Es ist noch so früh, dass ich mich in der Lichtsituation zwischen dunkel und hell befinde, in der irgendwie alles blau wirkt. Die Bahn ist ziemlich leer und das Unigelände so gut wie verlassen. Ich bin noch ziemlich müde, aber die Kälte weckt die Lebensgeister nach und nach. Vor der Bibliothek lasse ich mich auf eine der schwarzen Ledercouchen fallen und warte. Nach ein paar Minuten kommt Andi, schmeisst sich in den Sessel neben mich und wir erzählen ein bißchen. Allerdings hat er noch genug Bürokratie am Hut und ich muss nach Hause um zu putzen, denn immerhin will ich meine Kaution wiederhaben.
Somit ist Andi der letzte, von dem ich mich verabschieden muss. Aber ich muss ihm versprechen, dass ich ihn besuchen komme. Auch öfter als nur im Februar. Und so ein Versprechen gibt man natürlich sehr gerne.
Ich gehe nicht gleich zur T-Ban Station zurück, sondern nehme den langen Weg über den stillen und leeren Campus zur nächsten Station. So schneebedeckt, wie alles gerade ist, ist es ein schönes Bild um es in Erinnerung zu behalten. Mit einem Kloß im Hals fahre ich nach Bjerke zurück. Jetzt heisst es ran an den Speck und alles ordentlich geschrubbt. Wenn ich mit dem Zimmer und dem Bad fertig bin, will ich, dass es so gut aussieht, wie höchstwahrscheinlich seit fünf Jahren schon nicht mehr. Als ich ankomme, schläft Zahl noch. Aber sie zieht sich schnell an und macht sich auf den Weg letzte Weihnachtsbesorgungen zu erledigen.
Es gibt keine Fotos von dem Tag, denn wer will schon putzen und umräumen sehen? Aber als ich gegen 17.00 Uhr mit allem fertig bin, erfüllt mich was die Arbeit angeht Zufriedenheit. Ich habe die Möbel wieder so hingestellt wie ich sie beim ersten betreten des Zimmers vorgefunden habe und sogar den heimtückischen Todesstuhl wieder so zusammengeflickt, dass er auch den Bewohnern nach mir noch Spaß bereiten wird. Alle Schränke, Regale und Schubfächer sind leer. Und während das Wischwasser auf dem Boden noch trocknet, fahren Zahl und ich in die Stadt um uns dort mit Conni und Simon zu treffen, die noch einen Freund von sich im Schlepptau haben. Da das Mono und das Sör überfüllt sind, lassen wir uns im Kaffeglasset in der Torggata nieder. Ein sehr gemütliches Café, das zum Ort des Doppelkopfspiels auserkoren wurde.
Glücklicherweise hat jene fünfte Person auch keine Ahnung von dem Spiel, so dass ich mir die Regeln auch nochmal erklären lassen kann. Während Fünfte Person jedoch mit Simon zusammen spielen darf, muss ich es gleich allein versuchen. Doppelkopf ist nicht gerade mein Spiel. Man muss viel zu viel rechnen, aufpassen und taktische Überlegungen anstellen, als dass ich hinterherkommen könnte. Geschweige denn von der Müdigkeit durch zu wenig Schlaf und einen ganzen Tag putzen. Außerdem will der Gedanke nicht aus meinem Kopf, dass das mein letzter Tag hier in Oslo ist. Einfach so. Wo ist das letzte halbe Jahr geblieben? Waren das wirklich all die Monate, die behaupten vergangen zu sein? Es ist so viel passiert und gleichzeitig kommt es mir vor, als wäre ich nur ein paar Wochen hier gewesen. Letztendlich war es gar nicht schwer die richtigen Menschen kennenzulernen, in den richtigen Kursen zu sein und all das zu genießen, was diese Stadt einem bietet... Es gab viel weniger Gründe Angst zu haben, als ich gedacht habe. Man muss sich nur trauen.
Und so sehr ich mich auch darauf freue nach Hause zu fahren und meine Familie zu sehen und mit meinen Freunden Silvester zu feiern, ich will morgen nicht in dieses Flugzeug steigen. Ich möchte auch gerade nicht in diesem Café sitzen und Karten spielen. Die Situation ist nicht unangenehm, auch wenn ich mich nicht unbedingt mit diesen drei neuen Menschen anfreunden werde und an jedem anderen Tag wäre mir das alles höchstwahrscheinlich relativ egal... Aber heute habe ich das Gefühl, als müsste ich durch die Straßen laufen und so viel wie möglich aufsaugen solange es noch geht. Allerdings bin ich generell eher ein Feind von solchen Torschlusspanik- und Angst-etwas-zu-verpassen-Gefühlen. Deswegen gebe ich keinen irrationalen Regungen nach, sondern versuche mich so gut es eben geht auf das Spiel zu konzentrieren.
Da wir früh raus müssen und auch die anderen müde sind, geht das Ganze nicht allzu lange und nachdem wir den dreien Tschüss gesagt haben, machen wir uns ein letztes Mal auf den Weg durch den Markveien, am Parkteatret vorbei und durch den Sofienbergpark dann zur Bushaltestelle. Im Sofienbergpark vergieße ich ein heimliches Tränchen. Ich mag es hier viel zu sehr.
Wir sehen zu, dass wir schnell nach Hause kommen und ein bißchen Schlaf bekommen. Morgen wird ein langer Tag. Die letzte Nacht in meinem Bett verbringe ich in meinem dünnen Filzschlafsack und mit meinem selbstgestrickten Schal als Kopfkissen. Als der Wecker klingelt, eile ich ins Bad um zu duschen und lasse Zahl noch ein bißchen weiterschlafen. Nach einem kurzen Frühstück, spüle ich letzte dreckige Töpfe ab und setze all das, was von meinen Sachen übrig ist in das Gemeinschaftsfach. Auf den Tisch stelle ich die Sektflasche von Joe und das Bier von Marco. Auf einer kleinen Botschaft wünsche ich meinen Mitbewohnern ein frohes Weihnachtsfest, ein gutes neues Jahr und viel Spaß mit dem, was ich hier lasse.
Nach dem Zähneputzen wird die Waschtasche in den Rucksack gestopft. Das Bad ist leer und sauber. Ich stelle Olivia in eine kleine Plastiktüte und während Zahl ihren Monsterrucksack schultert, schaue ich ein letztes Mal aus dem Fenster. Langsam bricht der 22. Dezember herein. Eine letzte Kontrolle von allen Fächern und Schubladen bestätigt nur das Gewicht meiner Tasche. Noch einmal gucke ich aus dem Fenster. Dann schließe ich die Tür und drehe den Schlüssel herum. Das war´s.
Wir verlassen das dreieckige Gebäude auf dem Berg und bei den momentanen -17 Grad merke ich schnell, dass Olivias Blätter in ihrem Beutelchen bereits steif gefroren sind. Ich war schon vorher nicht sicher, ob ich sie überhaupt mitnehmen soll, denn garantiert wird sie einen solchen Frost nicht überleben. Am Bahnhof angekommen will ich sie dann am liebsten wegschmeißen, aber Zahl sagt, dass ich sie unbedingt mitnehmen soll. Also stelle ich sie ab, schnappe mir den Umschlag mit den Papieren und fahre während Zahl auf das Gepäck aufpasst mit Skambankt auf den Ohren nach Blindern um meinen Schlüssel abzugeben. Gegen 9 Uhr bin ich da und die Übergabe klappt reibungslos. Eine Weile stehe ich auf der falschen Seite der Haltestelle. Ich fahre nicht zurück nach Bjerke. Ich muss zum Bahnhof. Als die Bahn hält, steigt ein Mann aus, der mich freundlich anlächelt. Ich muss trotzdem zum Bahnhof.
Bisher ging alles reibungsloser als erwartet und wir sitzen vor der geplanten Zeit im Zug, in dem Olivia dann gänzlich wieder auftaut und ihre Blätter hängen lässt. Ein erster Ast ist durch den Transport abgebrochen. Ich habe kein gutes Gefühl und kann nicht einschätzen, wie es Zahl geht. Sie wirkt so als wolle sie nach Hause. Am Flughafen beginnen dann die Probleme. Unser Übergepäck wird uns nicht anerkannt, entgegen der getroffenen Vereinbarung. Deswegen muss ich für die 20 Kilo 1300 Kronen bezahlen. Inzwischen sind fast alle von Olivias Ästen abgebrochen und ich will sie wieder wegschmeißen. Doch Zahl überzeugt mich erneut sie mitzunehmen. Durch das ewige hin und her zwischen den Schaltern wegen unseres Gepäcks müssen wir nun fast zum Gate laufen nur um dort festzustellen, dass unser Flug etwa 2 Stunden Verspätung hat. Glatteis in Tegel.
Die Wartezeit kommt mir nicht lang vor. Draußen schneit es und als das Flugzeug dann endlich da ist und wir Platz nehmen, wird mir ein bißchen übel. Aber jetzt ist es zu spät. Das Flugzeug rollt stundenlang wie mir scheint über die Rollbahn. Es fährt und ständig hält es wieder. Es fährt ein Stück, nur um dann erneut anzuhalten. Die Tragflächen werden enteist. Ich bin schrecklich unruhig. Als ich zur anderen Seite des Ganges gucke, schläft Zahl. Als das Flugzeug dann tatsächlich endlich abhebt, kann ich ein paar Tränen nicht zurückhalten und fühle mich deswegen sofort dumm.
Erneut bin ich erleichtert, dass der Flug nur so kurz ist. Und in Berlin überschlagen sich dann die Ereignisse. Unser Gepäck kommt. Zahls Jacke und ihr Handy sind weg. Gläser zerschlagen, Fischsoße überall in ihrem Rucksack. Ihr Zug ist weg. Auch für mich ist es zu spät um noch nach Leipzig zu fahren. Wir nehmen den nächsten Bus zum Hauptbahnhof, wo ich feststelle, dass meine letzte Möglichkeit nach Hause zu kommen in fünf Minuten losfährt. Überstürzt verabschiede ich mich von Zahl und renne zum Gleis. Dort kriege ich gerade noch die überfüllte letzte Regionalbahn. Zwei Stunden lang stehe ich neben meinem Gepäck bis endlich ein Platz frei wird. In Stralsund sagt mir der Schaffner, dass ich auf den nächsten Zug ungefähr 1 1/2 Stunden warten muss. Da sitzen meine Eltern Gott sei Dank schon im Auto um mich abzuholen. Ich habe keine Lust mit den anderen Wartenden in der Halle zu stehen. Deswegen nehme ich mir mein Gepäck und gehe nach draußen. Hier ist es angenehm dunkel, es liegt überall Schnee. Und es ist auffallend warm.
Ich denke darüber nach, wo ich heute morgen aufgewacht bin und wie sehr es mir fehlen wird, dort jeden Morgen aufzuwachen. Wie schnell ich mich daran gewöhnt habe und wie enttäuscht ich am Anfang war, dass ich nur nach Oslo gehen konnte und nicht in irgendeine andere Stadt, was für ein unglaubliches Glück ich hatte. Mit allem. Mit den Menschen dort, mit meinen Kursen und mit dieser wunderbaren Stadt. Ich denke daran, dass ich dorthin zurück muss, einfach weil ich mich dort so wohl fühle. Ich denke an all die Erlebnisse, an all die Musik und an all die guten Stunden, ob allein oder mit jemandem geteilt... und ich weiß, dass ich jetzt darauf hin arbeiten muss wieder zurückzukommen, ohne Beklagen am besten. Ich nehme mir vor, mein bestes zu versuchen.
Und während ich all diese Gedanken im Kopf habe, rollt das Auto meiner Eltern auf den Parkplatz.
Vintersju.
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