Montag, 7. September 2009

"Did you hear our fiddler on the roof?" -"What? Hitler on the roof?"

Regen.
Regen, wie ich ihn noch nie gesehen habe, ergiesst sich über Kristiansand. Es ist Donnerstagabend und ich sitze mit Marlene im Zug nach Stavanger, wo wir Zahl treffen wollen. Doch es schüttet so sehr, dass ich nicht anders kann, als den großen Plan des Wochenendes anzuzweifeln. Der Plan? Auf den Prekestolen! Stolen! wandern. In Chucks, meinen alten, löcherigen Chucks. Letzteres Detail ist nur in meinem Plan enthalten, ich muss allerdings beweisen, dass ich das kann. Aber bei so einem Regen? Mit diesen Schuhen... Kann das gut gehen? Der Zug kriecht weiter und das Wasser rinnt am Fenster entlang als würde oben auf dem Dach des Zuges ein Eimer nach dem anderen direkt darüber ausgeleert.
Wir sitzen mal wieder im Familienabteil. Es ist zwar etwas lauter, aber hier können wir nebeneinandersitzen. Auch wenn die Kinder in diesem Zug nicht ganz so cool sind, wie die Festivalbesucher von neulich...
Kurz nach halb elf hält der Zug in Sandnes. Hier müssen wir raus und das letzte Stückchen mit einem Bus zurücklegen. Das ist ganz spannend, da es eine Abwechslung zu der achtstündigen Zugfahrt zuvor ist. In Stavanger angekommen regnet es noch immer. Wo ist Zahl? Ihr Flieger ist schon da und sie müsste hier irgendwo sein. Ganz aufgeregt springen wir von einer bereits abgeschlossenen Wartehalle zur nächsten... Nirgendwo ist Zahl zu finden.
Doch Marlene hat eine SMS mit näheren Infos. Und tatsächlich finden wir sie und haben uns kaum in die Arme schließend begrüßt, da taucht auch schon Marius auf. Unser Couchsurfhost für 3 Nächte. Er hat das vorher noch nie gemacht und ist sichtlich nervös. Unsicher lachend geleitet er uns zu seinem Cabrio, mit dem er uns abholt. Das Bezahlen des Parkplatzes funktioniert nicht. Also fährt er einfach zur Schranke vor und steckt das Ticket unbezahlt hinein. Es kommt nicht mehr raus. Die Schranke bleibt zu. Hmm, er zögert kurz und zückt dann seine Visa-Card und schiebt sie hinterher. Über meinen Sorgenbekundung, dass doch auch die jetzt garantiert nicht wieder herauskommt, lacht er erneut. Zum Glück irre ich mich und wir sausen mit offenem Kofferraum, weil unser Gepäck zu groß ist durch den abendlichen Westküstenregen.
Das dahinrauschende Mobil stoppt vor einem alten, mintgrünen Holzhaus. Hier wohnt Marius zusammen mit seinem Freund Steen Brian (oder Stein Brian oder Stian Brian?) für 10000 NOK Miete im Monat. Dafür gehört ihnen kein Stück der alten Einrichtung, lediglich die DVD-Sammlung lässt Schlüsse auf die Charaktere zu... Die ich ein bißchen in Frage stelle, bis ich Iron Man finde. Mit dem ist wieder alles gut.
Die beiden Jungs sind bemüht ein bißchen mit uns zu kommunizieren, aber Zahl ist genauso müde wie wir und wir wollen nur schlafen, damit wir morgen früh (und wirklich früh) auf zum Prekestolen können, damit wir alle Zeit der Welt haben, selbigen zu erklimmen.
Also lassen sie uns in Ruhe und 7 Stunden später schällt der Wecker. Die Stadt ist uns wohlgesonnen, denn die Sonne scheint! Perfektes Wanderwetter. Auf in die Stadt. Proviant besorgen und verpacken und dann nichts wie los. Am besten mit einem Stück kalter Pizza als Frühstück...




Der Prekestolen ist natürlich nicht in Stavanger. Man muss zunächst eine kleine Fährüberfahrt machen, die schon so atemberaubende Natur enthält, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie der Stolen das noch toppen kann... (er kann!) und danach das letzte Stück bis zur Prekestolhytta mit dem Bus zurücklegen. Der Busfahrer will eine CD mit Infos über den Prekestolen auf Norwegisch und Englisch anmachen, aber das funktioniert nicht so richtig, also übernimmt er die informatorische Leitung.
"Der Prekestolen... ist so und so viele Meter hoch... wenn sie nach der Wanderung also sich abkühlen wollen, nur 600 Meter unter ihnen ist der Sprung ins Wasser beendet... aber das würde ich nicht empfehlen... eines Tages wird der Prekestolen komplett so wie er ist in den Lysefjord fallen und eine gigantische Welle auslösen... (nach plötzlichem Schweigen im Bus) ... aber keine Sorge! Das ist nicht heute... Jetzt mach ich ein bißchen Musik an... und wenn das auch nicht geht, dann äh, dann sing ich eben was!"
So aufgeheitert sind wir schließlich am Ausgangspunkt der Wanderung. Jetzt geht es los. Wir gehen hoch zum Prekestolen.
Der Weg beginnt steil und schottrig. Zahl führt uns an, dann kommt Marlene und ich hinterdrein, als kleiner Klotz am Bein. So komme ich mir nach dem ersten kurzen Abschnitt der Wanderung jedenfalls vor... Ich bin nicht die schnellste und so wie sich mein Gesicht anfühlt, habe ich gerade eine neue Definition von Krebsrot geschaffen...
Aber irgendwann finde ich mein Tempo und dann geht es. Irgendwie. Nicht leicht, aber es geht. Wenigstens machen mir mein Schnupfen und mein Kopf keine nervigen Probleme. Es läuft. Wir laufen. Über Stock und Stein, Berg und Tal, Moor und Fels. Immer weiter nach oben. Immer unsicherer der Weg, immer wackeliger meine Schritte. Zahl hat maximal zwei Pausen eingeräumt. Bei einer wird gefrühstückt, bei der anderen eine kleine Fotosession abgehalten. Wir wollen weiter. Ich will gar keine Pause, ich will ankommen.




Jeder Schritt zeigt einem neue, atemberaubende Landschaft und irgendwie scheint mir der Weg inzwischen sogar wichtiger zu sein, als das eigentliche Ziel: die Kante. Doch irgendwann erreichen wir auch dieses und es verschlägt mir den Atem. Uns allen, glaube ich. Wir stehen vor Natur, die wir so noch nicht gesehen haben. Es ist unbeschreiblich da oben und kein noch so gutes Foto kann das wiedergeben. Vor allem nicht das Gefühl dort zu sitzen, mit den Beinen über der Kante und gegen den aufkeimenden Wunsch doch einfach zu springen ankämpfend.
Ich sitze an der Kante und höre drei Lieder. Vår Bør von Skambankt. Evig Pint von Kaizers Orchestra. Hoppipolla von Sigur Ros.
Wir haben es geschafft. Zu dritt. (In Chucks!) Unser Ziel, unser Plan seit Februar hat sich endlich erfüllt. Wir stehen auf dem Prekestolen. Ich muss sitzen bleiben und staunen, während Marlene und Zahl noch ein Stückchen höher klettern für noch spektakulärere Fotos.




Wir picknicken, jeder hängt seinen Gedanken nach. Von rechts ziehen dunkle Wolken auf und so recht wollen wir gar nicht wieder weg, denn alles ist so friedlich hier oben. So wunderschön und friedlich...

Doch irgendwann müssen wir einfach gehen. Noch schnell werden die letzten Fotos gemacht und dann machen wir uns an den Abstieg. Ein leichter Regen setzt ein, der die Steine rutschig und den Abstieg ziemlich gefährlich macht. Denn auch wenn wir dort oben lange verweilt haben, sind meine Beine immernoch nicht erholt von den Aufstiegsstrapazen. Ich rutsche ein paar Mal aus und erschrecke mich jedesmal fast zu Tode, aber es passiert niemandem von uns etwas. Mit weichen Knien kommen wir unten am Parkplatz an. Den Bus haben wir um zehn Minuten verpasst, in zwei Stunden kommt der nächste. Also haben wir genug Zeit um uns ein wenig auszuruhen. Da uns draußn die Mücken und andere kleine Viecher angelockt vom Schweiß aufzufressen drohen, setzen wir uns auf die Schafsfelle in der Prekestolhytta und warten.
Zahl macht ein Nickerchen, sehr zur Belustigung und Freude der eincheckenden Hotelgäste. Dass von denen noch niemand den Aufstieg gewagt hat, ist leicht zu erkennen...
Eine ruhige Busfahrt nutzt jeder von uns für sich und seine Gedanken. Dann schippern wir im Dunklen Richtung Stavanger zurück. Bei Marius wollen wir nur noch etwas essen, duschen und dann schlafen. Wie Steine fallen wir ins Bett und zumindest ich schlafe sofort ein... Morgen schlafen wir aus!

Ich erwache acht Stunden später und schlage aufgeregt die Decke zur Seite. Sind meine Beine noch da? Ja! Glücklicherweise haben sie sich nicht dafür entschieden spontan von meinem Körper abzufallen, auch nicht, nachdem ich sie solchen Strapazen ausgesetzt habe. Wir haben uns doch lieber, als ich gedacht hätte.
Doch die Freude währt nur so lange bis ich aufstehe. Denn im Liegen waren sie friedlich, unter Benutzung jedoch rächen sie sich bitterlich. Am schlimmsten ist es, wenn ich Treppen heruntergehen muss... Zumindest Marlene scheint auch Schmerzen zu verspüren. Zahl springt selbstverständlich absolut unbeeinflusst und wie ein junges Reh munter durch die Straßen Stavangers während ich versuche ihr hinterherzuhumpeln. Die beiden Jungs wollen wissen wie es uns auf dem Stolen gefallen hat und wir müssen grinsen. Langsam wundere ich mich aber über die ständige Geigenmusik in dem Haus. Irgendwann sagt Brian dann "Did you hear our fiddler on the roof?" und Zahl sagt einigermaßen verwirrt "What? Hitler on the roof?!". Nach allgemeinem Gelächter erklärt Brian, dass da oben ein Ire wohnt, der gerne Musik auf seiner Geige macht...
Unser erstes Ziel nach einem merkwürdigen Fretex mit einem Puppenkopf, der sagt, wie Zahl ihre Frisur tragen sollte, ist das Bøker og Børst. Ein buntes, buntes Café, in dem wir Scrabbel spielen und mit einer heißen Schokolade und Kaffee und viel Farbe in den Morgen starten.




Das schöne an Stavanger ist, dass es klein und idyllisch ist. Wo auch immer man hin möchte, man braucht zu Fuß nicht länger als zehn Minuten um überallhin zu kommen! Und nachdem wir uns die Innenstadt und das Gamle Stavanger auf´s Ausführlichste betrachtet haben, beschließen wir ins Kino zu gehen und Harry Potter zu gucken.




Nach guter, britischer Unterhaltung wollen wir nämlich in das Cementen. Da aber immer noch ein bißchen Zeit ist, gucken wir uns vorher noch das Folken an. Ein Studentenclub, in dem zu Zahls großer Freude ein ansonsten in Norwegen unbekannter Kickertisch steht!
Wir gehen also hinein, Zahl und Marlene spielen gegen zwei norwegische Jungs, die unglaublich schlecht sind, geben ihnen triumphierend die Hand und gehen wieder. Ha.
Starker Auftritt, jetzt aber ab ins Cementen. Oder auch nicht, denn der sehr nette Türsteher kann Zahl leider nicht reinlassen. Man muss 21 sein. Das ist die erste Kollision mit der doofen Altersgrenze hier. Aber irgendwie können wir ihm nicht böse sein, denn immerhin macht er ja nur seine Arbeit und empfiehlt uns eine nette Bar um die Ecke. Vorher begucken wir uns noch das Checkpoint Charlie, das sich auch noch durch gähnende Leere, abgesehen von drei Fußballguckenden Herren, auszeichnet. Wir gehen also in die Bar. Da ruft Palme an. Er hat den Schlüssel für mein Zimmer in Oslo bekommen. Aber der Schlüssel passt nicht. Guillemette hat ihn hereingelassen und sie haben die Schlüssel verglichen. An meinem ist etwas abgebrochen, er kann nicht in das Zimmer.
Ergo: Wir können nicht in das Zimmer.
Ergo: Am Montag, wenn Änne, Svea und Kowa kommen, können wir vielleicht nicht in das Zimmer.
Okay. Ich sage mir, dass da ja niemand was dafür kann. Dass ist zwar blöd, aber uns fällt schon was ein, ich mache mir Sorgen um Palme und denke, dass ich am Montag einfach einen neuen Schlüssel besorgen kann und dass uns für die eine Nacht dann schon Lösungen kommen werden. Ich will ganz ruhig bleiben. Aber mein Kopf scheisst auf diese logischen Überlegungen. Der will einen minderschweren Nervenzusammenbruch und den kriegt er dann auch... Wir verlassen die Bar und Zahl meint, dass nach einem Beruhigungsdöner die Welt bestimmt gleich viel besser aussieht. Also kaufen wir uns einen. Da bekommen wir von Palme die Nachricht, dass Ann-Kristin den Schlüssel nur mit ihrem vertauscht hat und er jetzt den richtigen hat und nun im Zimmer ist und schlafen wird. Ich bin erleichtert. Aber sowas von erleichtert... Mit unserem Döner setzen wir uns auf eine Bank am Hafen vor dem Cementen und essen erstmal. Auf dem Boot vor uns sind zwei Typen, die irgendwann auf uns aufmerksam werden und wissen wollen, wo wir herkommen. Deutschland begeistert sie so sehr, dass sie direkt vom Boot hüpfen und mehr von uns wissen wollen. Idar hat zwei Wohnungen in Deutschland gekauft. Er investiert. Halil will lieber wissen, was für Musik wir mögen. Jeder von uns darf eine Band sagen. Ich sage The White Stripes. Zahl sagt Kaizers Orchestra. Marlene kommt nicht zu Wort, weil Halil bei Zahls Antwort ausflippt! Er ist der größte Janove Ottesen Fan der Welt, erklärt er uns. Wir sollen Lieder sagen, er kann sie uns vorsingen! Und überhaupt Janoves Soloalbum... Und das was er vor Kaizers gemacht hat! Er kann nicht glauben, dass wir das alles kennen und kriegt sich nicht mehr ein, als wir sogar bei einem unveröffentlichten Lied mitsingen können. Er ist begeistert, so sehr, dass wir unbedingt mit auf das Boot müssen! Sie sitzen da und spielen Poker und eigentlich ist es ein Männerabend, aber weil wir Janove Ottesen kennen! Und auch wirklich alles und nicht nur Resistansen, müssen wir einfach!
Warum eigentlich nicht? Wenn wir nicht ins Cementen können... dann gehen wir halt mit auf´s Boot.


Dort verbringen wir einen enorm surrealen Abend unter Deck, bei Poker, Wodka und Kaizers Songs... Irgendwie kann man dazu nicht wirklich mehr schreiben, weil es einfach so unglaublich war. Aber auf jeden Fall großartig! Und schon auch ein bißchen magisch, auch wenn ich mich eigentlich gegen die Verwendung eines so kitschigen Wortes sperre...

Vintersju.

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