Donnerstag. Den ganzen Tag versammelten sich in mir verschiedene Gefühle, die wie in einem Gewitter aufeinander trafen, positive und negative Ladung, nur war ich geerdet, deswegen konnte man nicht sehen, wie es unter meinen Füßen rumorte. Was war da los. Ich erinnere mich nicht mehr genau, denn es kommt mir vor, wie eine Ewigkeit.
Ich zähle die Stunden, bis es 10pm ist. Dann verlasse ich das Studentendorf Richtung Norden, um Marlene und Jule abzuholen. Ich weiß nicht, was mich dazu bewegt, mich so sehr auf diese beiden Mädchen zu freuen. Vielleicht ist es Liebe. Und die Sehnsucht nach den gemeinsamen Stunden, die nun zum Greifen nah scheinen.
Auf dem Volleyballplatz wird ein riesiges Grillfest veranstaltet. Nicht nur Erasmen sind heut hier sondern ein Haufen Norweger. Es ist Donnerstag, die Nacht der Studenten. Heute ist unten in der Stadt alles billiger. Die meisten treffen sich hier, um dann nach Einbruch der Dunkelheit gemeinsam in das Zentrum zu streunen. In dem ganzen Gewusel wird mein Gedanken und Gefühlwirrwarr nur noch mehr angereizt, also beschließe ich, viel zu früh loszugehen. Auf den Ohren: Skambankt. Und nochmal Skambankt. Der Weg ist lang, also schaff ich das Album beinahe zweimal zu hören. Morgen seh ich sie live und mein Unterbewusstsein stellt eine utopische Playlist zusammen.
Auf dem Weg resümiere ich den Tag. Ich war in der Uni. Doch alle Lehrveranstaltungen sind ausgefallen. Ich treffe mich also mit Hans und Ingvild zur weiteren Planung unseres Praktikums. Fazit dieses Treffens: ich bin unzufrieden. Mit mir. Mit der Situation. Mit dem Fakt, dass ich immer einen Schritt hinterher sein werde. Übelgelaunt und zweifelnd, dennoch voller Vorfreude und Unglaubwürdigkeit ob der möglichen Geschehnisse des nächsten Tages, treffe ich in der großen Halle auf Magda. Ich hätte besser nicht Hallo sagen sollen, denn ich werde sie länger als zwei Stunden nicht los und als ich mit Daniel in die Stadt gehe, hängt sie und permanent an den Fersen. Mit Daniel kann man so gut schweigend nebeneinander herlaufen. Das hätte ich jetzt gebraucht. Stattdessen zwinge ich mich zu Einwortantworten auf Magdas zumeist sinnlose Fragen und bin mit den Gedanken irgendwo im Mittelalter, als es noch Pranger gab, an denen man die Leute festschnallen konnte.
Wir sind am Festivalwagen angekommen. Hier bekomme ich einen knallbunten Backstagepass und ein weißes Matrosenhemd mit blauer Schleife und roten Lettern. In einer anderen Situation wäre ich sprachlos gewesen und hätte mich gefragt, ob ich soeben verarscht werde. Doch strotzend voll Stolz (auf dem Pass steht in riesigen Buchstaben: STAGEHAND. Das soll ich morgen sein. Roadie bei Skambankt!) ziehe ich mir den Matrosenanzug an und binde mir das quietschbunte Schild an die Gürtelschlaufe. Schwarz ist heutzutage einfach total überbewertet.
Daniel weiß schon, dass er ein A für sein Examen hat. Unbehagen wühlt sich in mir auf. Die Ergebnisse sind also schon da. Ich werde Frederik aber heute nicht mehr danach fragen, um mir ein sagenhaftes Wochenende nicht zu versauen, sollte es kein A oder B bei mir sein.
Ich renne durch die Stadt, die sich langsam ihr Schlafgewand überstreift. Und dann laufe ich kurze Zeit später zurück. Marlene und Jule an der Seite. Wir müssen uns beeilen, denn ich hab den Leuten beim Grillen befohlen, zu warten, bis ich wieder da bin mit dem hohen Besuch. Und der nächste Bus soll erst in einer dreiviertel Stunde fahren. Also schnell zu dem andern!
Trotzdem ist in Moholt keiner mehr. Also verbringen wir die Nacht in der Küche und später mit den Tulls von der Kaizer DVD. Wie sollte es auch anders kommen.
Die Tage in Trondheim sind in vielerlei Weise zweigeteilt. Natürlich in Nacht und Tag (inzwischen kann man die Nacht hier auch wieder Nacht nennen), aber auch in Regenwetter und Sonnenschein. Das wechselt sehr plötzlich und sehr intensiv. Zwischen paradiesischem Sommer und Weltuntergang macht Trondheim keinerlei Abstufung. Heute morgen, an diesem verheißungsvollen Freitag gießt es aus 20 000 Wassereimern. Ich verspreche doch Wetterbesserung, denn inzwischen kenn ich die Macken dieser Stadt. Eine weitere Zweiteilung: in Trondheim ist man etwa traurig, als wären wichtige Personen gestorben oder man ist so fröhlich und voller Energie, dass man gar nicht weiß, wohin damit. Auch hier: keine Abstufung. Deprimiert ob meiner schlechten Examensnote kehre ich nach Hause zurück. Ich habe ganze 11 Deutschstudenten kennengelernt, mehr Leute scheinen sich für die Germanistik nicht zu interessieren. Ein Masterkurs gibt es gar nicht erst, es gibt Seminarpläne und alles, nur niemand, der es belegen will.
Zu Hause stelle ich dann voller Erschrecken fest, dass ich seit zwei Stunden auf dem Festivalgelände sein muss. Ich renne los. Ich renne den ganzen Frust herunter und bin nach 20 Minuten in den Marinen. Gleißender Sonnenschein. Brennende Hitze. Danke Trondheim. Ich komme mir zwischen den schwarzen Tontechnikern in meinem Matrosenhemd ein bisschen blöd vor und ziehe auch schwarz an. Schwarz sollte man doch immer dabei haben. Alle diesen so ein wenig vor sich hin. Die erste Band fängt in einer halben Stunde an. Es ist alles vorbereitet, wenn die halbe Stunde Spielzeit um ist, müssen wir nur den Kram der andern auf die Bühne schieben, gefixt ist schon alles.
Es gibt nur ein Sorgenkind: Skambankt.
Wo stecken sie? Es wird mehrmals angerufen, aber sie können es nicht genau sagen. Eigentlich, sagt Håkon, der Chef der Bühne, sollte man immer drei Stunden vor dem eigenen Auftritt da sein. Und wann ist das? Jetzt. Aha.
Die Stimmung im Technikzelt ist merkwürdig angespannt. Niemand scheint den anderen richtig zu mögen und Kommunikation findet erst recht nicht so richtig statt. Was soll denn jetzt wo hin? Das siehst du an den Markierungen auf der Bühne. Na gut. Dann spielen „I was a King“ ihr letztes Lied. Es fühlt sich gut an, alles abzubauen. Das ist es ja, was ich immer schon machen wollte. Ein Roadie sein. Da ist es auch egal, dass die anderen nicht mit einem sprechen. Da ist es auch egal, dass man vom Tonmann angefahren wird, dass man alles in die andere Richtung räumen soll. Später erklärt er uns, dass der Skambankt-Wagen bald da sein wird und die Jungs mit ihrer Technik sehr speizielle Wünsche haben.
Das Schlagzeug soll auf einen höheren Podest als bei den andern Bands. Petter meint, Børge hätte ein kleines Attention-Problem. Haha.
Es ist Sieben. Skambankt ist immer noch nicht aufgetaucht. In der Ferne höre ich erste Töne von Motorpsycho und sehe die Massen dahinströmen. Wir fahren den ganzen Kram auf die Bühne und ich darf tatsächlich das Schlagzeug mit aufbauen, auf dem ganz groß das „Hardt Regn“ – Logo prangt. Da kommt Børge, der schwitzende dicke Drummer der Band. Er hilft fleißig mit und spielt seine Trommel selbst ein. Von den anderen keine Spur. Ein grünkarierter Gitarrenkoffer steht im Backstagezelt. Der Oberroadie befiehlt, ich solle ihn und die schwarzen neben ihm auspacken und alles in den Ständer da drüben stellen. Kurze Zeit später halte ich eine abgenutzte Fender Telecaster in der Hand. Terjes Telecaster. Herre Gud! Ich will gar nicht wissen, was sich in den anderen Koffern befindet. Und dann ist der Höhepunkt des Tages gekommen. Die Firebird. In meiner Hand. The Firebird Original. Sie sieht so normal aus und hat relativ starke Saiten und einen schlanken Hals. Ihr Markenzeichen ist rot auf das weiße Griffbrett eingebrannt und im vierten Bundstäbchen klemmt ein blondes Haar. Ich überlege kurz, ob ich sie für Jule abmache, stelle dann aber doch das edle Stück in den Ständer und sehe zu, dass ich den Jungs mit den übertrieben großen Amps helfe. Auch hier: einige blonde Haarstränchen. Der junge Herr Vinterstø scheint Haarausfall zu kriegen.
Irgendwann, 2 Minuten vor dem eigentlichen Start betreten die Herren das Zelt. Sie berziehen keine Miene und sehen an allen vorbei, bis Håkon auf Terje zutritt und ihm sagt, er dürfe nur 45 Minuten spielen heute. Terje ist sichtlich sauer, tritt seine Zigarette missmutig auf dem Boden aus und blickt zu Tollak, der nur mit den Schultern zuckt und kurz hinter dem schwarzen Vorhang verschwindet. Mir schwant schlechte Laune bei den Herren. Motorpsycho überzieht gnadenlos und ich erhasche einen Blick auf die Setlist. Vår Bør als Opener. Da wird Jule in Tränen ausbrechen. Ich würde so gern mit den beiden da vorn stehen. Ich linse noch mal durch den Vorhang an der Seite und sehe sie voller Vorfreude, an ihrer Seite ein Typ mit einer pinken Wollmütze. Den kenn ich doch? Es ist Scott. Er winkt, ich winke, ich gucke, was die andern Stagehands so treiben. Sie stehen alle draußen. Gut, dann kann ich das auch. Sobald Terje die ersten Töne anschlägt, wühle ich mich durch die Menge um nach vorne zu gelangen. Scott wirbelt mir mit seiner Mütze entgegen und auch Marco ist da. Ich kann tatsächlich fast das ganze Konzert sehen.
Da ich ja schon weiß, dass O’Dessverre das letzte Lied ist, schlängel ich mich wieder zurück ins Zelt. Da kommt Terje mir schweißüberströmt entgegengerannt und will wissen wie spät es ist. „Ein Lied passt noch!“ Er läuft zurück und spielt wie ein Berserker, Tollak und Hans Panzer tun es ihm nach. Sie haben Spaß, sind ausgelassen und toben wie besessen auf der Bühne. Die schlechte Laune haben sie abgelegt und es war wirklich „knall“, wie soll man anders sagen. Einige Sekunden später stehen sie schwitzend und selig lächelnd neben uns, sind dann aber auch schon wieder verschwunden. Spurlos.
Draußen brüllen die Leute im Chor ihren Namen und wollen mehr.
Seitdem von den Jungs alles verladen ist, wird die Stimmung zunehmend schlechter an der Kanonscenen. Die Technik fällt immerzu aus und Petter ist unerträglich, was aber auch verständlich ist. In einer ruhigen Minute schleiche ich mich zu den bandzelten um zu sehen, wer denn nun alles mit wem was macht. Tollak, der Riese schnackt mit einem winzigen Mädchen. Dann erspähe ich Terje. Er steht da im Gespräch mit einem Mann mit Melone. Das ist Marco. Was tut der da? Der kann doch nicht einfach mit Terje sprechen? Ich nehme die Gelegenheit wahr und stelle mich dazu, bleibe aber unbeachtet. Dafür darf ich Terje ganz aus der Nähe beachten. Marco ist betrunken und redet auf ihn ein. Aus den Fetzen entnehme ich, dass der Herr Italiener gern mit seiner Band Sneekatac als Vorband von Skambankt spielen will. Es geschieht etwas, was ich bei Terje noch nie gesehen habe: er setzt den Geggenblick auf. Skepsis und sichtliche Arroganz. Ich muss lachen, weil Marco sich trotzdem solche Mühe gibt und darauf pocht, am Montag mit ihm zu telefonieren, um alles klarzumachen.
Als ich das schönste Lied von Röyksopp höre quittiere ich meinen Job als Stagehand und verschwinde mit Marlene und Jule in der Nacht.
Im Großen und Ganzen bin ich mit zuviel Erwartung an die Sache rangegangen. Das mag daran liegen, dass auf einem Festival nun mal alles anders ist. Gesprochen wurde kaum. Einen richtigen Plan hatte auch keiner und die, die ihn hatten, wollten ihn nicht teilen. Und Børge war der einzige, der mir hinter den Vorhängen sympathisch war, als er gedankenverloren an seinem Kaffee nippte, als die Band bereits anfing. Er riss die Augen auf, schaute mich halb grinsend, halb peinlich berührt an und drückte mir seinen Kaffee in die Hand und verschwand hinter seinem Schlagzeug. Dann kam er wieder, holte sich seinen Kaffee und rannte zurück. Ohne Kaffee kein Rock. Sein verspäteter Start war Schuld an dem langsamen Anfang des Sets, was aber gar nicht schlimm war, weil man so Terje besser beim Leiden zusehen konnte.
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