Dienstag, 28. Juli 2009

Jorda spinner rundt seg og tar alle med seg - men eg spinner bare rundt meg

HVA HETER DU?
Ist das euer Ernst?
Ich sitze hier nun also in Gruppe sieben.
Niemand kann ein Wort Norwegisch sprechen.
Gestern habe ich Nils getroffen.
Nils ist vielleicht Ende 40, hat lange Haare, ein Doppelkinn und ein fieses Gesicht. Er ist beinahe einen Kopf kleiner als ich und raucht Pfeife.
Er ist großartig. Sein Humor ist schwärzer als das Öl in Norwegens Fässern und sein böses Grinsen trägt noch mehr dazu bei. Man kann einfach nur lachen. Wenn man versteht, was er meint. Er nimmt mich also auch heute an die Hand und trägt mich fort in den Fortgeschrittenenkurs. Hier gefällt es mir gleich besser. Auch wenn hier bis auf die arrogante, bildhübsche Kanadierin/Irin/Norwegerin und dem Italiener nur Deutsche sitzen, ich habe das Gefühl, dass ich in drei Wochen durchaus was erreichen kann. Ich hoffe es zumindest.
Die Uni ist fulminant möchte ich sagen. Wir sind ab heute auf dem Campus DRAGVOLL. Das gesamte Gebäude ist mit Glas überdacht. Eigentlich ist es eine eigene Stadt mit vielen Straßen, Littfaßsäulen, Marktplätzen, Bäumen und Shops. Sogar innerhalb dieses Campus' gibt es mehr Buchläden als in Oslo. Und all das mit Glas überdacht. Und draußen: der blaue norwegische Himmel.
Ich liebe den Duft von neuen, frisch gedruckten Büchern. Wir bekommen die Fortsetzung unseres 50 Euro Buches aus Deutschland, denn: wir sind schon richtig gut und können ganze Sätze auf Norwegisch bilden. Nils lässt es sich auch nicht nehmen und gibt uns gleich zu Donnerstag auf, einen Aufsatz zu schreiben.
Ich halte meine Nase in die Seiten und in den Schaft am Buchrücken. Neue Bücher will man immer ganz besonders behandeln. Sie sollen nie so enden, wie die, die schon im Schrank stehen. Abgegriffen und ausgelesen. Wenn man über den Deckel streicht, merkt man noch keine Unebenheiten oder Kratzer.
Die Akteure unseres Buches wohnen im Markveien in Oslo. Somit ist dieses Buch auch mein Buch geworden.

Die Menschen im Sprachkurs kann man in dreierlei Gruppen teilen.

1. Die Schüchternen
So wie Aurelia aus Frankreich. Sie stehen alleine oder in ihrem Nationalitätengrüppchen und sagen nicht viel. Wenn man ein Gespräch mit ihnen anfängt, kommt es meist gar nicht zu einem Gespräch. Oder sie beenden es so schnell es geht, weil sie irgendwas erledigen müssen oder ins Bett wollen.

2. Die Aufdringlichen
Die größte Gruppe der hier anwesenden Sprachkursteilnehmer. Sie rücken sich selbst ins Zentrum des Geschehens. Sie wollen sich gegenseitig ihre Großartigkeit beweisen. Sie sind am lautesten, am peinlichsten, am unlustigsten und reden meist nur Schwachsinn. WERDET MEINE FREUNDE lautet ihr Slogan und sie wollen sich von ihrer witzigsten, ausgeschlossensten und ausgefallensten Seite präsentieren. Sie sind furchtbar freundlich, wenn man sie alleine trifft und fragen einen meist belanglose Sachen, nur um am Ende des Tages einen weiteren Namen auf ihrer Zu-Kennenlern-Liste abzuhaken. Am nächsten Tag erinnern sie sich nicht mehr an einen.

3. Die Arroganten
Sie sprechen mit niemandem und wenn, dann nur Einwortsätze oder geben schnippische Antworten. Wahrscheinlich sind sie die Reaktion auf Gruppe 2. Oder sie sind einfach ganz besonders, weil sie Erziehungswissenschaften und Sonderpädagogik studieren und Shirts von Bands tragen, die sonst keiner kennt.

Irgendwo zwischen ihnen findet man zwei, drei wirklich nette Menschen, keiner Gruppe zuzuordnen, nicht mal einer eigenen, die aber auch an Leuten aus Gruppe 1-3 interessiert sind und deswegen nur verstreut und nur mit halben Ohr anzutreffen sind.
Es ist schwer, jemanden richtig kennenzulernen. Es ist schwer, jemanden richtig gern zu mögen. Ich war wohl als eine der ersten hier. Das wird gern zu organisatorischen und orientierenden Zwecken ausgenutzt. Danach redet man lieber mit den Leuten, die aus der Gegend kommen, in der man selber wohnt.
Wenn Jule erstmal wieder in Oslo ist, werde ich hoffentlich trotzdem nicht alleine zurück ins Studentendorf gehen. Hoffentlich.
Es ist schwer. Ich habe es mir einfacher vorgestellt. Aber ein richtiger Verbund ist noch nicht da.
Der kann andererseits auch gar nicht entstehen. 50%, wenn nicht sogar mehr, der Anwesenden sind deutschsprachig. Die sind von allen auch noch am unsympatischsten. Und alle anderen wissen das. Die Lehrer. Die Gruppenleiter. Die anderen Erasmen. Man hat keine Chance, guten Eindruck zu machen, wenn die erste Frage ist, woher man kommt und man zähneknirschend mit "Deutschland" antworten muss. Die meisten Gespräche waren dann beendet. In Bezug auf Arnes erste Vermutung bei unserem Treffen damals in Oslo, ich sei aus Island, wurde das mein neuer Vorstellungsspruch. Die meisten haben es geglaubt. Der Kanadier Julien sagt, es liegt an meiner Frisur. Jule sagt, es liegt an meinen Eskimoaugen. Max sagt: "Island???"
Aber es funktioniert. Die Leute unterhalten sich weiter mit mir.
Im Kulturstudienseminar haben sie uns erzählt, außerhalb von Deutschland würden wir uns immer freuen, auf Landsmänner zu treffen. Das ist eine Lüge. Ich schäme mich für sie. Und im Gegensatz zu Jule kann ich mich am Fremdschämen nicht besonders ergötzen. Mein neues Ziel also: die Norwegische Staatsbürgerschaft. Oder die Isländische.
Nach erfolgreichem ersten Lerntag und einem Berg Hausaufgaben soll es eine Stadtführung geben.
Wir bekommen in kleinen Gruppen eine selbstgebastelte Stadtkarte und niemanden, der sich auskennt. Wir sollen den Weg also alleine finden. An ganz besonderen Orten dieser Stadt warten Jungs und Mädels aus der Studentenvertretung und erzählen uns wichtige Dinge über die jeweiligen Orte.


Am Hafen gibt es einen Lebertranumtrunk. Gut, dass wir vorher was zum Nachspülen gekauft haben.

Frederik am Markt erzählt uns viel über die Geschichte der Altstadt. In der "Speicherstadt" Trondheims, dem ELVEHAVN dürfen wir Brunost und Geitost, typisch norwegischen Käse probieren.

Es wird nochmal erwähnt, dass der Käsehobel ja von einem Norweger erfunden wurde. Der Herr, dessen Namen ich vergaß, fand es ungerecht, dass Käsescheiben immer unterschiedlich dick seien. Tada! Ein Käsehobel. Käsemesser? Käseschneider?

Die Schleuse wird leergepumpt, um ein Schiff dort zu bauen. Ist es fertig, pumpt man die Schleuse wieder voll und es kann losfahren. Gegenüber: das Blæst. Bei Tageslicht. Unscheinbar.


Wir erreichen den Fahrradlift. Wir sind schon 10 Mal an ihm vorbeigelaufen, ohne ihn wahrzunehmen. Aber es scheint ein heiteres Spekatakel zu sein, vielleicht wie Karussellfahren. Für 100 Kronen im Jahr darf man da mit seinem Fahrrad so oft rauf uns runter wie möglich. Aber es ist anstrengender, als sein Fahrrad diesen Berg einfach raufzuschieben.

Wir gehen durch das Bakklandet zurück. Hier wird uns erzählt, dass man, wenn man unter der roten Brücke langgeht, danach glücklicher sein wird. Wir probieren es erneut, da wir vorher nicht soviel davon gemerkt haben. Vielleicht sollten wir nächstes Mal in die andere Richtung gehen? Das könnte helfen!

Es ist aufgetafelt. Die Organisatoren veranstalten im Park des International Office auf dem Campus ein original norwegisches Barbecue. Der norwegische Name dafür wird uns jedenfalls nicht verraten. Ein großes Grillfest also. Hier treffen alle Erasmen aufeinander und dürfen sich ihre Burger selbst belegen. Natürlich nur mit norwegischen Zutaten. Dazu gibt es gegrillten Lachs und Kartoffelsalat. Richtigen Kartoffelsalat!



Uns wird Wikingerschach vorgestellt.

Zweihundert Leute sammeln sich um vier Spielfelder und jeder will. Als diese Utopie erkannt wird, wird ein Fußballfeld und ein Frisbbeplatz eröffnet. Die erneute Chance, sich kennenzulernen. Doch es wird sich aufgeteilt. Die Spanier, Franzosen und Südamerikaner tollen sich auf dem Bolzplatz und beim Wikingerschach bleiben: die Deutschen. Da darf man nicht mal die Linie übertreten, ohne in einem sabbrigen bayrischen Dialekt zurechtgewiesen zu werden. Die wenig verbliebenen Nicht-Deutschen sind konsterniert. Alle zwei Minuten wird über Regelverletzung und Langsamkeit gemeckert. Am Ende lassen wir die Österreicher und Bayern allein zurück, der Scham steigt ins Gesicht, was sollen die andern nur denken - schnell weg.

Die Stadt hat ihre Lichter angemacht. Vor meinem Fenster erstreckt sich eins der Täler in dem Trondheim liegt. Wahrscheinlich ein Reihenhausviertel. Die Jungs von Gegenüber feiern in ihrer Küche ein Dienstagabendfest.
Morgen startet der neue Versuch.
Zunächst werde ich gute norwegische Musik unter die Leute bringen.
Aber erstmal schlafen gehen.
Oder vielleicht nochmal ein Blick in meine Bibel werfen...Kontroll på Kontinentet!

Zahl

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