Mit diesen Worten werde ich am Samstagmorgen per Skype von Martin und Andi geweckt. Sie unterhalten mich mit einer sehr eigenwilligen, aber wie nicht anders zu erwarten enorm vergnüglichen Radio-Morgenshow. Ein bißchen angesäuert geben sich die Herren auf Grund der Tatsache, dass ich gestern nicht zur großen Weihnachtsparty angerückt bin, aber ich war wirklich müde und bereue meine Entscheidung für Død Snø in keinster Weise.
Und offensichtlich können die beiden mir letztendlich auch verzeihen, denn immerhin fragen sie mich, ob ich nicht Lust habe sie auf einer Wanderung zu begleiten. Sie würden jetzt kochen. Ich könnte es also noch rechtzeitig zum Abwasch zu ihnen schaffen.
Warum eigentlich nicht? Eigentlich wollte ich ja lernen, aber einen Tag mal verschnaufen schadet bestimmt auch nicht... Leider ist mein Talent die Bahnen pünktlich zu erreichen heute bitterlich verkümmert und ich entschließe mich nicht zwanzig Minuten zu warten, sondern einfach in die Bahn in die andere Richtung einzusteigen... Also auf dem langen Weg nach Sogn. Hier bin ich tatsächlich pünktlich zum Abwasch da. Fisch hatten sich die dekadenten Herren gekocht! Na wer hat, der kann...
Thomas ist auch wieder aus Island zurück und hat beschlossen uns ebenfalls zu begleiten. Aber wohin wollen wir eigentlich? Zur Ullevaalseter? Nein, da waren Martin und Andi schon zu oft... Das heutige Ziel ist der Holmenkollen. Während die Jungs sich anziehen, geht mir mal wieder auf, dass ich nicht die vernünftige Wanderausrüstung besitze, die Norwegen eigentlich erfordert. Ich steh da in meinen Winterschuhen aus totem Schaf, meinem H&M Mäntelchen und Hans um die Schultern als treuen Wegbegleiter. Die drei Herren werfen sich in wasserdichte Hosen, Wanderschuhe und wind- und wasserabweisende Jacken. Thomas schultert sogar einen Rucksack mit einem ordentlichen Versorgungspaket. Ähm... naja. Das wird schon. Ich hab das bestimmt nicht fehlkalkuliert. Immerhin ist der Holmenkollen ja in Oslo. Und nicht in Lillehammer oder so...
Kurz nach 14 Uhr stiefeln wir also los. Zunächst hoch nach Kringsjaa und auf zum Sognsvann. So wie man die Grenze der Stadt zum See überquert, findet man sich in einem Winterwunderland wieder. Der Schnee, der in der Stadt immer wieder weggetaut ist, liegt hier in seiner ganzen Pracht und da Sognsvann offensichtlich zu jedem Wetter eine beliebte Strecke für Jogger ist, wurden diese Schneeansammlungen von zahlreichen eifrigen Schuhen zu einer spiegelglatten Eisfläche zurecht getrampelt. Das bedeutet für uns eine lustige Schlitterpartie bergab und tatsächlich erweisen sich meine Schuhe auf dieser Eisschicht als trittfester als die überteuerten Wanderschuhe der Extremsportler, die mich hier begleiten. Und auch der See sieht so friedlich zugefroren aus, dass wir uns dazu entschließen, Andi mal als Botschafter hinaus zu schicken. Er wagt sich ein paar Meter auf den See, aber kommt dann doch besser zurück... Man muss ja keine unnötigen Risiken eingehen und wir wollen ja noch weit heut.
Vorsichtig schlittern wir Richtung Busch und folgen dem Wegweiser, der den steileren Anstieg markiert. Hmpf. Ich warte einfach noch mit dem Beschweren. Nach einigen Minuten meint Andi dann, dass er die Strecke hier schon so oft mit seinem Fahrrad abgefahren hat, dass er es besser fände, wenn wir in den Wald gehen würden. Da ist bestimmt auch ein Trampelpfad zu finden. Bitte, gehen wir ohne Weg in den Wald. Die kennen sich ja aus, die sind ja öfter hier. Wir stapfen durch beinahe kniehohen Schnee und kommen an einen reißenden Fluß, na gut, Bach. Thomas, Andi und Martin springen ans andere Ufer und jeder von ihnen reißt bei seinem Sprung ein bißchen was vom hilfreichen Land ab... Dadurch stehe ich nun vor einer unglaublich breiten Strömung. Doch mit dem Ansporn der Vorspringer und Thomas´ helfender Hand komme auch ich heil auf der anderen Seite an. Die Wanderung geht also auf einem angedachten Trampelpfad weiter... Nach circa zwei Stunden, also gegen 16 Uhr stehen wir mitten im Wald. Der Weg, der schon von Anfang an keiner war, hört plötzlich auf. Thomas will nach Westen, Martin nach Norden, Andi deutet vage den Osten an und ich bin der Meinung, dass die einzig richtige Entscheidung der Rückweg gen Süden wäre. Nach kurzer Kriegsberatung bleibt nur ein einzig vernünftiger Schluss: Die einsetzende Dunkelheit zwingt uns zur Umkehr. Irgendwann ist es aber zu dunkel um unsere Spuren im Schnee zurückzuverfolgen. Wir merken, dass wir schon wieder in die falsche Richtung abdriften und Martin, der mit einer Taschenlampe bewaffnet ist, beschließt einen Weg durch den Wald zu bahnen, das dieser steil 40 Meter bergab geht, ist ihm dabei relativ egal. Da müssen wir jetzt durch. Doch schnell ist er von der Dunkelheit verschluckt und wir lassen uns ein kreativeres Ortungssystem einfallen, als uns einfach nach seiner Stimme zu richten. Wir werfen einfach so lange Schneebälle in Richtung Martin, bis der sich über Treffer beschwert. Man kann die wenigstens eine Weile lang mit den Augen verfolgen und so in etwa erahnen, wo Martin langgeht.
Enorme Erleichterung gibt es dann bei allen, als wir wieder auf dem bekannten Weg um Sognsvann herum um unser Leben schlittern. Mit nassen Füßen und relativ frierend erreichen wir Sogn und beschließen die gescheiterte Hütte in eine erfolgreiche Weihnachtsfeier umzuwandeln. Andi kocht Chai für alle und kippt sich seinen zur Feier des Tages auch gleich gekonnt über Bett und Hose. Somit sorgt er sowohl für Belustigung, als auch für Verköstigung, denn er holt auch jede Menge Lebkuchen zum Vorschein! Und er führt den effektreichen Zombiefilm vor, den er noch zu Schulzeiten gedreht hat... Wahrlich sehenswert.
Wir kuscheln uns zu viert auf dem Bett zusammen und schauen uns "A Christmas Carol" von Walt Disney an. Das ganze dauert nur 20 Minuten, deswegen schieben wir gleich noch eine Weihnachtsfolge von Charley Brown hinterher. Martin entschlummert und muss damit leben kreativ von Andi und Thomas geweckt zu werden. Doch er rappelt sich schnell wieder auf und tanzt sich zu merkwürdiger Metalmusik wieder wach...
Andi ist so müde, dass er vor einer weiteren Abendplanung nochmal kurz überschlafen will und höchstwahrscheinlich einfach ganz liegen bleiben wird. Aber wir sind gnädig und lassen ihm seinen Willen und ihn somit allein und schauen nochmal bei Ann-Kristin vorbei, die uns herzlich willkommen heisst, da wir sie vom Schreiben ihrer Hausarbeit ablenken. Über solche Ablenkungsmanöver bin ich auch immer mehr als dankbar!
Irgendwann muss sie natürlich weitermachen und ich sehe langsam zu, dass ich mich heimwärts nach Bjerke trolle. Morgen muss ich nämlich noch einmal für die große Norwegisch-Prüfung lernen und dann ist das Semester offiziell geschafft.
Auf dem Weg kann ich den Schneeflocken beim Fallen durch die orangen Straßenlampenlichter zusehen und mich darüber freuen, dass endlich Winter ist.
Vintersju.
PS: Bilder von der Wanderung werden noch nachgestellt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen