Wie schon so oft ziehe ich die Vorhänge beiseite und freue mich über den Anblick.
Heute habe ich dann wirklich Uni. Zwei Stunden Norwegian World Literature warten auf mich.
Der Morgen gestaltet sich hektisch. Ich fühle mich ein bißchen überfordert vom fiependen Skype, von Martin mit meiner Waschkarte vor der Tür, von den Schatten des gestrigen Tages, von der Angst vor der Uni...
Marlene fährt mit mir zum Campus. Sie will lernen während ich im Kurs sitze, die Ehrgeizige.
Der Kurs ist für internationale Studenten, deswegen gibt es hier keine Norweger. Sogar die Dozentin ist Amerikanerin, spricht aber seit sie erwachsen ist auch Norwegisch. Sie stellt uns die Bücher vor, die wir lesen sollen und wie sie sich das Seminar so vorstellt. Dieses setzt sich im Übrigen aus 18 Studenten zusammen. Das sind Lernbedingungen die einen als deutschen Bachelorstudenten, der auch daran gewöhnt sein muss auf dem Boden rumzusitzen, umhauen!
Vielleicht werde ich hier sogar mal mitarbeiten. Auf Englisch. Wir werden sehen.
Marlene hat tatsächlich gelernt. Ich finde sie auf dem Campus an einem Brunnen sitzend. Sie passt hier sehr gut hin. Ich finde, sie sollte hier eigentlich öfter anzutreffen sein. Endlich hängen die Klassenlisten aus und geben mir schwarz auf weiß wieder, dass ich tatsächlich einen Platz in dem Sprachkurs bekommen habe und von nächster Woche an acht Stunden wöchentlich diese Sprache lernen darf! Mit so gut wie keinen Deutschen in meinem Kurs. Das wird gut!
Nachdem wir noch ein bißchen administrativen Kram für mich erledigt haben, gehen wir zum Biologie Gebäude und Marlene führt ein Gespräch mit einer sehr netten Frau, die ihr erzählt wie das so ist, wenn sie an der UiO Biologie studieren möchte. Das kann man als Bachelor nämlich nicht auf Englisch. Das heisst sie belegt entweder Masterkurse oder besteht den Bergen-Test! Dafür muss hart gearbeitet werden!
Sie sieht sich also auch selbst ganz gut auf dem Campus. Wusst ich´s doch!
Nachdem sie die ganze Zeit warten musste, fahren wir in die Stadt. Ich muss mir ein Buch kaufen, damit ich es bis nächste Woche gelesen habe. Im Angebot sieht Marlene ein weiteres aus meiner Leseliste. Das nehme ich mit. Auf Norwegisch. Denn die Dozentin hat gesagt, wenn wir uns das zutrauen, sollen wir die Bücher unbedingt im Original lesen, auch wenn der Kurs auf Englisch ist!
Am Tiger treffen wir uns mit Andi, der eine Entscheidung getroffen hat. Chucks it is. Und nachdem er sich blaue Chucks gekauft hat und ich nach wie vor ohne Schuhe dastehe (ich gebe Trondheim da nochmal eine Chance...), fahren wir in den Botanischen Garten um zu Lustwandeln.
Im Dufthage rieche sogar ich etwas. Ich mag den Botanischen Garten sehr gerne. Andi wohl nicht so. Deswegen müssen Marlene und ich hier doch nochmal alleine hin. In Ruhe und mit Museumsbesuchen.
Der Hunger nagt an uns armen Studenten. Wo könnte man hin?
Diese Frage muss man eigentlich nicht mehr stellen. Wir gehen ins Mono. Und zum ersten Mal werden wir hier auch etwas essen!
Andi bestellt sich einen 15 Euro Hamburger während Marlene und ich uns die 10 Euro Tagessuppe teilen. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass es dazu vier Scheiben Brot und Butter gibt und der Teller wirklich groß ist!
Der Kellner lobt Marlene für ihre norwegischen Sprachkenntnisse! So macht man sich Freunde im Mono!
Andi bekommt auf dem Weg zur Bahn einen Anruf von Johannes. Wo wir sind, will er wissen. "Wir waren gerade im Mono. Was essen.", sagt er ganz selbstverständlich. Das klingt gut. Das klingt sogar so gut, dass Marlene und ich uns die Freude und das Grinsen nicht verkneifen können.
Am Abend findet dann eine Party in Sogn statt. So kann Marlene all die Menschen, von denen ich spreche und schreibe auch mal sehen. Und noch viele mehr. Nachdem wir nämlich von der ersten Party geschmissen werden, weil wir zu viele Leute sind, geben wir einfach eine Alternativparty. Die sind ja meist sowieso die besten.
Irgendwann brechen wir aber auf. Das Codewort für den Rückzug lautet "EISBÄR!" Wenn einer das sagt, weiß der andere, dass es Zeit zu gehen ist.
Zurück in Bjerke klingelt mein Handy. Daniela aus Trondheim, die jetzt auch hier in Oslo ist, ruft an. Sie wohnt auch hier. Aber in ihrem Zimmer sind außer einem Schreibtisch und einer Matratze keine Möbel und in ihrer Küche sind Schaben. Sie möchte sich bei mir ein bißchen Wasser warm machen. Natürlich darf sie das.
Sie isst ihre Nudeln und erzählt Marlene und mir gruselige Geschichten über den vierten Stock. Vielleicht hat sie heute ja Glück und bekommt ein neues Zimmer!
Für sie bietet Oslo keinen guten Start.
Ich habe wohl ziemliches Glück gehabt.
Und heute fahren Marlene und ich nach Trondheim.
Zu Zahl.
Zum Pstereo.
Durch dieses erschreckend schöne Land. Ich freue mich sogar auf die Zugfahrt!
Vintersju.
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