Das Kafe 3B liegt gar nicht so versteckt in den engen Gassen der Stadt, wie wir uns vorgestellt hatten. Wir finden es nicht, weil es so groß ist und nicht bescheiden und mysteriös. Die britischen Einwanderer aus dem Three Lions Pub weisen auf den hellerleuchteten Eingang und wir sind da. "Legitimasjon?" "Ja!" Hereinspaziert! "Velkommen!" Das Kafe an sich ist sehr düster, eng und verwinkelt. Die Treppe hinunter in den Konzertraum ist unscheinbar, als würde man zur Abstellkammer laufen. Doch verzerrte Gitarrenklänge locken uns entlang der gruseligen Stiege nach unten. Von innen sieht es doch genauso aus, wie ich es mir von außen gedacht habe.
Marco, der Sänger von Sneekatac, ist furchtbar erkältet, aufgeregt und frustriert. Er steht in der Mitte des kleinen Raumes und schaut, wer so kommt.
Daniel und ich plaudern ein bisschen mit ihm. Ich vernehme einen leichten Duft von der Salbe, die man sich bei übelster Erkältung auf die Brust schmiert.
Dieser Duft umgibt Marco und schwebt hinter ihm her, als er geht, um mit Neuankömmlingen zu plaudern.
Anwesend sind ein Haufen norwegischer Jungs zwischen zwanzig und fünfzig und Groupies. Mit langen auftoupierten Haaren, schwarzen Stiefeln, kurzen Lederröckchen. Ganz aufgeregt laufen sie herum und zupfen sich die Haare und die Kleider zurecht.
Daniel und ich teilen uns ein Pint und beobachten die Leute. Wir versuchen, zwischen den Jungs die übrigen Bandmitglieder auszumachen und stellen einige Studien an über Rockstars, die sich unter die Fans begeben und dann kaum zu enttarnen sind: Alter, Kleidung, Gang, Auftrete, Blicke. Wir ziehen den ein oder anderen nach diesen Kriterien in Betracht; beim Schlagzeuger sind wir uns beide ziemlich sicher, dass es sich um den dicken, bärtigen, börgeähnlichen Kerl handeln muss. Pustekuchen. Es ist ein kleiner Indiejunge, der hier die wohl größte Fangemeinde hat.
Diese versammelt sich um die kleine Bühne und brüllt immer wieder den Namen des geschmeichelten Drummers.
Die Audienz reagiert total über. Es wird geheadbangt und rumgepogt, wo es nichts zu bangen und zu pogen gibt.
Ich versuche also die Augen zu schließen beziehungsweise mich vollkommen auf die Band zu konzentrieren, damit ich es auch ohne falsch besetztes Metalnutten- und Headbangerpublikum auf mich wirken lassen kann.
Generell bin ich erstmal überrascht, schon von den ersten Tönen. Ich kenne einige Songs der Band von Myspace und war bisher immer so mittelmäßig angetan. Zu wenig Schmackes hinter den Instrumenten, zuviel unbegründetes Leid in der Stimme von Marco. An sich ganz nett und hörenswert, aber nichts Besonderes….
Hier jedoch, sobald der erste Akkord erklingt, werde ich hellhörig und schaue Daniel erstaunt an. Es klingt nach richtig feistem guten Rock. Die Band legt ordentlich los. Ich blende das außerhalb des Taktes headbangende Publikum aus. Der Bass ist gewaltig. Da haben sie sich nicht nur einen kleinen Zupfer hingestellt sonder gute Basslines ausgearbeitet.
Das Intro, was mich einigermaßen von den Socken gehauen hat, geht über in „Just Angry“ und Marco, der sich noch über seine Erkältung beschwert hat, lässt sich nichts anmerken und legt sich ordentlich ins Zeug.
Die ersten drei Lieder überzeugen ungemein, Daniel, der vorher noch nichts von denen gehört hat, ist begeistert und wippt mit rockiger Schnute und zornig verzogenen Augenbrauen zu zornigem Beat mit. Höhepunkt des ersten Teils ist „The Wolf“ und mein neuer Liebling von Sneekatac.
Plötzlich kommt der gewaltige Tiefpunkt: Marco singt nach Blatt. Da hat wohl jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht. Das stört sehr beim Konsum von Musik: wenn da jemand steht und den Text abliest. Die Groupies aus der ersten Reihe können es auch nicht lassen, ihn immerzu anzufassen, der nervende Headbanger stiehlt ihm sein Micro und später seinen Lyricszettel, wonach der arme Kerl ziemlich hilflos auf der Bühne steht. Das ist alles ein bisschen peinlich und ich versuche es diesmal doch mit dem Augenschließprinzip.
Fazit: Die Musik ist definitiv besser als auf Myspace oder auf den Aufnahmen, die ich kenne. Das Ganze klingt ein bisschen wie Audioslave oder Soundgarden, einige Riffs ähneln Pearl Jam oder den frühen Pumpkins und stimmliche Ähnlichkeit zwischen Marco und Chris Cornell sind nicht zu verleugnen.
Zum Ende hin kommt jedoch das elende Leid in Marcos Stimme zurück und er singt, als wäre er dem Tod nah. Das dürfte den kleinen Gothic-Mädchen in ihren Lederstiefeln ja gefallen, passt aber nicht zum Image der Band, die ja nach eingehenden Genrestudien eher wie hartgesottene Kerle auftreten müssten. Generell müssten sie ein bisschen an ihrem Image arbeiten, denn die Musik geht beim Publikum ordentlich rein und die Instrumentalisten leisten ganze Arbeit, stehen aber eher verhalten und schüchtern hinter ihren Instrumenten versteckt und weichen dem Scheinwerferlicht scheinbar aus. Es gibt keine Bandkommunikation und keinen Spaß auf der Bühne, eher die ein oder andere Peinlichkeit, wie diebische schwitzende Headbanger, kreischende halbnackte Ledermädchen, die den Sänger immerzu anfassen, abgelesene Lyrics, in sich zusammenfallende Microständer, Stolpern im Kabelsalat… der Band fehlt noch der nötige Charme, um ihnen diese Dinge zu verzeihen. Größter Patzer kam jedoch vom Tonmann: da fehlte plötzlich der Saft am Micro als die wohl fulminanteste Stelle des Liedes herausgeschrieen werden wollte. Da ging die ganze Kraft der Stimme also ins Leere obwohl sie hinauspreschen sollte und der Höhepunkt des Abends werden sollte.
Ich erinnere an Marcos Bestreben, Vorband für Skambankt werden zu wollen….da muss definitiv an der Bühnenpräsenz gearbeitet werden, keine Frage.
Schließt man die Augen bekommt man einen Ohrenschmaus serviert, der an späten 90er Rock erinnert und sich gut anfühlt.
Jedoch würde es für die Jungs von Skambankt ein herber Rückschlag sein, von den spaßmacherigen und quirligen Kverlatac auf sehr schüchternde Jungs umzusatteln. Auch wenn die Musik besser klingt, aufwärmen können diese Jungs bisher nur ihre hauseigenen Groupies und ihre Saufkumpanen.
Nach dem Konzert beobachten wir noch ein bisschen die Band. Marco flüchtet vor den Groupies in die hinterste Ecke des Cafés und die beiden Jungs an den Saiten mischen sich unter ihre Freunde. Der Drummer sitzt ziemlich geschafft auf einem Turm von Bierkisten. Bevor wir das 3B verlassen gehen wir bei ihm vorbei und bedanken uns bei ihm, der wirklich die beste Arbeit an diesem Abend geleistet hat. Er ist sichtlich gerührt und bedankt sich 100 Mal, bevor wir, aus Versehen durch den Dienstbotenausgang zurück auf die hellerleuchteten Straßen gespuckt werden und mit einem Narvesen-Hotdog durch die Nacht zurückschlendern.
Hey wir sind auch ´ne Band. So wie ihr. Wir haben euren Blog gelesen.Wir fanden ihn hammer.
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Das tun wir auch bei euch.
Die Pringles