Samstag, 25. Juli 2009

Ich bin so vernetzt, dass ich gefangen bin - so schnell unterwegs, dass ich den Weg nicht mehr find'

Heute morgen ist wieder Weltuntergang in Trondheim. Ich habe auf der Karte all die Dinge gefunden, die ich angucken will, aber bei dem Sturm und dem Wasserfall, werden wir das Haus vorerst nicht verlassen.

Ich weiß nicht, warum ich mich an Trondheim so stoße. Wir waren gestern Nacht in der Speicherstadt, zwischen den reichen und schönen Cockailtrinkern. Sie wirken alle unbeschwert und scheinen sich alles kaufen zu können, sogar das Glück und die sonnigen Nächte. Der Abend am Steg war einfach ausgelassen. Was die anderen betrifft.
Es gibt nicht zuwenig in Trondheim. Eigentlich ist alles da, was man braucht. Der Sommer, Menschen, Bars, Musik, Wasser, die Nacht, der Hafen. Aber irgendetwas fehlt. Ich weiß nicht was es ist und auch Jule ist verständnislos.
Ich will hier grad nicht sein, aber mir fällt auch kein anderer Ort auf dieser Welt ein, an dem ich jetzt lieber wäre.


Es ist wundervoll, durch die halbhellen Nächte zu laufen, durch Straßen und die engen Gassen, die es in Oslo nicht gab.
Das Blæst und die gesamte Kneipenmeile am Industriehafen bieten die besten Möglichkeiten, sich fallen zu lassen in Musik und Ausgelassenheit. Aber irgendetwas stimmt nicht.
Gestern haben wir Hans und Max abgeholt und in Moholt abgesetzt. Besonders Jule hat sich sehr auf ihre Ankunft gefreut, sang sie doch, nachdem der dritte Flugahfenbus sie immernoch nicht ausgespuckt hatte "Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn..."

Auch die beiden Jungs machten nicht den Eindruck, dass es ihnen sehr gefallen hat auf den ersten Blick, was mich bei den beiden jedoch ein bisschen gestört hat. Plötzlich wollte ich die Stadt zu verteidigen.

Und dann gestern Nacht, als wir am beleuchteten Dom saßen und einfach in die Nacht hineinschwiegen ist mir plötzlich nichts mehr eingefallen.


Hans hat Kautabak importiert. Er will es lutschen, bis ihm das Zahnfleisch blutet, sagt er. Wir winken ab und halten uns an unserem Cidre und den Schokokeksen fest.
Ein kaltes Cidre auf dem Weg in die Stadt "through the woods".
Der Gedanke an das Pstereo in einem Monat.
Ideen vom gemeinsamen ausklingenden Abend mit den Jungs von Motorpsycho und Skambankt.
Punklieder aus norwegischen Filmen auf den Lippen.
Wir müssen ja jetzt auch aufpassen, was wir singen, denn wir sind jetzt dort, wo die Leute und verstehen.




Das Norwegisch in Trondheim ist jedoch noch ein bisschen anders, als anderswo. Es gibt ja ohnehin schon zwei verschiedene Sprachen in Norwegen. Die eine lernten wir in der Uni und werden sie ab Montag weiter lernen, die andere brachten wir uns selber durch den Konsum von Filmen und Musik bei. Und jetzt sind wir hier in Trondheim und komplett verwirrt. Gibt es eine dritte Sprache?

Hans und Max können sich noch kein Bier auf Norwegisch kaufen. Der Verkäufer gibt freundlich auf Englisch Auskunft, wirkt jedoch etwas angespannt. Er verrät uns den Preis für Milch und Kekse auch auf Englisch, wir verraten ihm draufhin auf Norwegisch, dass wir kein Englisch können. Er lacht, wirft seine blonden Haare zurück und sagt Dinge auf Norwegisch, die wir leider nicht verstehen. Wir lächeln wissend, als hätten wir ihn genau verstanden, nehmen die Kekse und verlassen den Laden. Die Jungs sehen uns mit gewisser Abneigung an; auch sie denken, wir hätten ganz genau verstanden, was der charmante Herr an der Kasse sagte. Sind wir verloren in diesem Land? Max schlägt vor, dass wir nur noch Norwegisch miteinander sprechen. Es klappt ganz gut, Jule ist ihm ein guter Coach, während Hans sich um ganz andere Sachen den Kopf zerbricht: er hat kein Zimmer bekommen, hat keine Ahnung, wer Ingvild ist (die Betreuerin unseres Praktikums) und hat sein gesamtes Geld für 3 Liter Bier ausgegeben.

Auch ich bin noch etwas ratlos. Ich habe bisher noch keine Kurse bekommen, geschweigedenn eine Waschmaschinenkarte. Kari, die sich um all das kümmern soll (die Hans auch nicht kennt), ist im Urlaub und aus der Zentrale gibt es keine Nachrichten.

Es wird noch eine Weile dauern, bis ich hier wirklich angekommen bin.
Ich werde es machen, wie Jule es vorgeschlagen hat: sobald der Regen heute aufgehört hat, werden wir in die hintersten Winkel der Stadt kriechen. Ich werde eine Kneipe suchen, in der es Kickertische gibt und ich werde mir Harry Potter auf Norwegisch kaufen.

Zahl

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