Donnerstag, 13. August 2009

Men ingen kann fortelle meg om tida som kommer

Die Wildnis.
Wir haben nach Nils’ Abschiedsworten von dieser Woche anderthalb Stunden Zeit, nach Hause zu laufen, Sachen zu packen und zum Bus zu hetzen. Da ich unter solchem Zeitdruck nicht packen kann und mir auch Jule per Mail nicht sagen kann, was ich alles vergessen hab, habe ich schlechte Laune. Nicht mal Zeit zu duschen. Aber ich dusche trotzdem. 2 Minuten, kaltes Wasser. Das hab ich noch nie gemacht. Der Kanadier ruft an und erinnert mich an einen Schlafsack. Dankeschön. Ich habe immer noch Zahnschmerzen, denk mir aber nichts weiter dabei und lass die Tabletten zu Hause, die Doreen mir geschenkt hat. Ich hetze los, ich höre den Bus schon schnaufen, wie er so schnauft, wenn er parkt. *pssscht krkr*.
Hans und ich stehen nicht auf der Liste der Teilnehmer. Wieso? Was ist da passiert? Hans sieht schon schwarz und sich selbst mit seinem Bier allein auf dem Parkplatz stehen, während der Bus abfährt. Doch einige Leute kommen nicht und wir nehmen ihre Plätze ein. Betreuer der Reise: Chris, der Deutsch-Pole ist und schon seit zwei Jahren hier lebt, aber kein Norwegisch kann und Wolfgang Laschet, der Hauptverantwortliche für den gesamten Sprachkurs mit seinem Helfershelfer und Sohn Adrian.
Hans hat sich extra für die Fahrt als Patrick Swayze verkleidet. Moritz repariert seine Sonnenbrille, aus der die Gläser herauspurzeln. Und Chris fragt, wo wir studieren. „Leipzig? Im Osten? Oh je!“ Das Gespräch ist hiermit für mich beendet, Hans ist da nicht so empfindlich wie ich und redet auf den dummen Jungen gut zu, der immer davon ausging, das Weimar schon in Hessen liegt.
Uns kommen ein Haufen von Cadillacs und anderen heißen Kisten entgegen. Ich entdecke einen Firebird, Hans einen dunkelbraunen Mustang. Der Busfahrer sagt, es ist Oldtimertreffen dieses Wochenende in Trondheim. Er fährt auf jeden Fall wieder zurück und sieht es sich an. Nebenbei erzählt er uns ein bisschen was über den Bus, mit dem wir fahren. Er scheint sein ganzer Stolz zu sein. „Dieser Bus ist so neu, er hat sogar Anschnallgurte!“ Aha!
Während ich schlafe, um meine schlechte Laune wegen Packstress und Vorurteilswessis zu vergessen verpasse ich einiges der herrlichen Landschaft, die ich mir später auf einer Extratour aber noch mal zu Gemüte führen darf. Als ich aufwache sind die Zahnschmerzen wieder da, der nervige Chris immer noch, zum Glück aber auch noch ein paar Weintrauben.
Dank Kathrins Medizinschrank ist einem Unheil bald abgeholfen, das andere muss noch ein ganzes Wochenende ertragen werden.
Wir kommen an in einem Ort der sich Søvassli nennt. Ein Ort? Man sieht nur vereinzelte Holzhäuser und ein großes Holzhaus, was unser Quartier für die nächsten paar Nächte werden soll. Wir werden von einem bärigen Typen begrüßt, der etwas schüchtern und unbeholfen auf dem Hofplatz steht und verlegen lächelt. Das Camp gehört der lutherischen Gemeinde Søvassli und uns allen schwant böses, als wir das hören. Aber nein, es liegen keine Bibeln rum, es sind keine Kreuze aufgehängt und niemand will das Vaterunser vorm Essen hören. Stattdessen gibt es Unmengen ausgestopfter Tiere, Infoplakate zur Geografie und Geologie, Tierbestände der Umgebung und selbstgebaute Instrumente. Der Kanadier findet einen Flügel und kommt ganz aufgeregt zu mir gelaufen. Ich werde ihn aber nur anrühren, wenn alle anderen schlafen oder unten am See sind, muss ich ihn leider enttäuschen.
Alles ist wie damals im Ferienlager. Wer schläft mit wem zusammen? Können wir da noch ein Bett zuschieben? Nein? Schlaft ihr dann wenigstens im Zimmer nebenan? Wer will oben schlafen, wer schläft unten? Ein Gewusel von lauter 14jährigen Kindern auf den Fluren. Wir. Wie lustig. Auch beim Essen verhalten wir uns alle ähnlich. Alle wollen am liebsten mit allen am Tisch sitzen. Wenn das nicht geht, ist irgendwer immer eingeschnappt. Vordrängeln und Schimpfen am Buffet. Ich betrachte das ruhig und freue mich insgeheim über den Hacktopf mit Reis, den es gibt, denn da muss man nicht soviel kauen, das verschwindet alles so.
Wolfgang will uns den See zeigen. Wir sollen alles mitnehmen, was wir gut finden, der Abend kann lang werden. Sein Sohn, vielleicht 15, läuft vor und schert uns alle zusammen, als wäre er der große Bruder. Der schüchterne Bärenmensch, dem das camp wohl gehört heißt Jan Ove und erklärt nochmal die Hausordnung mit hilfesuchenden Blicken zu seinem Küchenpersonal, weil er nicht weiß, wie er es richtig erklären soll.
Wir verschwinden am Strand. Ein glasklarer See mitten in der norwegischen Wildnis. Um ihn herum, Birken- und Nadelwald, Berge, in der Ferne sogar Gletscher mit Schneekuppen, eine rote Bootshütte und Moos. Ich verschwinde im Wald, um die Stille zu suchen, die ich hier erwartet habe und finde eine Abkürzung zu einer kleinen Halbinsel. Der Strand besteht hier aus großen weißen Steinen, die in den Fußsolen pieken. Ich stecke die Füße ins Wasser. Die Steine sind da noch dieselben. Nur viel weicher, glatt und sie tragen einen leicht über den Boden des Sees. Wasser macht eben doch alles ruhiger. Auch meinen pochenden Zahn. Als Julien, der Kanadier mit seiner riesigen Kamera und Gerrit und Karol mit ihren Angeln neben mir auftauchen, hab ich schon längst vergessen, dass noch mehr Menschen im näheren Umkreis sind. Silbern leuchtende Blasen tanzen aus dem Seegrund herauf und die Abendsonne, die immer noch sehr hoch steht, spiegelt sich im Wasser und macht sich hübsch für den Abend.








Wir tummeln uns am Strand. Max wird der König des Steinchen-Springen-Lassens. Hinter den Birken finden wir die Kanus. Adrian macht uns die Boote klar und wir legen ab. Nachdem wir weit genug weg sind vom Ufer, lassen wir uns treiben. Die Mädels und Max sind an der Bootshütte zurückgeblieben und schwelgen in ihrer eigenen Melancholie. Hier im Boot hängt jeder seinen Gedanken nach.










Wie schön diese Welt ist. Und wie allein. Dass hier so selten jemand einen Fuß hinsetzt…Und was ist hinter den Bergen? Wie geht es weiter? Mir kommen verschiedene Melodien in den Sinn und ich denke kurz an den Flügel, der oben in dem holzgetäfelten Gruppenraum steht.

Ich koste das Wasser. Es ist klar und kalt und schmeckt wie aus der Flasche. Trotzdem kann man nicht auf den Grund sehen. Karol und Gerrit rudern an uns vorbei, die Angeln im Anschlag. Gibt es Leben in diesem See? Irgendwo dort unten auf dem dunklen Grund? Wir überlegen, wie Fische eigentlich in einen See kommen. Tiere vom Land können ja ihren Lebensraum beliebig wechseln, wenn sie Lust haben, aber wer bringt die Fische in den See? Oder sind die da etwa schon drin seit 10 000 Jahren? Wann war das Ende der letzten Eiszeit? Mütting? Marlene?
Als wir zurückkommen, hat Wolfgang ein Lagerfeuer am Strand zusammengestapelt und entfacht. Er trägt immer noch seine Rettungsweste von seinem eigenen Kanuausflug.
Es formieren sich Volleyball- und Frisbeemannschaften. In der untergehenden Sonne springen Schatten durch die Gegend und Gelächter hallt von Wald und Fels wieder. Wir sind ganz allein hier. Und obwohl wir bestimmt 50 Leute sind, kommt es einem vor, wie eine Schulklasse, die hier ihren Sommerausflug macht.





Durchfroren und müde erklimmen wir den Berg, auf dem unsere große Hütte steht. Wir setzen uns mit Alsterwasser, Musik und Schokolade auf das Fußballfeld hinterm Haus. Zu uns gesellen sich bald die Franzosen und die beiden italienischen Mädchen Alessandra und Gjerda. Gjarda? Ich bin mir nicht sicher. Einige spielen im Dunkeln Fußball. Ja, inzwischen wird es dunkel hier im gelobten Land.
Drinnen gibt es Tee, Melone und Klaviermusik von dem koreanischen Mädchen. Sie spielt nicht gut, aber immerhin spielt sie, das Stimmengewirr hält dem Krach auf dem Flügel stand und einige Leute spielen Karten. Dann setzt sich Silvian ans Klavier. Es ist wundervoll. Alle sind hingerissen und lauschen ihm. Die gute Atmosphäre ist verschwunden, als sich plötzlich ein Pulk von Spiegelreflexkameras mit großen Blitzlichtern um ihn scharrt. Er wird verlegen, kann sich nicht mehr konzentrieren – vorbei die gute Musik. Na prima. Und da erzähl mir nochmal einer, ich wäre schlimm und mit meiner Kamera überall. Da habt ihr alle noch nicht diese Meute um Silvian am Flügel gesehen. Das „Subtil“ mein zweiter Vorname ist, mache ich ein verwackeltes und unterbelichtetes Bild von meinem Versteck aus und geh schlafen. Höllische Zahnschmerzen. Zwei weitere Tabletten aus Kathrins Vorrat. Und den guten Geschmack von schwarzem Tee mit Erdbeer auf der Zunge.






Daniela hat einen Kickertisch entdeckt. Nach dem Frühstück wärmen wir uns also dort für die Wanderung auf. Es ist ein heißer, wolkenloser Tag. Alle haben nur das Nötigste an und das Nötigste mit. Es wird auch gar nicht lang gefackelt, denn es geht steil bergauf. Wir nehmen einen Pfad, der direkt hinterm Haus beginnt.
Schon bald ist die Baumgrenze erreicht. Ich weiß nicht, wie hoch wir wirklich sind, aber ich denke, je weiter im Norden man ist, umso niedriger ist die Baumgrenze. Oder? Palme?
Es gibt viel zu häufige Pausen. So kann man ja nicht vorankommen. Einige entscheiden sich schon nach einigen Metern, lieber wieder umzukehren und in der Sonne zu liegen, überlegen es sich aber dann doch nochmal anders und quälen sich die erste Anhöhe hinauf.










All diese Mühe wird belohnt mit einem sagenhaften Augenblick. Alle sind zu geschafft von der Steigung und der nahezu unerträglichen Hitze, dass es sehr still ist um uns herum.

Call me Tundra-Boy because I move like an arctic Lizzard


Außer ein bisschen Moos und einigen niedrigen Sträuchern mit trockenen Beeren existiert hier oben kein Leben. Zumindest kein sichtbares. Das Moos ist weich wie ein riesiges buntes Kissen, wenn wir von den Felsvorsprüngen springen, brauchen wir jedenfalls keine Angst zu haben, uns wehzutun, denn es federt uns ab, wie ein Trampolin. Die Zahnschmerzen kommen zurück, doch ich bemerke sie kaum, weil ich viel zu konzentriert bin, all die Schönheit in mir aufzusaugen. Ich entschließe jedoch in einer kurzen Sekunde, doch einen Zahnarzt aufzusuchen, wenn wir wieder in der Zivilisation sind. Bis Montag wird es ja wohl gehen.
Wir haben den Pfad schon längst verlassen und laufen querfeldein über Stock, Stein und Tundragewächse. Ich komme mir tatsächlich vor wie eine Eidechse, wie ich mich so durch die Wildnis schlängele und sich die Wärme in mir speichert. Jim Morrison fällt mir ein.
I am the Lizzardking, I can do anything! Ja! Hier ist alles möglich. Hier gibt es keine Wege und keine Ampeln und keine Zäune. Jeder Abgrund scheint plötzlich überwindbar und während die anderen ihre vierte Pause nach einer Stunde wandern machen, laufe ich, als hätte ich nie etwas anderes gemacht, den nächsten Felsen herauf, und begutachte die Steinhäufchen, die emsige Wanderer dort aufgestapelt haben, um zu erkennen zu geben, dass hier schon jemand vor mir war. Das scheint hier so Brauch zu sein, denn auf jedem Gipfel gibt es solche Steintürme. Julien fragt mich, wie man sowas in Deutsch nennt, aber da ich diese Hügel zum ersten Mal sehe, kann ich ihm da keine Auskunft geben.






In meinen Ohren säuseln Geggen und Janove schöne norwegische Weisen und mir wird bewusst, dass ich endlich angekommen bin. Die norwegische Wildnis, Sonne, seichte Töne, die Stimmen der beiden Männer und ich. Und sonst nichts. Ich höre ihre Musik den größten Teil der Wanderung immer und immer wieder von vorne.
Der nächste Rastplatz ist das Ufer eines Bergsees. Noch bevor ich ihn richtig ausmachen kann, sehe ich halbnackte Menschen auf das klare Gewässer zustürzen und kurze Zeit später aufschreien ob der unvorstellbaren Kälte des Sees. Wir setzen uns in den Schatten der Felswände und sehen den Leuten beim Baden, Klettern und Flirten zu. Es ist Zeit, Kaizers Orchestra zu hören. Denn ich habe das Kaizers Land gefunden. So sieht sie aus, die Welt, in der man nach Gründen und Geschichten sucht.







Ich stehe auf dem nackten Fels. Um mich herum Gestein, Ferne, Horizont.
Ich stehe auf nacktem Betonboden. Um mich herum eine Masse schwitzender Menschen, die sich umeinander drängen. Rufe. Surren von Technik, Aufschreie, Klatschen und Stampfen. Ein Schatten betritt eine höhere Plattform, gefolgt von weiteren Schatten. Orgeltöne, seicht. Gewisper. Kurze Seligkeit. Dann geht plötzlich ein Zucken durch die Menge, gleißendes Licht strömt durch den Raum und der Schatten auf der Bühne nimmt nach grotesker Verzerrung seines Körpers eine klare, starke Form an. Das einmalige Zucken hat alle ergriffen und sie hängen wie gebannt an den Lippen des Jackals, der blass und schwarz gekleidet über die Felsen stolpert auf denen ich….Moment….auf denen ich stehe.
Die schwarzen Männer und die schwitzenden Leute neben mir sind weg. Beziehungsweise räkeln sich letztere wie Schlangen auf den heißen Steinen. Die Sonne ist zu stark und brennt sich zu sehr in meinen Kopf. Evig-Pint-Wahnvorstellungen sind nicht gut fürs Gemüt, deswegen tummle ich mich zurück in den Schatten, höre mir einige Lebensgeschichten an und sehen den alleskönnenden Franzosen beim Klettern zu.
Wieder oben auf dem Gipfel. Steinhügel.
Ist das der Gipfel der Welt? In der Ferne sieht man Gletscher mit schneeweißen Spitzen, also ist es das noch nicht gewesen.
Aber will man denn immer am höchsten hinaus? Manchmal reicht es ja auch einfach, irgendwo in der Höhe zu sein. So bleibt man immer mittendrin.
Langsam geht es wieder bergab. Ich erkläre Oliver einiges über Kaizers Orchestra. Er kommt aus Hamburg und freut sich, dass ich die Kaizer im „Übel & Gefährlich“ in Hamburg das erste mal sah.
Beim Abstieg kommt langsam etwas Wind auf, der durch die Haare pustet. Das fühlt sich gleich nur halb so heiß an und der nächste See wartet auch schon mit einer Abkühlung auf uns.
Wie zu Ferienlagerzeiten geht es zu in diesem See, bis hin zu Schlammschlachten ist alles dabei.

Die Ameisen am Strand sind wespengroß. Man kann sich kaum setzen, schon ist man bevölkert und gebissen worden. Also treten wir den letzten Weg an. Es gibt wieder einen Weg, was die meisten freut, besonders die Ökos unter uns, die während des Trips über Zerstörung von Lebensraum schimpften, weil wir mit unseren schweren Wanderschuhen abseits der Wege liefen.
Wanderschuhe hatte ich sowieso keine. Viele haben mir Schwellungen, Kniebeschwerden und umgeknickte Knöchel prophezeit, doch am Ende des Tages bin ich eine der wenigen ohne Blasen, Schmerzen oder sonst dergleichen. Stattdessen meldet sich der Zahn zurück.
Die ganz harten Leute unter uns, also eigentlich alle, außer die Mädchen aus meinem Zimmer, die sich sofort schlafen legen, laufen runter zum See. Ich nutze die Gunst der Stunde des leeren beziehungsweise betäubten Hauses und setze mich an den Flügel im holzgetäfelten Raum. Für eine Weile.
Danach lege auch ich mich Schlafen. Oder Halbschlafen. Mit Kaizers im Ohr, Schmerz im Zahn und leichtem Geklimper von draußen. Jan Ove baut wohl grad den Grill auf.
Beim Grillen ist dann endgültig alles vorbei. Der Anblick des köstlichen Grillguts treibt den Appetit in die Höhe doch ich entscheide mich für etwas Besseres: ein Zahnarztnotdienst. Nach fünf Schmerztabletten und anhaltendem Schmerz packt Reiseleiter Wolfgang Laschet mich in seinen 6-Gang-Ford und wir fahren nach Trondheim. Anderthalb Stunden von hier. Samstagabend. Um 8.
Die Fahrt ist angenehm heiter. Wolfgang ist ziemlich gut gelaunt, obwohl ich mit Miesepetrigkeit gerechnet habe. Er wundert sich über das Auto, was dann augenscheinlich gar nicht sein ist. Dieses Auto hat alles. Es hat verschiedenste Töne des Warnsignals, man kann also am Ton erkennen, ob man gerade an eine Mauer, ein anderes Auto oder an einen Baum fährt. Aha. Nur eines hat dieses Wunderding nicht. Eine Beleuchtung am Armaturenbrett. Das bedeutet, dass wir die meiste Zeit zu schnell fahren und auch nicht genau wissen, wieviel Benzin eigentlich noch im Tank ist.
Er fragt, was ich eigentlich mache und als er detektivisch genau aufdeckt, dass ich ein Stipendant aus Leipzig bin, lächelt er verschmitzt und sagt: „ Na wenn das so ist! Für euch VNG-Stipendanten würden wir überall hinfahren. Mach dir mal keine Sorgen!“
„Achso. Gut. Können wir nach dem zahnarzt denn bitte zum Nordkap fahren?“
„Kein Problem. Wird sogar noch hell sein, wenn wir ankommen!“
Wolfgang war ursprünglich auch Sprachassistent, so wie ich jetzt einer werden soll und redet über die Mängel des Fremdsprachenlernens an der NTNU. Sein erhobener Zeigefinger soll mir sagen, dass ich zu Verbesserung beitragen kann und er das sehr begrüßen würde.
Dann erzählen wir über den Sprachkurs und über die Ausflüge mit den Leuten.
Er war gerade im See schwimmen, als er das koreanische Mädchen anplantschen sah. Sie sah etwas hilflos aus bei dem, was sie machte und er fragte, ob sie denn schwimmen könne. Sie bejahte und verschwand kurzum unter Wasser. Blubbern. Sekunden. Stille. Dann zieht er sie raus und fragt trotz der prekären Lage sehr scherzhaft, ob sie denn wirklich schwimmen kann. „Ja, nur…hier ist es irgendwie zu tief zum Schwimmen!“
Die Fahrt ist gespickt mit Anekdoten und es ist strahlendheller Tag, als wir um 9 in Trondheim ankommen. Wolfgang erzählt noch, dass es in Norwegen ein bisschen anders ist mit Zahnärzten, als in Deutschland. Der Zahnarzt muss hier privat bezahlt werden; die Angelegenheit, zum Zahnarzt zu gehen, ist also ein Luxusgut. Deswegen, hab ich mir gedacht, haben die Norweger also alle so schöne Zähne, sie verbringen einfach stundenlang mit Zahnpflege, um nicht zum Zahnarzt zu müssen, um dort mehrer tausend Kronen zu verlieren. Ich sehe einen lachenden Terje mit makellosem Zahnwerk vor mir und mir wird ein bisschen schlecht. Wolfgang fügt aber hinzu, dass man als Deutsche und als Erasmusstudent alles bei seiner Versicherung einreichen kann. Na so ein Glück.
Die einzelnen Tätigkeiten der Tannlegge, wie sie hier in Norwegen heißt, möchte ich jetzt hier nicht weiter erwähnen, aber nach drei Spritzen und einem gebrochenen norwegischen Gestammel sind wir wieder auf dem Weg nach Hause.
Wolfgang macht sein Navigationsgerät an, weil er nicht genau weiß, wie er wieder in die Wildnis findet. Eine junge Dame erklärt und virtuell auf schönem verständlichen Norwegisch, wohin wir sollen. Plötzlich stockt sie und weiß nicht weiter. Wolfgang hat Angst, er wäre unfreundlich zu ihr gewesen und sie will jetzt aus Rache nicht weitermachen. Ich frage ihn: „Have you tried turn it on and off again?“
“Kennst du etwa The IT-Crowd???”
Britische Comedy. Wir plaudern ein bisschen. Er erzählt, dass er sich erst vor kurzem einige DVD-Boxen zugelegt hat und auch anderes kennt, von dem ich schon mal hörte. Er schimpft über das deutsche Fernsehen, ich verteidige den Tatort, er zeigt sich diplomatisch.
Es folgen einige amüsante Geschichten über Begegnungen mit Elchen, sein Erlebnisbericht von dem Studenten, der letztes Semester hier ertrunken ist und das ganze Theater drumherum. Er hat eine herrliche Art, zu erzählen, ohne traurige, betroffene Stimmung zu verbreiten, aber auch so, dass es nicht makaber ist.
Der nervige Chris macht Kontrollanrufe, ist der deutschen Sprache aber nicht so mächtig, um zu verstehen, wo wir eigentlich sind und was wir machen.
Wir zählen die Tunnel, durch die wir fahren. Es sind insgesamt acht, der längste ist 2997 km lang, sagt zumindest die Anzeigetafel vor dem Tunnel. Der nächste 1860 km. Die Norweger sind ebenfalls sehr erfinderisch, was den Tunnelbau betrifft, es gibt unterirdische Kreisverkehre und Serpentinen innerhalb des Berges. Wolfgang erzählt von einem Projekt an seinem Institut, dass sich Psychologen jetzt mit Tunnelingenieuren zusammentun. Sie wollen schöne Bildchen in die Tunnel malen, weil viele Leute Angst haben, in Tunnel reinzufahren und nun durch schöne Wasserlandschaften abgelenkt werden. Hoffentlich nicht auch vom Verkehr. Will man in die Tunnel reinfahren, bezahlt man vorher eine Maut von ungefähr 2 Euro und hinterher auch. Da es keinen anderen Weg, bis auf den Wanderweg gibt, ist dieser Betrag also obligatorisch. Wenn man ein moderner und rastloser Norweger ist, hat man ein Metallschild im Auto, was den Scanner an der Mautanlage aktiviert und man kann einfach mit Tempo 80 weiter durchfahren und erhält am Ende des Monats eine Rechnung. Wir lösen unser Ticket noch manuell und lächeln in die Kamera, die uns aufzeichnet, falls wir ohne Mautplakette durchführen.
Ein Gewitter liegt über Sør-Trøndelag, der Region um Trondheim. Als wir an dem Holzhaus ankommen, sind alle nach drinnen geflüchtet und erzählen Schauergeschichten vom Gewittereinbruch, als sie gerade auf dem See paddeln waren.
Gebeutelt und mit nachhaltigem Schmerz verschwinde ich nach einigen Versuchen des Kickerns und des Tischtennisspielens im Bett und verpasse Werwolfrunden, Tanz und Brownies in der holzgetäfelten Halle.





Am nächsten Morgen ist alles ganz gelassen. Jeder steht auf wann er will, holt sich sein Frühstück und geht hin, wo er will. Max, Daniel und ich schnappen uns ein Kanu und verschwinden in der Morgenstille. Die Jungs springen aus dem Boot und lassen sich treiben, ich lass mich mit dem Boot treiben und Daniel erklärt, dass die Fische in den See kommen, weil viele Enten, die mal vorbeigeflogen kommen Fischlaich an den Füßen haben. Das klingt irgendwie super und ich nehme ihm das so ab. Nach einigen mehr oder weniger erfolgreichen Tischtennismatchs gegen den Kanadier (die gegen Pierrick möchte ich hier nicht erwähnen, die waren furchterregend und entblößend) werde ich von den Mädels zum Zimmerputzen gerufen und los geht’s wieder Richtung Trondheim.








Die Häuser hier in den Bergen, an denen wir vorbeifahren, sind auf Holzpfählen gebaut. Einige stapeln ihr Feuerholz darunter, andere hängen ihre Wäsche auf. Alles wirkt hier idyllisch und einladend und ein bisschen fürchte ich mich vor dem Gefühl, wieder zurück in Trondheim zu sein.


ZAHL

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