Diesmal wohne ich also in Sogn.
Das ist kein einzelnes, dreieckiges Gebäude, das die gesamte Stadt überschaut, wie Bjerke damals. Sogn ist ein ganzes Studentendorf, um genau zu sein das Grösste in Oslo.
Es liegt im Nordwesten der Stadt, nahe des Ullevål-Stadions und zu Fuß nur etwa 10 Minuten vom Sognsvann entfernt.
Das ist jetzt nicht unbedingt im pulsierenden Zentrum der Stadt, aber auch nicht furchtbar weit entfernt. Man kann beispielsweise am Stadion in die T-Ban steigen (und es fahren hier ganze drei Linien vorbei, weswegen man nie besonders lange warten muss) und ist nur vier Stationen weiter am Nationaltheatret.
Weiterhin sehr schön ist, dass man zu Fuß nur ungefähr 10 bis 15 (also 10 für normale Leute, 15 für mich) Minuten bis zur Uni braucht. Und zur Uni hin geht es auch nur bergab. Herrlich.
Sogn besteht aus drei Etagen hohen Reihen von Backsteingebäuden und einem gelblichen Hochhaus. Ich bin am Montag in die zweite Etage (oder aber das erste Obergeschoss) eines solchen Backsteinhäuschens gezogen. Mein Zimmer ist abgesehen von denen, die im Hochhaus zu haben gewesen wären, das Billigste.
Und so sah es akut nach dem Türöffnen aus:
Es gibt hier renovierte und unrenovierte Wohneinheiten. Ich habe auf Grund des Preises die letzteren erwischt. Zunächst fand ich das Ganze nicht gerade prickelnd, besonders da ich weiß, dass die renovierten Wohnungen echt schön sind. Am schlimmsten war die Küche. Die war nämlich einfach nur ekelhaft. Aber gestern hab ich das nicht mehr ausgehalten und mir meine Putzutensilien geschnappt und in der Küche die schlimmsten Stellen bereinigt. Der Herd war da noch meine leichteste Übung. Was ich alles aus dem Fach mit den Mülleimern herausgeholt, kratzt und schrubbt habe, möchte bestimmt niemand wissen.
Auch in meinem Zimmerchen habe ich es mir schnell gemütlich gemacht. Ich glaube, wenn hier noch ein Waschbecken drin wäre, wäre das Ganze perfekt. Aber so geht es schon auch. Ich hab dank vollbeladenem Auto alles mit dabei, was ich gerne haben wollte. Und mit Hilfe des billigsten Ikea-Stoffs habe ich nun auch Vorhänge. Und ich konnte leider nicht Palmes schöne Buchstaben mitnehmen, aber dafür ist die Hindenburg dabei!
Apropos Ikea...
Da gibt es ja diese Stationen, wo man sein Zeug selber einscannt und dann mit Karte bezahlt. Ich hab da so eine genommen, weil ich wahnsinnig gerne mit der Scannerpistole spiele. Und es lief auch alles gut, aber als ich mit dem Bezahlen fertig war, kam keine Quittung aus dem Gerät und ich hatte irgendwie Angst, dass ich nicht bezahlt habe. Aber das Aufsichtsmädchen dort stand direkt neben mir und hat nichts gesagt. Ich hab dann ganz langsam mein Zeug zusammengepackt und bin im Schneckentempo Richtung Ausgang marschiert, weil ich ihr noch so viel Zeit wie möglich geben wollte, um mich zurückzuholen... Doch es kam niemand und ich bin nach Hause gefahren.
Inzwischen habe ich auf mein Konto geschaut und es ist alles ganz normal davon abgegangen. Aber ich hatte schon ein ziemlich schlechtes Gewissen durch meinen beinahe Diebstahl.
Zurück zu meinen Wohnverhältnissen.
Wenn man die Wohnung aufschließt, befindet man sich in einem großen Flur. Gleich hinter der Tür rechts ist mein Zimmer, linker Hand befindet sich die Küche (ehemals Zentrum des Ekels). Links und rechts sind dann jeweils noch zwei Zimmer. Geradeaus befinden sich Toilette und Dusche.
Wir wohnen hier also zu fünft.
In den hinteren beiden Zimmern leben zwei Menschen von nahöstlicher Herkunft. Beide hab ich am Tag meines Einzugs gesehen. Der eine war sehr nett und hat sich vorgestellt, aber ich habe seinen Namen leider sofort wieder vergessen. Er meinen höchstwahrscheinlich auch. Der andere hat "Hei" gesagt und ist in seinem Zimmer verschwunden. Er ward seit dem nicht mehr gesehen. Allerdings stürme ich auch nicht gerade aus meinem Zimmer, wenn ich draußen Geräusche höre.
Im Zimmer neben mir wohnt Maggie aus den USA. Sie hat gerade noch Besuch von einer Freundin. Die beiden waren hier auf der Sommerschule und sie wird hier Medizin studieren. Sie macht bisher einen sehr netten Eindruck und ist Gott sei Dank ein weiteres Mädchen.
Der letzte Mitbewohner ist Simon. Und man mag es kaum glauben, aber Simon ist Norweger und mit Simon unterhält man sich auch auf Norwegisch. Juhu!
Schnell musste ich feststellen, dass meine Mitbewohner allesamt große Fans von Madame Chauchat sind.
(Für den Fall, dass diese Thomas Mann Anspielung zu nerdig ist: Madame Chauchat ist Hans Castorps Liebesinteresse im Zauberberg. Ihr Markenzeichen: Sie schmeisst mit Türen. Das tun hier alle. Immer.)
Auch draußen vor meinem Fenster ist es recht laut, aber ich glaube, dass ich mich inzwischen langsam daran gewöhne.
Aber mitmachen werde ich nicht. Türen haben immerhin ihre Griffe nicht umsonst.
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