Also erfülle ich ihnen selbstverständlich ihren Wunsch und nichts wie ab in den Vigelandparken.
Allerdings kommen wir nichtmal bis zu dem Oblisken, denn das müde Volk braucht vorher noch eine Bank. Plötzlich sehe ich es in Sveas Augen. Sie sitzt auf einer Bank und schaut mich an... Ich weiß, dass sie gleich aufstehen wird um zu mir rüberzukommen und mich zu umarmen. Es gibt in so einer Situation nur eine Möglichkeit. Und tatsächlich steht sie auf und macht einen Schritt auf mich zu. Das heisst für mich: Die Beine in die Hand nehmen und flüchten. Komplett unerklärlicherweise erfährt sie einen Schub Energie und rennt mir hinterher... Ich sprinte durch den Vigelandparken, Svea sprintet hinterher. Aber wie man sich bei uns beiden sehr gut vorstellen kann, dauert das nicht lange. Ausdauer ist halt nur ein begrenztes Gut.
Ich lasse mich also fallen und Sveen setzt sich zu mir. Wir haben ein bißchen Zeit für uns zwei und besprechen einige Dinge, die uns so auf dem Herzen liegen. Manchmal hat Mutti Svea nämlich sehr gute Ratschläge locker im Ärmel sitzen und ich werde versuchen ihrem Weg zu folgen. An diesem Freitag ist Svea mein Specht.
Nach und nach kommen auch die anderen und wir sitzen noch eine Weile herum und erzählen über dieses und jenes.
Schließlich brechen wir auf. Wir haben heute großes geplant, weil ich aber mal wieder auf´s Klo muss (absolut gerechtfertigt für so lange irgendwo auf dem Boden rumsitzen), gehen wir nochmal in das Aker Brygge Shopping Center und auch wenn wir es all die anderen Tage über geschafft haben, können wir Änne und Svea heute nicht vom H&M fernhalten. Angeblich nur zu rein statistischen Zwecken, weil sie ja sehen müssen, wie das in Norwegen aussieht, stürmen sie davon...
Und selbstverständlich kann man ja, wenn man schon mal drin ist auch die lächerlichsten Mützen anprobieren.
Bisher war eher Müßiggang angesagt und das wollen wir nun fortsetzen mit einem Galadinner. Wir wollen uns richtig Mühe geben ohne zu viel Geld auszugeben. Was ist also relativ billig hier in Norwegen und trotzdem essbar?
Garnelen. Oder Shrimps. Oder was auch immer. Diese kleinen Meeresviecher, die zu tausenden in jedem Supermarkt in der Tiefkühltruhe liegen jedenfalls.
Außerdem zaubert Änne einen Avocado-Dip und es gibt noch Fiskekaker, Obst und Kaltschale zum Nachtisch. Die 24 Stunden der Dekadenz sind eingeläutet.
Da holt Palme sogar zur Feier des Tages den guten Rum heraus, den er extra über Schweden mit hierher geschleppt hat.
Nachdem also alle mehr als gesättigt und zufrieden sind (Essen macht eben doch glücklich), fahren wir in die Stadt. Ins Mono.
Doch dort steht schon vor der Tür ein Türsteher. Wenn er uns durchlässt, ist alles okay. Wenn er unsere Ausweise sehen will, sind wir aufgeschmissen. Er will. Nur Marlene erfüllt die 22er Grenze. Das Mono ist für uns heute geschlossen. Mist. Meine zweite doofe Begegnung, mit der norwegischen Altersgrenze. Die erste hat sich ja glücklicherweise in einen Superabend verwandelt, hier allerdings läuft das anders.
Wir gehen in das Café Mir in Grünerlökka, das ist wunderschön, aber leider proppenvoll, genauso wie das Praktheatret, in dem wir es danach versuchen. Svea und Änne scheint das auch ganz lieb so zu sein und deswegen fahren wir nach Hause und sehen einen Film. Einen deutsch. Mit Tom Schilling. Und trotzdem ist der Film wirklich gut.
Samstagmorgen höre ich den Wecker nicht. Als ich die Augen öffne, sind alle außer mir schon wach, Svea ist schon ferti geduscht, hat gepackt und sitzt nun am Computer, Kowa wuselt durch die Gegend und schmeisst Zeug in seinen Rucksack (sein Handtuch hat er trotzdem vergessen), Änne ist gerade im Bad und Marlene und Palme halten sich entspannt zurück. Heute ist für die ersten drei der Tag der Abreise.
Also fahren wir in die Stadt und setzen die drei in den Bus, der sie zum Flughafen bringt. Änne und Kowa sitzen zusammen, dann sitzt jemand dazwischen und dann sitzt Svea da. Wenn Svea und Änne anfangen sich zu unterhalten, will der bestimmt den Platz tauschen. Weil der Bus noch nicht losfährt, überlegen wir uns, den traurigen Abschied dadurch vergessen zu machen, dass wir die Choreographie von "15 Feet of pure white snow" von Nick Cave nachtanzen. Durch die dunklen Scheiben ist es schwer zu erkennen, aber wir meinen, das ein oder andere Lächeln ausmachen zu können. Auch von anderen Leuten im Bus.
Der setzt sich dann doch in Bewegung und wir winken bis uns die Arme abfallen. Jetzt sind sie wieder weg. Das war einfach zu kurz. Und jetzt ist auf einmal Stille. Einfach so. Irgendwie fehlt mir das Geschnatter jetzt schon...
Aber heute steht ja auch Marlenes Abschiedsfrühstück im Mono an. Das macht allerdings erst in einer Stunde auf. Also schlendern wir ein wenig durch die noch menschleeren Straßen. Marlene kauft sich ein wunderschönes Samtjacket, das besser ist, als jedes karierte Hemd sein könnte und wir lassen uns auf dem Markt die Sonne auf den Bauch brutzeln.
Und wir sind seine allerersten Kunden. Selbstverständlich ist Tore auch da, ist er ha immer, irgendwie und wir bestellen drei Mal das Monofrühstück ohne zu wissen, was man da bekommt. Gespannt setzen wir uns nach draußen und freuen uns, dass Tore uns Frühstück macht.
Dann kommen er und der andere lustige Dicke auch schon mit vier Tellern Göttlichkeit. Auf einem Teller befindet sich ein Monobrotkorb mit gutem (dunklen und nicht süßen!) Brot, Römme und Butter. Das paltzieren sie in der Mitte und dann kriegt jeder sein eigenes Tellerchen mit Salat, zwei Spiegeleiern, Bratkartoffeln, weißen Bohnen, gebratenem Speck und Bratwurst (bei der ich mich schon damit abgefunden hatte, dass es die in Norwegen gar nicht gibt). Marlene und ich sind aus dem Häuschen. Zu recht, wie wir finden, aber Palme, der ganz cool dasitzt flüstert uns leise aber bestimmt zu "Weniger freuen, Mädels... weniger freuen!" Wir sind ihm peinlich, das ist aber nicht schlimm, weil wir es ja auf charmante Art und Weise sind!
Dieses Frühstück ist wirklich umwerfend. So gut, dass wir uns danach zum Dessert noch ein Eis gönnen, immerhin dauern die 24 Stunden der Dekadenz ja noch an. Nach einem Spaziergang durch den Markveien und den Sofienbergpark fahren wir nach Hause um zu schlafen. Schlafen, schlafen, schlafen. Bis es soweit ist wieder ins Mono zu fahren und sich die beiden gratis Singer/Songwriter dort anzusehen. Der zweite, Christer Wulff, gefällt Marlenen so gut, dass sie sich die CD kauft.
Doch auch wenn es erst kurz nach acht ist, haben wir keine Lust mehr auf große Unternehmungen und fahren lieber nach Hause, zu einem kuschligen Abend mit britischem Humor. Selbst die schönsten 24 Stunden der Dekadenz sind irgendwann durch´s Stundenglas gerieselt.
Vintersju.
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