03. September, Trondheim (Stavanger), ZAHL
Das erste Septemberwochenende in Trondheim soll ein ganz besonderes werden. Eingeläutet wird es mit dem sogenannten Pub Crawl, eine Trinkmeile einmal quer durch die gesamte Stadt. Man meldet sich als Team an und muss besondere Sachen vorführen, man bezahlt 60 Kronen Startgebühr und darf sich dann durch die Nacht trinken und dabei neue Freunde finden. Das hat sich die Studentenorganisation gut ausgedacht.
Gut, dass ich nicht da sein werde! Ich packe am Nachmittag des spektakulären Abends flugs meine Sieben Sachen zusammen und verschwinde zum Bus. Der zuckelt gemütlich durch Trøndelag mit seiner malerischen Landschaft und hält an einem futuristischen Flughafen in Værnes an. Hier, im modernen Norwegen checkt man mit seinem Fingerabdruck ein. Da braucht man keinen Ausweis mehr.
Ich bin gerne immer etwas zu früh am Flughafen.
Ich setzte mich auf einen breiten schwarzen Ledersitz und beobachte die Menschen in ihrer Hast. Die Bildschirme, die von den Decken hängen, zeigen ihre Ziele an. Von hier aus kann man also nach Aberdeen fliegen. Und nach London. Und auf die Färöer. Und nach Reykjavik. Ich soll nach Stavanger. Dieses Ziel steht im mittleren Bereich der Anzeigetafeln und leuchtet noch in gemütlichem orangegelb, während Aberdeen hektisch und neonrot aufblinkt und eine Masse von Menschen Richtung Gate 36 loseilen lässt.
Von meinem Platz aus kann man die Startbahn sehen. Sie kommen und sie gehen. Schickgemachte Piloten rollen ihre Koffer lässig über die Gangway. Packer fühlen sich unbeobachtet und gehen ihren männlichen Eigenheiten nach. Am Horizont leuchtet es in verheißungsvollem Blau über den Gipfeln der Berge. Ob es in Stavanger wohl auch gerade so aussieht? Wir brauchen dieses Himmelblau für unsere Vorhaben im Süden des Landes.
Dann geht es los. Im Gepäck: gute Musik, Schokokekse, Apfelsaft und ein Buch der Norwegischen Geschichte.
Man sollte jeden Tag mit einem Flugzeugstart beginnen. Abheben. Ein Ziehen im Bauchnabel. Unter mir erstreckt sich der glitzernde Fjord, die Sonne brennt ins Fenster. Bald sehe ich gar nicht mehr nach unten, sondern nur noch geradeaus. Auf den Atlantik. Seine Majestät. Willkommen in der wirklichen Welt, ruft er mir zu und ich lehne mich zurück und zwinkere ihm zu.
Wir tauchen in ein Wolkenmeer. Hier ist alles weiß und ich komme mir vor wie in einem dieser existenzialistischen Filme, die einfach nur weiß sind. Ich verliere jedes Raumgefühl und kann nicht mal sagen, ob wir fliegen oder in der Luft stehen geblieben sind. Wo sind die Ecken, die Kanten, die Schatten, irgendein Anhaltspunkt, der mir sagt, dass ich noch am Leben bin oder in irgendeiner weißen Zwischenwelt einige Sekunden vor dem Ende aller Wahrnehmung. Raumlos in der Zeit gefangen. Wo ist hier der Anfang. Wo gehört man hin in einem Nichts? Verdreht verschlungen und irgendwie aufrecht durchbrechen wir das Weiß. Bergen. Ein Kleinod, verteilt auf Inseln und Schären. Wir kreisen ein paar Mal um die Stadt, die in einem grauen Schatten liegt und trotzdem zum Dableiben reizt. Die Nase des Flugzeugs kommt dem Meer gefährlich nahe, bevor sie ihre Fährte auf die Landebahn lenkt und das Gefährt sanft aufsetzt. Eine kleine Zwischenlandung. 20 Minuten. Knattern und Klappern und Knirschen. Dann geht es weiter. Der zweite Teil des Fluges besteht aus einem Start und einer halsbrecherischen Landung. Das Flugzeug ist nicht einen Meter geradeaus und parallel zum Horizont geflogen. Es hat einen eleganten Bogen über Norwegens Südwestspitze geschlungen und spuckt mich aus in Stavangers kalten, bissigen Nachtwind.
Der Bus in die Stadt hinein ist unbezahlbar. Ich sehe auf der Busspur einige Autos, die Reisende abholen und mitnehmen. Ich trau mich aber nicht, zu fragen, ob noch ein Platz frei ist. Ich elender Feigling. Mit einem Reisepartner hätte ich nicht eine Sekunde gezögert. Nun lege ich dem bärtigen Busfahrer also doch einen Hundrelapp hin und darf als Dank sogar noch 10 Kronen zurückbekommen. Für 20 Minuten Fahrt. Trondheim ist also doch nicht die teuerste Stadt Norwegens. Nochmal Glück gehabt.
Ich warte im schummrigen Licht auf die Ankunft des Busses aus Sandnes. Der soll ja erst in anderthalb Stunden kommen. Ich setze mich zu den Rosen, die den hässlichen Bahnhof verschönern und überlege, an welcher Ecke ich spare um diese lächerlichen 90 Kronen für meine Busfahrt wieder auszugleichen. Ich könnte ein Abendbrot dort in diesem Narvesen stehlen. Nein, abgelehnt. Also sitze ich hier in einem seicht beginnenden Nieselregen und knabbere an meinen letzten Keksen, bis der Regen härter wird und ich mich in die Bahnhofshalle verziehe. Die Bänke hier sind alle leer, also kuschle ich mich an meinen Rucksack und werde ein Nickerchen halten.
Punkt um 11, also sieben Minuten vor der Ankunft von Jule und Marlene, werde ich aus der Bahnhofshalle geschmissen. Die Herren wollen zuschließen. „Aber es regnet doch!“ „Ja, sehen wir!“ Nungut. Da steh ich. Eingepackt in alle Pullover die ich habe im Regen. Ich vermisse mein Bett und eine heiße Schokolade. Dann kommen zwei Mädchen mit federndem Schritt um die Ecke. Hinter ihnen schleicht eine dunkle Gestalt. Groß. Breites Kreuz. In sein Telefon nuschelnd. Nach der Begrüßung muss ich mich im Zaum halten, meine schlechte Laune über Stavangers ersten Eindruck auf mich nicht gleich kundzutun. Ich wette, selbst unser Couchsurfer, bei dem wir übernachten sollen, hat uns vergessen. Da kommt die dunkle bedrohlich wirkende Gestalt auf uns zu. Im Bahnhofslicht wird er dann plötzlich ganz hell und hat ein witziges Lächeln im Gesicht. Er ist erleichtert, uns gefunden zu haben und begleitet uns zu seinem Cabriolet, um uns zu sich nach Hause zu chauffieren. Nach aufregenden Begegnungen mit Kofferräumen, Ticketautomaten und großer Angst um seine Kreditkarte düst er mit uns durch die Nacht. Ziel: ein Holzhaus mitten in einem herrlichen Holzhausviertel. Mit Garten, Garage und allem drum und dran. Wir lassen uns auf den Möbeln des frühen 20sten Jahrhunderts nieder, die alle in der Miete inbegriffen sind, während Marius seinen Mitbewohner und Freund Brian von der Arbeit abholen will. Wir müssen ihn noch kennenlernen, bevor wir schlafen gehen. Heißt der wirklich Brian? Mit diesem scheußlichen amerikanischen Akzent? Nein, er heißt Sten Brian ohne Akzent. Aber Brrraien ist cooler, sagt Marius und schwingt sich nach draußen.
Wir sind ihre ersten Couchsurfer hier. Sie haben sich angemeldet, als sie betrunken waren und konnten sich nicht mal so richtig erinnern, deswegen kam der Schock und die Erinnerung, als unsere Mail kam. Deswegen sind sie jetzt besonders aufgeregt und bemüht, mit uns Konversation zu betreiben. Es ist auch recht witzig und nach einiger Zeit auch entspannt, aber wir wollen lieber ins Bett, denn morgen wartet ein großes Abenteuer auf uns.
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