Freitag, 17. Juli 2009

Way up North

Ich muss das Land verlassen. In den grauen Tiefen meiner Tasche gibt es noch vereinzelte Centstücke, die sich vorgenommen haben mich aufzuhalten irgendwie, weil ihre Sammelflaschen schon eingeschlossen sind auf der halben Treppe.

Jule hat natürlich alles schon in Kronen getauscht, wobei ich mich so fühle, als wäre ich nicht komplett vorbereitet.

Die letzte deutsche Nacht auf Palmes Balkon ist dunkel, warm und wie sie so sein muss in einem Berliner Bauhausviertel. Ich hab schon längst wieder verdrängt, dass es am nächsten Tag um dieselbe Zeit noch sonnenhell sein wird.

Wir erkennen die Heimkehrer schon am Aussehen. Zwischen den mittelalten Touristen entdecken wir am Check In gelassene, blonde und leicht sonnengebräunte Menschen in Segleroutfit, die sich auf die Reise in den Heimathafen begeben wollen.

Unter uns verschwimmt das Land. Die Ostsee liegt wie ein Dalmatinerfleck auf der Erde und das Fischland biegt sich wie ein Grashalm in die verheißungsvolle Tiefe. For eg vil ut, for eg vil ut for eg vil ut. Kommt die Freiheit mit der Schwerelosigkeit?

Der Osloer Flughafen Gardermoen ist ein Basar. Ein überdachter Basar. Wir denken uns noch nichts dabei, doch später sollen wir erfahren, dass ganz Oslo ein Basar ist. Arabische Großfamilienväter sammeln die Koffer ihres Harems zusammen, die sie groß sind, wie meiner und Jules Kleiderschrank zusammen. Afrikanische Frauen in langen bunten Gewändern tragen ihre Babys auf dem Bauch, ihre gelockten Jungs an der Hand und ihre riesigen Leinentaschen auf dem Rücken. Indische Mädchen jagen ihre kleinen Brüder durch die Gänge und die Obstmänner haben mitten in den Gängen zwischen den Duty Free Läden ihre Körbe aufgebaut.

Wir haben den langen Gang vorbei an einer atemberaubenden Silhouette erwartet. Doch anscheinend dürfen den nur Passagiere von Linienflügen begutachten, nach einigem Hin und Her, ersten norwegischen Kontaktaufnahmen und einer Odyssee durch dunkle Tunnel gelangen wir in eine Innenstadt, die uns überrennt oder auf uns eindrischt wie eine geschüttelte Colaflasche.

Es ist heiß in der Hauptstadt. Jule bildet sich eine Meeresbrise ein, aber die Luft steht und riecht nach heißem Asphalt und Staub. Sind wir hier in Skandinavien? Oder haben wir das falsche Flugzeug genommen und sind irgendwo im nahen Osten oder in Afrika angekommen?

Bevor wir Jules Stadt als Jules Stadt erobern, wollen wir erste norwegische Bande knüpfen und die Nacht überbrücken, bevor wir in das Wohnheim dürfen. Wir folgen also Arnes Wegbeschreibung, der so frei war, uns in dieser Nacht Unterschlupf zu gewähren, quer durch „Indiatown“ oder wie wollen die Norweger es nennen? Man kann Saris kaufen, Kebab, allerlei Gewürze und südländisches Gemüse, Tabak mit Melonengeschmack und Turnschuhe aus Japan.


Obwohl es erst 2 Uhr Nachmittags ist, sitzen sie alle buntgemischt, die Afrikaner, die Pakistani und die alten Norwegischen Männer auf der Straße und trinken ein Pint Bier nach dem anderen. Das Gerücht, in Norwegen sei Alkohol sowas wie bei uns Schnee im Mai, ist somit entkräftet.

Überall haben sie die Flagge des Frederik Meltzer gehisst. Beinahe an jeder Fassade schlackert ein rot-weiß-blauer Stoff im seichten Orientwind.

Arne ist ganz aufgeregt. Er hat unseren Besuch vergessen und zeigt uns unsere Schlafplätze während er uns nahezu gleichzeitig alle sehenswerten Ecken Oslos auf einer alten benutzten Karte markiert. Er hat für vorherige Besucher schon einige Dinge herausgepickt und betitelte das Viertel, in dem wir uns gerade befanden als „Bohemian“. Sehr gut. Da waren wir wohl am richtigen Ort angelangt.

Wir haben den Botanischen Garten entdeckt. Gleich um die Ecke wird Edvard Munchs Erbe ausgestellt, aber wir wollen den Museumstag verschieben, weil wir davon ausgegangen sind, dass es in dieser Stadt zumeist regnet und wir in den wahrscheinlich spärlichen Sonnenstunden lieber durch die Parks und Straßen strollen und nach Menschen und Geschichten Ausschau halten.

Die alte geisteskranke Frau auf der Bank neben uns spricht mit sich selbst. Sie spricht sehr schönes Norwegisch, aber wir verstehen nicht alle Worte, irgendwann fragt sie nach der Uhrzeit, das hab ich verstanden, aber Jule ist in den Reiseführer vertieft und denkt, die Frau ist immer noch in ihrem Monolog und reagiert nicht. Die Angst vor ihr verfliegt, als der erste tolle norwegische Satz gesagt ist, die Frau zufrieden grummelt und schmatzt und um zehn nach vier ihre Parkbank verlässt und weiter fluchend davon trottet. Der Afrikaner, der uns den ganzen Nachmittag nicht mehr in Ruhe lassen will mit politischen Diskussionen nimmt ihren Platz ein.

Arne ist zum Essen verabredet. Sein Freund Øyvind und dessen polnischer Besuch kochen mexikanisch für ihn und die beiden Verirrten aus der französischen Schweiz. Dass er zwei „German Girls“ mitbringt, die in seinem Terminkalender irgendwie verloren gegangen sind, ist für alle überraschend, jedoch nicht weiter schlimm. Es wird also ein multikultureller Abend mit scharfem Essen, polnischer Begrüßungszeremonie und großem Wetteifern, wer die meisten Sprachen am besten sprechen kann, wer die meisten Plätze dieser Welt gesehen hat und wie die gesellschaftlichen und politischen Situationen jeweils aus europäischer Sicht interpretiert werden. Øyvind erzählt von seinem Trip durch Südamerika und davon, dass er dreimal ausgeraubt wurde. Das ist, weil er blond ist, sagt Monika aus Poznan und empfiehlt ihm, das nächste Mal eine Motorradtour durch Südamerika zu machen mit Freunden, die ihn beschützen. „So wie Che Guevara es gemacht hat, weißt du? Quer durch Argentinien und wo der überall war. Was? Willst du etwa kein zweiter Che Guevara sein?“ „Ähhm…vielleicht nicht. Der hat ja auch viele anstrengende Sachen gemacht und hatte ein jämmerliches Ende!“ Die beiden polnischen Mädchen, die den ganzen Weg per Anhalter gekommen sind haben aufregende Geschichten zu erzählen von der ganzen Welt und wir wundern uns, wie sie überleben. Wir sollten uns einiges von ihnen abgucken.

Es ist noch hell draußen, als Arne erwähnt, dass wir die letzte Bahn nach Hause nehmen sollten. Es ist schon 12? Kann nicht sein! Warum ist der Himmel blau? Wo ist sie hin, die Nacht? Wir fahren mit einer hypermodernen Tram durch die reichsten und gleichzeitig alternativsten Straßen des „Bohemian“ und Arne erzählt Geschichten von Oslo, in dem er nun schon seit 28 Jahren lebt. Er kennt jeden Winkel und malt mit imaginären roten Textmarker jene an, die wir nach Einbruch der Dämmerung (viel dunkler wird es hier ja gerade nicht) nicht mehr betreten sollten. Wir sollen ihm glauben, sagt er, er hat eine kleine Schwester. Wenn wir ab und zu Sachen, die wir vorher genau überlegt haben, auf Norwegisch zustande bringen, freut er sich enorm und antwortet in seinem ziemlich deutschen Englisch auf alle Fragen, die wir ihm stellen.

Das einzige, was wir diesem Kerl übel nehmen, ist, dass er uns tatsächlich die Reise zum Prekestolen ausreden will.



Zahl

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