Donnerstag, 6. August 2009

På Delikatessen sitte de beste av de beste

Ein kleiner Nachtrag vom letzten Wochenende, bevor das neue anfängt, nicht, dass es in Vergessenheit gerät.

Es war ein unglaublich heißer Tag, der letzte Tag im Juli.
Wir haben am Abend vorher eine Art Abschiedszeremonie veranstalten wollen, Jules letzter Abend in Trondheim.
Nach einigen Begegnungen im „Basement“, dem örtlichen Studentenkeller, entschieden wir uns aber doch für das Bett und für letzte gemeinsame musikalische Erlebnisse, die sich jedoch bis zum Sonnenaufgang hinzogen.
In der allerfrühesten Morgenhitze wartete ich darauf, dass Jules Zug endlich losfuhr. Abschiede umgehe ich meistens! In diesem Fall war das nicht möglich, und die Tatsache, dass dieser sich auch noch so lange hinzog, machte das alles nicht erträglicher.


Die Polizei ist gleich neben dem Bahnhof. Man lässt sich einfach so treiben von der warmen Morgenluft am Kanal entlang und steht bald vor einem futuristisch-sozialistischem Gebäude mit der bedrohlich weißen Aufschrift POLITI.

Hier soll ich heute legal werden. Ein vorübergehender Asylant des norwegischen Königreiches. Wie es sich so gehört, musste man einige bürokratische Formalitäten erledigen, bevor man sich nun als wirklich freier Bürger auf den Straßen bewegen kann. Eine Bescheinigung habe ich nicht bekommen, also falls ich doch mal aufgegriffen werde, könnten sie es leugnen, das sich existiere. Gruselig. Ich sollte einfach nicht mehr Schwarz tragen und so in das Visier der Obrigkeit gelangen. Wie hier gleich noch zu lesen sein wird, hat das Tragen von Schwarz als Deutscher im Ausland nämlich eine ganz besondere Bedeutung!
Nils ist anscheinend genauso müde wie wir. Er hört eine halbe Stunde früher auf und gibt uns unsere Aufsätze wieder, die mit erniedrigend viel Rot übersäht sind. Herregud!
Ich komme also nach Hause und niemand ist da. Das hat mich doch früher auch nie gestört? Nunja. Ich wusste da wohl immer, wo ich sonst hingehen könnte. Hmm. Doreen hat nicht abgewaschen. Sie hat sich wieder in ihrem Zimmer eingeschlossen und wird da die nächsten 10 Stunden wohl auch nicht rauskommen.

Bei Julien sollte am Abend gekocht werden. Danach in die Stadt? Mal sehen. Ich bringe norwegische Musik unter die Leute und einen Pudding mit. Es stellt sich heraus, dass das Essen sehr international wird. Als einzige Nicht-Französisch-Sprachige wird also auf Englisch kommuniziert, was gar nicht so einfach ist. Da sind sie alle ganz froh, als ich noch mal kurz verschwinde. “Dann können wir jetzt wieder Französisch reden!“, höre ich eine erleichterte Stimme sagen. Soviel Französisch versteh ich dann doch noch.
Wir haben alles zusammengewürfelt, was man in Norwegen so kaufen kann. Die Auswahl in norwegischen Supermärkten ist eher nicht so vielfältig, aber man kann Dinge erwerben, von denen mal nicht mal ansatzweise weiß, was sich dahinter eigentlich verbirgt.
Julien macht eine spanische Tortilla. Que sabrosa! Dazu gibt es norwegische Pølse und Fiskebollar, süßen Senf und selbstgebackenes Brot (bestimmt auch irgendwas Mediterranes).
Ich habe mich sehr verliebt in das norwegische Cidre. Es ist süß und es perlt auf der Zunge und sogar noch im Bauch. Um alte Manchestersitten wieder aufkommen zu lassen, schlug ich einen Gin vor, doch im gleichen Moment erinnerte ich mich an die Einschränkungen beim Alkoholerwerb in Norwegen, sowohl finanziell als auch logistisch.
Ein kleiner Einschub für die, die es noch nicht wissen. Grundsätzlich kann man Alkohol nur im VINMONOPOLET kaufen, ein spezieller Laden, in den man erst rein darf, wenn man das 25. Lebensjahr überschritten hat. Dank unserer Falten und deutscher Gräue im Gesicht ist es uns aber auch so gelungen. Dieses VINMONOPOLET hat auch nur einmal am Tag für eine Stunde, maximal 3 Stunden auf. Und zwar irgendwann um die Mittagszeit, wenn sowieso niemand Zeit hat. Hinzu kommen die unermesslichen Preise. Dafür findet man aber auch einiges, wovon Firma Prätorius nur träumen kann.
Manchmal kann man Bier oder Cidre auch im Supermarkt kaufen. Diese Ausnahmen verlangen noch höhere Preise und pünktlich um acht Uhr in der Nacht werden die Kühlschränke mit diesen Spezialitäten verschlossen. Selbst Schlossknacker haben hier keine Chance; die Kassengeräte lesen nach 20 Uhr die Strichcodes von Alkohol nicht mehr ein. Aha.
Ich ging also zunächst ohne Cidre, da ich erst halb neun Lust auf eines hatte, ziemlich bestürzt zu Julien, wo gekocht werden sollte. Ich wurde mit einem Cidre begrüßt. So ein Glück.
Ein Mädchen betritt das Zimmer. Julien guckt verdutzt und versucht sich zu erinnern, ob er sie wirklich eingeladen hat. Sie stellt sich jedoch als die neue Mitbewohnerin vor. Alle freuen sich und begrüßen sie herzlich, eine Norwegerin! Die erste Norwegerin in dieser Studentenstadt. Sigrid kommt aber nur vorbei, um ihre Tasche herzubringen, ihr Vater will sie übers Wochenende doch noch mal zu Hause haben. Dieser folgt ihr ins Zimmer und ein überschwänglicher norwegischer Touch erfüllt den Raum. Er fragt, woher wir kommen und versucht, sich in unseren Muttersprachen mit uns zu unterhalten. Bei Französisch gibt er schnell auf, versucht sich aber in Deutsch: „Ich bin Farmer! Kühe! Milch! Weißt du?“ Sigrid ist das ganze ein bisschen peinlich, aber ich mag diesen alten Herrn. Er erzählt wunderbar mit Händen und Füßen und schmunzelt über unsere Norwegisch-Versuche. Er wäre der Pantomimekönig! Die beiden verschwinden wieder und wir sehen sie vor dem Haus in einen alten weißen Lastwagen steigen. Sigrids Vater winkt uns, dass wir Angst haben, er käme gleich vom Weg ab und ruft uns noch irgendwas zu, was wir nicht verstehen.
Die spanische Tortilla duftet in ihrer Pfanne, es gibt allerlei Snacks und Häppchen aus Frankreich und Norwegen. Der deutsche Pudding brennt natürlich an. Und das, obwohl Kaizers Orchestra aus den Lautsprechern von Delikatessen singen. In diesem Moment kommt Sigrid zurück. Sie hat etwas vergessen. Wie angewurzelt bleibt sie in der Tür stehen und lächelt plötzlich verschmitzt.
„Gute Musik, die ihr da hört!“ Ein überschwänglicher Austausch über Live-Erlebnisse und die Band folgt, wobei Die Franzosen und der Kanadier etwas ratlos im Raum stehen und nicht wissen, worum es geht. Können Über-20-jährige Mädchen noch so durchdrehen wegen einer Band? Ja sie können, auch sie müssen es einsehen.
Fanny und Silvian lieben den angebrannten Pudding. Sie schmecken nichts von der Misere, weil sie vorher Rauchen waren. Dann müssen wir immerhin nicht soviel wegschmeißen.
Sie wollen ganz viel wissen über Deutschland und wie das ist mit Ost und West. Dazu gibt es Geschichten aus Paris, von den Pyrenäen und von Juliens Weltreise. Wir mögen uns alle. Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Würde ich Französisch können, wären diese Leute wohl wundervollste Freunde. Man merkt, dass alles stimmt. Der Humor, die Interessen, der Stil. Doch durch die Verständigungsschwierigkeiten wird es wohl eine Weile dauern, bis wir uns wirklich richtig verstehen. Wir wissen voneinander, was wir meinen. Aber irgendein Kabel muss zwischen uns noch gelötet werden. Das der Sprache. Hätte ich doch bloß Französisch gelernt. Auf jeden Fall soll dem verfluchten Spanisch auf die Sprünge geholfen werden. Julien, der ja nun schon überall auf der Welt war und demnach ungefähr 3 Sprachen fließend kann, will also Nachhilfe in Deutsch (dass er auch schon 10mal so gut kann, wie ich Englisch) und gibt im Tausch seine Spanischkenntnisse preis. Zuerst lehne ich ab, ich bin ja schließlich hier um norwegischer Staatsbürger zu werden. Doch nach langen Geschichten aller Anwesender aus Spanien und Südamerika wird mir ganz warm ums Herz und ich willige ein.
Wir schmieden Ski- und Besuchspläne, wenn wir bald alle nicht mehr in Trondheim sind.

Übrigens sind alle sehr erfreut, dass ich heute mal nicht nur Schwarz trage. Ich frage sie, ob sie das stört oder generell, warum das so auffällig ist, wenn ich mal nicht nur schwarz trage. Und ich höre eine unglaubliche Geschichte. Außerhalb Deutschlands, besonders in den Vereinigten Staaten und Kanada wird der Deutsche als der Böse propagiert. Früher noch mehr als Heute, was logisch ist. Aber auch in Europa ist es dasselbe Phänomen. Beispielsweise in Filmen oder in Ballerspielen für den Computer sind die Bösen, oder die, die erschossen werden müssen, immer schwarzgekleidete Männer, die Deutsch miteinander reden. Die Sprache macht vielen Ausländern Angst, weil sie besonders wohl für Franzosen sehr gebrochen und hart klingt. Die Deutschen sind also das Symbol für die Bosheit und Finsternis. Dass sie dann Schwarz tragen und diese furchtbare Sprache dazu sprechen, kommt noch hinzu.
Jule und ich haben uns gefragt, warum am ersten Tag in Trondheim auf dem Campus niemand mit uns sprechen wollte. Die Antwort kommt also nun: sie hatten Angst vor uns. Julien erzählt, dass es nicht nur ihnen aufgefallen war, dass wir komplett in schwarz gekleidet waren, sondern der gesamten Gruppe von 180 Sprachschülern. Für Jule brach eine Welt zusammen, als ich ihr davon berichtete, war es doch ihre Intention gewesen, sich Schwarz zu kleiden, damit sie möglichst unscheinbar ist. An diesem ersten Tag jedoch wurden wir in Furcht angestarrt. Von 360 Augen.
Daraufhin beschloss Jule, ihre gesamte bunte Wäsche zu waschen (daher rührt die Aktion, den Keller mit den Waschmaschinen zu betreten) und auch ich entschloss mich, ab jetzt öfter bunt zu tragen. Ich will ja niemanden in Angst und Schrecken versetzen.
Angeblich soll man sonst nirgendwo auf der Welt jemanden antreffen, der nur Schwarz trägt, außer auf Beerdigungen. Die meisten tragen eine Farbe, die zu ihrer Haut passt, sagt Julien und präsentiert sich stolz in seiner zitronengelben Bluse, wegen der man erkennen kann, dass er doch ein bisschen Braun geworden ist, diesen Sommer. Nun, da ich aber denke, dass Weiß und Schwarz am besten zusammen passen, werde ich meinen Lieblingspullovern treu bleiben und ab und zu ein bisschen Rot zur Schau tragen.

Zahl

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen