Donnerstagabend, der 03. November ist's und mein Zimmer ist sehr sauber und aufgeräumt. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass ich Besuch bekomme. Und so ist es auch. Svea hat sich angekündigt über ihren Geburtstag dem Deutschland zu entfliehen und mir hier ein bißchen Gesellschaft zu leisten.
Aus diesem Grunde mache ich mich gegen 22 Uhr auf den Weg zum Bahnhof - man muss seinen Besuch ja auch abholen. Gut, zum Flughafen bin ich jetzt nicht gefahren, aber man muss mit seinem Geld ja auch ein bißchen haushalten.
Sehr hoch anrechnen muss man ihr ja, dass sie es tatsächlich geschafft hat, den Flytoget zu nehmen und nicht einen bösen Bus, der länger braucht und teurer ist. Da bin ich sehr stolz auf sie. Problematisch gestaltete sich nur, dass sie gerne wollte, dass ich ihr schon eine Wochenkarte kaufe und während ich also am Kiosk stand um die zu besorgen, schlich Svea hinter meinem Rücken vorbei. Ohne mich zu sehen. Ich ging daraufhin zum Gleis und wartete drei Züge ab. Langsam einen Fuß vor den anderen setzend bin ich das ganze Gleis abgelaufen um die Zeit zu vertreiben. Irgendwann war ich dann klug genug auf mein Handy zu schauen. Und ja, ich gebe zu, in Situationen wie diesen würde es helfen, wenn man seinen Ton anstellt, denn Svea hatte mir selbstverständlich schon geschrieben. Und mich angerufen.
Ich hab also schnell zurückgerufen und herausgefunden, dass sie schon eine ganze Weile auf mich wartet. So wie ich auf sie. Am Ende haben wir uns dann aber gefunden und alles war gut.
Mal ganz davon abgesehen, dass sie davon ausgegangen ist, dass ich mich irgendwo verstecke und sie dabei beobachte, wie sie durch den Bahnhof irrt und mich dadurch belustigt fühle. Soviel Boshaftigkeit lasse ich mir nur ungern unterstellen. Und dem war ja auch nicht so.
Auf jeden Fall durfte ich mir den Rest des Besuchs über anhören, dass ich sie da stehen lassen hätte, während ich konsequent damit konterte, dass sie ja auch einfach hätte am Gleis stehenbleiben können. Damit ich eine Chance habe, sie zu finden. Man kann ja nicht einfach anfangen umherzulaufen! Naja.
Wir haben uns schnell auf den Weg nach Hause gemacht und den nächsten Tag mit Ausschlafen und morgendlichem Stricken auf Sveas Seite verbracht. Was genau ich gemacht habe, kann ich nicht verraten, denn es handelt sich um Marlenes Weihnachtsgeschenk und das unterliegt größter Geheimhaltung. Wenn man mal von all den Leuten absieht, denen ich schon gezeigt habe, was es ist, weil ich so stolz auf das Endprodukt bin.
Im Allgemeinen zählt der November hier als der tristeste Monat. Es ist sehr nass, die Dunkelzeit beginnt und Sonne sieht man eher selten. Dementsprechend präsentierte sich auch das Wetter am Freitag. Natürlich haben Svea und ich uns trotzdem nicht davon abhalten lassen vor die Tür zu gehen und auf meinem Weg zur Uni fanden wir noch hübsche Überreste von Halloween.
Das da hinter mir ist übrigens die Uni, wie man sich vielleicht denken kann.
Ein kurzer Spaziergang über den Campus führte uns in Richtung Majorstuen und so sehr ich auch versuche, die Bilder mit mehr Kontrast ein bißchen aufzuhübschen, so richtig kann man den Nebel und die Grauheit nicht verstecken.
Endlich haben wir dann auch mal einen Abstecher in den Tjorven gemacht, einem Wollladen, der sich als offizieller Drops-Superstore bezeichnen darf, etwas, das es in Deutschland nicht gibt und Svea in den 7. Wollhimmel erhoben hat, weil sie all die schöne Wolle, die sie im Internet bestellt hat auch mal live sehen konnte und garantiert schon Pläne hat, welche Farben sie als nächstes kaufen muss. Wie man sich sicher denken kann, ist das dort eher ein teurer Spaß und wir sind mit leeren Händen herausgekommen.
Zum Vergleich waren wir noch in der Stadt in meinem Wollladen. Der hat zur Zeit ein paar schöne Angebote, weil sie aber nicht länger mit einem Wolllieferanten handeln wollen, kommt diese Angebotswolle auch nicht mehr nach und es sah ein bißchen ausgebombt aus.
Das war schon recht viel Aufregung für uns gemütliche Geister und wir beschlossen, nur noch fix in Grönland ein bißchen Grünes für's Essen einzukaufen und dann nach Hause zu flitzen, damit ich kochen kann und das Stricken bzw. Werkeln weitergehen konnte.
Svea hat ein paar Momente beim Gemüsehändler eingefangen und auch mit einem norwegischen Kind geflirtet.
Zu Hause gab es dann Granatapfel, weil Svea den so mag und ich den noch nicht gegessen hatte. Leider war der für mein zartes Gemüt viel zu sauer, was auch den Gesichtsausdruck erklärt. Aber in so dunklen Zeiten braucht man schon auch viele Vitamine und man darf sich nicht beschweren.
Dagens Låt: Straight Up And Down - The Brian Jonestown Massacre
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