Also, noch nicht richtig, aber ich laufe den ganzen Tag über den wunderbaren Campus und das fühlt sich ziemlich gut an.
Am Dienstag mussten wir um 9 Uhr bei der Juristenfakultät direkt neben dem Schloß in der Stadt sein. Punkt 9! Be on time! Wehe ihr kommt zu spät! Das war zumindest das, was sie uns eingebläut haben. Punkt um 9 stehen also tausende internationale und norwegische neue Studenten in der Karl Johans Gate rum, um sich anzuhören: Please wait behind the rope til 9.30! Na klasse... Zusammen mit Andi, Martin, Ann-Kristin und Jose warte ich also darauf meiner Buddy-Group zugeteilt zu werden. Keiner von uns, die wir uns schon kennen, ist in der gleichen. Die Zeit vergeht und wir bekommen norwegische Terminkalender geschenkt. Aha, als Ersti kriegt man hier also auch etwas zugesteckt... Da müssen wir für den Rest der Woche die Augen offen halten! Der Kalender ist vollgepackt mit Gutscheinen, die man tatsächlich gebrauchen kann: Für Bücher, Essen, CDs und Kino! Und Laserbehandlungen. Zwei zum Preis von einer. Jippie.
Irgendjemand denkt sich um 9.30Uhr, dass er ja jetzt lange genug gewartet hat und geht auf die andere Straßenseite. Und dann folgt der Schneeballeffekt. Alle rennen ihm nach, die Gruppe wird immer größer, alle denken, dass es jetzt los geht. Tut es aber nicht. Wir werden zurück geschickt. Please wait behind the rope until further notice... Mist.
Irgendwann dürfen wir dann aber und suchen uns unsere Buddy Groups. Ich habe zusammen mit 30 anderen Leuten aus aller Welt, aber hauptsächlich Deutschland, drei Buddies: Sondre, Milena und Emilia. Sicher bin ich mir bei dem Namen allerdings nur bei Sondre. Während die Juristen zu fröhlichen Spielen in den Garten eingeladen werden, stehen wir an der Straße rum. Jeder soll doch mal sagen, wie er heisst und wo er herkommt. Und noch was persönliches. Als drittes bin ich dran. "My name is Jule. Surprisingly I´m from Germany..." ich lasse den Blick schweifen... "and everbody is looking at me... Wow, ähm. I don´t know what to say." Tja, super erster Eindruck. Naja, die Menschen hier sind mir auch eher ein wenig suspekt und überhaupt finde ich diese ganze Situation fürchterlich. So, wir sperren euch jetzt hier zusammen. Lernt euch kennen!
In sengender Hitze lauschen wir den Reden des Rektors und einiger anderer Leute und ich bin stolz darauf, dass ich soviel verstehe. Dann geht es mit den Buddies auf den Campus. Es gibt Nudeln aus kleinen Plastedosen mit Gabeln zum Selberzusammenbauen. Ich unterhalte mich mit Irina, Matt und Samantha. Na bitte. So sozial.
Unsere Buddies, deren oberste Priorität im Saufen liegt und die ganz verdutzt sind, wenn jemand sie nach Papierkram oder Uniabläufen fragt, führen uns über das Gelände. Der Campus ist großartig. Hier fühlt man sich wirklich wohl. Ich komme mit Mjosch aus Polen ins Gespräch. Sein Gepäck wurde verloren und wenn er sich neue Sachen anziehen möchte, muss er sie kaufen. Später am Tag erhält er einen Anruf, der ihm mitteilt, dass sein Gepäck an der Rezeption seines Wohnheims auf ihn wartet. Erleichtert springt er davon. Dann erzähle ich mit Luc, einem Franzosen, der Deutsch studiert und Englisch nicht mag. Deswegen unterhalten wir uns auf Deutsch. Luc schreibt hier zwei Diplomarbeiten.
Irgendwann werden wir entlassen. Am Abend sollen wir ins unserer Studentenvereinigung zusammen treffen, dem Chateau Neuf.
Zunächst tauchen nur recht wenige Leute auf, doch mit der Zeit füllt es sich. Das Bier kostet hier 52 Kronen. Meine Buddies wundern sich, warum ich nichts trinke und fragen ständig, ob alles mit mir in Ordnung sei. Ich erzähle mit der einzigen Finnin hier, deren Namen ich mir leider nicht merken kann. Und mit Anne und Sara, die auch aus Deutschland sind. Ich werde für eine Australierin gehalten.
Dann kommt Andi vorbei. Er trägt ein blaues Bändchen am Arm. Das haben alle Juristen, erklärt er. Er schämt sich sehr, denn die Juristen werden ständig bevorzugt behandelt. Sie haben Handykarten geschenkt bekommen, kriegen das Bier billiger und feiern später eine eigene Party, auf die man nur mit dem Bändchen kann. Nach einigen weiteren netten Gesprächen merke ich, dass ich mich zwar tatsächlich prinzipiell mit jedem unterhalten kann, aber auch sofort weiß, dass ich mit den meisten dieser Leute eigentlich nichts außerhalb der Uni unternehmen möchte.
Bis auf Luc vielleicht. Der hat einen ziemlich trockenen Humor und ist sehr gelassen.
Ich verabschiede mich höflich und fahre nach Hause.
Der Tag war sehr anstrengend und ja, ich hatte meine Kamera schon wieder vergessen.
Genauso wie fast am nächsten Morgen. Aber ich bin schnell nochmal zurückgelaufen um sie einzustecken. Leider vergaß ich die Speicherkarte, weswegen ich nur 7 Fotos etwa machen konnte...
Mittwoch war der Tag der Informationstreffen. Ich fahre zum Campus und treffe zufällig auf Ann-Kristin. Zu zweit treffen wir wiederum auf Jose, den Portugiesen und die so ziemlich coolste Sau der Welt. Ich habe vielleicht noch nie einen geduldigeren Menschen erlebt. Und es macht Spaß ihm zuzuhören. Jose hat früher nie Kommissar Rex geguckt, auch wenn das in Portugal lief und freut sich, dass bald seine Frau und sein 6 Monate altes Kind hierher kommen und ihn besuchen. Er finanziert sich selbst. Vielleicht sollte ich ihn mal fragen, wie er das schafft.
Wir hören Vortrag um Vortrag. Dann gibt es einen Film, der zwar länger ist, als der der NTNU, aber nicht minder charmant und humorvoll!
Nach diesen allgemeinen Informationen gibt es nun Vorträge zu den Sprachkursen. Die Sprachkurse! Es hängen ja auch die Ergebnisse der Einstufungstests aus. Man kann von Level 1 bis 4 Norwegisch lernen. Ich erzähle allen, dass ich zufrieden wäre, wenn ich in Level 2 bin, aber eigentlich weiß ich, dass ich von der nächsten Brücke hopse, wenn ich nicht Level 3 geschafft habe. Ein bißchen Eigenanspruch muss ja sein. Ich bin Level 3. Gut Brücke, du musst noch warten...
Es folgt eine Essenspause. Wir treffen auf Andi und Martin und gehen gemeinsam zum Rosinenbrötchenstand. Für jeden Studenten gibt es ein popliges, kleines Rosinenbrötchen und ein Trinkpäckchen, Apfel oder Orange.
Ich nehme zwei Trinkpäckchen und zwei Brötchen, Ann-Kristin auch. Martin nimmt drei, Andi vier. Wir setzen uns in die Sonne und verarschen das Glück der Juristen.
Doch die Rosinenbrötchen stillen den Hunger der Herren nicht und so gehen wir in den Campussupermarkt. Die Kassiererin guckt Martin lange von unten an, irgendwann sagt sie, dass sie seine Haare mag. Ein neuer Runninggag ist geboren.
Dann folgt auch schon ein weiteres Treffen für Erasmusstudenten, zu dem ich auch Luc wiedertreffe.
Da ich nicht weiß, ob meine Buddygroup heute etwas macht, gehe ich mit zu Ann-Kristins. Da sitzen eine Irin und eine Französin und ein Buddy. Sonst ist niemand gekommen. Ein bißchen verzweifelt versucht er uns zu Gartenspielen zu animieren, merkt gar nicht, dass ich eigentlich nicht dazugehöre, aber wir vertrösten ihn und sagen, dass wir uns lieber alle zum Barbeque heute Abend treffen.
Zusammen mit Ann-Kristin, die in einer Metalband mit Plattenvertrag singt (davon soll ich mich aber bloß nicht beeindrucken lassen!), hole ich mir meine Studentenkarte mit phänomenalem Foto
Dann fällt ihr auf, dass sie schrecklich hungrig ist und unglaubliche Lust auf asiatisches Essen hat. Also nehme ich sie mit nach Grünerlökka. Wir schlendern ein bißchen durch die Straßen und finden einige großartige Läden... Mit unserem Essen setzen wir uns in einen Park und erzählen uns von den Bands, die wir so sehr mögen. Wir müssen einen Abend machen, an dem wir nur Musik hören.
Dann wird es Zeit die Bahn zurück in die Stadt zu nehmen. An der Haltestelle Brugata schaue ich aus dem Fenster. Da geht Rune Solheim, der haarige Drummer von Kaizers Orchestra, bekleidet mit einem Muskelshirt und einen Kinderwagen schiebend. Ich traue meinen Augen kaum. Rune! Niemand auf der Straße scheint Notiz von ihm zu nehmen und ich muss Ann-Kristin erklären, was für einen merkwürdigen Anfall ich gerade habe...
Während sie sich ein Studententicket holt, laufe ich hinaus, suche mir eine einsame Ecke und verschicke zwei aufgeregte SMS.
Als wir zum Chateau Neuf fahren, ist das Barbeque längst vorbei. Drinnen sitzen kaum Leute. Ich quatsche ein Mädchen aus meiner Buddygroup an, wir setzen uns zu ihr an den Tisch. Dort lernen wir Lukas und Florian kennen. Die Unterhaltung mit ihnen ist lustig und ungezwungener, als in der Buddygroup.
Langsam denke ich, dass ich die gar nicht brauche. Ich rede ja auch so mit den Leuten. Und langsam aber sicher bleiben auch mehr und mehr Namen hängen...
Nach einem heftigen Regenguss machen wir uns auf den Weg nach Hause.
Da ruft Andi an. Wir sollen unbedingt noch vorbeikommen. Martin ist auch da. Also fahren wir nach Sogn. Erst will Ann-Kristin mir aber noch ihr Zimmer zeigen, das wirklich sehr schön ist. Sie spielt mir einige Metalbands vor... Ich finde die ziemlich interessant und schlage ihr vor mal bei Skambankt reinzuhören. Sie tut dies sofort, ist begeistert und überlegt, ob sie mit zum Konzert kommt.
Ich freue mich natürlich sehr... Dann treffen wir die Jungs und erzählen bei Chips und Smarties auf einer Bank im Grünen. Susi kommt kurz zu uns, geht aber schnell wieder, weil sie noch Haare waschen muss. Irgendwann gehen auch wir. Viel zu spät, wenn man bedenkt, wann wir wieder aufstehen müssen.
Die Tage sind anstrengend. Aber sie machen mehr Spaß, als ich gedacht hätte... Trotzdem bin ich froh, wenn der Unibetrieb richtig anfängt und sich sowas wie ein Alltag einpegelt. Die Stadt war übrigens voller Schotten wegen eines Fußballspiels gegen Norwegen, dass die Kiltträger 4 zu 0 verloren und aus Frust randalierten.
Heute ist es Gott sei Dank ruhiger. Nach einer Begrüßung durch die Fakultät darf ich nach Hause gehen, weil ich eine der wenigen bin, die es geschafft haben sich online zu registrieren. Kristoffer Joner dreht übrigens gerade einen Film in Oslo und ich habe Paparazzi gespielt.
Diese Stadt... ist einfach unglaublich!
Vintersju.
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