Wie sehr ich eigentlich das Meer vermisst habe. Irgendwie kam es mir nie so vor und wenn ich in Leipzig am Cospudener See saß, ist mir zwar der Unterschied aufgefallen, aber es war nicht weiter bedeutsam. Hier am Hafen, an der Aker Brygge fällt es mir wieder ein. Das Meer. Der Hafen. Die Segel und der Wind. Auch Jule neben mir wirkt versunken in die Ferne, die sich vor uns auftut. Um uns herum wildes Spektakel, wie es sich am Hafen einer Hauptstadt so gehört. Und doch ist sie es nicht, die Hauptstadt. Das Rathaus hat verblüffende Ähnlichkeit mit dem Getreidebunker am Kappelner Hafen. Die Wassergassen und die grachtenähnlichen Kanäle der Aker Brygge hinter uns sind nur ein Bruchteil der Hamburger Speicherstadt.
Am Pier tanzen die Menschen. Sie wirbeln einander durch die Luft und um sich selbst herum dass einem vom Zusehen schwindelig wird. Hier am Wasser scheint das Leben, scheinen alle Menschen sorglos und beflügelt. Hier scheinen sie jeden Tag Mittsommernacht zu feiern.
Verwunderlich sind die Mentalitäten dieser Stadt. Man sollte erst gar nicht anfangen, sich an eine Mentalität zu gewöhnen, weil man nur überrascht wird von jedem und von allen. Und man findet sich nicht gleich zu Recht in dem ganzen Menschendurcheinander, das hier herrscht. Man gehört sofort dazu und ist mit dieser Stadt verbunden ehe man es sich versieht. Norwegische Besucher von den Dörfern fragen uns nach dem Weg, wir sind auf der norwegischen Seite des Lebens angekommen. Dennoch sehen uns andere als wüssten sie genau, wie fremd wie hier sind und belächeln unsere Hilflosigkeit. Man wird hin- und hergestoßen zwischen Arroganz und Hilfsbereitschaft, Ignoranz und Aufmerksamkeit, Aufdringlichkeit und Abweisung.
Wir haben einen königlichen Ausblick auf die Stadt. Wir haben das heilige Schloss erklommen, in dem die Herrschaften wahrscheinlich gerade zu Abend speisen. Nach einigen Beobachtungen der Wachmänner dachten wir an einen Spaziergang durch die royalen Gärten, worauf wir des königlichen Gehöfts verwiesen wurden, auf eine sehr höfliche Art und Weise. Unter anderen Umständen hätten diese freundlich lächelnden Herren uns vielleicht zum Grillen eingeladen, im Park hinter den Hofstaaten. Dorthin verschlug es uns nämlich, diesmal auf den Spuren des norwegischen Films „Elling“. Nachdem die, laut Arne, meist japanischen und deutschen Touristen sich zurückbegeben haben in ihr Hotel, kriecht die norwegische Jugend aus allen Ecken und trifft sich zum Grillfest zwischen den Statuen im Vigelandpark.
Die Nacktheit von Vigelands Kunst erstreckt sich in den blauen Abendhimmel. Die verbliebenen amerikanischen Touristen äußern sich entsetzt über soviel Obszönität und bleiben dennoch, um mit ihren feisten Kindern mehrere nachgestellte Fotos zu schießen.
Der Park ist voller verrückter Vagabunden auf Möwenjagd. Sie kreuzen unsere Wege, leider verstehen wir ihr Norwegisch nicht und sie keine andere Sprache, wie uns scheint. Garantiert hätten sie uns mitgenommen zu Mitternachtsfesten in den Tiefen der Stadt. Wenn oh wenn. Bald werden wir sie verstehen und uns mitschleifen lassen. Wir sind die besten Freunde der Nacht.
Trotzdem sollten wir Arnes Gebote befolgen und in DIESER Straße um DIESE ZEIT nicht aus der Bahn steigen. Wir tun es mehr aus Vergesslichkeit, als aus Trotz. Wie ein Magnet zieht es uns ins innere des verbotenen Bereichs aus dem es schillert, klingt und duftet. Jule erinnert sich an den weisen Rat des großen Bruders Arne und wir zögern. Aber zögern wir wirklich?
Zurück in Bjerke treffen wir weit nach Mitternacht auf den unmittelbaren Nachbarn. Er ist weißblond. Er ist rosa und er trägt pink. Er hat die Masse an Schuhen ordentlich in Reih und Glied gestellt, trotzdem fällt man über sie, wenn man die Tür aufmacht. Er fragt dies und das, während er seine, gebügelten Hemden aufhängt und dann polternd und schnaubend wieder nebenan verschwindet, um 90er Jahre Musik aufzudrehen und sich davon in den Schlaf dudeln zu lassen.
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