Der Schlaf ist nachgeholt, der Unternehmungsgeist zurückgekehrt. Jedenfalls nach einem sehr, sehr langsamen Start in den Tag. So wie wir es mögen mit unendlich ausgedehntem Frühstück. Nur weil die 24 Stunden der Dekadenz vorbei sind, heisst das ja nicht, dass man seinem Besuch nichts mehr bieten darf.
Die Nacht haben wir zu dritt alle in meinem Zimmer verbracht. Palme ist nach dem Abflug der anderen, die alle wieder gut gelandet sind, vom Flur zurück ins Zimmer gezogen. Und ich räume ein bißchen auf. Ordnung muss sein. Sauberkeit darf nachkommen...
Aber was wollen wir denn heute machen? Heute ist Sonntag und wir haben uns selbst eine Mono-Pause auferlegt. Aber da Oslo ja nach wie vor den dicken Sommer auffährt, beschließen wir mal wieder eine kleine Bootstour zu unternehmen... Welche Insel sollen wir denn heute nehmen?
Hovedøya? Da waren wir schon.
Lindøya? Das ist die Spielverderberinsel.
Bleikøya? Die ist so klein.
Nakholmen? Da geht unser Boot nicht hin.
Gressholmen? Hm. Joa. Da gibt´s auch einen Badeplatz und wir haben uns im Stillen vorgenommen heute im Fjord baden zu gehen. Eigentlich haben wir uns das auch im Lauten vorgenommen, denn alle haben ihre Badesachen eingepackt. Alle, außer mir, denn ich habe keine Badesachen mit in Norwegen. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht erwartet, dass das Wetter hier sich so freundlich zeigen würde... Aber ich wohne jetzt in Oslo und ich finde, da sollte man schon auch mal im Oslofjord baden gewesen sein... Deswegen habe ich mir einfach ein Hemdchen und eine Boxershorts eingepackt. Wird schon gehen.
Auf Gressholmen angekommen, bin ich zunächst nicht so glücklich, weil unglaublich viele Menschen hier aussteigen und wir eigentlich die Einsamkeit suchen. Vi søker ro i skogen, wie der Norweger zu sagen pflegt.
Bei einer kleinen Wanderung quer über die Insel stellt sich diese anfängliche Distanzierung aber schnell ab, denn es ist wirklich schön hier... Und besonders wichtig scheint es den Menschen hier zu sein, dass man nicht grillt. Zumindest steht das auf jedem Haus mindestens drei Mal eher weniger schön drauf.
Gut, dass wir den Grillabend auf Hovedoya abgehalten haben...
Schnell ist auch der Badeplatz der Insel gefunden, der vielleicht nicht ganz dem deutschen Standard entspricht. Denn wer bei Badeplatz an einen Strand oder zumindest eine Wiese denkt, der hat weit gefehlt. Nicht in Norwegen. In Norwegen heisst Badeplatz Fels. Unbequemer, steiler Fels.
Immerhin Palme zeigt sich von diesem begeistert und erklärt uns direkt ein paar geologische Phänomene, die sich hier super beobachten lassen. Geologie klingt gar nicht so schwer, kann ich frohen Mutes mit meinem nicht mal Halbwissen behaupten.
Inzwischen verdecken so einige Wolken den Himmel und es ist wirklich nicht mehr einladend.
Die Norweger, die sich auch hier aufhalten, sind in ihre teuersten Allwetterjacken gewickelt und wir legen unsere Klamotten ab?
Irgendwas stimmt hier nicht... Mehr und mehr schauen interessiert zu uns herüber, als sie erahnen, was wir vorhaben. Rein in das Wasser. Norweger beeindrucken.
Palme und Marlene bevorzugen die Einfach-rein-dann-hat-man´s-hinter-sich-Methode... Ich hab mich da zimperlicher... Am See habe ich Kowa noch für sein langsames Körperbefeuchten ausgelacht, hier, im Angesicht des kalten Fjordes, der selbstverständlich nicht mehr angenehme Seetemperaturen aufweist, verfolge ich allerdings die gleiche Taktik. Die anderen rufen mir zu, dass ich mich beeilen soll... Und irgendwann bin ich einfach drin.
Herregud! Es ist so kalt, dass man schon mal ordentlich fluchen kann und der Untergrund geht nach einem halben Meter so steil ab (Fjord halt), dass man nicht mehr stehen kann und die ganze Zeit schwimmen muss. Eigentlich ist das ganz gut, denn durch die Bewegung wird einem langsam warm... Das Wasser ist schwarz und ich kann kaum noch meine Füße sehen. Da steigt direkt die irrationale Angst in mir auf, dass von unten ein Seemonster kommen könnte um mir die Füße abzubeißen!
Marlene denkt, dass das Seemonster meine Füße in Ruhe lassen würde und macht sich selbst viel mehr Sorgen über eventuelle Quallen... So hat jeder seine kleine Phobie. Bis auf Palme natürlich, der in der Zwischenzeit schon wieder fast bis zur nächsten Insel geschwommen ist.
Es ist so salzig, dass man auch einfach mit dem Strampeln aufhören kann. Dann steht man gerade im Wasser und wartet nur darauf, dass sich die Füße langsam nach vorne oder nach hinten wieder Richtung Oberfläche heben...
Und irgendwann ist es dann auch gar nicht mehr kalt... Marlenes Quietscheentchen, das nicht quitscht und den Namen Fittesatan erhalten hat, schwimmt auch eine Runde im Fjord, bevorzugt allerdings mit dem Kopf unter Wasser. Das gute Tier ist leicht selbstmordgefährdet.
Irgendwann müssen dann aber selbst wir tollkühnen Spätseptemberbader wieder das Wasser verlassen und trocknen. Da zeigt sich das Wetter auch direkt wieder gnädig und holt doch noch mal die Sonne hervor...
Nach kurzer Ruhephase in der jeder sein eigenes kleines Süppchen kocht (was für Marlene und mich lesen bedeutet, für Palme Steine angucken, treten und wieder angucken), beschließen Palme und Marlene noch ein bißchen über die Insel zu kraxeln, während ich mich meinen Uniaufgaben widme, die überraschend gut von Statten gehen...
Doch mit der Sonne geht dann auch langsam unsere Lust unter und wir machen uns auf den Heimweg. Der Abend wird mit britischem Humor zum Ausklang gebracht.
Vintersju.
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