Freitag, 24. Juli 2009

Wo bin ich in all dem Durcheinander

Der Nebel hatte sich gelichtet. Offensichtlich war er weiter gen Süden gezogen und breitete seine Fangarme nun über Oslo aus.
Trondheim erstrahlte nun in den Farben, die ihm gegeben waren.
Zur Erkundung der Stadt entschied ich mich gegen die Stadtkarte und gegen den Bus.
Doreen hatte mir am Abend vorher einen winzigen Reiseführer von Trondheim auf den Küchentisch gelegt. Ich hatte vorher nicht reingesehen, er war sowieso auf Französisch. Und so ging ich, ohne irgendeine Ahnung von dieser Stadt zu haben, einfach los.

Die Frau an der Schlüsselausgabe riet mir, ich sollte doch den schönen Weg „through the woods“ nehmen, wenn ich zum Campus will. Ich folgte ihrem Rat und nachdem ich mich durch das Dorf voller gleichaussehender Häuser gekämpft hatte, schlug ich in einen Sandweg ein.
Insgesamt habe ich auf meinem Fußweg in die Stadt mehrere Routen ausgekundschaftet. Und musste feststellen, dass mein Fahrrad, der gute Holländer, hier sehr fehlen wird. Bisher habe ich auch noch keinen Fahrradverleih gefunden, oder ein schwarzes Brett, an dem jemand sein Fahrrad für wenig Geld verkauft.

Vor mir erstreckt sich ein breiter Fluss in einem Tal. Die weiße Brücke ist riesig und irgendwie amerikanisch.
Ich habe die Marinen entdeckt. Was sind die Marinen? Man könnte sie gleichsetzen mit dem Elbufer, nur grüner und auch nicht ganz so groß.

Trondheim war die letzten Tage wie ausgestorben. Vielleicht lag es an dem furchtbaren Wetter oder daran, dass ich an den falschen Ecken war. Heute tummeln sich in den Marinen einige Grüppchen von Leuten zum Sonnen, Fußballspielen oder anderen Müßiggängen. Es ist heiß. Die Sonne knallt direkt in das Tal hinein.
Hier sitze ich also in den Marinen. In weniger als einem Monat soll hier ein Festival stattfinden. Das hört sich gar nicht so komisch an, aber wenn man bedenkt, dass hier drei Bühnen hinpassen sollen…??? Außerdem grenzen an die Marinen gleich der Dom und auf der anderen Seite des Flusses ein herrlich spießbürgerliches Wohnviertel! Hoffentlich ist da also wegen Ruhestörung nicht alles am ersten Tag vorbei.
Ich lass mich mit Musik auf den Ohren durch die Stadt treiben. Es ist heiß. Es sind deutsche Fahrradfahrer unterwegs, die die Orientierung verloren haben.

Norwegen scheint ein Café-Land zu sein. Wenn man Menschen in dieser Stadt trifft, so wie heute ausnahmsweise, dann in und vor Cafés.
Ich betrete einen Souvenirladen. Es wird an der Zeit einigen wichtigen Leuten Postkarten zu schicken. Ich entscheide mich für eine Karte, weil ich denke, dass man ja erstmal klein anfangen muss. Diese erste Karte also für die junge Nichte. Ich werde deutlich schreiben, damit sie es lesen kann. Da ich nicht so ein Fan von Postämtern bin (am schlimmsten war es letztes Jahr in Rumänien, aber auch in den deutschen Postfilialen bin ich nicht gern) will ich die gute Frau aus dem Souvenirladen auch gleich nach Briefmarken fragen. Wie ging das gleich? Es fällt mir ein. Und es fühlt sich gut an. Als Belohnung bekomme ich eine Briefmarke, auf der ein Adler abgebildet ist, der soeben einen Fuchs mit seinen Krallen zerfetzt. Nun gut.

Trondheim Rock City. Die Stadt macht nun eher nicht den Eindruck, aber es gibt eine Kneipe, die so heißt. Und beim Herumstrollen durch die Gassen und Straßen fällt mir auf: sie tragen alle Bandshirts! Led Zeppelin, Skambankt, Judas Priest, Black Sabbath. Trondheim scheint einer der Orte zu sein, an dem die Menschen vor lauter Verzweiflung nicht wissen, was sie machen sollen und eine Band gründen. Das ist in Norwegen vielleicht überall so.

Ich bleibe eine Weile in einem Buchladen. Ja, in Trondheim ist mir sofort einer begegnet, wobei man ja in Oslo schon mal googlen muss, um einen zu finden. Mir fällt auf, dass die Norweger, im Gegensatz zu den Deutschen, alles übersetzen. Das finde ich großartig. Selbst die Filme, obwohl sie nicht synchronisiert, sondern nur untertitelt sind, haben einen norwegischen Namen. Die Firstlady heißt hier Første Dame und Winnie Puh nennt man hier Ole Brumm. Trotzdem kann man als Kind alle Bücher auch in Englisch kaufen. Sogar die Geschichten des Landsmannes Roald Dahl.

Jule ist da. In den Abendstunden setzen wir uns in die Marinen und tun so, als wären die letzten zwei Tage gar nicht vergangen. Ihr fällt auf, dass ich am 40sten Jahrestag der Mondlandung in Trondheim gelandet bin. Also quasi auch auf dem Mond.
Und ich muss an Buzz Aldrin denken, den ewigen Zweiten und das wunderbare Buch, was mich bald per Büchersendung aus Leipzig erreichen wird. Alles fügt sich zusammen. Ich in Trondheim, Buzz Aldrin auf dem Mond und der Protagonist aus dem Buch auf den Färöer Inseln. Wir alle an den andern Enden der Welt.






Zahl

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