Romantische Mitternachtsabreise also.
Es wurde dann doch 00.40 Uhr bis wir mit unserem schwer beladenen Auto vom Hof rollten. Da 2/3 der Rückbank umgeklappt wurden, sitze ich kuschelig auf dem verbliebenen Einzelplatz, eingebaut von all meinen Sachen. Da ich schon den gesamten Abend über müde war, hält es mich auch nicht mehr lange und schon nach dem Tanken in Baabe fallen mir die Augen zu.
Diese gehen erst wieder auf, als wir auch schon auf dem Fährhafen in Mukran einrollen. Die Fähre ist dann auch überraschend voll für 02.15 Uhr und die besten Plätze sind schnell belegt. Wir ergattern uns fünf sesselähnliche Sitzgelegenheiten am Gang. Ich bin zunächst sehr skeptisch, da ständig Leute an uns vorbei laufen, aber die Bett fordernde Uhrzeit tut ihr übriges, ich verkapuziere mich in meiner Kaizers-Jacke und schlafe von der Abfahrt bis um 3 Uhr, von 3Uhr bis 4 Uhr, von 4 Uhr bis 5 Uhr und von 5 Uhr bis 05.30 Uhr. Dann sollten wir nach meiner Zeitrechnung (3h 45min) eigentlich so gut wie da sein. Allerdings sieht die Nachtfähre das anders, die lässt sich nämlich extra viel Zeit und läuft erst 6.45 Uhr in den Trelleborger Hafen ein. Ich kann mich noch kurz über eine derartige Verspätung erzürnen, doch als wir dann gegen 7 Uhr endlich wieder Land unter den Reifen haben und aktiv Weg zurücklegen, wird es Zeit, weiter zu schlafen.
Das nächste Mal erwache ich zum Frühstücken irgendwo in Halland, gegen 9 Uhr. Vater ist sichtlich müde, die Pause wird kurz gehalten, es soll weitergehen. Ein Stückchen hinter Göteborg lässt Vater mich dann ans Ruder und ich passiere die Grenze nach Norwegen – Gott sei Dank ohne Zollkontrolle, da all das Zeug auspacken und wieder einpacken nicht gerade viel Freude bereitet hätte – bei schönstem Sonnenschein. Ich freue mich ja immer, wenn ich durch einen Tunnel fahre. Das können sie, die Skandinavier, Löcher in ihren Fels hauen.
Etwa 80km vor Oslo wird noch einmal der Fahrer getauscht, weil niemand Mutter die nervliche Tortur antun möchte, die sie durchstehen würde, wenn ich durch ein große, böse Stadt fahre.
Während wir uns der Stadt unaufhaltsam nähern, wird im Radio eine sehr bewegende Rede über die Anschläge von Oslo und Utøya übertragen, die heute genau eine Woche zurückliegen.
Ich finde den Umgang der Norweger mit dieser Tragödie bewundernswert, der Redner ist voll des Danks und spricht davon, dass der Verbrecher in seinem Vorhaben Norwegen ängstlicher und fremdenfeindlicher zu machen, eindeutig gescheitert ist. Im nächsten Jahr soll das Sommerlager der Arbeiderpartiet auf die kleine Insel Utøya zurückkehren.
Während wir das Schild „Velkommen til Oslo“ passieren, spielt P3 'Di Grind' von Kaizers Orchestra, eines meiner Lieblingslieder, in dem es darum geht, dass jemand ein Tor zur anderen Seite hin durchqueren soll. Ganz passend also für meine Situation.
Ich bin gespannt, wie sich die ganzen Ereignisse der vergangenen Woche in der Atmosphäre der Stadt widerspiegeln werden. Bisher habe ich noch nicht viel davon gemerkt, allerdings sind wir auch gleich auf unseren Campingplatz gefahren und haben uns unsere Hütte ergattert, die unser Lager für kommenden drei Nächte darstellen wird.
(Man beachte auch das formschöne Loch an der Wand)
Hier füllt sich jetzt langsam alles, so dass sich eine interessante Menschenschau ergibt. Ätzend finde ich da ja so Leute, die sich ganz ganz toll finden – wie das Ehepaar zwei Hütten weiter. Die sind mit ihren zwei Söhnen hier. Während die Mutter zunächst nur im Sommerkleidchen auf und ab lief, folgte schnell ein sportliches Outfit, in dem sie erst joggen war und im Anschluss auch unbedingt trotz Verbots mit ihren beiden Jungs zwischen den Autos und Hütten Fußball spielen muss. Doch das kann noch getoppt werden, denn ihr Ehemann ist so schön, man glaubt es kaum. Der ist so schön, der muss sich keine Hemden oder T-Shirts kaufen – oben ohne tut's auch. Während ich schreibe, telefoniert er. Das kann man selbstverständlich in seiner Hütte tun, wenn man aber so schön ist, dann sollte man in kurzen Hosen und natürlich immer noch oberkörperfrei die gesamte Strecke vor den Hütten auf und ab laufen. Er ist so schön, ich glaube, ich mache mal ein Foto.
Das ist jetzt nicht so gut zu erkennen, aber da ich ihn durch das offene Fenster fotografieren muss, mach ich das mal lieber nicht noch auffälliger.
Ich werde mich jetzt mal durch die vielen, vielen Birken Richtung Dusche schlängeln. Vielleicht ist es ihm ja danach endlich zu kalt.
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