Sonntag, 16. August 2009

Me går langt tilbake til de gamle dager når alt var svart-kvitt og alt mitt var ditt

Trondheim, 16. August, ZAHL

Und jedem Ende wohnt die Wehmut inne.
Es ist Sonntag, es fühlt sich an, wie morgens um neun, doch es ist schon nachmittags. Der Himmel ist grau und das Aprilwetter passt herrlich zu der Stimmung, die gerade über Moholt liegt. Oder vielleicht auch nur über mir. Hinter mir liegt eine Woche voller Höhen und einiger Tiefen, voller Angst, Selbstzweifel, Weltzweifel, Weltuntergangsstimmung, Euphorie, Ideen, Plänen und fantastischen Augenblicken. Aber ich will von vorne anfangen. Mit dem Tag an dem die Woche begann versteht sich.

Trondheim explodiert. Die Stadt platzt aus allen Nähten und das von einen Tag auf den andern. Man hat es langsam kommen sehen aber gar nicht so richtig wahrgenommen. Plötzlich war meine Wohnung voll mit internationalem Wind. Man sah riesige Autos mit Anhängern vorfahren und hat sich dennoch nichts dabei gedacht. Langsam kommen eben die Studenten hieß es überall und besonders auf die Norweger wurde sich gefreut, wegen denen sind wir ja schließlich eigentlich da.
Ich laufe also nichts ahnend in die Stadt hinunter um dem Zahnarzt einen weiteren Besuch abzustatten und kann, sobald ich den Nidelva, den Fluss, der Trondheim umarmt, überquert habe, kaum noch treten. Es ist kein vorwärts kommen mehr. Wo kommen all diese Leute her? Warum dürfen hier in der hölzernen Altstadt Autos fahren und gleich so viele? Kracht da die Brücke nicht zusammen? Trondheim ist plötzlich lebendig und nicht mehr das langweilige Nest am Ende der Welt. Ich bahne mir einen Weg durch das Getümmel. Vor jedem Geschäft stehen Schlangen, als gäbe es was umsonst.
Mit einem Termin für den nächsten Nachmittag schlendere ich zurück nach Moholt. Ich laufe einfach nur bergauf. Menschenmassen strömen mir entgegen. Ich halte am großen Studentenhaus an, um zu fragen, ob auch Eltern hier übernachten können, wenn die zu Besuch kommen. Ich gerate aber in riesige Umbauarbeiten hinein, alles ist hektisch in der Eingangshalle, die Rezeption ist zu. Also ein andermal.
Wir haben uns verabredet zum Pizzaessen. Es gibt ein Aussichtsrestaurant im Trondheimer Fernsehturm. Er sieht zumindest aus wie ein Fernsehturm und als wir näher kommen, wird der Verdacht auch bestätigt, hier sitzt also das norwegische Fernsehen NRK, jedenfalls ein Ableger davon, und diverse Radiostationen. Es gibt ein All-you-can-eat für 99 Kronen. Pizza für 12 Euro also und dann auch noch soviel, bis man nicht mehr kann. Ich werde dann wohl doch ein etwas billigeres Kindergericht nehmen, aber die darf man nur haben, wenn man 11 Jahre und jünger ist. Na toll. Wir stopfen uns also mit Pizza zu, bis es nicht mehr geht, in der Hoffnung, dass es für die nächsten drei Tage reicht, damit sich der Preis auch gelohnt hat. Und dann inspizieren wir die Aussicht. Der Fjord, die Berge, die Stadt. Moholt sieht von hier wirklich riesig aus, wie ein eigenes rotes Dorf zwischen den Holzhäusern der Norweger. In der Etage über uns sitzen die Franzosen. Das Plateau dreht sich, man hat also, wenn man zwei Stunden in dieser Pizzeria verweilt, einmal einen gesamten Rundumblick gehabt, ohne sich zu bewegen.






Auf dem Rückweg werden wir von Leuten dazu animiert, doch noch ins Basement heute zu gehen. Da ist heut Bad-Taste-Party.



Derjenige, der den schlechtesten Geschmack hat und am furchtbarsten aussieht, gewinnt also einen Preis. Ich, kein Freund von Mottoparties, verschwinde ziemlich schnell, um noch das Essay für Nils fertig zu schreiben. Unterwegs begegnet mir Fanny in einer bunten Küchenschürze und mit Kopftuch und meckert über meine Spielverderberei. Gute Nacht.

Ich habe Lust, tanzen zu gehen. Es ist Dienstag und das Studentenhaus hat ein neues Programm herausgebracht, dass verspricht, dass heute Rock’n’Roll in der großen halle ist. Ich will die Leute animieren, aber es weiß noch niemand so richtig.
Ich mache mich nochmal auf zum Zahnarzt, lasse abermals eine horrende Summe dort zurück und steige wieder den Berg zu Moholt hoch. Unterwegs treffe ich Alex aus der Schweiz, der sich mit seinem Fahrrad durch einen gigantischen Stau schlängelt. Dieser Stau reicht einmal quer vom Samfundet Studentenhaus bis hin zu Moholt. Diese Strecke geht man gut mal 40 Minuten, in Kilometer kann ich das leider nicht umrechnen. Eigentlich hatte ich gehofft, dass Alex mich mit meiner dicken Backe nicht sieht und weiterfährt, aber zu spät.
Wir plaudern über dies und jenes, ich versuche auch ihn zu überreden, heute mit ins Samfundet zum tanzen zu kommen, aber erfolglos.
Alex findet es überflüssig, Norwegisch zu lernen und ich bin entrüstet. Was machen all die Leute hier, wenn in Oslo eine traurige Jule sitzt, die so gern einen Sprachkurs gemacht hätte?
Der Kanadier ruft an und lädt zum Essen ein. Eine alte Freundin von ihm und norwegischer Anhang sollen bekocht werden. Alessandra und Pierrick sind schon da. Pierrick möchte lernen, wie Julien sein Brot backt und er lädt zum Brot-Back-Lerntag ein. Er ist sowieso ganz stolz auf seine Errungenschaften vom Fischmarkt und führt vor, was er alles für ziemlich wenige Kronen erstanden hat. Alessandra schmiert daraufhin einen Haufen Brote mit pinkem Kaviar und will lernen, wie man den Fisch ausnimmt. Julien zeigt es ihr und sie überlegt es sich nochmal anders. Sigurd aus Norwegen kennt einige Spezialitäten, wie man Fisch zubereitet und macht sich ans Werk, während Marina aus Kanada-Russland-Spanien-Norwegen oder wo auch immer sie nun eigentlich herkommt, den spanischen Importwein entkorkt.
Der Fisch soll in den Ofen. Der Kanadier versucht sich in Deutsch.
„Könntest du bitte…den Ofen…auf…machen?“
„Klar!“
„Und könntest du…auch…das Blech…spazieren?“
Natürlich. Keine Frage.






Bei Julien gibt es immer das köstlichste Festmahl. In dieser Küche treffen Menschen aller Herren Länder aufeinander und leben diesen Abend, als wären sie eine Familie mit vielen Geschwistern. Man kann sich zurücklehnen und Geschichten anhören, fremdes Essen probieren und immer wieder von neuem Erstaunen. Juliens Küche bräuchte einen Namen. Sigurd versucht, Norwegisch mit uns zu sprechen doch das ist nur teilweise erfolgreich. Der Abend zieht ins land und zu uns stoßen noch Max, der sich verlaufen hat und erklären muss, warum ein Weiberheld wie er ausgerechnet Gynäkologe werden will, Vivian, ein norwegisches Mädchen, die in der Rezeption des Wohnheims arbeitet, Silvian und Gerrit. Irgendwann taucht Giarda auf und holt Alessandra zum Tanzen ab. Die Gruppe zerstreut sich. Draußen ist seichter Nieselregen. Morgen geh ich aber ganz bestimmt tanzen.


Nils ist gut aufgelegt in den letzten Tagen, aber auch zunehmend verzweifelt mit uns, weil der Stoff immer härter wird und wir bei einigen merkwürdigen grammatischen Konstruktionen nicht so ganz durchsteigen. Es gibt eine Chance von 50:50, richtig zu antworten. Wir haben es irgendwie geschafft, immer die falsche Möglichkeit zu wählen. Wann nimmt man denn nun [til] und wann [fra]? Verfluchte Präpositionen! Wir lachen das Lachen der Verzweiflung und freuen uns aber, dass es allen so geht, Nils schüttelt nur den Kopf und versucht ein bisschen über das Studentenleben zu erzählen. Er sagt, dass Moholt dieses Semester komplett ausgebucht ist und die armen Leute von der Rezeption nicht wissen, wohin mit den Leuten. Sie haben in einem leerstehenden Haus ein Bettenlager mit 130 (!) Betten in einem (!) Zimmer eingerichtet. Wenn man zum Bunnpris einkaufen geht, kann man einen Blick reinwerfen und ich bin zunehmend froh, schon vor einem Monat hier hergekommen zu sein. Nils teilt uns Zeitungsartikel aus, die wir bearbeiten sollen. Er handelt von Studenten aus Trondheim, Die ebenfalls keine Wohnung mehr bekommen haben und deshalb in Hausbooten wohnen. Irgendwas ist da schief gelaufen.
Nils warnt davor, sich als Student nicht von Sonderangeboten hinreißen zu lassen. Auch wenn wir arm sind, sagt er, sollen wir auch mal was anderes essen, als Pizza Grandiosa oder Spaghetti mit Tomatensoße. Ich muss an meine Mitbewohnerin Doreen denken, die seit meiner Ankunft vor beinahe 4 Wochen tatsächlich nichts anderes gegessen hat, außer diesem Zeug. Marco, der coole Rocker mit Ford Capri aus Italien, wird gefragt, was er von der Norwegischen Pizza hält, auf die die Norweger übrigens ganz stolz sind, weil sie sie ja quasi erfunden haben. Er zuckt nur mit den Schultern und grinst diabolisch, das heißt eigentlich schon alles. Marco hat übrigens Musik mitgebracht. Lieder von seinen beiden Bands „Grim“ und „Sneekattac“ und einige seiner musikalischen Einflüsse, zum Beispiel von der amerikanischen Band "Clutch".
Nils wuselt durch den Raum, er hat irgendwelche wichtigen Sachen zu erledigen, von denen wir nicht genau wissen, was es mit ihnen auf sich hat. Ein bisschen zerstreut kommt er zurück. „Wo ist eigentlich die Kreide hin? Hat die der Wolf gefressen?“
Hans und ich haben heute unsere erste Begegnung mit unseren Praktikumsbetreuerinnen. Bettina und Ingvild sind zwei sehr gemütliche Frauen, die uns in die Cafeteria einladen und mit uns über dies und jenes plaudern. Sie fragen, wir antworten, wir fragen, sie schmieden Pläne. Ich freue mich auf das Germanistenkino und die Konversationsrunden mit den älteren Studenten. Ein bisschen Schiss hab ich vorm Unterrichten in den Anfängerkursen der Germanisten. Himmel. Hans ist jedoch Feuer und Flamme. Wir sind eingeladen zum Orientierungstag der Germanistik und zur ersten Lehrerkonferenz. Als sie uns dann auch noch unser eigenes Büro zeigen komme ich mir unheimlich wichtig vor. Die Germanistenabteilung oder hier auch SEKSJON FOR TYSK ist sehr gemütlich. In den Fluren stehen Regale, zugemölt mit Büchern und Zeitschriften, überall gibt es Bilder, Pflanzen und Notizzettel von Kollegen.
Wir müssen uns beeilen, den Wolfgang gibt eine Infoveranstaltung für uns im großen Auditorium. Wir kommen eigentlich nur zu den Schlussworten. Er bedankt sich für eine großartige Zeit mit uns und erwähnt mit einem sarkastischen Ton und Grinsen, dass er mit einigen ja besonders engen Kontakt hatte. Warum fühle ich mich angesprochen? Hmm.
Julien sagt, es ist Erasmuswillkommensfeier heute Nacht im Samfundet. Wir sind jedoch nicht angemeldet für das Buffet vorher, ich schlage ihm vor, dass wir uns einfach reinsneaken. Er macht es lieber auf die ehrliche Weise und organisiert jemanden von der Studentenorganisation, der uns rein lässt, wenn irgendwas schief läuft. Er sagt, man muss semi-schick sein heute Abend, um überhaupt rein zukommen. Aha? Nagut, wenn er mitmacht, dann machen wir uns schick. Ich zwinge ihn zu den Schuhen von seinem Großvater und wir machen uns mit einer Gruppe von nicht-schickgemachten Menschen auf den Weg bergab.
Es gibt Coupons für Bier und eine riesige Auswahl an Wraps und Snacks im Samfundet, aber keine freien Plätze. Wir fühlen uns overdressed, was aber nicht mehr schlimm ist, als Sien aus Belgien in einem gewagten Kleid auftaucht.
Wir treffen Vivian aus der Rezeption wieder, die uns Stian und Øyvind vorstellt. Auch letzterer ist relativ schick und erklärt einiges übers Samfundet in einer sehr sarkastischen Art und Weise. Er spaßt herum und neckt den Kanadier und seinen Tirolerhut. Danke dafür!
Wir stehen im großen Veranstaltungssaal des Samfundet. Es ist gigantisch. Von innen sieht dieses Zylinderhaus also aus wie ein Zirkuszelt. Ich bin hingerissen und muss daran denken, wie die Kaizer, der fantastischste Zirkus dieser Welt, mal hier gespielt haben und bin eifersüchtig, als Øyvind erzählt, dass er sie schon dreimal hier gesehen hat. Er freut sich tierisch, dass ich die Kaizer kenne und fragt mich, ob ich das denn überhaupt verstehe, was die da singen. Ich fange an, RESISTANSEN zu singen und Øyvind ist außer sich. Er schnappt mich, wühlt in seinen Taschen nach weiteren Biercoupons, die er dank guter Kontakte en masse besitzt und besorgt zwei weitere Pint für uns.





Der Geschäftsführer des Samfundet heißt alle Auslandsstudenten herzlich willkommen. Er heißt Leif-Eirik und ist nur wenig älter als wir. Er trägt eine typische norwegische Tracht, die Bunat mit vielen Bommeln. Er stellt verschieden Künstler vor, die uns ein nettes Programm hinzaubern. Mir steht der Mund offen, als ein Pärchen Swing tanz, weswegen ich vergesse, Bilder davon zu machen. Der Bürgermeister hält eine Rede über Trondheim und die NTNU und erzählt auf seiner letzten Folie der Powerpointpräsentation von der „Kjærestegarantie“, die Garantie, die nur Trondheim besitzt, dass man nämlich innerhalb des Auslandssemesters zu 100% einen Partner fürs Leben findet (Kjæreste = Liebster). Vivian weiß aber von einem Bekannten zu berichten, der die Uni verklagt hat, weil er sich in seinem AuslandsJAHR nicht verliebt hat. Haha. Köstlich.
Der Veranstalter des Unifestivals hat einen Schmetterling gefangen und erklärt uns den Butterfly-Effekt. Das gibt es auch bei dem Festival, sagt er, alles fängt bei ihm an und endet bei 30 000 Menschen. Gut zu wissen. Im selben Moment geht das Licht aus und die Dansdeel wird eröffnet. Die Musik ist furchtbar, deswegen laufen wir in die Eingangshalle. Langsam trudeln auch all die andern ein und wir treffen alle in dieser Halle der Begegnungen aufeinander. Stian spricht norwegisch mit mir. Es geht stockend voran, aber er versteht, was ich meine. Øyvind mischt sich ein, doch ich verstehe kein Wort. Er erklärt, dass er aus Bodø kommt, was erklärt, dass ich seinen starken Dialekt nicht verstehe. Stian versteh ich super. Ich frag ihn, woher er kommt. Stavanger. Alles klar.








Sien und ich wollen ein neues Bier holen, aber Øyvind hat keine Coupons mehr. Gut. Wir kratzen unser letztes Geld zusammen und gehen an die Bar. Da ist niemand. Wir warten. Wir sehen uns um. Niemand da. Also nehmen wir uns unser Bier einfach und verschwinden ungesehen. Wir beobachten einige betrunkene Erasmen beim Abspacken zu furchtbarer Musik und brechen irgendwann auf. Wir laufen durch die Nacht und durch den Wald.






Der Kanadier, Øyvind, Sien und ich. Two of us, two of them. Wir laufen durch die Nacht mit leichtem Nieselregen und foppen uns gegenseitig. Es ist super mit diesen drei Leuten und der Gedanke, dass Sien bald fährt, liegt mir schwer im Magen. Øyvind lädt uns zu einer Party am Freitag ein und wir drucksen erst, weil ja Sonnabendmorgen die Prüfungen sind. Aber dann willigen wir ein und freuen uns über erste Norwegische Kontakte.
Der wahrscheinlich schönste Tag des gesamten Sommerkurses geht zuende. Zum Glück muss Nils morgen früh seinen Sohn wegfahren, weswegen wir erst um 11 mit dem Kurs anfangen. Ich falle ins Bett und träume von Maulwürfen, die sich um meine Finger schlingen.



Ich komme das erste Mal seit einem Monat zu einem Mittagsschlaf. Nils macht zusehends Druck, schreibt aber auch keine Übungsprüfung mit uns, wie es die andern tun. Er sagt, wir müssen noch mehr lernen, als das, was in der Prüfung rankommt.
Ich schlafe bis abends und als der Wecker klingelt, um mich zum Grillen zu bewegen, will ich am liebsten einfach bis zum nächsten Morgen durchschlafen. Doch es ist der letzte freie Abend vor den Prüfungen, an dem Kathrin, Daniela und Julia noch da sind und das muss irgendwie zelebriert werden.




Nach einem heißen letzten Lerntag und vielem Hin und Her sitzen wir an einem warmen Freitagabend in Vivians Zimmer. Sie fragt mich, ob ich Musik aussuchen will. Ich stöbere ein bisschen in ihrem Sammelsurium herum und finde einige wunderbare Sachen. Frank aus Rostock macht sehr leckere Cocktails und die hübschgemachten norwegischen Mädchen fragen vorsichtig, wer wir eigentlich sind. Als ich als Einzige um 11 aufbreche, wünschen mir alle auf Norwegisch viel Glück. Øyvind sagt, wenn ich Note A bekomme, lädt er mich einen Abend lang ein. Wenn ich schlechter bin, lade ich ihn ein. Dieses fadenscheinige Angebot lehne ich aufgrund meiner statistischen Überlegungen ab. Aber trotzdem brauch ich A. Ich will.



Doomsday ist gekommen. Alles ist ganz ernst und akkurat, die Tische wurden auseinandergezogen. Ich glaube, niemand in diesem Raum nimmt dieses Unterfangen so ernst wie ich. Kann ich gar nicht verstehen. Ich bin nicht so zufrieden, zwischenzeitlich sogar verzweifelt. Dann schreibe ich mein Essay. 300 Worte über einen Ort, an den wir mal reisen möchten. Ich schreibe über Stavanger. Und über Jule und Marlene. Und plötzlich kehrt die Zuversicht zurück. Wann immer ich nicht weiterweiß, versuch ich mich an Kaizertexte zu erinnern. Der halbe Text besteht also aus Kaizerzitaten oder Zitaten aus Kaizerdokumentationen. Und ich will am liebsten laut auflachen, weil es mir so ein Spaß macht und gleichzeitig lese ich meine Stavangerpläne und bekomme Fernweh.
Ich laufe alleine nach Hause und höre Gruvene på 16. In mir vermischen sich so viele Gefühle. Das wars jetzt. Heut Abend nach der Goodbye-Party ist eine Episode vorbei und ich hab keine Ahnung was dann passiert. In naher Zukunft liegen das Pstereo, der Besuch der Mädels und die Reise nach Stavanger. Und doch ist alles ungeordnet und ich weiß nicht recht, wie alles sein soll. Ich werde schlafen gehen.

Sien will vor der Goodbye-Party ein Abschiedsgrillen machen. Als ich nach Hause komme, hat Jamba afrikanisches Hühnchen gekocht und will, dass ich es koste. Mit merkwürdigem Gefühl im Bauch geh ich zu Siens Grillen, ohne geschlafen zu haben. Es sind nur die Leute da, die ich furchtbar finde und die, die ich kenne verschwinden beim Anblick der unsympatischen Rüpeldeutschen. Sien ist traurig, weil sie keine gespaltene Gruppe haben will an ihrem letzten Abend. Immerhin können wir alle zusammenpferchen, um gemeinsam zur Goodbye-Party in die Stadt zu gehen. Hans war ohne mich beim Spiel Trondheim gegen Ich-weiß-nicht-wen und zu meiner schlechten Laune ob der blöden Deutschen, meiner Wehmut kommt auch noch große Traurigkeit.
Es scheint, als ob an einem Abend viel verschwindet. Die Verbundenheit zu einigen hier, weil jeder nach dem Sprachkurs seinen eigenen Weg gehen will und vielleicht irgendwie doch alles nicht so wichtig war. Intensivsprachkurs. Da findet man auch intensiv viele Freunde, die ganz intensiv am letzten Abend alle irgendwo anders zu sein scheinen. Ich will es eigentlich nur merkwürdig finden, aber ich bin tatsächlich traurig. Einige würden jetzt wieder sagen, ich sei zu empfindlich, aber selbst der toughen Sien geht es wie mir. Es fühlt sich nicht an wie der letzte Tag, an dem alle noch euphorisch sind, es fühlt sich an, wie der erste Tag nach dem letzten Tag
Sobald wir im „Familien“ eintreffen verfliegt diese Stimmung zunächst. Frederik und Emily, die großartigen Organisatoren rufen laut Hallo und verteilen Biercoupons. Frederik verspricht Sien, sie in Molde zu besuchen, wo sie ab morgen wohnen und studieren wird. Als sie erwähnt, dass auch ich das vorhabe, schlägt er eine Reisegruppe vor. Wir geben uns die Hand drauf und verschwinden im Getümmel. Es scheinen alle da zu sein, außer denen, die schon weitergefahren sind nach Oslo oder nach Hause. Jeder versteht sich wieder mit jedem. Die Gespräche scheinen intensiver und tiefgründiger als jemals zuvor. Das Klima in der Gruppe hat sich plötzlich um hundertachtzig Grad gewendet. Jeder ist an jedem interessiert und alle feiern zusammen, als würden sie sich ewig kennen.







Das „Familien“ ist eine urige Kneipe in der Innenstadt. Sie strahlt angenehme Atmosphäre aus. Es ist dunkel und urig, es gibt Balken und robuste Tische, in den Ecken stehen zerbeulte Ölfässer mit Kerzenständern, an den Decken hängen Kronleuchter.
Es ist ziemlich laut hier und voll mit Leuten. Im Keller gibt es eine Tanzfläche mit lateinamerikanischer Musik. Die Tanzfläche oben ist zum Tanzen nicht zu gebrauchen wegen der vielen Leute. Aber das macht nichts, denn erstmal muss der Laden genau inspiziert werden. Im Hinterhof wird geraucht und trotzdem ist es einer der angenehmeren Orte, denn hier ist es nicht so laut und man kann sich unterhalten. Ich treffe auf Lars und seinen Kumpel, dessen Name sehr untypisch Norwegisch war und den ich deswegen vergessen hab. Lars erklärt, wenn man älter ist, so wie er (die beiden waren vielleicht um die vierzig), findet man Langlauf auch wieder viel interessanter als Abfahrt und ich soll erstmal in dieses Alter kommen. Silvian wird überredet, mit nach Stavanger zu kommen, damit das Auto billiger wird. Er klettert und wittert in der Nähe des Prekestolen seine Chance auf neue Herausforderungen.
Ich entdecke ein Ölfass auf dem kein Kerzenständer steht. Ich geh hin und begutachte mir das Gerät von Nahem und das Kaizerfieber flammt in mir auf. Ich trommle ein bisschen mit den Händen im Takt zu „Dr. Mowinckel“ und decke daraufhin ein steinernes Etwas, was sich als Schlaginstrument eignet. Eigentlich will ich es nur für mich machen, aber weil so ein Ölfass ja die entsprechende Akustik verursacht, sehen mir bald die Leute aus dem Hinterhof zu. Das ist mir zu viel Aufmerksamkeit und verlegen lege ich das Steinerne beiseite als ich Plötzlich aus dem Getümmel ein „DR. MOWINCKEL! EN GANG TIL!“ höre. (en gang til = noch einmal) Vor mir steht ein Vorzeigenorweger und strahlt mich an. Von der Euphorie angesteckt hau ich einfach nochmal auf das Fass, während er vor den andern Leuten steht und ein bisschen den Liedtext vor sich hinsummt. Dann steht ein Mann neben mir. Mit bösem Blick. Groß und aufrecht. Packt er mich am Arm. Erklärt mir, ich solle dieses Lokal sofort verlassen. Der Vorzeigenorweger redet unverständlich auf ihn ein und die andern lachen. Na super. Mir in meiner kaizerlichen Glücklichseligkeit ist es komischerweise egal.


Ich freunde mich mit dem Gedanken an, jetzt in dem seichten Nieselregen nach Hause u laufen. Meine Frau Mama sagt ja immer, wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören. Vielleicht ist auch sowieso alles egal an diesem Abend. Der Mann wirft mir noch einen bösen, warnenden Blick zu und geht. Der Überredungskünstler schlechthin stellt sich als Scott vor und lacht mich ebenfalls aus. Entschuldigt sich gleichzeitig. Und stellt mir seine Freundin Lisa vor, die wirklich wundervoll ist. Die beiden mischen sich in unsere Gruppe, als würden sie dazugehören. Zwischendurch zerre ich Sien zum tanzen. Es gibt Iggy Pop, Red Hot Chili Peppers, Peter, Björn and John und allerlei aus den 60er Jahren.
Meine Wahrnehmungskraft scheint an diesem Abend entweder besonders deutlich, oder plötzlich scheinen die Schwingungen zwischen den Menschen intensiver zu sein. Vielleicht ist es auch nur der krasse Unterschied zu dem Vorabend. Niemand will den anderen gehen lassen, alle Gespräche scheinen kein Ende finden zu wollen und plötzlich kommen sich die näher, von denen man schon während des Kurses wusste, dass sie sich interessant finden, aber immer zu scheu waren.
Ich muss also feststellen: Erasmus ist die wohl größte und erfolgreichste Singlebörse. Oder vielleicht geht auch nur Trondheims „Kjærestegarantie“ tatsächlich auf. Scott, Lisa und ich beobachten lachend und staunend das internationale Techtelmechtel und reden dann doch lieber wieder über Musik und über Kneipen, in die man in Trondheim nicht gehen sollte.
Scott erklärt mir, dass ich Skambankt gar nicht gut finden kann, weil ich ihre Texte nicht verstehe. Als ich ihm von zahlreichen Übersetzungsversuchen berichte, erwähnt er die politische Zweideutigkeit und ob ich die denn erkannt hätte. Terje Vinterstø ist also doch ein kleiner Literat.
Ich laufe nach Hause. Freiwillig. Denn ich habe nichts mehr verbrochen und „Familien“ hat mir wegen unzüchtigen Verhaltens kein Hausverbot erteilt. Dieser Abend ist nun doch sehr wundervoll geworden, anders als erwartet, aber was wird am Ende schon so, wie man es sich wirklich vorstellt. Es gibt Pläne für später. Es war ein großes langes Ferienlager, was nun zu Ende geht. Je älter man wird umso schwerer liegt das Gefühl der Wehmut im Magen. Ich weiß, wie ich nach dem Ferienlager damals immer in ein riesiges Loch gefallen bin und zum Einschlafen zurück zu hause manchmal geweint habe, weil sie vorbei war, die gute Zeit. Doch so tief und erdrückend war das Gefühl noch nie, auch wenn ich mich nicht in den Schlaf weine, sondern eher lache, weil ich mir vorstelle, wie ich mein kleines Taschenölfass immer dabei habe und singend und klopfend durch norwegische Straßen laufe.

Nur sieben Stunden später steh ich im Wehmutsregen auf dem großen Moholtparkplatz und verabschiede mich von Sien. Auf dem Rückweg begegne ich Kirsty aus Britain, die sich freut, dass ich nach Stavanger will. Sie muss morgen wieder in ihrem Office in London sein und macht sich deshalb mal lieber auf den Weg. Ich bin überrascht, dass in meiner Wohnung nicht das erwartete gähnende Loch auf mich lauert, sondern eine Tafel Schokolade und ein Buch. Es gibt viel zu tun. Ich denke, jetzt geht es erst richtig los. Das hier. Das ist doch erst die Ruhe vor dem Sturm.

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