Heute Morgen gegen 6 Uhr in Trondheim war es nicht schön. Das lag nicht daran, dass Zahl und ich nur 4 ½ Stunden Schlaf abbekommen haben, sondern war darin begründet, dass ich nach Oslo zurückfahren sollte...
Ich weiß ja, wie rührselig ich immer bin, wenn ich wenig geschlafen habe. Dann ist immer alles hysterisch lustig oder zum Heulen traurig. Und da ein Abschied ja eher recht wenig Potential zum Lachen birgt, vermeide ich einfach das Sprechen weitestgehend. Zahl wirkt auch angeschlagen...
Doch der Minipris ist gebucht und der Zug kommt. Wir können nichts anderes machen, als uns mal wieder voneinander zu verabschieden (sowohl mit coolem Handshake, als auch mit herzlicher Umarmung) und hoffen, dass wir es diesmal länger als zwei Tage ohne einander schaffen...
Im Prinzip sind es nur drei Wochen, weil ja dann auch schon das Pstereo-Festival ist. Zusammen mit Marlene. Theoretisch klingt das doch machbar... Wir werden also sehen...
Ich setze mich in den vollkommen ausgebuchten Zug und warte, wer da wohl kommt, um sich neben mich zu setzen.
Es ist ein junger Herr. Zahls Gestikulationen vor dem Fenster scheinen mir mitteilen zu wollen, dass er ja ganz gut aussieht. Aber leider ist der Mann wohl ein paar Mal zu häufig im Brun og Blid, dem hiesigen Bräunungsstudio gewesen und seine Sachen sind so eng, dass ständig irgendwo irgendwas von seinem Körper zu Tage tritt... Außerdem schätze ich ihn gegen Ende 20 ein und er spielt mit seinem hyperhochtechnologischen Telefon Autorennen. Wobei er das nicht durch Knöpfe steuert, sondern durch seine Bewegungen.
Das mag ja bei Kindern und Jugendlichen ganz süß sein, aber bei einem erwachsenen Mann wirkt das nun mal absolut bescheuert, wenn er sich ununterbrochen für ein Autorennvideospiel in seinem Zugsitz hin und her wirft.
Gott sei Dank vergeht die Zeit schnell. Der Zug fährt 8.25 Uhr los und ich bin weg. Das nächste Mal sehe ich 9.39 Uhr nach der Zeit und es kommt mir vor, als wäre ich erst fünf Minuten unterwegs. Ich nicke ein, wache auf, schaue aus dem Fenster, nicke wieder ein... draußen wird die Landschaft vorbeigefahren und nichts weiter passiert.
In Ringebu steigt der Mensch neben mir dann auch schon aus. In dem vollen Zug freue ich mich über meine neuerrungene Freiheit. Doch die ist nur von kurzer Dauer, denn sowie der Typ ausgestiegen ist, setzt sich ein Mädchen zu mir. Sie lächelt freundlich und holt ihr Strickzeug heraus. Sie macht einen schwarzen Schal. Sehr sympathisch.
Da gönne ich mir direkt meine überteuerte Eiersandwichmahlzeit. Micke from Sweden, Janove, Jens Lekman, Nick Cave und Washington tragen mich gen Süden.
Es ist ein bißchen so, als würde ich vom Herbst in den Sommer zurückreisen... Alles ist so still. Ich bin diesmal nicht im Familienabteil gelandet.
Und dann etwa eine Stunde vor Oslo fängt der Nebel an. Eigentlich ist es gar kein Nebel, sondern vielmehr Dunst.
Alles ist noch nass, es muss vor kurzem sehr kräftig geregnet haben, doch jetzt brennt die Sonne und all das Wasser verdunstet. Die Bäume und Häuser sehen aus, als würden sie qualmen und über dem See ist eine so tiefe Nebelschicht, dass man vermuten könnte, die Wolken wollten sich die Erde mal aus der Nähe betrachten... Alles verschwindet im Nebel. Dann taucht der Zug in den Tunnel vor Oslo ein. Mehr als 2 km fährt er unter der Erde, um dann wieder mitten in der Stadt aufzutauchen. Alle im Zug sind erstmal von der gleißenden Sonne geblendet. Doch es bleibt keine Zeit mehr sich an das Licht zu gewöhnen, denn schon sind wir wieder da.
Olivia wartet auf mich. Noch ist sie die einzige, die das tut, aber dafür geht es ihr gut. Ich fürchte schon fast, dass ich sie übergossen habe...
Bald sitze ich wieder in dem Zug. Wieder Richtung Trondheim.
Überhaupt sollte ich vielleicht noch ein paar Worte über das Zugfahren in Norwegen formulieren.
Es gibt insgesamt in diesem Land etwa 6 oder 7 Zuglinien. Wenn man nach Norden möchte, kann man bis Bodø, was ungefähr noch ein Drittel des Nordens unerschlossen lässt – bis auf die Einzelverbindung zwischen Narvik und Kirkenes selbstverständlich. Wenn man in Stavanger ist und ins eigentlich gar nicht so weit entfernte Bergen möchte, muss man mit dem Zug über Oslo fahren, was dann durschnittlich 16 Stunden dauert. Da ist so eine 7 stündige Fahrt von Oslo nach Trondheim oder umgekehrt noch purer Luxus.
Dann ist es allerdings auch noch so, dass die Züge manchmal einfach so anhalten. Der freundliche Zugführer informiert dann umgehend die Passagiere, dass man noch auf einen Zug warten müsse. Hierbei handelt es sich nicht um einen Anschlusszug, dessen Passagiere noch mit wollen, denn man befindet sich ja mitten im Nirgendwo, nein, es ist ganz einfach so, dass die Norweger viele Streckenabschnitte nur mit einer Schiene ausgebaut haben. Also muss man auf den entgegenkommenden Zug warten, damit man dann auf der gleichen Schiene weiter in seine eigene Zielrichtung fahren kann.
Ja, die Norweger und die Infrastrukur sind nicht die engsten Freunde...
Im Übrigen hat gestern mit dem Kochen alles geklappt.
Ob meine Vorräte hier in Oslo jetzt ein Stückchen mit mir wandern wollen, werde ich jetzt besser überprüfen.
Vintersju.
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