Mittwoch, 9. September 2009

Eg sitter her...og slår ihjel Tid med ett slag POKER

05. September, Stavanger, ZAHL

Ausschlafen.
Kartoffelbrei zum Frühstück.
Und dann auf die Straße. Ohne Stadtplan. Den haben wir liegen lassen. Also gehen wir zu unserer Lieblingtouristinformationsfrau und holen uns einen neuen. Die weiß noch, wer wir sind und schmunzelt, als wir wieder gehen.

Erstes Ziel: eine heiße Schokolade in einem der zahlreichen Cafés in dieser ganz bestimmten Straße, die Stian aus Trondheim mir empfohlen hat. Stian kommt aus Sandnes, wo er auch sein erstes Kaizers Konzert gesehen hat. Er hat allerhand Tipps parat, was wir alles sehen müssen in dieser Gegend und so betreten wir dieses bunte, schrille Café mit Hinterhof, in dem man zu seiner heißen Schokolade Scrabble und Rommee spielen kann.






So zieht sich der Vormittag dahin. Müßiggang. Wundervoll. Die Stadt wirbelt uns ihren Duft entgegen und die seltsamsten Gestalten treffen im Hinterhof des „Bøker og Børst” ein um dort ihren Sonnabendmorgen zu verleben.

Wir schlängeln uns durch die schmalen Gassen der Stadt hinunter an den Hafen, wo wir eine Weile bleiben und uns die bunte Silhouette der Kleinstadt ansehen. Die Boote schaukeln auf dem Wasser und die Bank wird ungemütlich, als der steife Atlantikwind in unsere weißen Gesichter pustet. Hinter uns gibt uns das CEMENTEN Rückendeckung. Ein kaizerverruchter Club mit einem Balkon, von dem aus man die schönste Aussicht auf die Stadt zu haben scheint. Da wollen wir unseren Abend verbringen, das ist klar. Um 22 Uhr wieder hier. Jawoll!





Der Wind trägt uns in die gepflasterten Straßen von Gamle Stavanger, der Altstadt. Sie ist etwas höher gelegen, als die bunten Fassaden vom Hafen und wir machen eine Nachmittagssonnenpause auf einer Mauer, die sich wie ein Balkon formt. Wir lassen den Tag so dahin streifen und kommen doch an die meisten Fleckchen, die man von dieser Stadt gesehen haben sollte.




















Bis 10 ist es noch lange hin und wir entscheiden uns für ein weiteres Kinoabenteuer in Norwegen. Der Film ist besser, als wir erwartet haben und als wir das Kino verlassen ist es dunkel im kleinen Stavanger.




Wir suchen die anderen Clubs, die hier bekannt und beliebt sind und werden an einem Sonnabendabend von gähnender Leere empfangen. Wir erinnern uns an Marius’ Worte, dass man in Stavanger eigentlich immer erst nach 11 ausgeht. Das ist in Trondheim gar nicht möglich, weil man da ab 12 in den meisten Kneipen kein Bier mehr bekommt oder es zumindest doppelt so teuer ist. Deswegen beeilen sich die Trondheimer immer sehr mit dem Trinken und dem Ausgehen, da kommt man bei deutscher Tradition meist du spät und solche Völker wie Spanier oder Italiener haben gar nichts von dem Spaß. In Stavanger ist das also anders. Wir kickern in einem leeren FOLKEN mit zwei Milchbubis und verschwinden wieder, es ist CEMENTENzeit. Der gute Türsteher ist sehr traurig, als er drei gutaussehende aber zu junge Damen auf der Straße stehen lassen muss und will uns einen guten Abend bescheren, indem er uns in die Kneipe um die Ecke schickt. Hier ist es sehr rock’n’roll-ig, aber noch langweilig. Marlene und ich teilen uns ein nicht erwähnenswert-teures Bier, während Jule mit Oslo korrespondiert. Wie sie vorhergesehen hat (denn Jule hat die Gabe der Prophezeiung), ist natürlich nicht alles glattgelaufen mit der Schlüsselübergabe ihres Besuchs und wir verlassen mit einer sehr aufgelösten Person das GNU um Trost zu suchen an der frischen Luft und mit einem Döner in der Faust. Döner gibt es in Trondheim auch nicht. Der Döner hier sprengt auch jegliches Preisverhältnis. Der Lindenauer Döner ist doppelt so groß (der Kinderdöner wohlgemerkt) und kostet ein kleines Drittel von dem zusammengewürfelten Stavangerer Haufen. Diese Stadt ist ein Biest. Versteckt in einem Mantel von Idylle und Scheinheiligkeit. Eine bunte Fassade und niedliche kleine Holzhäuschen, doch was verbirgt sich dahinter? Spott und Boshaftigkeit. Ich fühle mich gelinkt von dieser Stadt und suche nach einer Möglichkeit, das Ganze (abgesehen vom atemberaubenden Prekestolen) in guter Erinnerung zu behalten. Diese Möglichkeit fällt uns plötzlich vor die Füße. Wir sind auf die Bank vom Nachmittag zurückgekehrt, um den schlechtesten Döner aller Zeiten würdevoll zu genießen. Jules Stimmung ist wieder auf dem Nullpunkt angelangt, keine weiteren Vorfälle mehr, alles geklärt, negative Wellen hat der Wind davon getragen und die Ruhe kehrt zurück in unsere Gemüter. Wie soll diese Nacht nun enden? Mit einigen Skippern auf einem Boot mit Poker, Vodka, Kaizers Orchestra-Songs, Zigarettenqualm an Deck und gemeinsam gesungenen Pink Floyd-Liedern?
Warum eigentlich nicht?
Was sich anhört wie in einem weiteren Traum zusammengesetzt aus den verschiedenen Kaizersliedern wird hier am Stavanger-Hafen plötzlich zu einem kleinen Film in unserer Reise. Da stehen diese Jungs plötzlich an unserer Bank freuen sich über deutsche Mädchen in Stavanger und sind fassungslos, als wir einige Kaizerslieder mitsingen können.
Lauthals schallt RESISTANSEN gesungen von 5 Kehlen über den Hafen an dieser bank dort vor dem CEMENTEN:
Daraufhin folgt die Einladung auf das Boot. Ich will. Ich will diese Nacht nicht so verstreichen lassen. Marlene würde bestimmt auch mitkommen. Aber was ist mit Jule? Ich werfe einen Blick zu ihr. Ich sehe das Glitzern in ihren Augen. Ein unglaubliches „Warum eigentlich nicht?“ dringt in meine Ohren und schon springen wir über die Reling und werden dem glatzköpfigen Käpt’n vorgestellt, der soeben ein neues Blatt verteilt. Idar, der uns zusammen mit Halil aufgesammelt hat, erklärt mir das Spiel. Er kauft mich und Jule ein und sagt: „Ich investiere in Deutschland. Ich habe zwei Immobilien in Berlin und ich investiere darin, dass ihr mit uns diesen Abend Poker spielt.“ Dann drückt er uns seine Karte in die Hand und fügt hinzu: „Wenn meine Verlobte heut nicht schon um 11 von der Arbeit gekommen wäre, hätte ich euch mitgenommen und euch gefragt, ob ihr mir nicht diesen ganzen bürokratischen Kram von meinen Immobilien übersetzen könnt!“

ja. Schon klar. Mir wird ein wenig mulmig bei dieser Aussage, doch dann redet Halil wieder über Janove Ottesen und wir sind wieder in unserem Element. Es gibt Chips, das gute Storthet-Bier und Vodka. Als ich ganz aufgeregt zusehe, wie Jule eine Straße legt und einen Batzen Chips bekommt, fühle ich mich kaizerlicher als je zuvor. Aus dem Bordradio kommen vertraute Töne. Wir stimmen ein und singen zusammen mit Syd Barrett „Wish you were here“.








Irgendwann ist es drei. Wir verlassen das Boot und laufen durch ein verwüstetes Stavanger zu Marius. Der wollte eigentlich auch heute Abend weggehen und vor vier nicht zurück sein. In Stavanger scheint man ganz ausgelassen zu feiern, denn die Straßen sehen aus wie nach einem mittelschweren Hurricane.
Zuhause angekommen schläft Marius schon längst und auch aus Sten Brians Zimmer kommt das vertraute Schnarchen. Auf dem Wohnzimmertisch sind einige Schnapsfläschchen verstreut und die Leinwand für den Beamer ist aufgehängt. Aufschneider. Vonwegen die ganze Nacht ausgehen. Tot fallen wir ins Bett, zuvor besuchen wir alle nochmal ein richtiges Klo, das auf dem Boot war sehr spektakulär, man musste mit einem Eimer Wasser aus dem Fjord schöpfen und nachspülen. Wundervoll. Wie im Mittelalter. Oder wie bei den Seemännern.
Mit einem Gemisch aus 20 verschiedenen Ohrwürmern (von denen 19 von Janove Ottesen sind) falle ich in einen traumlosen Schlaf.

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