Freitag, 16. Oktober 2009

Men etter solskinn kommer regnvær

Trondheim, ZAHL

Donnerstagabend.
Ein gewöhnlicher Donnerstagabend? Eigentlich sollten wir uns jetzt auf dem Weg auf die Lofoten befinden. Doch der Wetterbericht verkündete Sturmwarnungen für die nördlichen Gefilde des Landes und die Fähren werden ihre Häfen wohl nicht verlassen an diesem Wochenende.
Was macht man mit soviel neugewonnener Zeit? Sowieso will ich die Zeit antreiben, vorwärts schicken und dieses Wochenende am Ende der Welt wäre perfekt gewesen, die Zeit schneller vorbeiziehen zu lassen.
„Lasst uns tanzen gehen“, schlägt Janina vor und lädt zum Vorspiel bei sich in der Küche ein. Vorspiel, falls diese Erklärung noch nicht gefallen ist, hat hier in Norwegen keinerlei erotische Bedeutung sondern ist das Zusammentreffen durstiger Menschen, die vor dem Ausgehen den nötigen Alkoholpegel erreichen wollen, um in den Clubs oder wo auch immer nicht zuviel Geld für Schnaps und Bier auszugeben. Weiterhin üblich ist es, nach einer Party oder einem Abend im Club auch irgendwo ein Nachspiel zu feiern, wo in richtigen typischen norwegischen Haushalten der Selbstgebrannte aus dem Keller geholt wird und, so wie in Deutschland noch ein wenig Rührei gemacht wird. Ja, die deutschen Worte die mir geläufig sind für „Vorspiel und Nachspiel“ sind „Vorglühen und Eierbraten“.
Donnerstags ist in Trondheim überall freier Eintritt. Zumindest in den einschlägigen Lokalen. Wir gehen ins „Crash“. Der Name sagt ja schon einiges. Das Äußerliche des Ladens ist ganz nett, die Musik will mich jedoch sofort wieder rausekeln. Ich probiere es in der anderen Etage. Aha. Oldies, 80er-Jahre Disco und einige Woodstockklassiker. Frank will mich zum Cuba Libre einladen, vergisst jedoch vorher, nach dem Preis zu fragen und legt einen dreistelligen Betrag hin, dessen genauen Wert ich gleich wieder verdrängt habe. Sogar für die Limetten muss er extra bezahlen, aber was soll’s, es ist schließlich Donnerstagabend.
Nach und nach trudeln immer mehr Leute ein, die wir kennen, irgendwann ist das ganze Wohnheim da, irgendwann ist die Hälfte derer wieder knutschend in irgendwelchen Ecken verschwunden. Oh heiliger Erasmus, wie du sie alle glücklich machst!
Stian und ich tanzen zu „I need a hero“ von Bonnie Tyler. Während ich mich durch die Gegend drehen und wirbeln lasse, lache ich still vor mich hin, denn es muss ein sehr grotesker Anblick sein, würde ich stattdessen außerhalb der Tanzfläche stehen und mir das Ganze begucken. Irgendwann ist der Tiefpunkt des Abends gekommen und ich streune nur noch durch den tanzenden und schwitzenden Leuten hindurch.
Frederik fragt mich, was ich mit diesem jetzt völlig planlosen Wochenende anstellen werde und ich kann nur die Schultern zucken. Uns fällt ein, dass wir Sien versprochen haben, sie in Molde zu besuchen. Molde ist ein kleiner Ort irgendwo in Norwegen, wo das Mädchen aus Belgien nach dem Sprachkurs zum Studieren hingezogen ist. Um in der Einsamkeit nicht zu versauern, hat sie alle ihre Freunde eingeladen.
Ein kurzer Blick, ein Nicken, ein Griff zum Telefon und schon haben wir einen Plan für das Wochenende. Wir fahren nach Molde!


Eigentlich sieht es in Molde so aus:








Als wir jedoch ankommen empfängt uns folgendes Bild:


Und Sien empfängt uns! Strahlend! Wir springen ihr entgegen und sie nimmt uns kurzerhand mit in ihre Stadt.
Ratlos und hungrig stehen wir im Bunnpris und wissen nicht so recht, was es zu essen geben soll. Wir einigen uns auf ein wirres Gemüsechaos und laufen durch einen Wasserfall die paar Meter nach Hause.





Wir treffen Siens Freunde in dem anderen Wohnheim, in das Sien bald noch umziehen will. Wir probieren den besten Sangria der Welt und lernen einen Haufen unausgelasteter Austauschstudenten kennen. Die fühlen sich wahrscheinlich alle sehr eingesperrt in dieser Kleinstadt, kaum größer als Torgelow und müssen ihren Drang nach Studentenleben so kompensieren, als das sie einfach noch ein bisschen aufgedrehter und verrückter sind als die rastlosen Erasmen in Trondheim. Wir gehen mit ihnen in die Stadt, denn es ist Freitag und vielleicht ist irgendwo etwas los. Das Kompagniet. Ein Club! Ob man es glaubt oder nicht. Doch Eloïse aus Frankreich ist erst 19, heißt, wir kommen nicht rein und so bleibt nur noch eine Option. Das Blå. Frederik übt erstmal mit Franzl, dem Österreicher, dieses Wort richtig auszusprechen, was sich als hartes Stück Arbeit erweist.





Das Blå ist ein Café in Moldes Innestadt, was direkt ans Rød grenzt. Im Blå kann man Fußball schauen, im Rød kann man Kaffee trinken. Heute ist ein Mann mit seiner Gitarre und einem dicken Liederbuch da, der einige Klassiker spielt. Die Molder Erasmen gehen total drauf ab und fangen an, zwischen den Café-Gästen zu tanzen, zu springen, zu schreien.
Irgendwann kommt ein Lied, was ich nicht kenne, aber alle andern. Es ist Norwegisch. Frederik verspottet mich, weil es nicht Kaizers Orchestra ist und mein Horizont so eingeschränkt ist. Na Herzlichen Dank auch. Allerdings muss ich beim genaueren Hinhören den Schluss ziehen, dass man es nict unbedingt kennen und mitsingen können muss, wenn es grob übersetzt heißt: „Ich bin verliebt in meinen Lehrer“. Dennoch verspricht der gute Norweger, mir ein Mixtape mit Heimatliedern zu machen. Wir beschauen uns die Menge der bunten, verzweifelten, schreienden und betrunkenen Erasmen und sind froh, Studenten in Trondheim zu sein. Wir stellen fest, dass wir es hier nicht lange aushalten würden in diesem, ja….Kaff.

Als wir wieder ankommen sind alle unsere Klamotten bis auf die Haut durchnässt. Ich will meine Schuhe mit Zeitung ausstopfen und frage Sien nach altem Papier. Ungläubig sieht sie mich an, was ich damit wohl vorhabe. Ihr russischer Mitbewohner versteht sofort und besorgt mir einen vergilbten Zeichenblock mit kyrillischen Buchstaben. Auf dem Herd kocht währenddessen sein Haferbrei in Milch. Ich erkenne einige Parallelen….
Frederik kündigt an, dass ich mir neue Schuhe kaufen sollte, weil er mich andernfalls nicht mit auf die Lofoten nehmen wird.
Schuhe kaufen...wie ich es hasse...

Frederik hat auf dem Heimweg versprochen, nicht zu schnarchen. Das passiert allerhöchstens zu 5% Wahrscheinlichkeit, dass er mal schnarcht, sagt er.
Das diese äußerste Seltenheit gerade heute zutrifft, amüsiert Sien und mich sehr und wir beobachten ihn eine Weile beim Schlafen, bevor wir selbst, in meinem Fall traumlos, in die Federn fallen.


Wir haben um Sonne gewettet, ich habe verloren. Es regnet in Strömen und man kann kaum bis auf die andere Straßenseite sehen. Sien und ich stromern durch die Gegend, das Freilichtmuseum ist auf, wir sind die einzigen Gäste, nicht mal ein Kartenverkäufer ist da.





Nach einem endlosen Gang durch den Regen landen wir letztendlich wieder im Rød, wo wir auch Frederik und Eli Sofie treffen, die wieder zurück zu ihren Eltern nach Molde gezogen ist und Trondheim vermisst.

Der einzige Bus, der am Sonntag zurück fährt, geht um 17:00. Das bedeutet eine Ankunft in Trondheim irgendwann nach 11 in der Nacht. Doch Stine hat Geburtstag und generell passt uns dieser Zeitpunkt überhaupt nicht, weswegen wir beschließen, Molde noch diese Nacht zu verlassen. Ein letztes Mal treffen wir einen Haufen betrunkener Erasmen mit zuviel Baileys (as close as they can get to Baileys without getting their eyes wet), die uns alle viel zu motiviert scheinen, als wir sein würden, wenn wir an diesem Ort leben würden.




Bevor wir diesen Ort verlassen, gilt es noch, einige wichtige Details über Molde zu erwähnen.
Die Moldener sind Fußballwütig. Es gibt hunderte von Bolzplätzen, die wir passiert haben, die alle besetzt waren, trotz des zerstörerischen Regens.
Das größte Hotel in Molde liegt direkt am Moldefjord und hat die Form eines Segelschiffs.
Molde wurde im zweiten Weltkrieg komplett zerstört, bis auf den Stadtteil des heutigen Freilichtmuseums, weswegen das Ganze ja auch ein Museum ist.
Molde hat um die 20.000 Einwohner, davon sind 40 Erasmusstudenten.


Irgendwo im Nirgendwo nachts um eins müssen wir für zwei Stunden auf unseren Anschlussbus nach Trondheim warten. Wir setzen uns in die Tankstellenkneipe, holen uns Tee, Milch und merkwürdigen Brunosteierkuchen und warten.
Zwei Frauen arbeiten in dem flackernden Neonlicht hinter der Theke. Ein weißhaariger, bärtiger Mann sitzt mit einer Zeitung und einem Bier an einem der Tische mit dem Rücken zu uns. Er hat einige Tattoos und keine Jacke dabei, sitzt hier, als wäre er hier zu Hause.
„Glaubst du, dass er jeden Abend hier her kommt?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht. Vielleicht ist er in die Blonde verliebt und will sie so oft wie möglich sehen…“
Ich muss an Amelie Poulin denken, in deren Café auch immer dieser verliebte Kerl sitzt und ihre Freundin beobachtet.
Die Blonde bringt ihm ein neues Toast, schaut ihm über die Schulter und stellt sich wieder an die Kaffeemaschine.
„Ich denke, er ist hier, um auf sie aufzupassen. So eine Raststätte in der Nacht. Da braucht man jemanden, der auf einen aufpasst.“

Die lange Reise nach Trondheim verkürzen wir durch ausgedachte Spiele, ungemütlichen Schlaf und Top 10 Listen der komischsten Sachen.

In Trondheim geht die Sonne auf, als wir ankommen. Es hat wohl auch über Nacht geregnet, doch dieser Sonntag verspricht schön zu werden. Und jetzt ist es auch gar nicht mehr so lang…

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