Überall tanzen Lichter und es sieht aus, als würden wir Las Vegas verlassen, so schillernd und bunt ist alles.
Nachts sind alle Katzen grau? Oslo wird bunt wie die Grinsekatze, übersäht mit Glühwürmchen und alles wirkt dadurch wie um das 10fache vergrößert.
Das erste Lied, das mich auf dieser achtstündigen (ja, Jule, es waren acht Stunden! Liebe Grüße, deine ZAHL!) Fahrt begleitet ist "When I'm 64" von den Beatles. Mir fällt ein, dass ich ewig nicht mehr die Beatles gehört habe und zerbreche mir den Kopf, wann denn meine Beatles-Hochzeit war und wieso die eigentlich verging. Als gleich darauf ein uraltes Sportfreunde Stiller Lied folgt, entschließe ich, meiner musikalischen Geschichte näher auf den Grund zu gehen und in den nächsten Tagen den Soundtrack meines Lebens zu erstellen.
Was erste Songs so bewirken für Ideensprudlerei. Da waren sie wieder da, die Beatles. Hab ganz vergessen, wie gut sie waren. Ich denke, sie waren in den letzten Jahren einfach viel zu überbewertet, von der Generation, zu der ich ja auch gehöre. Ich hab in der Grundschule schon die Beatlesplatten von Vaddern gehört. Zu meinem 8. Geburtstag gab es "A Hard Days Night" von meiner Schwester.
Und plötzlich haben alle Beatles gehört. Als ich 15 war. Plötzlich war es cool, alte Musik zu hören. Und dann haben die Älteren gesagt, dass alles nur neue Mode ist, die Beatles sind jetzt wieder cool und deswegen müssen alle mitmachen. Das war der Zeitpunkt, als ich die Beatles wieder zurück in den Schrank stellte.
Man kann ja einfach nie irgendwas eigens haben.
Und da war er doch, der eigene Moment. Das Lied passte vielleicht nicht direkt zum eigentlichen Geschehen, doch die Beatles waren wieder da. Und wenn man das ganze Brimborium vergisst...
Der Soundtrack meines Lebens. vielleicht werde ich heute Nacht nochmal genauer darüber nachdenken.
Die ersten Songs also. Da fällt mir gleich wieder der erste Song ein, der von AirBerlin eingespielt wurde und über das Bordradio dudelte, kurz, nachdem wir in Oslo gelandet waren: "I want to break free" von Queen. Was für ein verheißungsvoller Start!
Der Zug ist voll. Ich hätte nie gedacht, dass soviele Leute nachts mit dem Zug fahren. Es gibt keinen freien Platz und großen Mangel an Gepäckaufbewahrung. Der Typ, der auf den Platz neben mir will grinst schmierig, als er zusieht, wie ich überllaunig doch noch mein Gepäck umladen muss, damit er sich neben mich schmieren kann. Er trägt beige Hosen und ein weißes T-Shirt und riecht nicht gut, besonders nicht sein Atem, der mir bei jedem Grinsen entgegenströmt.
Es ist nicht möglich zu schlafen. Das Mädchen vor mir isst Schinkenbrot mit Erdebeermarmelade. Ihr Nachbar fährt seinen Sitz soweit nach hinten, dass er mir die Beine einklemmt. Die Norwegische Bahngesellschaft NSB hat Decken und Ohrstöpsel verteilt, sowie auch Augenmasken oder wie man die nennt, damit alle einen gesegneten Schlaf haben.
Der Schmierige neben mir wirft sich auf seinem Sitz hin und her, da gibt es kein Erbarmen. Man spürt jede Bewegung die er macht und er nimmt sich auch nicht beim Schnarchen zurück.
Je weiter wir gen Norden kommen, desto dunkler wird es. Ist das nicht eigentlich andersherum?
Der Druck auf den Ohren sagt, dass wir Höhenmeter überwinden.
Der Zug hält in Lillehammer.
Aha. Das liegt also auf dem Weg. Diesen Abstecher werde ich in meine Rückreise im Dezember mit einplanen. Das Hinweisschild am Fahrplan sagt, dass wir uns 545m über dem Meeresspiegel befinden. Nagut. Soviel ist das ja nicht. Bisher.
Lillehammer schimmert golden. Vielleicht ist es halb drei und es ist sehr diesig, weswegen sich das Laternenlicht wie ein matter Lack auf den Straßen ausbreitet.
Als es heller wird, offenbart sich mir eine sagenhafte Landschaft, deren Anblick immer wieder von 5minütigen Tunnelfahrten unterbrochen wird.
Reißende Flüsse
Ein gigantisches Faltengebirge
Schnee
und:
ein Reh
Es hätte so anders sein können. Eine nette Reisebegleitung, gemeinsame Schlaflosigkeit, Gespräche, ein Kartenspiel.
Aber nein.
Je weiter es in den Norden geht, umso schlechter wird das Wetter.
Es ist gar kein Wetter mehr, es ist der Weltuntergang.
Trondheim sieht aus, wie in dreckige Watte eingepackt.
Meine ersten Schritte durch die Trondheimer Straßen fühlen sich nicht gut an. Ist das das Ende der Welt?
In Deutschland konnte man keine Karten oder Stadtführer über Trondheim erwerben. Schon da war ich entrüstet. Als wir selbst in ganz Oslo erst am letzten Tag und nach zahllosen Odysseen fündig wurden, wurde die Theorie aufgestellt, Trondheim existiere gar nicht und ich fahre in eine große Falle. Von wem sonst könnte diese Theorie stammen, wenn nicht von Frau Jule, deren zweiter Vorname Verschwörungstheorie ist?
Nun bin ich da. Und fühle mich genauso. Eine Stadt. Niedlich wie gemalt. Hafen, Häuschen, Berglandschaft drumherum, Schiffchen. Nur die Wolkenwand wirkt, als wäre dieser Raum abgeschlossen. Eine große Kuppel. Wird in diese Stadt jemals Tageslicht dringen?
Ich habe noch nie so ein Grau gesehen. Es erdrückt einen fast. Das scheint auch anderen so zu gehen, denn es sind kaum Leute unterwegs. Ich sehe den Schmierigen, wie er vom Herrenklo kommt und grinst. Ich sehe einige Rucksacktouristen, die auf den Zug nach Oslo warten. Ich sehe einige Busfahrer, die aussehen, wie Kapitäne.
Oslo ist die teuerste Stadt Europas. Man hat mir gesagt, ich solle froh sein, nach Trondheim zu gehen und nicht nach Oslo. Das würde zumindest aus finanzieller Sicht eine gute Idee sein.
Das erste Mal stutze ich, als der Busfahrer für eine Tageskarte 75 Kronen verlangt, 10 Kronen mehr als in Oslo. Nach meinem 50 Euro Einkauf, von dem ich ungefähr 2einhalb Tage überleben kann, werfe ich diese Erkenntnis hiermit in den Wind und erkenne Oslo den Titel ab. Vonwegen. Teuerste Stadt. Die sollen sich mal nichts darauf einbilden.
Mein Wohnheim ist eher ein Wohndorf. Und es ist schön. Ich würde eigentlich sagen, dass es schön ist, wenn diese Stadt mir nicht so unglaublich gruselig vorkäme. Ich wohne im obersten Stockwerk. Das heißt gar nichts, denn es ist der sechste Stock. Auch das soll wieder nichts heißen, denn es gibt auch Wohnungen auf halber Treppe, die mitgezählt werden, weswegen ich also eigentlich im dritten Stock wohne.
Ich entdecke Spuren von Mädchen in der Wohnung, die ich also mitbewohnen werde. Also habe ich zwei Mitbewohnerinnen. Das deute ich an einem ordentlich sortierten Badezimmer und zwei besetzten Kühlschrankfächern.
Es war jedoch nur Dorine (ich hoffe, sie wird so geschrieben) die mich begrüßte und hier schon ewig allein wohnt und sich trotzdem nie gefürchtet hat.
Sie kommt aus Uganda und sagt so gut wie gar nichts. Trotzdem ist sie sehr lieb und gibt mir den geheimen Schlüssel zum Stromkasten, damit ich den nicht mehr aus der Küche zapfen muss.
Und sie verspricht mir auch, das es nochmal Sommer wird. Ich kann ihr zwar noch nicht so recht glauben, aber morgen vielleicht!
Zahl
8h? Hattest Du 'ne Verbindung mit oder ohne Umstieg?
AntwortenLöschenIch musste nicht umsteigen, aber der Zug hat auch überall gehalten, an den merkwürdigsten Orten!
AntwortenLöschenLillehammer, bspw.? :>
AntwortenLöschenLillehammer ist ja noch nicht merkwürdig. aber es gab orte, da war nur ein bahnhof und weit und breit nichts. nur ein holzhaus an den gleisen. und ein schild mit einem ortsnamen drauf.
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