Montags ist generell immer ein sehr anstrengender Tag, diesmal jedoch besonders, denn als ich aufstehe ist es noch dämmerig, was den nahenden Winter und die mit sich führende Dunkelheit ankündigt.
Außerdem hat sich Besuch angekündigt: Karo und Martin aus Bergen wollen nach Trondheim kommen. Die beiden haben mit uns zusammen den Sprachkurs in Leipzig besucht und sich zunächst um einen Platz in Bergen geprügelt, ihn am Ende aber beide bekommen.
Und jetzt haben sie Herbstferien und wollen diese auch nutzen.
Erstmal gibt es ein Lofoten Nachtreffen, bei dem gekocht wird und Fotos angesehen werden. Die Jungs sind für die Hauptspeise zuständig und zaubern ein sagenhaft zähes Bierhühnchen, indem sie den armen Vögeln einfach offenen Bierbüchsen in den Hintern stecken und alle zusammen in den Ofen schieben.

Zur Ankunft der beiden Bergener am Dienstagabend gibt es einen wieder ins Leben gerufenen Pot Luck, auf dem ich auch Trude kennenlerne, eine sockenstrickende Norwegerin, die ich mir warm halten werde.
Es ist Mittwoch und ich hätte gar nicht in die Uni gehen müssen, denn alle Veranstaltungen scheinen heute ausgefallen oder vergessen worden zu sein, ich freue mich also ob meiner neugewonnenen Zeit und probiere gleich mein norwegisches Handy aus, was ich jetzt bekommen habe und gleich mal 200 NOK Startguthaben geschenkt bekommen habe! Jetzt kann ich also endlich alle anrufen!
Aber erst will ich Tickets für Franz Ferdinand kaufen. Die spielen nämlich am Freitag hier und ich habe mich, nachdem Datarock als Vorband bekanntgegeben wurde, endlich dazu breittreten lassen, hinzugehen. Ich wollte ja erst nicht, da mich die technoiden Versuche auf dem letzten Album der Jungs etwas zurückgeschreckt haben und ich befürchtete, dass sie wohl nicht so viel von meinen Lieblingen vom ersten Album spielen werden. Aber jetzt mit Datarock als Unterstützung werde ich mir mal ein Bild machen von den Herren Briten.
Es ist nämlich gerade UKA in Trondheim. Die UKA ist das größte Kulturfestival Norwegens und wird jährlich abwechseln in Bergen und Trondheim abgehalten. UKA heißt übersetzt „Die Woche“ und wenn sie in Bergen stattfindet, heißt sie aufgrund des Dialekts UKEN.
Witzig an der Sache ist, dass die UKA den ganzen Oktober andauert, der Name also etwas untertrieben ist. Während des ganzen Oktobers gibt es also jeden Tag Kunst und Kultur in Trondheim, überall finden Konzerte und andere Veranstaltungen statt, die Highlights sind auf die Wochenenden angesetzt und selbst vormittags gibt es Bastelstunden für Kinder, Infoveranstaltung, Kunst- und Kulturseminare in der Technischen Uni und und und.
Am Kartenkaufstand treffe ich Colin und zwei Mädels aus dem Sprachkurs, die sich die Rede von Prinz Håkon heute Nachmittag anhøren wollen. Es ist kostenlos, also hole ich auch ein paar Karten für mich und meinen Besuch. Den Prinzen will ich mir ja mal vom Dichten ansehen.
Ich treffe Karo und Martin am großen Olav auf dem Markt. Ich erzähle ihnen von den erworbenen Freikarten für den Prinzen und zusammen machen wir uns auf den Weg ins Samfundet. Unterwegs erzählen sie von ihren Erkundungen des Tages.
Vor dem Samfundet steht eine riesige Schlange. Wir reihen uns ein und treffen am Ende der Schlange Frederik, Stine und zwei Jungs, die sich verdächtig ähnlich sehen. Zusammen lassen wir uns in den Storsalen drängen und bekommen einige Plätze am Gang mitten in der Manege des riesigen Zirkuszeltes.
Ich frage die Norweger, wie man sich gleich verhalten soll, ob wir uns verbeugen müssen, wenn der Prinz kommt oder wie man das hier so handhabt. Keiner weiß es so genau und ich übe schonmal den Knicks.
Aufgeregt wirbeln schickgemachte Menschen durch die Stuhlreihen, Herren in Frack und mit Brustschärpen, Frauen mit wallenden Kleidern und wir kommen uns alle etwas underdressed vor. Es sind erstaunlich viele bekannte Gesichter da, mehr junge Leute als ältere, und auch viele wie wir mit unordentlichen Haaren und schmuddeligen Jeans. Ist also nicht so schlimm.
Es wird dunkel und der Organisator der UKA hält eine kleine Eingangsrede, die anscheinend witzig ist, denn die meisten lachen, nur wir gucken uns verständnislos an. Dann taucht Frank auf, der sich den letzten Platz hinter uns ergattert und gleich von der Security zurechtgewiesen wird, dass er da nicht sitzen darf. Er findet trotzdem noch irgendwas hinter uns und gemeinsam warten wir auf den Prinzen, während die verschiedenen Theatergruppen und Chöre Ausschnitte aus ihren Programmen zeigen, bevor sich irgendwann die Garde hinter uns positioniert, alle aufstehen und ein gutaussehender, winkender Mann im Nadelstreifenanzug den Zirkussaal betritt.

Zunächst will er erstmal wissen, wer am Vorabend alles bei dem HipHop Konzert von Jay-Z war und löst somit großen Trubel aus. Er sagt, er wäre selbst gern hingegangen, hatte aber leider keine Zeit. Als Entschädigung spielt er mal eben ein Musikvideo von dem Herrn ein und swingt ein bisschen mit auf der Bühne des Storsalen. Wir gucken uns entgeistert an und fragen uns, ob er das ernst meint, doch wegen seines charmanten Lachens können wir ihm nichts übel nehmen und lauschen lieber seinem Anliegen.
Ich verstehe sein Norwegisch ein bisschen besser als das seiner Vorredner; es geht um Kindersterben und Frauensterben bei Geburten und Hilfe in der dritten Welt und Vergleiche der Sterberaten mit Norwegen.
Wir sehen noch einige Lieder des Männerchores „Pirum“, der hier unglaublichen Kultstatus hat und Auszüge aus dem Musical „Ukerevyen“.
Dieses Musical ist sehr satirisch und sozialkritsch und macht trotzdem unglaublich viel Spaß. Auch wenn ich sehr wenig aus den Auszügen verstanden hab, wollte ich es unbedingt komplett sehen, aber es gab keine Tickets mehr. Deswegen musste ich mich mit Bildern und Erzählungen begnügen.

Rundherum ist also für riesiges kulturelles Spektakel gesorgt und ich meine zu verstehen, dass das letzte, sehr satirische Lied dem Prinzen persönlich gewidmet ist, der sich vor Lachen kaum halten kann. Genau versteh ich nicht, was da gesungen wird, aber die Musik ist unglaublich und die Gesamtgestaltung umwerfend. Ich will dieses Musical im Ganzen sehen, auch wenn ich nichts verstehen werde.
Alle erheben sich, die Garde schreitet voran durch den Gang und der Prinz lächelt und nickt einigen Leuten zu. Als er an uns vorbeigeht, sieht er mich kurz an, grinst und läuft weiter.
„Oh, der Prinz hat dich angelächelt!“
Haha! Großartig.
Wir schließen diesen Tag damit ab, rumzualbern auf dem Technikcampus und nochmal auf die Festung zu klettern. Später gibt’s noch Linseneintopf bei Frank und eine Art experimenteller Spieleabend.
Beim Donnerstagsvorspiel treffen wir viele alte Bekannte wieder. Den Franzosenhaufen habe ich schon eine Weile nicht mehr gesehen und plötzlich taucht Sien aus Molde zwischen all den Leuten auf. Sie wird das Wochenende hier verbringen und bittet um Asyl. Natürlich. Liebend gern. Aber erstmal in die Nacht in die Stadt.
Wir überlegen uns, Øyvind abzuholen. Unter seinem Fenster stehen wir und rufen ihn hinaus in die kalte Oktobernacht. Der ist gar nicht begeistert, kann aber auch nicht widerstehen und wir laufen gemeinsam über den Campus Richtung Innenstadt.
Im Crash ist es noch furchtbarer, als das letzte Mal, weswegen ich ganze 2 Lieder aushalte, um dann ins Bett zu verschwinden.




Die Uka wird übrigens nach 25 Tagen herrlichem Spektakel mit einem großen Feuerwerk ausklingen gelassen. Ist aber auch gut jetzt. Bei soviel Kultur kommt man ja gar nicht hinterher.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen