Sonntag, 6. September 2009

Det er faktisk så enkelt som så

Trondheim, 29.August, ZAHL


Ein heißer Sonnabend. Soweit mein Kalender nicht lügt, der Letzte im August. Max hat Brote geschmiert, die fabelhaft schmecken und wir stehen an der Bushaltestelle am Samfundet und warten. Wir sind uns nicht mal sicher, ob es überhaupt einen Bus gibt, der uns dorthin bringt, wohin wir wollen, also steigen wir in den nächstbesten ein und fragen, ob der denn auch hält in einem Ort namens Sneisen. Nein, tut er nicht. Aber norwegische Busfahrer sind mit deutschen Busfahrern nicht zu vergleichen; er sucht in seinem Plan nach einem Bus, der uns weiterhelfen könnte. „Am Wochenende fährt kein Bus nach Sneisen. Es gibt einen nach Hommelvik. Und dann könnt ihr weitersehen.“ Gut, machen wir. Wir sind zumindest schon mal sehr dankbar für die Freundlichkeit und die unvergleichliche Hilfsbereitschaft dieser Männer, die des Öfteren wie stolze Kapitäne in ihren Bussen sitzen.
Max und ich wollen auf eine Hütte fahren. Wir wundern und sowieso, warum wir hier zu zweit stehen. Die starken Jungs sind mit den Rädern in die Wildnis gefahren. Wir beide, ohne Landkarte und ohne Kompass und ohne irgendeinen Anlass, wo wir eigentlich diese Hütte finden sollen, fühlen uns etwas aufgeschmissen. Alle andern sind schon einen Tag vorher aufgebrochen, eine spontane Umentscheidung unserer Wochenendgruppe.
Wir schultern unser Gepäck und steigen in den uns empfohlenen Bus. Der will uns tatsächlich dann mitten in der Wildnis rausschmeißen. Wir fragen nochmal nach, wie weit man denn läuft nach Sneisen, doch der Busfahrer schüttelt entgeistert den Kopf. Man kann nicht laufen nach Sneisen. Da sind wir ja übermorgen noch unterwegs.
Wir überlegen uns also die kühnsten Tramp-Pläne und abenteuerlustige Hitch-Hiker Geschichten. Plötzlich fühle ich mich wieder gut. So ungewiss das Ganze auch ist: mit Max muss es ein Abenteuer werden.
Wird es dann aber doch nicht, als wir nach einigem Warten an dem letzten Bahnhof vorm Ende der Welt von Espen mit seinem Surfer-Bus abgeholt werden.

Die Hütte ist so, wie eine Hütte sein muss. Aus Holz. Mit Holzofen. Kein Strom, kein Wasser. Als wir endlich da sind kommen uns die Mädels mit Wassereimern vom See entgegen. Die Jungs hacken Holz. Es ist also so wie damals. Fehlt nur, dass sie vor dem Holz hacken einen Elch erlegt haben, den wir am Abend über dem Feuer grillen werden. Aber Beeren sind da, Pilze und allerlei Feuerholz.



Wir wollen zur Begrüßung der Wildnis in den See springen. Doch die Eiseskälte an unseren Zehenspitzen hält mich davon ab, Max springt jedoch, aber nur für eine halbe Minute.








Ich wärme mir die Finger am Feuer, bevor ich mir ein bisschen gute Musik schnappe und die Gegend erkunde. Ich habe immer noch keine Karte also schlage ich mich durchs Gestrüpp hinauf auf den kahlen Felsen, der das Gebiet überwacht. Ich lege mich in die immer noch heiße Sonne auf den nackten Fels und lausche den mir so vertrauten Stimmen und Klängen, die dennoch jedes Mal von Neuem so hervorragend in die Stille und Melancholie der norwegischen Wildnis passen und wie neu aus dem Fels gehauen klingen. Ein stürmischer Wind zieht auf und der See peitscht Gischt an die Felsen, als wäre er das Meer. Der eingebildete kleine See. Ich finde einen verirrten Kanadier im Sumpf. Ich liefere ihn ab bei den anderen am Feuer und Pierrick, Fanny, Aurelia, Max und ich beschließen, den Sonnenaufgang vom höchsten Punkt des Waldes zu begutachten. Ein erschwerlicher Aufstieg beginnt und als wir wieder unten sind, nach Einbruch der Dunkelheit, sind wir zerkratzt, haben Blätter und Farn im Haar und Rote Farbe von Beeren an den Socken und am Hintern.






Um das Feuer hat sich ein Singekreis gebildet. Die Gitarre wandert von Mann zu Mann und Alessandra stimmt die Lieder an. Jede Generation ist durch ihre Musik verbunden. Unsere Generation ist dadurch verbunden, dass sie die Lieder aus allen Generationen singen können. Voller Inbrunst und gleichzeitig Leichtigkeit. Und wieder können wir nicht verstehen, warum wir nicht 20 Jahre früher auf der Welt waren. Oder 30.

















Gegen drei verschlägt es uns in die Hütte. Es ist schon lange nicht mehr so hell wie noch vor einem Monat, stockfinster legt sich die Nacht über den Wald und der See bäumt sich auf wie ein wildes Tier. Die Matratzen unter dem Dach sind alle schon belegt, also legen wir uns auf die Cordkissen in der Küche. Die Musikanten mit der inzwischen total verstimmten Gitarre wollen beim einbrechenden Gewitter auch in die Küche verschwinden, entdecken uns, die dort schlafen wollen und verschwinden mit dem übrig gebliebenen Abendbrot auf die Terrasse.

Der nächste Morgen gleißt durch die schmutzigen Küchenfenster. Doch der Schein trügt, denn es regnet in Strömen und es wird auch nicht angenehmer, als wir aufbrechen. Auch am Sonntag fährt kein Bus aus Sneisen, dem nächsten Ort, den man nur zu Fuß erreicht von der entfernten Hütte. Dort wartet Espen mit seinem Bus schon, um uns einiges Gepäck abzunehmen. Da er uns alle aber nicht mitnehmen kann, werden wir nun doch zu Fuß nach Hommelvik laufen. Die Fahrradfahrer spurten an uns vorbei und winken, als würden wir sie nie wieder zu Gesicht bekommen.
Giada und Alessandra probieren sich im Hitch-Hiken. Doch bei 11 wandernden Studenten hält nun mal niemand an.
Doch kurz nach unserer ersten Rast und zunehmendem Frust begegnen wir einer Horde Amerikanern, die am Straßenrand stehen und die Berge bestaunen. Ihre Fahrer sind Norweger, die ihnen die Gegend zeigen. Großmutig nehmen sie die Hälfte unserer Wandertruppe in ihren Wagen mit. Auf der Fahrt erzählen sie, dass sie hergekommen sind, um ihre Verwandten zu suchen und auf Vorfahrenfahndung zu gehen. Sie waren erfolgreich. Die beiden Norweger sind entfernte Cousins der alten Damen aus Minnesota. Sie plaudern ein bisschen und gleiten von einem „AAAAAAAAAAAh“ ins nächste „OOOOOoooooohhh!“, wenn sie von den Autofenstern aus die Norwegische Erotik betrachten.
Der Zug zurück nach Trondheim kostet nur 30 Kronen. Wir werden mit Sonne begrüßt. Es wartet ein weiches Bett, keine harte Küchenbank. Es wartet eine heiße Dusche. Kein kalter See, der so gerne das Meer sein will.





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