Im strömenden Regen habe ich mich gestern auf den Weg gemacht, den großen Vortrag von Noam Chomsky zu hören...
Da meine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel abgelaufen ist und ich recht überraschend an den Automaten keine neue kaufen kann, musste ich mir sogar ein Ticket ziehen, was den Vortrag von gratis auf 27 Kronen erhöht hat. Aber das ist noch eine Summe, die ich gerne investiere.
Leider hat aber auch das Stück in der T-Ban nicht mehr viel retten können. Selbstverständlich hat mich meine großartige Regenjacke sehr gut geschützt, aber meine Hose und auch meine Schuhe waren quitsche-quatsche nass. Deswegen hatte ich beschlossen, so lange wie möglich noch unten im warmen Teil des Chateau Neufs zu stehen und zu versuchen, anzutrocknen. Denn erfahrungsgemäß ist es im Storsalen ziemlich kalt.
So konnte ich auch noch den ein oder anderen interessanten Menschen beobachten. Zum Beispiel diesen hier:
Die Rückenaufschrift heisst soviel wie "Von der Welt gehasst, von deiner Mutter geliebt". Das fand ich ganz lustig und hat mich ein bißchen an die Schulzeitpunks in Bergen erinnert...
Aber dann war es auch an der Zeit seinen Platz zu suchen. Alle Leute sollten theoretisch eine halbe Stunde vor Beginn des Vortrags im Saal sein. Natürlich hat das nicht geklappt, aber bis 19 Uhr hatten sich dann doch alle versammelt und Professor Chomsky kam zum Podium.
Die Qualität meiner Bilder ist nicht so gut, aber das liegt daran, dass das Licht ein bißchen ungünstig für Fotos war und man nur ohne Blitz fotografieren durfte.
Nach zwei kurzen Einführungen begann Chomsky seinen politisch geprägten Vortrag (ich hab es ja prophezeit).
Zunächst gab es ein paar Probleme mit dem Mikrofon, aber Chomsky beruhigte uns schnell, denn er arbeitet ja am MIT, dem Zentrum moderner Technologie quasi, aber er hat noch nie eine große Veranstaltung erlebt, bei der die Mikrofonanlage nicht ausgefallen wäre, was wohl besonders bei den Diplomübergaben hilfreich wäre, weil da die meisten Reden sowieso langweilig sind.
Es ging im Groben um die Veränderung der Weltordnung, besonders des Mächteverhältnisses und des kontinuierlichen Abstiegs der USA. Dieser begann laut Chomsky bereits 1949. Im Großen und Ganzen ist er der Meinung, dass man allerdings nicht von einer Verschiebung der Macht nach China oder aber Indien ausgehen kann. Vor diesen Ländern müssen wir keine Angst haben, es gibt zu viele Faktoren, die gegen sie sprechen. Was die genau sind, konnte er leider aus Zeitknappheit nicht erläutern. Auch wenn China eine bedeutende Industrienation ist, wird sie nie mit dem Status, den früher einmal England und im Anschluss die USA inne hatten, vergleichbar sein.
Interessant waren auch seine Erläuterungen, warum die USA so gerne Diktatoren unterstützen und dass Präsident Obamas Beliebtheit im Moment geringer ist, als die von George Bush jemals war, während der Präsidentschaftskandidat aus Texas überzeugt ist, dass es keinen Klimawandel gibt und außerdem so religiös ist, dass er auf die Rückkehr von Jesus wartet, die höchstwahrscheinlich noch zu seinen Lebzeiten stattfinden wird. Da muss man sich mit Klima ja nicht aufhalten.
Umso erschreckender ist es, dass 1/3 der amerikanischen Bevölkerung diesem Mann vertrauen und ein mindestens ebenso großer Anteil der Meinung ist, dass man den Dingen, die in der Bibel stehen, wörtlich Folge leisten sollte...
Das wäre ganz lustig, wenn es sich nicht gerade um das mächtigste Land der Welt handeln würde...
Chomskys hielt seinen Vortrag etwa eine Stunde lang. Danach waren 10 Minuten Pause, in denen man Fragen an ihn notieren konnte, die dann in einem zweiten Block beantwortet wurden. Zu Beginn war es etwas schwierig, da der Mann einfach so viel weiß, dass es problematisch wird, kurze Antworten zu geben. Aber er hatte sich schnell auf ein Level eingepegelt, mit dem auch die Organisatoren leben konnten.
Also auch ohne linguistische Inhalte ein sehr, sehr spannender Abend mit einer faszinierenden Persönlichkeit. Man sieht immerhin nicht alle Tage einen der großen Intellektuellen.
Nur auf meinem Rückweg sind meine in der Zwischenzeit getrockneten Hosen leider wieder komplett durchgeweicht. Aber ich war ja schon lange nicht mehr erkältet.




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