Dienstag, 28. Juli 2009

Du kan bli med på prosessen...


Jetzt ist es soweit.
Morgens um 9 Uhr in Trondheim.
Zahl sitzt jetzt bereits in der Uni und beginnt ihren Norwegisch-Intensivsprachkurs. Eine Möglichkeit, die mir nicht vergönnt war.
Ich hab noch ganz gönnerhaft damit angegeben, dass ich dann wenigstens in Ruhe ausschlafen kann. Zahl ging also vorhin los und ich schmiss mich zurück auf meine Matratze, aber mit schlafen war nichts mehr…
Sollen die doch alle ruhig büffeln, umso mehr Zeit habe ich, hier meine Gedanken und Beobachtungen kundzutun.
Gestern war nämlich der Begrüßungstag der NTNU, der Norwegian University of Technology and Science (man bleibt bei der Abkürzung jedoch bei der norwegischen Bezeichnung, weil man sonst NUTS haben würde). Ein wahrlich interessanter Tag.
Auf dem gigantisch großen Campusgelände der Naturwissenschaftler hier in Trondheim findet das erste Treffen statt. Auch wenn keiner von uns so richtig weiß, wo er hin muss, finden wir einen Haufen Menschen in einem Glasgebäude, dessen Wände wahlweise von Kunstwerken aus Säbelzahntigerzähnen oder lianenartigen Pflanzen bewuchert werden.
Hm… ob das in Oslo auch so läuft? Ich bleibe einfach hier stehen, guck mir alles in Ruhe an und warte, was passiert. Möglichst unauffällig, denn auch wenn mir die anderen etwas anderes sagen, fühle ich mich ein bisschen fehl am Platz, hereingeschummelt eben.
Zunächst bekommt also jeder Austauschstudent der NTNU eine Mappe mit wichtigen Informationen über Aktionen, Sprachkurs, etc. und einen Gutschein, der einem die Lehrbücher für den Sprachkurs schenkt. Ja, ich kann das noch mal wiederholen: SCHENKT. Genau das Buch, für das man in Deutschland noch 52 Euro bezahlt hat, wird einem hier bereitgestellt, gratis dazu gibt es auch noch das Arbeitsheft. Das ist doch schon mal ein super Anfang.
Dann sagt uns ein sehr schöner Norweger, der sich später als der Mann der eMail-Seelsorge, Frederick, herausstellt, dass die Leute jetzt 45 Minuten Zeit haben sich kennenzulernen.
Irgendwann bemerken wir, dass auf den Mappen nicht nur der jeweilige Name, sondern auch eine Nummer steht, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sprachkursgruppe angibt.
Max, Hans und Zahl sind alle in verschiedenen Gruppen. Das ist ja schon mal ziemlich doof, dann stellt sich wiederum heraus, dass diese Nummern auch noch das Niveau des Sprachkurses angeben und es deswegen umso merkwürdiger ist, dass sie nicht zusammen sind, weil ja immerhin Zahl und Max identische Voraussetzungen haben. Aber dann schlendert da auf einmal der Nils vorbei, ein Norweger, bei dem Hans im Sommer schon mal in Leipzig einen Intensivkurs gemacht hat und der verspricht zu Regeln, dass Zahl und Hans jetzt doch noch in Kurse kommen, die auch wirklich ihrem Niveau entsprechen und nicht in die Anfängerkurse, denen sie eigentlich zugeteilt wurden.
Aber es ist auch immer noch die Kennenlerndreiviertelstunde. Eher widerwillig machen sich Zahl und Hans auf die Suche nach Mitgliedern ihrer Kurse, während Max schon längst im Getümmel ist. Es gibt unglaublich viele Deutsche hier. Das ist schon ein bisschen frustrierend, denn die meisten von ihnen führen sich schrecklich auf oder erzählen uns, dass sie etwas total Besonderes sind, weil sie Erziehungswissenschaften studieren oder als Kinder mal ins Eis eingebrochen sind.
Irgendwann guckt Zahl mich an und haucht mir zu: „Lass mal weg hier von den Atzen…“ Da hat sie mal wieder meine Gedanken gelesen und wir entfernen uns unauffällig, weil das unser beider vierter Vorname ist! Da kommt uns ein gut aussehender junger Mann entgegen, der uns anlächelt und uns mit einem freundlichen „Hei“ begrüßt… Na wer war das denn? Ein Kanadier, wie sich wenige Minuten später herausstellen soll. Wir werden nämlich in einen großen, modernen Hörsaal geschoben, in dem wir uns die Begrüßungsrede von Wolfgang Laschet anhören, der uns was von Gurken erzählt, dem Hass der Trondheimer auf Bergen und Schweden und die einzelnen Nationalitäten zum Kennenlernen aufstehen lässt.
Außerdem zeigt er uns das Video, mit dem die NTNU für Studenten wirbt. Nachdem wir also so traurig darüber waren, dass wir bei youtube leider die norwegischen Spots aus dem Kino nicht auftreiben konnten, können wir mit dieser Uni-Werbung nun eindeutig den großartigen Humor der Norweger nachweisen. Hätte ich das vorher gesehen, würde ich jetzt wohl auch hier studieren… Und das, obwohl es nur 30 Sekunden dauert!
http://www.youtube.com/watch?v=Rv-4ZQ8dFYM
Wir haben auch Werbung gesehen, die vom Trinken abhalten soll. Es war eine schöne biologische Übersicht von Fischen, die in den hiesigen Gewässern leben und in der Mitte die Leiche eines ertrunkenen Mannes, bekannt als der Fisch Full Mannen. Kein Wunder also, dass im Touristenführer die Treffen der Anonymen Alkoholiker angegeben sind.
Es folgt also ein Rundgang über den Campus, der recht beeindruckend ist, wie ich zugeben muss, auch wenn ich nicht verstehe, warum da überall Lokomotiven rumstehen…
Doch dann soll es Essen geben (der eigentliche Grund für mein Mitkommen). Bevor das Menü allerdings eröffnet wird, kommen zwei großartige Musiker, die uns mit ein paar herrlichen Liedern und unglaublichem Talent beeindrucken. Viele der Austauschstudenten gucken zwar regelrecht angewidert, aber wir sind begeistert! Sowohl von der Sangeskunst, als auch von den Outfits… Aber dann gibt es wirklich Essen. Auch wenn ich eigentlich ein schlechtes Gewissen habe hier einfach mitzufuttern, ermuntert Zahl mich zuzuschlagen. Und als die Leute dann Obst vorbeibringen, kann ich wirklich nicht mehr an mich halten. Zu schade, dass Zahl mir erst später erzählt, dass das aufgestylte, zickige Mädchen neben mir sich ihren Kartoffelsalat in die Haare schmiert, weil sie sich alle zehn Sekunden die Frisur richten muss…
Somit ist der Uni-Tag aber auch vorbei und wir beschließen in die Stadt zu gehen, auch wenn meine Beine nach dem Gewaltmarsch von vorgestern sich nicht darüber freuen. Ihren Standpunkt machen sie sehr schnell deutlich, in dem sie mir einfach auf einer Treppe den Dienst versagen. Das war da aber auch rutschig.

Diese Bilderserie untermalt das Dilemma. Ich rutschte, aber fiel nicht! Zu meiner eigenen Überraschung, denn ich sah mich schon in den Zierrasen der Uni beißen. Aber es ist alles noch mal gut gegangen.
Wir gehen weiter, auch wenn ich noch ein bisschen unter Schock stehe. Wir wollen nämlich die Karten für das Pstereo-Festival kaufen. Auf Grund von Motorpsycho hat Hans sich überlegt auch mitzukommen und geht als erster zur Kasse. Zum bestimmt hundertsten Mal funktioniert seine Mastercard nicht. Wenn ihr euch also mal entscheiden müsst, ob ihr eine Master- oder eine Visacard haben wollt und die Bankmenschen euch erzählen, es gäbe bis auf die Taube auf der Visacard keinen Unterschied, schenkt ihnen keinen Glauben!
Hans kann mit der Karte gar nichts anfangen hier und muss alles bar bezahlen, während das bei mir nur so flutscht. Und es macht auch unglaublichen Spaß die Karte immer selbst durch das Gerät zu ziehen, da vergisst man beinahe (aber nur beinahe) die Preise.
Wir haben Karten für das Pstereo! Marlene, ich hab auch eine für dich!
Wir finden auch endlich den Fahrradlift, der gar nicht so spektakulär ist, wie ich mir den ausgemalt hätte. Aber egal, jetzt müssen wir erstmal in den Buchladen. Hans braucht ein Wörterbuch und Zahl braucht Harry Potter auf Norwegisch.
Trondheim hat wirklich Buchläden. Doch wir gehen auch hier nur in eine Kette, die es auch in Oslo gibt, sind also ohne besondere Erwartungen. Zahl und ich schlendern nur so aus Routine zu dem Regal mit den Musikbüchern… Natürlich ist das, was wir suchen, nämlich Kontroll Paa Kontinentet von Jan Zahl nicht darin zu finden. Aber das ist ja nicht so schlimm, die nette Frau aus Oslo hat uns die Bücher ja bestellt. Wir schlendern ein bisschen weiter und auf einmal schreit Zahl „OH GOTT!“ und tatsächlich! Da liegt es! Auf einem Grabbeltisch! Das darf doch nicht war sein. Mein Blick schweift nach links und ich sehe ein zweites Exemplar. „OH GOTT!“
Wir krallen uns die Bücher, zu ehrfürchtig um sie öffnen und laufen zur Kassiererin um zu fragen, ob sie noch ein drittes für Marlene hat. Leider sind das die letzten beiden Exemplare. Aber wir können sie auch nicht einfach stehen lassen. Ich hole Marlene einfach das, was wir in Oslo bestellt haben. Wir MÜSSEN diese Bücher jetzt kaufen. An der Kasse höre ich dem Verkäufer nicht richtig zu, Zahl antwortet auf eine Frage mit ja, woraufhin er anfängt mein Buch wie ein Geschenk einzupacken! Das ist ja sogar noch besser, weil ich es dann noch mal auspacken kann! Hervorragend!
Nachdem wir noch eine Weile durch die Straßen schlendern, beginnt es zu regnen. Welch Überraschung. Dann gehen wir wohl besser nach Hause und morgen auf die Festung. Ich will noch auf diese Festung so lange ich hier bin. Das müssen wir noch schaffen.
Aber wenn der Heimweg eine Stunde dauert und man die lang ersehnten Bücher unter dem Arm hat, die ungefähr fünf Kilo wiegen, mit denen man aber super Norwegisch lernen kann, muss man die Festung auch mal nach hinten raus schieben.
Nach einer kurzen Stärkung bei Zahl und dem bedächtigen Durchblättern und Bestaunen des Buches gehen wir dann zu einer Begrüßungsparty im Studentenkeller. Dieser ist so klein, dass eigentlich alle Leute draußen stehen. Wir Gesellen uns zu Hans und Max, dem alten Ehepaar, die schon da sind und kommen mit Marina aus Stuttgart ins Gespräch, die nach dem Sprachkurs hier in Oslo studieren wird und erzählen auch eine Weile mit dem Kanadier von heute Morgen. Er ist Architekturstudent und baut grüne Häuser. Also, Biohäuser, nicht nur Häuser, die grün angestrichen sind, wie er uns erklärt!
Irgendwann sehen wir auch Frederik wieder, der eine norwegische Flagge ins Gesicht gemalt bekommen hat. Die steht ihm gut, wie Zahl ihm zu berichten weiß… Er ist verlegen. Das scheint ihm alles ein bisschen zuviel Trubel um seine Person zu sein, doch den hat er sich allem Anschein nach verdient, denn er war der einzige, der wirklich auf eMails geantwortet hat und das auch noch mit Humor!
Ein interessanter Abend mit ziemlich vielen Menschen geht mit ruhigen Halbschlafgesprächen in Zahls Zimmer zu Ende. Mal sehen, was sie zu erzählen weiß, wenn sie von ihrem ersten richtigen Tag hier zurückkehrt…


Vintersju.

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