, was einem eigentlich alles fehlt. das ist insofern gut, weil man endlich weiß, was man braucht, um zu überleben. Und auf der anderen Seite kann man sich in Enthaltsamkeit üben. Ob man nun will oder nicht.
Das wird mir auch schlagartig wieder bewusst, als ein weiteres Mal die Vollmilchschokolade ausverkauft ist, die ohnehin nicht die beste, aber die einzige ist, die man hier kaufen kann. Was soll das? Eine Busfahrt von über acht Stunden ohne Schokolade?
Ich werde es überleben, denn in Oslo wartet die Welt auf mich.

OSLO, 20:00 , Vintersju

Endlich ist es soweit, der Abend auf den wir so lange gewartet haben.
Der Abend, für den Palme seinen Flug umgebucht hat und für den Zahl eine 8 stündige Busfahrt aus Trondheim auf sich nahm. Die im Übrigen mit Verspätung eintraf und mich leicht nervös werdendes Mädchen diverse Nerven gekostet hat... Aber Zahl kommt pünktlich, wir schaffen es zwar nicht mehr ihre Sachen noch nach Bjerke zu bringen, aber wir können sie ja einfach im Bahnhof einschließen und dann nach dem Konzert abholen.

Somewhere in NORWAY, 15:00, Zahl

Ich liebe lange Busfahrten. Lange Zugfahrten mag ich lieber, denn ich mag das Gefühl, über Weichen zu fahren. Aber auch bei langen Busfahrten kann man sich zurücklehnen und über all die Dinge nachdenken, die man sagen will. Die Musik ist da, Buzz Aldrin ist da und ein leckerer Himbeerreis ist da. Um mich herum verschwimmt die Landschaft und nimmt alle 50 Kilometer eine neue Gestalt an.
Norwegen kann man in verschiedene Farben aufteilen. Ich kenne bisher Grau, Grün, Blau und seit meinem Flug nach Stavanger auch Goldgelb. Ich befinde mich hier in goldgelber Taiga. Die Berge sind goldbraun, die Birken sind golden und weiß, alle Pflanzen und das Moss auf dem Boden schimmern wie in heißes Kupfer getaucht. Nirgendwo stört ein grün oder ein rot, der Himmel ist strahlendweiß, als ob die Atmosphäre keine Farben mehr spaltet. Ein Reh. Goldbraunes Fell. Frisst die gelben Beeren von den dörrigen Sträuchern. Und die Berge in der Ferne sehen aus wie die Berge aus Tolkiens Riddermark, man kann das Getrappel von Hufen erahnen und die älteren Nordmenn dort an der Straße brauchen nur ihre Rüstung, um sich perfekt in das BIld einzupassen. Kaum zu glauben, dass ich mit dem Bus auf dem Weg zu einem Rockkonzert in einer pulsierenden Hauptstadt bin. Aber ja, zurück zum eigentlichen. Nur noch vier Stunden. Und ein bisschen warten in der schwitzenden Menge. Ein ungeduldiges Umhersehen und am Ende zählt doch nur die Musik und der Riff auf der Firebird.

OSLO, 20:30, Vintersju

Beim Pstereo haben wir einen 45 minütigen Vorgeschmack auf das bekommen, was uns heute erwartet. Ich kann es kaum abwarten. Auch wenn ich den ganzen Tag über relativ ruhig war, langsam kommt die Aufregung in großen Schüben!
Der Weg zum Rockefeller ist nicht weit. Die Türen machen pünktlich um 21.00 Uhr auf, aber wir wollen auf keinen Fall die ersten sein, die hineingehen. Das wäre zu uncool. Und das passt gar nicht zu uns... Also spazieren wir erst noch ein wenig durch die Gegend, bevor auch wir uns auf zu den heiligen Hallen machen.
Langsam nähern wir uns dem Rockefeller, es ist hell erleuchtet und es gibt Gott sei Dank keine Schlange.
Vor dem Eingang stehen zwei Frauen. Eine guckt uns, besonders Zahl, erwartungsvoll an und murmelt etwas... "Legitimasjon." Zahl versteht nicht ganz, was die gute Frau von ihr möchte. "Unnskyld?" Sie wiederholt. "Legitimasjon?" Ach so. Sie wollen wissen wie alt Zahl ist. Denn wie so oft in Norwegen hat das Konzert eine Altersgrenze. Diese liegt allerdings bei 18... weswegen Zahl ganz entgeistert zu uns herüber guckt... "Seh ich etwa nicht aus wie 18???" "Öhm..." Palme und ich lachen uns kaputt, wir können das, wir sehen ja immerhin schon aus wie 18. Die Frau merkt schnell, dass wir unseren Spaß haben und kann deswegen davon ausgehen, dass Zahl tatsächlich schon volljährig ist! Irgendwann findet sie dann auch die gewünschte Legitimasjon und darf passieren.
Der running Gag des Abends ist geboren.

OSLO, 20:30, Zahl

Das erste as mich begrüßt ist die Sommerluft der Stadt. Kurz verharre ich auf dem Asphalt und lasse die Luft in mich hinein und ohne, dass ich es wirklich verhindern kann, hat mich mein Lächeln wieder. Dann erblicke ich eine ziemlich gestresste Jule hinter einer Plexiglasscheibe, der soeben eine Tonne nervenaufwühlender Kram von den Schultern fällt, als sie mich mit ihrem wahnsinnigen Blick empfängt. Das Lächeln wird zu einem breiten Grinsen und ich....bin zu Hause. Palme taucht auf dem Nichts auf und wird sogleich mit meinem Gepäck beladen, denn wir haben keine Zeit mehr, nach Bjerke zu fahren und ich muss mich im Bahnhofsklo hübschmachen. Wegen Überflutung wird Nutzlosigkeit proklamiert und zerzaust und zerknittert von der Busfahrt gönnen wir uns eine Käsewurst, bevor wir uns aufmachen, auf in den dunklen Teil der glitzernden Stadt.

OSLO, kurz vor 21:00, Vintersju

Wenn man das Rockefeller betritt, muss man zunächst einen Berg im Haus erklimmen. Wie das geht, weiß ich zwar auch nicht, aber es ist so und es gibt dem mutigen, musikfreudigen Bergsteiger das Gefühl, sich sein Konzert auch wirklich verdient zu haben. Kaum sind die Karten abgerissen und die Jacken hinter der Garderobe verstaut, kommt uns auch schon Börge entgegen, der sympathische, immer schwitzende Drummer mit dem Aufmerksamkeitsproblem, das sich ganz gut dadurch lösen lässt, vor dem Konzert durch jede Menge Fans zu spazieren.
Aber wie bereits gesagt, gehören wir zu der coolen Fraktion und lassen Börge in Ruhe. Er schwitzt einfach zu viel.
Wir begucken uns lieber den Ort des Geschehens. Das Rockefeller hat eine schöne Bühne, es ist relativ groß, bei ausverkauften Konzerten haben hier 1300 Leute Platz. Es gibt eine Galerie, die wir näher in Augenschein nehmen, sehr schöne Toiletten und sogar eine Minibank, falls man sich noch spontan dazu entscheiden sollte, den kompletten Merchandise-Stand leer kaufen zu wollen... Man weiß ja nie...
Die Mitte des Raumes ist eingezäunt. Hier ist ein riesiger Bereich für Ton und Licht. Bisher der größte, den ich gesehen habe. Vielleicht weil ich da sonst nicht so drauf achte. Aber wir suchen uns ein Plätzchen zum Sitzen abseits des Geschehens und teilen uns eine Cola zum Kampf gegen die Unterzuckerung.
Wir erzählen uns außerdem, welche Lieder wir uns wünschen. Palme hält sich bedeckt, er will nur Kapitalens Spel. Was garantiert nicht gespielt wird.
Zahl wünscht sich: Slukk Meg, Dynasti, Våre Fiender, Skambankt! und Stormkast #1. Na, da stehen die Chancen schon anders.
Ich hätte gerne: Skambankt!, Vår Bør, Stormkast #1, Feil und Trygge Rammer. Das letzte am liebsten, weil ich es so liebe, aber da sie es noch nie live gespielt haben, mache ich mir wenig Hoffnungen.
Zunächst einmal entern aber Kverlertak die Bühne. Sie sollen aufwärmen und nachdem ich schon einmal bei Myspace in die Musik der Herren reingehört habe, graust es mir sehr.
Vor uns bauen sich drei (!) Gitarristen, ein Bassist, ein Drummer und ein Sänger auf. Und legen los. Die haben Spaß ohne Ende und um ehrlich zu sein, bin ich überrascht, wie gut mir die Musik dann doch gefällt. Einziges Problem: Der Sänger. Oder wohl besser: Der Schreier. Es ist ein einziges Brüllen... Zahl guckt verwirrt zu mir rüber und fragt "Singen die eigentlich Englisch oder Norwegisch?" Von der Homepage weiß ich, dass es Norwegisch ist, verstehen tue ich hier allerdings kein Wort. Es könnte genauso gut Indonesisch sein. Und während der Bassist und die Gitarristen ordentlich Stimmung machen, zieht der leicht übergewichtige Sänger dann auch noch bedrohlicherweise sein T-Shirt aus. Herregud. Das ist nicht schön mit anzusehen.
Zum Ende hin verlässt er als erster die Bühne und lässt die anderen noch eine Weile vor sich hingniedeln. Endlich findet man auch mal Zeit, die Musik in Ruhe zu genießen. Obwohl Ruhe bei so einem recht harten Rock vielleicht auch das falsche Wort ist. Das Publikum geht auf jeden Fall schon mit der Vorband ordentlich mit. Von wegen steifes Oslo...

22:15, Zahl

Die Lichter gehen an und ein Ohrkrebs verursachendes Gestöhne ist vorbei. as haben sich die Skambankter nur bei dieser Vorband gedacht? Musikalisch: nungut. Macht Spaß. Aber das Geschreie eines unansehnlichen Klotzes dazu lässt mich kkurz überlegen, ob ich mich wieder in unsere Colaecke setze und das Publikum nach bekannten Gesichtern absuche. Neben mir wippt Palme im Takt mit und auf der anderen Seite steht eine festgefrorenen Jule mit offenem Mund. Hmmm. Dann haben wir unsern Spaß, indem wir die Jungs auf der Bühne einfach verarschen. Das klappt immer. Da kommt die Euphorie zurück. Nach einigen nachgestellten Dancemoves und Rockposen des unausgelasteten Bassisten genießen wir die letzten instrumentalen Harmonien und suchen nach dem geeigneten Platz inder Menge. Sicherheitsabstand vor der Moshpit, trotzdem mittendrin im Geschehen und vielleicht auch noch gute Sicht. Ja: bitte gute Sicht. Jeder wuselt nochmal dorthin, wo er muss, das heißt, Jule aufs Klo, Palme wartet wie ein Fels in der Brandung auf unserem Platz und ich husche durch die Menge, scanne das Publikum, beobachte verdächtige Personen, lache mir ins Fäustchen ob dieses wunderbaren Ortes hier und schlängel mich zurück, als auch schon das Lict ausgeht und das Spektakel beginnt.

22:30, Vintersju

Dann kommt die elendige finale Umbaupause, die immer so furchtbar lange dauert... Aber heute verfliegt sie dann doch recht schnell.
Die Lichter gehen aus und Börge besteigt seinen fünf Meter hohen Schlagzeugthron. Er hat sogar noch Klamotten an und beginnt das Intro von Slukk Meg... auf sein Schlagzeug einzudreschen, auch Hans Panzer, Tollak und Terje kommen auf die Bühne und beginnen ein Konzert, bei dem man von der ersten Sekunde an spürt, dass es nur großartig werden kann!
Am Ende von Slukk Meg dann ist Terje aber auf einmal weg, schwupps, ist er gestürzt. Ohne eigentliches Hindernis verliert er einfach kurz das Gleichgewicht und liegt am Boden. Sein Mützchen taucht zuerst wieder auf. Er guckt, ob mit der Gitarre alles in Ordnung ist, murmelt etwas unverständliches in das Mikrofon, grinst verlegen und meint "Hva faen... (oder eher Ka faen, berücksichtigt man den Dialekt)", das verstehen wir dann schon wieder... Tollak und Hans haben auch sichtlichen Spaß an diesem kleinen Sturz, der motivierend auf die ganze Band wirkt.

Skambankt lassen dem Publikum keine Pause, Zahls Wunschlieder werden eins nach dem anderen herausgeschleudert... Stormkast #1, Skambankt, bei dem sogar Palme trotz seines politischen Hintergrundes aus vollem Halse "Alternativet er anarki" mitschreit, Dynasti, Vår Bør... Dann hält Terje inne und beginnt zu fragen, ob wir uns gut das neue Album, Hardt Regn, angehört haben. Selbstverständlich haben wir. Denn da ist ein Lied drauf, dass sie noch nie live gespielt haben. Und das würden sie jetzt gerne nachholen. Es heisst Trygge Rammer. Dann nestelt er an seiner Gitarre rum und haut den unvergleichlichen Anfang in die Seiten. Sie spielen tatsächlich Trygge Rammer! Besser geht´s nicht. Mein Wunsch ist erfüllt. Das Lied wird für mich das absolute Highlight des Abends.
Unsicherheiten und verpasste Einsätze werden bei dieser Band sympathischerweise durch kleine Gespräche mit dem Publikum retuschiert...
Auch bei Malin und Me sa nei! geht die Extase ungebrochen weiter. Während Me sa nei! ist es typisch, dass das Publikum bis zu einer bestimmten Zahl hochzählen muss. Heute entscheidet sich Terje für 51! Also geht das Zählen los: en, to, tre, fire, fem, seks... Ab den 20ern muss das Publikum überlegen. Palme versteht nicht ganz, was vor sich geht und Zahl und ich versuchen unser bestes hinterher zu kommen. Bei 51 geht das Lied explosionsartig weiter. Später erklärt uns Terje, dass wir die 51 als Kompliment auffassen dürfen, denn es wurde schon bis 36 gezählt, ja auch schon mal bis 42, aber noch nie bis 51!
Das Publikum versucht durch tosenden Applaus dieses Lob zurückzugeben.





Es folgen das seit fünf Jahren nicht mehr gespielte Panzersjokk, O Dessverre und Tyster. Dann setzt Skambankts einziges ruhiges Lied ein: Tanker Som Mareritt, einer von Palmes Favouriten, nachdem die Band eigentlich von der Bühne gehen wollte. Weil aber die Stimmung so gut ist, schieben sie noch Alarm! hinterher. Hierfür holen sie einen Herren mittleren Alters auf die Bühne, der das Lied einzählen soll. Terje erklärt, dass sie in letzter Zeit Kritik dafür geerntet hätten, immer nur junge Mädchen auf die Bühne zu holen und er sich deswegen heute für diesen 55 jährigen Mann entschieden hätte. Dieser protestiert von hinten, dass er erst 45 sei, woraufhin sich Terje selbstverständlich bei ihm entschuldigt und ermahnt, dass die jungen Leute ruhig an die Schule denken sollen, denn bei Skambankt hat man auch noch im hohen Alter die Chance auf die Bühne geholt zu werden!
Wie schön, hier lernt man ganz nebenbei auch noch Lektionen für´s Leben.
Nach Alarm! verschwinden sie dann kurz hinter der Bühne. Sie haben sie noch gar nicht ganz verlassen, da setzt ein Publikumschor mit Skambankt-Rufen ein und schnell sind sie wieder zurück für Nok Et Offer.
Nach dem Lied fällt Terje etwas ein, er bittet das Publikum einen Moment zu warten und huscht zu Tollak um mit ihm zu flüstern, danach zu Hans Panzer und schließlich zu Börge... Dann kommt er ans Mikrofon zurück und erklärt, dass sie ein kleines Bandtreffen auf der Bühne hatten und beschlossen haben, jetzt als letztes Lied für uns KKK! zu spielen, wofür sogar Prepple, der Sänger der legendären norwegischen DumDum Boys als Gastvokalist auf die Bühne kommt.
Ein würdiger Abschluss für ein großartiges Konzert, das, wie das bei allen großartigen Konzerten immer so ist, noch viel länger hätte dauern können!

01:00, Zahl

Und vorbei die gute Zeit. Ein Phenomenales KOnzert geht zuende. Wer hätte das gedacht. Kaizerverwöhnt rechne ich mit noch einer Zugabe, aber die Lichter gehen an und Audioslave darf Rausschmeißer sein. Wir bleiben noch ein bisschen stehen, sehen die Leute an uns vorbeigehen und die Roadies die Kabel von der Bühne rollen. Der Raum wird leerer und auf ein Neues kommt es mir sovor, als ob alle Konzerträume nach dem Ende eines Konzertes einen roten Schimmer haben. Wie ein Raum, in dem gerade eine Menge Schießpulver losgefeuert wurde und der Dunst noch in den Hallen liegt. Das Rockefeller stößt die Türen auf und die Nachtluft nimmt Schweiß-, Bier-, Rauch- und Technikdünste mit nach draußen.








geschätztes 01:30, Vintersju

Im Nachhinein sagt die Band, dass es ihr bestes Konzert bisher in Oslo war. Gut, dass wir Zeugen waren und unseren Teil, als enthusiastisches Publikum beitragen konnten... Palme ist so begeistert, dass er sich umgehend ein T-Shirt kaufen muss, was er erst tun darf, nachdem wir ihn in die Arme genommen haben und ihm mal ordentlich zum Geburtstag gratulieren.
Mit neuem T-Shirt unter dem Arm und Freude in unseren Herzen spazieren wir für unsere eigene kleine Aftershowparty zum Mono.
Aber da heute auch Kulturnacht in Oslo ist, sehen wir uns einer langen Schlange und Ausweiskontrollen gegenüber. Nachdem es vor dem Internasjonalen nicht anders aussieht, beschließen wir in einem gemütlichen Pub in der Torggata einzukehren.
Dort spielen sie die Human League, musikalisches Kontrastprogramm.
Aber... einen großartigen Abend muss man sich ja auch nicht versauen. Deswegen wollen wir erstmal Zahls Sachen aus dem Schließfach im Bahnhof holen, bevor wir uns auf den Weg nach Hause machen. Es gibt nur ein winziges Problem: Es ist inzwischen halb drei und der Bahnhof wird gerade abgeschlossen. Alles ist verrammelt, verriegelt und vergittert.
Zahls Sachen verstecken sich irgendwo tief im Schlund dieses Hochsicherheitsgefängnisses. Okay. Dann holen wir sie eben morgen. Und gehen jetzt nach Hause. Ja, gehen. Zahl ist ja da, wie soll es also anders kommen, als mal eben 1 1/2 Stunden zu Fuß bergan nach Hause zu gehen? Okay, das bergan ist in Oslo nicht so steil wie in Trondheim... Aber den Weg nach einem heftig durchtanzten Konzert zu gehen, ist schon kein sonderlich großes Vergnügen. Irgendwann gegen 4 Uhr morgens haben wir aber auch das geschafft und lassen uns nach einem warmen Schälchen Griess in die wohlverdienten Betten (oder das Bett und die Isomatten) fallen.

03:15, Zahl

Wir laufen nach Hause. Natürlich. Denn, was Jule nicht gedacht hätte: es gibt auch einen Fußweg nach Bjerke. Jules eigenes kleines Rom. Haha!
Unterwegs wirken sich die Ereignisse des Abends auf unsere Gemüter aus. Tollak, der Bassist, hat mit Abstand den Preis für den größten Sexappeal des Abends gewonnen. Selbst Jule, die vor Terje nur so dahinschmilzt, weiß sich nicht zu helfen:
"Wenn Tollak auf mich zugekommen wäre und Sex gewollt hätte - ich hätte nicht nein gesagt!"
Bei dieser Aussage bleibe ich wie angewurzelt auf der Straße stehen. Hat sie das wirklich gesagt, oder war das die Wolke des Wahnsinns, die mich glauben macht, ich hätte es gehört? Meine sonst so prüde Jule hat gerade wilde Abenteuer in ihrem Kopf! Unglaublich. Palme findet das alles ganz amüsant und trottet zufrieden hinterdrein.
Jule zählt die Busstationen ab, um sich so den Weg zu erleichtern. Ich zu meinem Teil finde diesen nächtlichen Spaziergang hervorragend. Ich überhöre Jules Gezähle und summe vor mich hin...
Slukk meg for eg brenner!