Mittwoch, 24. März 2010

Dagen er din, og dagen er bra...

Sonntag, der 20. Dezember.
Morgens um 9.00 Uhr schnurrt Zahls Handy los. Wer ruft an? Tja, es ist Joe. Denn sein Begleiter hat sich gegen das Schlafen bei dem Bekannten entschieden und ist morgens mit dem ersten Zug nach Gardermoen gefahren. Joe hat also von irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr morgens alleine auf dem Bahnhof gewartet, dass es eine halbwegs vernünftige Zeit wird und er bei uns anrufen kann. Er hätte gerne noch ein paar Stunden Unterschlupf und vielleicht auch Schlaf bevor er wieder nach Hause fliegt.
Da wir schon wach sind und ganz in Ruhe frühstücken wollen, verfrachten wir Joe mit meiner Gastmatratze auf den von Palme erprobten Flur. Dort ist es wenigstens auch wirklich dunkel. Selbst in den paar Stunden des Tages, in denen hier noch die Sonne aufgeht.
Während wir langsamst in die Gänge kommen, eine Runde Wizard spielen und nochmal ein paar Sachen bei Rema besorgen müssen (was gut und gerne ein paar Stunden in Anspruch nimmt), erwartet uns bei unserer Rückkehr ein ziemlich hibbeliger Joe. Er muss dann doch langsam los und kann leider nicht mehr an der glorreichen Kartoffelbrei und Fischstäbchen Mahlzeit teilnehmen. Dafür geht aber das Erwärmen des letzten Chillirestes schnell genug, um ihm wenigstens etwas Nahrhaftes zukommen zu lassen. Nachdem er mir dafür, dass er bei mir unterkommen durfte schon eine Tafel Schokolade und seine Flasche Sekt geschenkt hat, überlässt er uns nun auch noch seine letzten Mandarinen und macht sich auf den Heimweg nach Berlin.
Zahl und ich, nun wieder zu zweit, genießen das einfache, aber leckere Mittag und füttern Peter, die Balkontaube. Gegen Abend dann fahren wir in die Stadt. Es ist nämlich so, dass heute um 18.00 Uhr William Fitzsimmons ein Konzert für nur 50 Kronen spielt. Und dazu wollen wir sehr gerne in die Osloer Garage gehen. Saskia kommt auch mit einer Freundin und hat passenderweise die Lady Moscow CD dabei. Schließlich treffen auch Andi und Ann-Kristin ein. Andi hat mir eine CD von jungen aufstrebenden Osloer Bands besorgt, die allerdings zunächst einmal im Schatten des Platekompanietumschlages steht, in den sie eingepackt ist. Wenn man den nämlich aufmacht, leuchtet das Klebematerial im Dunkeln blau. Andi ist so fasziniert, das er den Umschlag am liebsten wiederhaben würde, aber sowas gibt´s nicht. Ann-Kristin hat einen Kuchen mitgebracht und Kerzen. Jede Menge Kerzen, weil sie sich gar nicht sicher war, wie alt ich denn überhaupt werde. Neulich im Cafe Mir habe ich ihr und Andi meine zwei Kartentricks gezeigt, die ich damals in Amsterdam von Kowa gelernt habe und Andi war tatsächlich so davon begeistert, dass er sich ein Kartendeck gekauft hat und einen neuen Kartentrick gelernt hat, um mich nun seinerseits zu beeindrucken. Und das gelingt ihm auch ziemlich gut, muss ich sagen. Ich versuche heute noch seinen vernünftig hinzubekommen und scheitere jedes Mal.




Zahl hat in der Zwischenzeit vom Barpersonal ein Messer aufgetrieben, so dass wir den Kuchen, den wir selbstverständlich vorher mit 22 Kerzen bestückt zu einem gruseligen Leuchten gebracht haben, auch tatsächlich anschneiden und aufessen können. Mit Feuer spielen macht eben auch noch im fortgeschrittenen Alter Spaß.
Es kommen auch Conni und Simon vorbei. Wiederum zwei Freunde von Zahl aus Trondheim, die sich morgen mit uns auf eine Partie Doppelkopf treffen wollen, weswegen mir Zahl heute morgen noch versucht hat ein bißchen die Regeln beizubringen. Aber sie verspricht, dass ich morgen meinen Notizzettel dabeihaben darf.
Aber zurück zum Tagesgeschehen. Der Kuchen ist verputzt, die Kartentricks ausgespielt und die Bühne wird von einem Mann in beigem Pulli betreten. Er ist Norweger und besitzt eine Gitarre und sieht aus wie Vince aus The Mighty Boosh, wenn er mit Leeroy die Glam-Folk Band gründet. Die Musik ist mir ein klein wenig zu weinerlich, aber der Mensch soll uns ja auch nur für traurige Musik aufwärmen. Deswegen kann man ihm wohl eigentlich nichts vorwerfen.

Kurz nach ihm kommt dann auch William Fitzsimmons. Er ist ebenfalls ganz allein mit seiner Gitarre, wenn man seinen beeindruckenden Schutzwall von einem Bart nicht mitzählt. Halb erzählt er mit uns, halb spielt er seine Lieder. Er ist hergekommen um uns mit seinen Liedern depressiv zu machen. Seine Band sei gestern schon nach Amerika zurückgeflogen, heute spielt er also allein für uns in Oslo. Er erzählt wie es war, von blinden Eltern aufgezogen worden zu sein und davon, dass er auf der Straße gelebt hat. Er erzählt trauriges und spielt Lieder, die viele Menschen in den ersten Reihen zum Weinen bringen, aber er hat gleichzeitig etwas wahrhaftig hoffnungsvolles an sich. Und die Art und Weise wie er von sich und seinem Leben erzählt, sind so charmant und witzig, dass sie über den Trübsinn hinwegtrösten. Gleich zu Anfang bemerkt er die Barriere, die da zwischen der Bühne und dem Publikum steht und fragt uns, ob sie dazu da sei, uns von ihm oder ihn von uns fernzuhalten. Tatsächlich wirkt das massive Ding in anbetracht der Situation eher lächerlich und für sein letztes Lied kommt er einfach von der Bühne herunter, stellt sich mitten in das Publikum und singt dort noch einmal für uns. William Fitzsimmons schafft Intimität.



Nachdem das Konzert zu Ende ist, beschließen wir, dass wir uns CDs von ihm kaufen wollen. Der gute hat drei Alben, so dass es perfekt aufgeht, wenn jeweils Zahl, Andi und ich eines kaufen. Schnell wird man sich einig, wer welches nimmt, auch wenn Zahl vielleicht nicht ganz so überzeugt ist, aber ich habe heute Geburtstagsvorrecht. Und da Herr Fitzsimmons da noch so steht, lassen wir uns unsere frisch erworbenen CDs auch gleich mal signieren. Er ist einigermaßen überrascht, dass wir aus Deutschland sind, findet es dort aber sehr schön, was wir aber bloß niemandem verraten sollen! In Leipzig habe er sogar mal in der Moritzbastei gespielt... Er wünscht uns einen schönen Abend, nachdem wir uns bei ihm bedankt haben, schüttelt uns zum Abschied die Hand und ich gehe mit dem zufriedenen Gefühl genug Selbstbeherrschung gehabt zu haben, um ihm nicht an seinem Bart zu ziehen aus der Garage.
Hier verabschieden wir uns von Ann-Kristin. Sie muss noch packen, weil sie morgen schon fährt. Saskia und ihre Freundin sind auch schon weg und während ich lieber einfach irgendwo was trinken gehen würde, wollen die anderen noch ins Blaa. Ich denke nicht, dass das nach so einem Konzert ein guter Ort ist, aber mit vier zu eins bin ich überstimmt und wir marschieren ins Blaa.
Wir müssen anstehen und Zahl erzählt mit Conni und Simon, während Andi und ich ein wenig rumblödeln. So wie wir drinnen sind, geht auch den anderen auf, dass das wirklich keine gute Entscheidung war. Zu sämtlichen Osloer Erasmusstudenten, die sich hier jeden Sonntag rumtummeln, gesellen sich nun offensichtlich auch alle Trondheimer auf Zwischenstation zu ihrem Heimweg. Aber so sehe ich immerhin nochmal Herrn Marosi und Thomas und kann auch ihnen auf Wiedersehen sagen.
Wir verziehen uns schnell wieder und machen uns auf den Heimweg. Es kommt glücklicherweise noch zu keiner Verabschiedung von Andi, denn wir machen aus, dass wir uns morgen früh um 9 Uhr in der Bibliothek treffen.
Also fahren wir gegen halb eins nach Bjerke und zumindest ich falle ziemlich erledigt und zunehmend nervös in mein Bett. Es war ein schöner Geburtstag.

Vintersju.

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