Findet jedenfalls mein Wecker... Ich denke, das sollte ich mit ihm noch mal in Ruhe ausdiskutieren. Aber was soll´s. Heute muss ich wirklich aufstehen. Es ist der Freitag des letzten Septemberwochenendes und ich muss zum Campus, weil dort der Treffpunkt für die Abfahrt zum Fjaerland-Trip ist. Ein Wochenende voller Anstrengungen.
Während ich meine letzten Sachen zusammenkrame und dabei bin mich auf den Weg zu machen, weiß ich Gott sei Dank noch nicht, dass das das schmerzhafteste und anstrengendste Wochenende meines Lebens wird. Sonst wäre ich vielleicht doch wieder ins Bett gekrabbelt... Aber dazu später.
Erstmal überprüfe ich, dass ich auch wirklich alles habe. Regenjacke. Wasserfeste Hose. Mütze. Handschuhe. Jede Menge Klamotten. Verpflegung. Musik. Fotografiergerät, alles da. Gutes Schuhwerk gibt´s zum Ausleihen und deswegen packe ich lieber auch Pflaster ein.
Am Campus angekommen, treffe ich auf die anderen meiner Gruppe. Insgesamt können 16 Studenten mit. Auf dem Hof ausgebreitet liegen Ikea-Taschen voll mit Schuhen, Regenjacken und Hosen. Jeder soll sich bei dem bedienen, das er nicht besitzt. Also auf zu den Schuhen. Schnell ist ein Paar gefunden und während Ann-Kristin sämtliche Klamotten mit ihrem reichlich beschmierten Marmeladenbrötchen vollkleckert, kralle ich mir auch gleich noch eine bessere Regenjacke. Wie wär´s mal mit was farbenfrohem? Das muss sein, denn es gibt keine andere Auswahl... Also nehme ich beißendes Orange bis Rot. Das passt ja immer ganz gut zu meiner Gesichtsfarbe.
Und dann geht´s auch schon los. Ich kralle mir den besten Platz, hinter dem Fahrer am Fenster. Neben mir sitzen Andi und Sonni, hinter mir Johannes, Thomas und Ann-Kristin. Vorne sitzen Martin und Lewis. Lewis ist der einzige, der nicht zu unserem eingeschworenen Kreis gehört und der einzige, neben Ida, unserer Fahrerin, der nicht deutsch spricht. Lewis schnoddert in breitestem Schottisch.
Das gefällt mir sehr.
Die Fahrt beginnt. 8 Stunden lang gondeln wir Richtung Norden, an den Sognefjord, den größten Fjord Norwegens. So wie das Auto sich in Bewegung setzt, werden alle von der Wolke des Wahnsinns ergriffen und es wird Rumgealbert, Gesungen und Verarscht wie auf einem munteren Klassenausflug. Später, in einer ruhigen Minute, fragt Ida mich, ob wir uns wirklich alle erst seit August kennen, denn wir wirken nicht so...
Aber das ist nun mal die Wahrheit. Manchmal hat man eben Glück mit den Leuten, die man trifft.


Die Fahrt ist spaßig und abwechslungsreich. Unsere beiden Führerinnen, Ida und Ingrid, halten ziemlich oft an, weil sie uns das ein oder andere zeigen wollen. Zum Beispiel ein Stabskirche.
Wir halten bei einer winzigen Siedlung an einem Hang, bei einem (ehemals) vergifteten Fluss, auf einer Hochebene, an einer Fähre, an einem Spielplatz für eine Essenspause, in Sogndal, einem idyllischen kleinen Städtchen, wir halten tatsächlich so oft, dass wir uns fragen, ob die Fahrt effektiv nicht drei Stunden kürzer wäre... Aber niemand will sich damit beschweren. Die Laune ist gut, dem kindlichen Wahnsinn nahe. Es werden Turnübungen absolviert und Zöpfchen geflochten.
Das hat fast schon Hippie-Kommunen-Flair.



Irgendwann gegen 18.00 Uhr sind wir dann in Fjaerland. Direkt am Sognefjord. Jedenfalls erzählen uns die Mädels das. Denn tatsächlich regnet es. Und es ist so viel Nebel, das man den Fjord, der nur 100 Meter von unseren Hütten entfernt sein soll, nicht mal erahnen kann.
Aber uns bleibt gar keine Zeit uns darüber zu ärgern. Denn wir werden sofort weitergefahren zu einem Gletscherarm, an dem uns Ingrid einiges darüber erzählt, wie, wann und wo der so entstanden ist und warum er so aussieht, wie er das eben tut.
Nach der kleinen Lektion dürfen wir dann auch Fotos machen. Ingrid hat sich da ein bißchen streng. Wenn sie redet, müssen ihr alle zuhören. Fotos dürfen immer erst gemacht werden, wenn sie fertig ist. Naja, sie ist recht klein. Vielleicht braucht sie das als Ausgleich...

Danach teilen wir uns auf die Hütten auf. Es dürfen immer fünf Leute in eine. Das ist für unsere Gruppe natürlich doof, weil wir zu viele sind. Also beschließe ich mit Ann-Kristin einfach in eine andere zu gehen. In dieser Hütte sind Lewis, jemand, dessen Namen ich nicht weiß und Patrick. Andi hat mich schon eindringlich vor dem anhaftenden Patrick gewarnt und tatsächlich geht mir der Typ nach fünf Minuten so auf den Keks, dass ich rübergehe um den anderen einen Besuch abzustatten.
Die widerum wollen mich nicht mehr gehen lassen und sagen, dass ich auch Ann-Kristin rüberholen soll. Während sie das verweigert und sich in ihr Schicksal ergibt, bin ich so fix umgezogen, wie das noch keiner geschafft hat.
Ha. Es findet sich doch immer irgendwie ein Platz in der guten Hütte.



Nachdem wir uns den Freuden des norwegischen Kinderfernsehens hingegeben haben und auch noch etwas warmes zu essen bekommen, ziehen wir uns schnell wieder in unsere Hütten zurück und wollen eigentlich den Abend ruhig und friedlich verbrigen... bis auf einmal Patrick in der Tür steht. Und rein kommt. Und sich setzt und die ganze Zeit über nicht merkt, dass er nicht erwünscht ist.
Bah.
Aber irgendwann verzieht er sich und wir feiern auf dem "Dachboden" eine kleine Privatparty, bevor jeder in sein Bettchen krabbelt. Morgen stehen uns sieben Stunden wandern bevor. Da muss man schon mal ausgeschlafen sein.
Ich bin es aber leider nicht. Ich kann die Nacht über nicht schlafen. Und dann klingelt auch noch mein Wecker zu früh, weil ich vergessen habe, ihn auszumachen und weckt auch noch Johannes und Thomas. Das tut mir sehr Leid. Also bin ich, wie so oft, als erste wach und wusele durch die Hütte.
Ich habe Angst vor der Wanderung. Ich habe Angst, weil ich weiß, wie das um meine körperlich Fitness bestellt ist und weil ich glaube, an dem Berg zu scheitern.
Aber zuerst gehen wir in das futuristische Gletschermuseum im Nirgendwo, das nach wie vor, angeblich der Sognefjord sein soll.
Die Ausstellung ist sehr anschaulich und aufwendig, aber ich hab nur das im Kopf, was da kommt.
Die Wanderung wird 4 km lang sein und wir müssen einen Höhenunterschied von einem Kilometer hinter uns bringen. Das heisst, es wird steil. Sehr steil.
Zu steil für mich. Nach einem Drittel des Weges kann ich nicht mehr. Es regnet unaufhörlich und ich bin erkältet, kriege also schlecht Luft. Allerdings ist es nicht nötig lange in der Ausredenkiste zu graben. Meine körperliche Verfassung ist einfach zu schlecht. Ich kann meine Beine nicht richtig anheben, weil meine Jeans unter der wasserfesten Hose, die ich von Martin ausgeliehen habe, durchgeschwitzt ist, da die glorreiche Hose nicht im geringsten atmet. Ich kann sie aber auch nicht ausziehen, weil es dann zu kalt wäre und sie sich zusätzlich noch mit dem Regen vollsaugen würde.
Doch die anderen sind hilfsbereit, feuern mich an, motivieren mich. Ich darf meinen Rucksack nicht weiter tragen. Ida nimmt ihn für mich. Sie ist in den Bergen aufgewachsen und legt eine Energie an den Tag, die absolut unerklärlich ist. Außerdem darf ich nicht hinten gehen... Ich muss vorne bei Ingrid sein, damit ich kein schlechtes Gefühl bekomme.
Ich entschuldige mich dafür, dass ich die Gruppe so zurückhalte, aber Ingrid sagt, dass das hier jeder in seinem eigenen Tempo schaffen muss und da gibt es halt in jeder Gruppe fitte und nicht so fitte Leute. Deswegen soll ich mir keine Gedanken machen. Es reicht schon, wenn ich nach oben will. Und ich will.
Bisher haben sie noch jeden nach oben gekriegt. Sogar eine Gruppe Japaner, die in ihrem Leben noch nie auf etwas anderem als Asphalt gelaufen sind und fast von ihnen nach oben getragen werden mussten. Angekommen ist jeder.





Das ist nett, die Worte sind motivierend, aber doof kommt man sich natürlich trotzdem immer ein bißchen vor. Obwohl ich mich inzwischen dran gewöhnt haben sollte. Im Sportunterricht war ich ja auch immer die letzte. Und auf dem Stolen auch.
Ich habe aber meinen eigenen kleinen Motivationsklub, bekomme sogar kurz vor dem Gipfel noch eine kurze Massage und ständig Hände gereicht. Und irgendwann bekommt Julietta, das Mädchen aus Argentinien auch Probleme mit ihrem Knöcheln, was mich schlagartig an den vorletzten Platz schleudert. Ha.
Wir wandern durch wabernde Nebelschwaden und Regen, pflücken Blaubeeren und blicken uns um, so gut wir können. Wenn das Wetter einen flüchtigen Blick auf die Landschaft gestattet, ist das, was man sieht, umwerfend schön.
Hier oben ist schon Herbst. Während in Oslo noch alles grün ist und man nur hier und da gelbe Sprenkel auf den Bäumen entdecken kann, erstrahlt hier alles in den schönsten Herbsttönen... Überall drängt sich das Wasser einen Weg durch den schroffen Fels. Ich glaube, ich könnte hier drei Milliarden Wasserfälle sehen und trotzdem jedem einzelnen etwas abgewinnen.
Nach drei Stunden Schweiß, Schmerz und purer Verausgabung erreichen wir die Spitze des Berges, auf der im Nebel die einsame Flatbreshytta steht. Die Hütte wird von Farmern im Tal betrieben, die ständig Essen und andere Dinge hier hoch schleppen, so dass Wanderer immer etwas zum Verweilen vorfinden. Jede Konservendose hat einen Preis und die Besitzer verlassen sich auf die Ehrlichkeit der Besucher.
Es gibt zwar weder Strom noch fließendes Wasser und das Klohäuschen ist etwa 100 Meter entfernt und durch den Nebel nur schwer auszumachen, aber es gibt jede Menge Betten und für den Zustand unserer Beine die gerade nicht zu verachtenden Sitzbänke.
Wir erholen uns ein wenig, tragen uns in das Gästebuch ein, essen, legen trockene Sachen an, was schwieriger ist, als man denkt, da bei all dem Regen auch die meisten Rucksäcke samt Inhalt durchgeweicht sind.
Ida will die Hütte durchwischen bevor wir gehen, da man auch für das Sauberhalten verantwortlich ist und wir jede Menge Matsch mithineingeschleppt haben. Da sie ja aber bereits meinen Rucksack hier hoch getragen hat, ist das mindeste, das ich tun kann, die Hütte zu wischen. Also putze ich schnell durch, bekomme ein Lob für meine Sauberkeit und nachdem wir uns noch eine Weile an der Spitze umgeschaut haben, beginnen wir den Abstieg.
Körperlich ist das insgesamt leichter, aber ich merke wie langsam jeder Schritt auf die Gelenke geht und auch die Schuhe an der ein oder anderen Stelle drücken.
Nach insgesamt 7 Stunden sind wir zurück an den Autos.
Ich habe es geschafft. Die anderen beteuern, dass es für sie auch nicht leicht war und dass ich unbedingt stolz auf mich sein muss. Ein bißchen bin ich das auch. Aber ich hätte wenigstens meinen Rucksack nach da oben kriegen sollen...
Im Nachhinein war die Wanderung toll. Wir haben vielleicht nicht die Weite des Ausblicks gesehen, aber wir haben kleine Momentaufnahmen durch den Nebel blitzen sehen, die in sich atemberaubend waren. Und vor allem haben wir es zusammen gemacht. Diese Menschen, die ich erst seit einem Monat kenne, sind schon echt nicht verkehrt. Wer hätte gedacht, dass das mit dem Anschluss doch gar nicht so schwer ist?
Wieder bei den Hütten erwartet uns eine typisch norwegische Suppe, die unsere Lebensgeister in unsere Körper zurücktreiben soll, zusammen mit Flatbröd. Auch wenn ich jetzt eine halbe Kuh verschlingen könnte, ist die Suppe super.
Schnell verkrümeln sich alle in ihre Hütten. Morgen müssen wir um 7 Uhr aufstehen. Bis dahin müssen alle Sachen trocken sein und wir wieder fit für weitere Bewegung.
In unserer Hütte funktioniert leider nur ein kleiner Heizkörper. Und weil uns geraten wurde Socken zum Auswechseln mit auf den Berg zu nehmen und ich sicherheitshalber natürlich alle mitnahm, stehe ich nun vor einem Haufen durchweichter Socken, die sich mit anderen den winzigen Heizkörper teilen. Alle verteilen ihre tropfenden Klamotten auf sämtlich Gardinenstangen und Türen. Irgendwie findet alles Platz.
Ich untersuche mit den schlimmsten Befürchtungen meinen geschundenen Füße, finde aber nur eine Blase an meinem großen, rechten Zeh. Die hat dafür allerdings eine beachtliche Größe.
Sonni und Andi verschwinden früh oben in ihrem Schlafdachboden. Ich beschließe mich gegen 22 Uhr hinzulegen. Martin, Johannes und Thomas schauen noch die norwegische Variante von einer Gesangscastingsshow. Irgendwann reiße ich die Augen auf und blicke direkt in die Gesichter von Martin und Johannes. "Wir haben dir einen Schnurrbart ins Gesicht gemalt! Mit Edding." Ähm. Klar. Natürlich haben sie das nicht. Ich schlafe weiter, werde aber noch zwei mal von Johannes geweckt. Er erinnert mich daran, dass ich doch heute bitte meinen Wecker ausstellen soll. Das hab ich natürlich schon längst gemacht...!
Am nächsten Morgen bin ich wieder mal als erste wach. Ich schmeiße meine Sachen zusammen und begucke mir die Trockenzustände unserer Klamotten. Kurz vor dem Schlafengehen bemerkte ich nämlich gestern noch die großartige Fußbodenheizung im Bad, die ich direkt mal ordentlich aufdrehte und der ich nun verdanke, dass sowohl meine Socken, als auch Schuhe wieder trocken sind.
Nach einem ausgelassenen Frühstück bricht die große Hektik über uns herein. Denn wir müssen packen, aufräumen und putzen. Das geht in unserer Hütte ganz gut von statten, allerdings tun die anderen sich damit schwer, weswegen wir erst mit einer halben Stunde Verspätung aufbrechen können. Ingrid ist sichtlich angepisst und macht auch direkt klar, dass das unsere Schuld ist und weniger Zeit auf dem Gletscher bedeutet.
Na toll...
Auf der Fahrt zum Gletscher fällt dann den anderen ein, dass sich ja sämtliche Coldplay Alben in Idas CD-Packen befinden und dass wir die doch alle mal durchhören könnten. Um also nicht komplett wahnsinnig zu werden und aus dem Auto zu springen, bevor wir überhaupt beim Gletscher waren, muss ich mit der Hilfe meines iPods und von Skambankt gegen den musikalischen Todfeind ankämpfen. Was schwierig ist, wenn alle mitsingen...
Nach einer etwa einstündigen Fahrt haben wir den Gletscher erreicht, müssen aber im Auto warten. Ida und Ingrid reden miteinander, telefonieren, diskutieren weiter...
Dann dürfen wir aussteigen und uns wird verkündet, dass wir wohl nicht auf den Gletscher können, weil das Wetter zu schlecht war und sie nicht wissen, wo wir rauf sollen, weil ein großer Fluss den Gletscher umgibt und die Gefahr, dass Steine auf uns herabstürzen zu groß ist...
Wie bitte? Aber für den Gletscher sind wir doch da! Meine Beine rufen von unten zwar: Hallelujah, wir können sowieso nicht mehr! Aber auf die will ich ja nun wirklich nicht hören. Wann haben wir denn das nächste Mal die Chance auf einem Gletscher rumzukrapseln? Da hilft nur eins: Unterlippen nach vorne schieben und BITTE sagen!
Ida und Ingrid lassen sich weichklopfen. Sie händigen uns das Equipment aus und sagen, dass wir zumindest einmal näher herangehen und dann weitersehen. Okidoki. Das ist doch schon mal ein Anfang, der besser klingt, als ihre andere vorgeschlagene Alternative: Indoorclimbing.


Also wandern wir ein Stündchen zum Gletscher. Auch hier geht es über Stock und Stein, Berg und Tal und durch viel Wasser, das Ganze ist aber im Vergleich zu gestern ein wahrer Spaziergang. Nur eben mit schmerzenden Beinen.
Wir kommen an eine schaurige Brücke, die schaukelnd über einen reißenden Strom führt. Hinter dieser Brücke beginnt das gefährliche Steinschlaggebiet. Wir dürfen da nur einzeln und im Abstand von zehn Metern durch. Schnellstens.
Also zieht sich eine ziemlich lange Schlange Menschlein durch die Felsen hin zum großen Gletscher. Und tatsächlich finden Ida und Ingrid eine ungefährliche und begehbare Stelle. Wir dürfen unsere Ausrüstung anlegen. Dazu zählen ein formschönes Geschirr und Zackengestelle für die Schuhe, denen wir Vertrauen sollen.
Ingrid gibt uns eine genaue Einweisung, die im Großen und Ganzen darin besteht, dass wir uns mit kleinen Schritten vorbewegen sollen. Dies aber ganz normal. Unser Gewicht sticht die Zacken allein ins Eis. Wir müssen den Dingern einfach Vertrauen. Das Eis zum Abstützen anzufassen ist verboten. Wir halten uns auf den Beinen.
Okay. Meine Angst steigt. Aber ich will das machen.
Ob wir das auch wirklich machen wollen? JA, sagen alle, bis auf Julietta. Sie wartet lieber unten auf uns. Schade.





Aber da werden wir auch schon durch ein Seil alle aneinandergekettet und watscheln los. Meine Bedenken lösen sich schnell in Luft auf, denn ich merke, dass man diesen Dingern unter den Schuhen wirklich Vertrauen kann. Sie halten mich sicher auf dem Eis. Tatsächlich fühle ich mich auf diesem recht steilen Gletscher sicherer, als auf einem zugefrorenen See. Und wir marschieren los.
Heute regnet es zwar auch, aber der Nebel ist nicht so dicht und wir haben vom Gletscher aus eine wunderbare Sicht ins Tal und auf den See mit Schmelzwasser. Ingrid erklärt uns, wie ein Gletscher entsteht und wir gucken uns diverse tiefe Löcher an und fragen, wie der Dreck da eigentlich raufkommt. Für alle, die sich das noch fragen: Das ist Vogelmist.
Dann müssen wir mit gespreizten Beinen eine Gletscherspalte überklettern. Alle schaffen das. Bis auf mich natürlich. Ich falle hin. Rein in die Spalte. Bam. Gott sei Dank ist sie nicht so tief und mir passiert auch nichts. Ich mache nur die geliehene Jacke ziemlich dreckig. Aber das kann mir ja egal sein. Und mein Herz ist auch groß genug um den anderen mal ein bißchen zusätzliche Unterhaltung zu verschaffen... Das Gefühl auf dieser riesigen Eismasse zu stehen ist eigentlich unbeschreiblich. Es war einfach unglaublich cool. (Ha. Ein Wortspiel.) Irgendwie komme ich mir mit jedem Ausflug in die Natur dieses Landes kleiner und kleiner vor. Alles ist so mächtig und unberührt hier. Und dieser Gletscher, der die letzten zwanzig Jahre über kleiner geworden ist, wächst seit dem letzten Winter wieder! Wie das geht, konnte uns niemand erklären...


Die Wanderung zurück geht dann relativ still von statten. Jeder soll einfach losgehen, wenn er seine Ausrüstung wieder im Rucksack verstaut hat. Deswegen ist jeder ein bißchen für sich unterwegs. Natürlich rutsche ich nochmal auf einem Felsen auf und suche Bodenkontakt. Dementsprechend sehe ich jetzt auch aus: Blaue Flecken überall.
Aber das zeigt mir immerhin, dass ich was geleistet habe. Und Ida verspricht uns, dass der Muskelkater, der sich beim sitzen im Auto bereits einstellt, die nächsten Tage über nur noch schlimmer wird... Na großartig. Tatsächlich bewege ich mich in den nächsten Tagen wie eine 80 jährige Frau mit mindestens drei Hüftoperationen. Jeder Schritt tut weh.
Erschöpft, aber gut gelaunt und zufrieden sitzen wir in den Autos zurück nach Oslo. Nochmal acht Stunden. Musikalisches Auf und Ab. Coldplay wird durch Jamiroquai, Kings Of Leon und ein bißchen Pink Floyd abgelöst. Unser Auto ist der Partybus. Jedenfalls singen alle mit und klatschen. Keine Ahnung, wo die ihre Energie hernehmen. Ich jedenfalls bin erledigt.
Das Wochenende war großartig und gegen 22 Uhr begrüßt uns das Ortseingangsschild von Oslo. Und spontan fühle ich mich noch besser.
Der Abschied fällt herzlicher aus, als die Begrüßung. Vielleicht, weil wir wissen, dass wir uns ja schon in den nächsten Tagen wiedersehen und dieses kleine Ferienlager uns einander noch besser hat kennenlernen lassen. Ich mag, was ich kennengelernt habe.
Und nur für´s Protokoll: Den Punkt "Wandern in der norwegischen Natur" hab ich ein für alle Mal abgehakt. Ich muss an meine Beine denken. Die machen sowas nicht nochmal mit.
Oder sie kommen gerade auf den Geschmack... Und das möchte ich nicht herausfordern!
Vintersju.
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